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Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement - Medienspiegel

Medienspiegel

16.11.2016

"Strukturwandel im Ehrenamt": Prof. Dr. Sebastian Braun im Interview der Wümme-Zeitung

Das Interview von Undine Zeidler mit Prof. Dr. Sebastian Braun kann hier auf der Internetseite der Wümme-Zeitung nachgelesen werden.

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01.09.2016

Der neue Ehrenamtliche ist unbequemer: Professor Braun empfiehlt in der Verbandszeitschrift der NaturFreunde Deutschlands eine Partizipationskultur für Engagierte

Das Interview, das in der Zeitschrift NATURFREUNDiN 3-2016 erschienen ist, kann hier auf der Internetseite des Verbandes eingesehen werden.

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15.02.2016

Integration: „Aufbruch mit Erfahrung“. Prof. Dr. Braun spricht im Magazin des LSB NRW über den Themenkreis „Integration, Sport und Flüchtlinge“

Das Magazin des Landessportsportbundes NRW konzentiert sich in seinem Heft 1/2016 auf den Themenschwerpunkt "Sport und Flüchtlinge". „Wir im Sport“-Redakteur Theo Düttmann spricht in diesem Kontext mit Prof. Braun über den Themenkreis „Integration, Sport und Flüchtlinge“. Magazin und Beitrag können auf der Seite des LSB NRW als Download hier eingesehen werden.

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29.11.2015

"Wie Wohltätigkeit auch den Wohltätigen hilft": Prof. Braun im Artikel der Welt am Sonntag-Redakteurin Dr. Brenda Strohmaier

In der Welt am Sonntag vom 29.11.2015 beleuchtet die Redakteurin Dr. Brenda Strohmaier ausführlich das freiwillige Engagement in der aktuellen Flüchtlingshilfe. Sie scheibt: "Die Flüchtlingskrise bringt viele Deutsche dazu, etwas zu tun, das Glücksforscher schon lange empfehlen: Helfen. Studien zeigen, dass gute Taten gesünder und zufriedener machen – und ansteckend sind." Prof. Dr. Sebastian Braun äußert sich in dem Artikel zu Fragen des Wandels von Engagementformen und -formaten. Der Artikel kann auf der Seite des Verlagshauses hier eingesehen werden.

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06.10.2015

Die klassische Ochsentour verliert: Professor Sebastian Braun über das "neue Ehrenamt" im Berliner Wochenblatt vom 06.10.2015

In der Ausgabe des Berliner Wochenblatt vom 06.10.2015 erläutert Prof. Dr. Sebastian Braun im Interview mit der Reporterin Anett Baron, wie Wissenschaft und Engagement zusammenhängen. Das Interview kann auf der Internetseite des Berliner Wochenblatt hier eingesehen werden.

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01.10.2015

"Die Ressource ist Wertschätzung". Bericht der Lippenschen Landeszeitung zu einem Vortrag von Prof. Braun

Die Lippische Landes-Zeitungvom 01.10.2015 berichtet über einen Vortrag von Prof. Dr. Sebastian Braun zu Herausforderungen der Sportvereine bei der Gewinnung und Bindung freiwilligen und ehrenamtlichen Engagements im Sport. Der Beitrag kann hier eingesehen werden.

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03.07.2015

Hamburger Abendblatt: Bestandsaufnahme zum Mangel an Ehrenamtlichen im Sportverein

Das Hamburger Abendblatt hat in seiner Ausgabe vom 03. Juli 2015 eine Bestandsaufnahme zum Mangel an Ehrenamtlichen im Sportverein vorgelegt. Unter dem Titel "Sportvereine in Not - es fehlen ehrenamtliche Helfer" bilanziert Prof. Braun u.a. zentrale Ergebnisse der sportbezogenen Sonderauswertungen der Freiwilligensurveys.

Der Artikel ist auf der Internetseite des Hamburger Abendblattes einsehbar.

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03.04.2014

"Wir erwarten klare Fingerzeige" - DFB unterstützt Forschung zu Integration und Migration

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 03.04.2014, Nr. 79, S. 32

"Wir erwarten klare Fingerzeige"
DFB unterstützt Forschung zu Integration und Migration

mr BERLIN. Das Wort von der "Integrationsmaschine" Sport gebrauchte niemand. Und doch traten bei der Vorstellung des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung am Mittwoch an der Humboldt-Universität sowohl der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Wolfgang Niersbach, als auch Gründungsdirektor Sebastian Braun der Vorstellung entgegen, der Fußball finanziere sich eine eigene Professur. Tatsächlich überrascht der DFB damit, dass er, neben dem Hauptfinanzier Hertie-Stiftung, der 1,8 Millionen Euro gibt, die Einrichtung mit 400 000 Euro jährlich unterstützt. "Wir haben sehr viel richtig gemacht, aber bestimmt nicht alles", sagte Niersbach über die in fast 26 000 Vereinen stattfindende Integration durch Fußball. "Wir erwarten klare Fingerzeige, die unsere Arbeit verbessern sollen." Der Soziologe und Sportwissenschaftler Braun wird als Mannschaftskapitän, wie er sich vorstellte, mitspielen und die Abteilung Integration, Sport und Fußball leiten. Seit Jahren arbeitet er über bürgerschaftliches Engagement in Sportvereinen. Seine Warnung, sich auch auf überraschende Ergebnisse gefasst zu machen, nahm Niersbach freudig auf: "Das sind wir im Fußball gewohnt."

Wie diese Resultate, etwa in der angestrebten Forschung zur Wirkung des Bundesprogramms "Integration durch Sport", aussehen könnten, deutete Braun an, indem er deutlich machte, den Fokus nicht allein auf Menschen mit Migrationshintergrund zu richten. Sport und Vereine hätten ein hohes Vergemeinschaftungspotential, führte er aus. Die Frage sei, ob die Kompetenzen, die Menschen mit Migrationshintergrund dort erwürben, außerhalb des Vereins und außerhalb des Sports von Nutzen seien.

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02.04.2014

Forscher untersuchen Deutschland als Migrationsgesellschaft - Gründung des Berliner Institutes für empirische Integrations- und Migrationsforschung

Pressemitteilung der HU Berlin vom 02.04.2014

Partnerschaft mit Hertie-Stiftung, DFB, Bundesagentur für Arbeit und der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration profiliert transdisziplinäre Integrations- und Migrationsforschung.
 Im neu gegründeten „Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung“ (BIM) werden ForscherInnen verschiedener Disziplinen wissenschaftliche Grundlagen erarbeiten und empirische Daten erheben. Damit wollen sie zu einer sachlicheren Diskussion über Integrations- und Migrationsfragen in Europa beitragen und einen besseren Erkenntnistransfer in Politik, Zivilgesellschaft und Medien ermöglichen.

Das BIM wird sich dem zentralen gesellschaftlichen Thema widmen, wie sich die Migrationsgesellschaften in Deutschland und Europa bisher entwickelt haben und künftig entwickeln werden. Welche Bilder und Erkenntnisse entstehen, wenn „Migrationsgesellschaften“ in ihrer Dynamik als Ganzes beobachtet und erforscht werden? Diesen Fragen wird in der Forschung bislang eher getrennt und arbeitsteilig nachgegangen. Deshalb will das BIM die vielfach noch unübersichtlichen wissenschaftlichen Perspektiven und politischen Debatten zusammenführen und neu bündeln.

Das Institut ist mit seiner starken Ausrichtung auf empirische Forschung und der Zusammenstellung von unterschiedlichen Wissenschaftsrichtungen das erste universitäre Institut in Deutschland, das sich in dieser Form umfassend mit dem Thema „Integration und Migration“ auseinandersetzt. Das Spektrum reicht von den Sozial-, Kultur- und Bildungswissenschaften über die Sportwissenschaft und Ökonomie bis hin zur Psychologie und Medizin. Damit vereint das BIM sehr unterschiedliche wissenschaftliche Perspektiven und Methoden, die erstmals unter einem Dach zusammenarbeiten. In einem von der Hertie-Stiftung initiierten bundesweiten Wettbewerb um die Einrichtung eines Instituts für Integrationsforschung setzte sich das Konzept der Humboldt-Universität zu Berlin gegenüber mehreren anderen universitären Bewerbern durch.

„Das Besondere an diesem neuen Institut ist, dass die Gründer nicht nur bei der Finanzierung einen erheblichen Beitrag leisten, sondern sich auch mit ihren Daten in den wissenschaftlichen Betrieb einbringen. Auch die Hertie-Stiftung kann einen Beitrag leisten, denn ihr Programm für Zuwandererkinder umfasst 700 Stipendiaten und 1.100 Alumni. Durch diese Beteiligung der Gründer ist gewährleistet, dass das BIM sich in die Diskussion und Lösung aktueller Fragen bei der Bundesregierung mit einbringen kann“, sagt Dr. Michael Endres, Vorsitzender des Kuratoriums der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung.

Das HU-Institut wird durch den Zusammenschluss renommierter Partner gefördert: die Gemeinnützige Hertie-Stiftung, die einen Schwerpunkt im Bereich Integration hat und die 1,8 Mio. € für den Aufbau des BIM zur Verfügung stellt, der Deutsche Fußball-Bund (DFB), der mit 0,4 Mio. € eine Juniorprofessur zum Thema „Fußball und Integration“ finanziert und seine Daten zur Verfügung stellt, sowie die Bundesagentur für Arbeit (BA), die Personal und den Zugang zu Datenbeständen bereitstellt.

"Wir wissen immer noch zu wenig über die komplexen Integrations- und Migrationsprozesse. Auch um die richtigen politischen Entscheidungen treffen zu können, brauchen wir zusammenführende Informationen aus den Bereichen Bildung, Arbeitsmarkt, Gesundheit und Sport. Deshalb freue ich mich sehr, dass das BIM jetzt seine Arbeit aufnimmt. Ich bin davon überzeugt, dass der interdisziplinäre Ansatz uns wichtige Erkenntnisse liefern wird, wie wir den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserem Land gezielt stärken können", sagt Staatsministerin Aydan Özoğuz, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration.

In der Pressekonferenz zur Gründung des BIM betonten die Vertreter der GründungspartnerInnen Dr. Michael Endres (Kuratoriumsvorsitzender der Hertie-Stiftung), Wolfgang Niersbach (Präsident des DFB), Dr. h.c. Frank J. Weise (Vorsitzender des Vorstands der Bundesagentur für Arbeit) und Staatsministerin Aydan Özoğuz die Notwendigkeit der Gründung des Instituts und ihre Hoffnung, dass das BIM sich als Institut entwickelt, das für Deutschland und Europa neue Erkenntnisse zur Lösung der drängenden Integrationsfragen erbringt.

„Die Humboldt-Universität zu Berlin beherbergt das Berliner Institut für Integrations- und Migrationsforschung, weil sie mit ihrem interdisziplinären Konzept für dieses Institut neue Wege aufzeigt. Die interdisziplinäre Erforschung von Integrations- und Migrationsgesellschaften, etwa in Deutschland, ist enorm wichtig. Ohne die Integration von Menschen unterschiedlicher Kulturen und Herkunft kann unsere Gesellschaft nicht funktionieren. Dabei ist der entscheidende Schlüssel der Zugang zu Bildung“, sagt Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin.

Sechs Abteilungen, die ihr Forschungswissen aus unterschiedlichen Instituten in Berlin mitbringen, reflektieren die inhaltliche Bandbreite des Themengebiets Integration und Migration.

Gründungsdirektor des Instituts Professor Sebastian Braun: "Das BIM ist ein Ort disziplinärer Vielfalt: Es verbindet unterschiedliche Wissenschaftskulturen an der HU Berlin, um die komplexe gesellschaftliche Wirklichkeit von Integrations- und Migrationsprozessen in Deutschland und im internationalen Kontext zu beschreiben und zu erklären. Unsere empirische Forschung kann damit auch zur realitätsbezogenen Versachlichung von Integrations- und Migrationsdebatten beitragen."

So werden Ursachen von Bildungsungleichheiten zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund erforscht und Möglichkeiten für deren Überwindung aufgezeigt. Auch berufliche Mobilitätsprozesse in Migrationsgesellschaften gehören zur Forschungsagenda des BIM, ebenso wie die gesellschaftlichen Integrationsfunktionen von Sport und Fußball. Zugleich arbeitet das BIM über zivilgesellschaftliche Werte und Initiativen in sozialen Räumen der Migrationsgesellschaften wie auch über die soziokulturellen und -strukturellen Rahmenbedingungen von Gesundheit und Krankheit.

All diese Forschungsvorhaben tragen dazu bei, neue Perspektiven auf das Themenfeld Integration und Migration zu gewinnen. Zugleich sollen neue Fragestellungen nach dem Umgang mit gesellschaftlichen Konflikten in Migrationsgesellschaften und deren Umgang mit Vielfalt in den Vordergrund rücken. Diese müssen im deutschsprachigen Raum weiter mit internationalen Bezügen reflektiert werden.

„Deutschland wandelt sich in eine Migrationsgesellschaft. Daher sollte auch die Integrations- und Migrationsforschung auf die gesamte Gesellschaft ausgeweitet werden und Grenzregime, Segregationsmechanismen sowie institutionelle und strukturelle Diskriminierung und Alltagsrassismen als Desintegrationsprozesse der Gesamtgesellschaft beforschen. Auch der Integrationsbegriff muss sich an der gesellschaftlichen Teilhabe aller Menschen ausrichten und nicht auf Migranten reduziert werden“, sagt Dr. Naika Foroutan, stellvertretende Direktorin des BIM.

Besondere Akzente setzt das BIM durch die Kooperation mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) im Bereich der Datenerhebung, der Datenanalyse und der Arbeitsmarktforschung, sowie durch die Zusammenarbeit mit der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité – Universitätsmedizin Berlin. "Zuwanderung wird zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor für den deutschen Arbeitsmarkt und die Erfolgsfähigkeit deutscher Unternehmen. Der Integration von Migranten kommt daher eine große Bedeutung zu. Das BIM soll und muss dabei Impulse geben und Entwicklungen anstoßen, die uns in die Zukunft führen", sagt Dr. h.c. Frank-J. Weise, Vorsitzender des Vorstands der Bundesagentur für Arbeit.

Ein besonderes Profil gewinnt das BIM durch die Abteilung „Integration, Sport und Fußball“. Der Direktor des BIM, Prof. Braun, ist als Sportsoziologe auch Leiter dieser Abteilung, in der zudem eine Junior-Professur mit Mitteln des DFB eingerichtet wird. „Seit 2006 hat der DFB eine Integrationsbeauftragte, seit 2007 verleihen wir gemeinsam mit Mercedes-Benz einen Integrationspreis. Der Fußball leistet täglich einen wichtigen Beitrag zur Integration. Hier wollen wir nicht nachlassen und auch bei diesem Thema auf Ballhöhe bleiben, deshalb fördern wir das neue Berliner Institut“, sagt Wolfgang Niersbach, Präsident des DFB.

Das Berliner Institut konzentriert sich auf theoriegeleitete empirische Forschung, die sie immer wieder an die Grundlagenforschung zurückbindet. Dabei bearbeitet das Institut grundlegende Fragen wie die Abwehr und Anerkennung kultureller und religiöser Vielfalt, Staatsbürgerschaftskriterien sowie Flüchtlingspolitiken im internationalen Vergleich. Der Forschungstransfer in den öffentlichen Raum reicht von der kritischen Begleitung politischer Debatten über öffentlichkeitsorientierte Veranstaltungen bis hin zu medialen Interventionen. Insofern versteht sich das BIM als aktiver Beobachter gesellschaftlicher Entwicklungen. Zu diesem Zweck wird eine Professur zu Fragen von Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik eingerichtet.

Die Abteilungen und die jeweiligen Leiterinnen und Leiter im Überblick:

Direktorium: Prof. Dr. Sebastian Braun (Direktor) und Dr. Naika Foroutan (Stellvertretende Direktorin)
Bildung und Integration:
Prof. Dr. Petra Stanat, Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) an der HU Berlin
Arbeitsmarkt, Migration und Integration:
Prof. Dr. Martin Kroh, DIW Berlin und Institut für Sozialwissenschaften (ISW) an der HU Berlin und Prof. Dr. Johannes Giesecke, ISW
Integration, Sport und Fußball:
Prof. Dr. Sebastian Braun, Institut für Sportwissenschaft (IfS) an der HU Berlin
Integration, soziale Netzwerke und kulturelle Lebensstile:
Prof. Dr. Wolfgang Kaschuba, Institut für Europäische Ethnologie (IfEE) an der HU Berlin
Migration, psychische und körperliche Gesundheit und Gesundheitsförderung:
Prof. Dr. Andreas Heinz, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Wissenschaftliche Grundfragen der Integration und Migration:
Prof. Dr. Gökce Yurdakul, Institut für Sozialwissenschaften (ISW) HU Berlin und Prof. Dr. Martin Kroh, DIW Berlin und ISW.

Weitere Informationen
http://www.bim.hu-berlin.de/

Kontakt
Damian Ghamlouche
Institut für Sozialwissenschaften
Humboldt-Universität zu Berlin
Tel.: 030 2093-1506
d.ghamlouche@hu-berlin.de

Ibou Diop
Presse und Öffentlichkeitsarbeit
Humboldt-Universität zu Berlin
Tel.: 030 2093-2945
ibou.diop.1@uv.hu-berlin.de

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02.02.2014

"Der traditionelle Sportverein ist kein Auslaufmodell"

Quelle: Weser Kurier vom 02.02.2014.

Den Originalbeitrag können Sie hier einsehen.

Von Jörg Niemeyer

Bremen. So richtig wohl scheint sich Reiner Albrecht vor den etwa 100 bremischen Vereins- und Verbandsvertretern nicht zu fühlen. „Ich habe keine Funktionärskarriere“, sagt der Vorsitzende des Wassersportvereins Warturm. Es klingt fast schon entschuldigend, nachdem er den Gästen als Vertreter eines Leuchtturmprojekts vorgestellt worden ist. Reiner Albrecht, jetzt 67 Jahre alt, wurde mit 65 gefragt, ob er den Vorsitz des 1926 gegründeten Vereins übernehmen wollte. „Ja, für maximal drei Jahre“, lautete seine Antwort. Für den WSV Warturm war es eine glückliche Entscheidung.

Der Landessportbund Bremen (LSB) hat zum 17. Mal zum Zukunftsforum ins Mercedes-Benz-Kundenzentrum eingeladen. Das LSB-Bildungswerk, seit 2013 geleitet von Gert Büchner, organisiert diese Veranstaltung, um Vereinen Wege aufzuzeigen, wie sie sich in Zeiten des gesellschaftlichen Wandels fitmachen können für immer neue Herausforderungen. Wie nötig diese Unterstützung ist, zeigt das Beispiel WSV Warturm. "Uns gibt es noch ein halbes Jahr": Mit dieser alarmierenden Botschaft wandte sich Reiner Albrecht im September 2013 an den LSB. Der WSV nahm als erster Klub das Angebot des LSB an, die Vereinsstrukturen gründlich zu analysieren. Für Gert Büchner war das die Geburtsstunde eines Leuchtturmprojekts.

Es war ein mutiger Schritt von Reiner Albrecht und seinen Vorstandskollegen - ein Schritt, dem die Erkenntnis zu Grunde lag, dass der Verein praktisch am Ende war. 140 der etwa 200 Mitglieder sind älter als 55 Jahre, die Gruppe der 28- bis 45-Jährigen gibt es im Klub nicht mehr, sagt Albrecht. Es musste also etwas passieren, und die Arbeit war und ist nicht einfach. "Es knistert im Verein", deutet Reiner Albrecht Umsetzungsprobleme an. Die Strukturen, die verändert werden sollen, wären schließlich über Jahrzehnte gewachsen.

Wie schwer ein derartiger Prozess ist, weiß Sebastian Braun genau. Der Professor der Humboldt-Universität Berlin wurde 1988 mit der B-Jugend von Hertha 03 Zehlendorf deutscher Fußballmeister und kennt Sportvereine sowohl aus der Perspektive des Mitglieds als auch aus der Sicht des Wissenschaftlers. "Traditioneller Sportverein - ein Auslaufmodell?" ist der Titel der heutigen Veranstaltung, und der Referent beantwortet diese provokante Frage mit einem klaren Nein. "Den Sportverein gibt es sowieso nicht“, sagt der 42-Jährige mit besonderer Betonung des ersten Wortes, „das zeigt sich schon an der Vielfalt der Vereine, angefangen mit deren unterschiedlicher Größe.“ Aber zugleich unterstreicht Braun auch: Die Vereine müssen den Blick auf ihre inneren Strukturen richten. Denn an der Schulsituation beispielsweise mit dem achtjährigen Gymnasium, an der Mobilität auf dem Arbeitsmarkt und an Familiensituationen könnten Vereine nichts ändern.

Gleichwohl können und müssen Vereine gesellschaftliche Veränderungen natürlich genau beobachten. Braun stellt dem „alten Ehrenamt“, das geprägt war von wenig Mobilität – Papa im Verein, Sohn auch im Verein –, von Aufopferung für den Verein und von Unentgeltlichkeit, das „neue Ehrenamt“ gegenüber: zeitlich befristet, an die eigene Biographie angepasst – man ist beim Kinderturnen engagiert, solange das eigene Kind in der Gruppe ist -, Mitarbeit oftmals gegen Honorar. "Anpassungsprozesse sind anstrengend", sagt Braun, "sie sollten permanent laufen, denn Vereinsstrukturen sind relativ träge.“

Bevor Vereine etwas verändern können, müssen sie die gesellschaftlichen Veränderungen aber erst einmal wahrgenommen haben. Das setzt Fragen in den Klubs voraus: „Was hat sich verändert – und warum? Welche Schlussfolgerungen sind zu ziehen, welche Perspektiven haben wir als Verein?" Nach wie vor ist das freiwillige Engagement der Mitglieder das wichtigste Gut der Vereine, in denen hauptberufliche Mitarbeiter in der Regel nicht zu finanzieren sind. „Die abnehmende Zahl von Freiwilligen ist häufig Ausdruck von internen Problemen im Verein", sagt Sebastian Braun, "Freiwillige spenden viel Zeit und Wissen - das ist eine enorme Investition des Einzelnen." Deswegen sei es, so der Rat des Experten, für Vereine auch sinnvoll, im Vorstand das Amt eines "Engagement-Managers" zu besetzen.

Der WSV Warturm hat sich in seiner Not an den LSB gewandt. Ein Prozess ist in Gang gekommen, der schwer und noch lange nicht beendet ist. Aber der Anfang ist gemacht, und von ersten Erfolgen kann Reiner Albrecht bereits berichten. Der Verein ist mit neuem Leben erfüllt – eine Botschaft wie gemacht für ein Zukunftsforum.

 

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01.02.2014

Das Lizenz-Monopol

Reiter Revue International 2/2014, 57. Jahrgang

 

Was bringt der Verein?

Die Mitgliederzahlen in Reitvereinen sind seit Jahren rückläufig. Erstaunlich dabei: Die Anzahl der Vereine wächst. Doch was macht einen Reitverein zukunftsfähig?

Wer Turniere reiten möchte, muss in einem Reitverein Mitglied sein, der sich dem Dachverband, der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), angeschlossen hat. Ohne Vereinsmitgliedschaft keine Turnierreiterlizenz, ohne Turnierreiterlizenz keine Teilnahme an Leistungsprüfungen gemäß Leistungsprüfungsordnung (LPO). Im Breitensport ist das anders geregelt, nämlich durch die Wettbewerbs-Ordnung (WBO): „Als WBO-Wettbewerbe gelten Wettbewerbe in allen Disziplinen und Reitweisen. Für die Teilnahme an WBO-Wettbewerben benötigen Sie weder FN-Schnupperlizenz oder FN-Jahresturnierlizenz. Allerdings gibt es in den einzelnen Landesverbänden (LV)/Landeskommissionen (LK) verschiedene Vorschriften, die neben der WBO beachtet werden müssen“, heißt es auf der Internetseite der FN. Damit hat die FN bereits das Dogma „Ohne Verein kein Wettkampf“ aufgeweicht. Eins ist klar: Das Lizenz-Monopol, das die FN innehat, sichert den Vereinen die Mitglieder nur noch bedingt. Denn die Jahresturnierlizenz braucht nun mal nur noch derjenige, der in Prüfungen der Klasse E nach LPO starten möchte oder ab Klasse A aufwärts.

Für den klassischen Reitverein durchaus ein Stolperstein, aber bei Weitem nicht der einzige. Ganztagsschulen und die Verkürzung der Gymnasialzeit machen sich ebenfalls bemerkbar. Das sind allerdings Faktoren, mit denen alle Sportvereine zu kämpfen haben. Es gebe aber kein generelles Mitgliederproblem im Sport, betont Prof. Dr. Sebastian Braun, Professor an der Humboldt-Universität in Berlin und Leiter der Abteilung Sportsoziologie: „Die Zahlen sind seit Gründung des Deutschen Sportbundes im Jahr 1950 sprunghaft in die Höhe gestiegen. Mittlerweile werden rund 27,5 Millionen Mitgliedschaften in den Sportvereinen registriert, so dass der 2004 gegründete Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) die mit Abstand größte Personenvereinigung in Deutschland bildet. Kein anderer Verband ist so groß wie der DOSB, und während traditionelle Großverbände wie Gewerkschaften oder Kirchen Mitgliederrückgänge verzeichnen, verharrt die Mitgliedschaftsquote beim DOSB in den letzten Jahren relativ konstant auf einem hohen Niveau.“

Und doch befindet sich das Vereinsmodell im Reitsport im Wandel. Zum Beispiel im Reitsportzentrum Massener Heide. Die Anlage beherbergt 180 Pferde, davon etwa 30 Schulpferde, Verkaufspferde, 15 Deckhengste, Turnierpferde und natürlich Pensionspferde. Die Anlage ist weitläufig und mit derzeit vier Reithallen, drei Longierhallen, diversen Außenplätzen und zukünftigen Erweiterungsvorhaben sicher ein Ausnahmebetrieb. Die Massener Heide ist ausgelastet, und Geschäftsführerin Sandra Ernst kennt durch die Entwicklung des Reitsportzentrums durchaus, wie sich die Nachfrage ihres Klientels verhält. Was den Verein angeht, weiß sie, dass es nicht mehr so ist, wie es einmal war: „Die Leute wollen schon Gemeinschaft, aber nicht immer und vor allem nicht zwangsläufig. Früher war der Verein eine von wenigen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, heute ist das Angebot sehr groß. Die Leute möchten flexibel bleiben. Dazu kommt, dass die Jugendlichen länger Schule und wenig Platz für Individualität haben, da möchten sich weniger Leute zwanghaft binden.“

Alle zwei Jahre erarbeitet die FN in Zusammenarbeit mit der Sporthochschule in Köln den Sportentwicklungsbericht (SEB). Dabei wird zum einen die Entwicklung der Vereine betrachtet, aber auch der Betriebe, die der FN angeschlossen sind. Überraschend ist dabei: „Wir haben noch nie so viele Reitvereine gehabt, es sind aktuell über 7.700“, erklärt Thomas Ungruhe, Leiter der „Abteilung Breitensport, Betriebe und Vereine“. „Das ist ein Höchststand, der eigentlich nicht dafür spricht, dass Vereine an sich einen Negativtrend haben, aber es ist sehr wohl so, dass sich etwas wandelt. Ich denke, der Trend geht zu kleineren Organisationen. Inzwischen haben 30 Prozent der Vereine weniger als 50 Mitglieder.“ Ein Trend, der ebenfalls für eine erhöhte Nachfrage nach Individualität spricht. Laut SEB sehen Vereine ihre Aufgabe in der Vermittlung von Werten wie Tierschutz und Fairplay und auch in der Erhaltung von Traditionen. Allerdings sehen die Betriebe das auch so. Was also kann ein Verein, was ein Betrieb nicht kann?

Laut Ungruhe haben Vereine durch ihre Gemeinnützigkeit ein besonderes Standing in der Politik. Doch das hilft nicht bei der Mitgliederakquise. Seit jeher ist es so, dass etwa die Hälfte der Reiter ihr Hobby außerhalb eines Vereins betreiben. Rund 700.000 Mitglieder sind unter dem Dach der FN vereint, etwa noch einmal so viele reiten ohne Verein – auf privaten Reitanlagen oder mit dem Pferd hinterm Haus. Die klassische Vereinsanlage hat viel Konkurrenz bekommen. Diese Entwicklung ist übrigens nicht nur im Reitsport zu vermelden: „Seit den 80er Jahren wird diskutiert, ob Sportvereine mit ihrem solidargemeinschaftlichen Mitgliedschaftsmodell gegenüber privatwirtschaftlichen Kundenmodellen und Angebotsformaten standhalten können“, weiß Braun. „Und gerade bei Großvereinen gibt es tatsächlich deutliche Veränderungen in Richtung marktkonformer Dienstleistungsorganisation. Dieser Vereinstypus versucht sich einer immer heterogeneren Klientel mit differenzierten Wünschen und Bedürfnissen anzupassen, um Mitglieder längerfristig zu binden.“

Weiter erklärt Braun: „Diese Tendenz scheint auch zu dem Trend zu passen, dass weniger formalisierte selbstorganisierte Gruppen neben der organisierten Zivilgesellschaft in Vereinen und Verbänden an Bedeutung gewinnen. Das gilt etwa für den politischen Raum, wie das wohl bekannteste Beispiel der Initiativen rund um Stuttgart 21 zeigt, aber ebenso für den Sport. Man denke nur an die vielfältigen informellen Gruppen, die sich zum Beispiel zum Walking treffen.“ Und eben dieser Trend weg von der Solidargemeinschaft scheint im Reitsport ebenfalls zu greifen. Zumindest wächst die Nachfrage nach kleineren Gemeinschaften.

Aber auch das Angebot, dem Reitsport als Freizeitgestaltung nachzukommen, ist enorm gewachsen: „Früher gab es neben den Vereinsreitanlagen nur wenige Möglichkeiten“, erinnert sich Sandra Ernst. „Heute stehen so viele Reitanlagen zur Verfügung, unabhängig von einem Reitverein. Und die Privatanlagen bieten oft viel mehr Flexibilität und Raum für Individualität, das wird gut angenommen.“ Dass der traditionelle Verein viel Konkurrenz bekommen hat, beobachtet auch Thomas Ungruhe: „Natürlich stehen die Vereine in Konkurrenz zu den Betrieben, aber es gibt auch gute Kooperationen und dort sollte der Trend hingehen. Beide Bereiche können voneinander profitieren. Wer sich da einigelt, wird Probleme bekommen.“ Die Entwicklung gehe eindeutig dahin, dass Vereine sich mehr und mehr als Dienstleister verstehen müssten, so Ungruhe weiter. „Wenn Vereine überleben wollen und Mitglieder halten oder neue gewinnen möchten, müssen sie wie jedes Wirtschaftsunternehmen Zielgruppen definieren, neu entdecken und ein Angebot schaffen, das Nachfrage bedient und weckt“, so Ungruhe.

Dabei ist es nicht damit getan, sich einmal im Jahr zur Mitgliederversammlung zu treffen und einen neuen Kassenwart zu wählen. Ein Reitvereinsvorstand, der seinen Verein nach vorne bringen will und zukunftsfähig aufstellen möchte, muss einen Plan haben, eine Strategie verfolgen und die Zeichen der Zeit erkennen. Dabei gebe es kein pauschal greifendes Schema, betont Braun: „In erster Linie müssen die Vereine definieren, was sie überhaupt möchten. Mitgliederwachstum ist dabei ein legitimes Vereinsziel und hohe Mitgliederzahlen geben den Verbänden natürlich mehr Mitsprachemöglichkeiten in den übergeordneten Verbandsstrukturen. Aber am Ende entscheiden nun mal die Mitglieder, welche Vereinsziele im Vordergrund stehen sollen. Wenn ein Verein also unter Mitgliederschwund leidet, müssen die Verantwortlichen sich fragen: Welche Zielgruppen möchten wir erreichen mit welchem Angebot und mit welchen Folgen für die Vereinsstruktur und die Vereinskultur?“ Der größte Fehler eines Reitvereins ist es, sich darauf zu verlassen, dass Reiter im Verein sein müssen, weil das Lizenzmonopol beim Verband liegt. De facto ist es so, dass dies nur auf Turnierreiter zutrifft.

Aber es gibt noch einen Pool von rund 700.000 Reitern, die nicht im Verein sind und die es zu akquirieren gilt. Welche Bedürfnisse die Pferdeleute haben, gilt es herauszufinden, wenn man sie als Mitglieder gewinnen möchte. Tatsächlich hätte es Vorteile, wenn man alle Reiter zum Beispiel durch Vereinsmitgliedschaft erreichte. Viele Bereiche könnten Aufgabengebiete von Reitvereinen ausweiten und ergänzen: neben Tierschutz auch Haltung, Ausbildung, Umweltschutz und wie schon betont, ein gemeinsames Auftreten gegenüber der Politik, Stichwort Pferdesteuer.

Autorin: Sylvia Sánchez

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10.12.2013

Systematisches Engagement-Management

SportinForm, das Magazin des Sports in Rheinland-Pfalz 12/2013

 

5. Ehrenamtsforum des LSB bei der SCHOTT AG gibt Gedankenstöße und Praxistipps

 

Um engagierte Jugendliche als Ehrenamtler zu gewinnen, zu lenken und zu binden, ist ein systematisches Engagementmanagement notwendig. Das erläuterte Prof. Dr. Sebastian Braun von der Humboldt-Universität Berlin beim 5. Ehrenamtsforum, zu dem der Landessportbund Rheinland-Pfalz (LSB) in die Räumlichkeiten des Technologiekonzerns SCHOTT AG nach Mainz geladen hatte.

Vor mehr als 100 Zuhörern, Mitglieder rheinland-pfälzischer Vereine und Verbände, stellte Braun empirische Ergebnisse zum freiwilligen Engagement insbesondere von Jugendlichen im Sport vor. Demnach zeigen die Daten in der letzten Dekade einen ausgesprochen starken Rückgang – nicht zuletzt aufgrund eines gesellschaftlichen Strukturwandels des Ehrenamtes. Vor dem Hintergrund der sinkenden Engagementquoten der 14- bis 24-Jährigen im Sport sprach der Sportsoziologe von einer „dramatischen Erosion“. Das Engagement-Management im Sportverein beschrieb Braun als zyklischen Prozess, in dem ein erfahrener Engagement-Manager als Gestalter dieses Zyklus’ die zentrale Rolle spiele. Um genügend Ehrenamtler zu akquirieren, müssten sich Vereine zunehmend Gedanken darüber machen, wie sie an bildungsfernere Gruppen herankommen, deren Eigenantrieb, sich im öffentlichen Raum zu engagieren, sich in Grenzen halte.

Ein Modell zur systematischen Ehrenamtsförderung skizzierte Dr. Daniel Illmer von der Führungsakademie des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Wie Illmer, der sich selbst seit 20 Jahren ehrenamtlich engagiert und das Forum auch moderierte, bekräftigte, ist Ehrenamtsförderung kein Zustand, sondern ein Prozess. Der ehemalige Pressewart des Sportkreises Frankfurt sprach von einer „Daueraufgabe – etwas, das man immer machen muss“. Das Thema „Förderung des Ehrenamts“ habe sich nicht irgendwann erledigt, sondern stehe permanent auf der Agenda. Um Ehrenamtsförderung betreiben zu können, sei eine „systematische, geplante und langfristige Herangehensweise sinnvoll“. Kernelement von Ehrenamtsförderung sei die Organisationskultur. „Gut aufgestellte Vereine, die ein klares Konzept haben, klare Ziele vertreten und andere Menschen für sich begeistern können, haben in der Regel kein Problem, neue Ehrenamtler zu finden.“ Eine Idee sei auch, ein „Ehrenamt auf Probe“, in das man zum Beispiel 100 Tage unverbindlich reinschnuppern könne. Empfehlenswert sei es nicht zuletzt, in Aus- und Weiterbildung zu investieren - dies müsse gar nicht teuer sein – sowie die Arbeit der Ehrenamtlern anzuerkennen und sie zu belohnen.

Im Anschluss an die beiden Impulsvorträge berichteten Präsident Wolfgang Bärnwick von der Spvgg. Ingelheim (einem reinen Fußballverein) und Rolf Gäbler, stellvertretender Vorsitzender und Vertrauenscoach der sehr breit aufgestellten TGM 1861 Mainz-Gonsenheim aus der täglichen Praxis, ehe sich das fachkundige Publikum an fünf Thementischen rund um die ehrenamtliche Vereinskultur austauschte.

„Rheinland-Pfalz ist gemeinsam mit Baden-Württemberg bundesweit führend in Sachen Ehrenamt“, betonte LSB-Präsidentin Karin Augustin. „Das macht uns stolz und wir wollen die Politik sensibilisieren, dass wir Unterstützung und Förderung brauchen, damit wir das weiterführen und sicherstellen können, dass wir viele Menschen finden, die mit Herzblut ihren Einsatz in Vereinen und Verbänden zu ihrem Lebenswerk machen.“ In den Augen von Augustin
muss man konstatieren, dass das Ehrenamt in Zukunft anders aufgestellt sein wird. „Dass wir das Ehrenamt vielleicht anders strukturieren und gestalten müssen und dass es andere Möglichkeiten geben muss, sich in Projekten zeitlich begrenzt zu engagieren.“

 

Autor: Michael Heinze.

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19.10.2013

Ehrenamt: Der Vereins-Kern gibt, die Vereins-Peripherie nimmt

Quelle: Kongress-Kurier des Stuttgarter Sportkongresses vom 19. Oktober 2013

Ohne Ehrenamt kein Vereinsangebot! Wie aber tritt man dem immer weniger werdenden Engagement, speziell von Jugendlichen, als bürgerschaftlich organisierter Turn- und Sportverein entgegen? Ergebnisse und Lösungsansätze bietet Prof. Dr. Braun in seinem Impulsvortrag und dem nachfolgenden Workshop.

Das Thema ist nicht neu, aber weiterhin brandaktuell: Das Ehrenamt! Der Freiwilligensurvey (FWS) liefert dazu aufschlussreiche Informationen. Zur Erklärung: Der FWS wird seit 1999 im Auftrag des Bundesfamilienministeriums durchgeführt. Es ist die umfassendste und detaillierteste quantitative Erhebung zum bürgerschaftlichen Engagement in Deutschland. Freiwilliges Engagement und die Bereitschaft zum Engagement von Personen ab 14 Jahren werden detailliert erhoben und können differenziert nach Bevölkerungsgruppen und Landesteilen dargestellt werden. Im Jahr 2009 gab es folgende Ergebnisse zu verkünden: 36 Prozent aller Bürger im Alter ab 14 Jahren engagieren sich in Deutschland freiwillig in Verbänden, Initiativen oder Projekten. Weitere 35 Prozent sind öffentlich aktiv in einem Verein oder einer Gruppe tätig, ohne jedoch dort bestimmte freiwillige Aufgaben zu übernehmen. Somit waren 2009 insgesamt 71 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren in gesellschaftliche Gruppierungen eingebunden und aktiv beteiligt.

Was die neuesten Ergebnisse dieser Untersuchung speziell in Bezug auf Sportvereine sind, erfahren die Kongressbesucher von Impuls-Referent Prof. Dr. Sebastian Braun. Und was der Berliner Forscher heute zwischen 11 Uhr und 12.30 Uhr im Atrium zu berichten hat, hat es wirklich in sich und sind für jeden Vereinsfunktionär Grundlage weiterer Maßnahmen in Sachen Ehrenamt. Die erste Sonderauswertung, die 2011 veröffentlicht wurde, gibt mit 14 zentralen Aussagen einen Überblick zum Engagement im Ehrenamt. Die unlängst veröffentlichte zweite Studie, die im Mittelpunkt des Vortrags steht, untersucht vertieft das freiwillige Engagement von Jugendlichen in sportbezogenen Strukturen der Zivilgesellschaft, also in Sportvereinen ebenso wie in selbstorganisierten Projekten, Initiativen und Gruppierungen. Über den Zehnjahreszeitraum von 1999 bis 2009 werden Besonderheiten und Veränderungen des „jungen Engagements“ im Sport beschrieben und interpretiert. Die Ergebnisse begründen abschließende Empfehlungen für eine sportbezogene Engagementpolitik für und von Jugendliche(n) im Sport.

Vorab hat Prof. Dr. Braun dem Kongress-Kurier ein paar exklusive Informationen seines Vortrags verraten! „Die Ergebnisse sind ambivalent. Auf der einen Seite gibt es im Sport generell einen deutlichen Rückgang des jugendlichen Engagements.“ Auf der anderen Seite merkt Prof. Dr. Braun an: „Der Gemeinschaftskern wird stärker, während die Peripherie die Leistungen und Angebote nutzt, ohne weiteres Engagement zu zeigen. Hierbei gilt es nun, darüber nachzudenken, ob es alternative Formen gibt, die Mitglieder enger an sich zu binden.“ Zu diesem Thema hält Prof. Dr. Braun gemeinsam mit Katja Stamer im Anschluss an den Impulsvortrag den Workshop „Ehrenamtsförderung im Verein: Wissenschaftliche- und Best Practice Erfahrungen (13.15 Uhr bis 14.45 Uhr).

Zur Person

Sebastian Braun ist seit 2009 Universitätsprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 2003 bis 2009 war als er Universitätsprofessor an der Universität Paderborn tätig. Zuvor forschte er als Forschungsstipendiat im Emmy Noether-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) an der London School of Economics and Political Science (LSE) und am Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) in Paris sowie als Nachwuchsgruppenleiter an der Universität Potsdam (2000-2003). Davor arbeitete er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag in der Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ in Berlin wie auch an der Universität Potsdam. In seiner Freizeit ist Sebastian Braun sportlich sehr engagiert. Seine sportlichen Aktivitäten wurden mit dem Gewinn der Deutschen Fußballmeisterschaft im Bereich der B-Jugend (1988) und der Deutschen Vizemeisterschaft im Bereich der A-Jugend (1990) mit Hertha 03 Zehlendorf gekrönt. Heute ist er vorrangig als Läufer aktiv.

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11.09.2013

Braun: Vereine sind eine Schule der Demokratie

Quelle: Deutscher Fußball-Bund (DFB), das Interview ist hier auf der Internetseite des DFB mit ergänzenden Informationen abrufbar.

Braun: Vereine sind eine Schule der Demokratie

Prof. Dr. Sebastian Braun lehrt und forscht an der Humboldt-Universität zu Berlin. Dort leitet er die Abteilung Sportsoziologie am Institut für Sportwissenschaft und die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten im Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement. Mit seinen Studien zum Thema „Ehrenamt“ hat er sich deutschlandweit einen Namen gemacht.

Im TWO-Interview zum Themenschwerpunkt „Ehrenamt“ spricht er über rückläufiges Ehrenamt im Fußball, wie individuelle Ehrungen aussehen können und warum sich im Mikrokosmos Verein die große Politik wieder spiegelt. 

TWO: Herr Braun, das Zitat: „Würdigung, Anerkennung und Wertschätzung des Ehrenamtes waren in den letzten 40 Jahren nie höher als heutzutage“ stammt von Ihnen. Da fragt man sich: Warum gibt es Probleme, genug Ehrenamtliche für Fußballvereine zu finden?

Professor Dr. Sebastian Braun: Das bürgerschaftliche Engagement geht nicht auf der Bevölkerungsebene zurück, sondern speziell im Sportbereich. Es findet eine tendenzielle Verlagerung statt in Richtung sozialpolitischer Themen wie Bildung, Gesundheit und Soziales. Der Sport- und Freizeitbereich leidet in den letzten Jahren unter Abwanderungstendenzen von Engagierten.

TWO: Deshalb hat Sie der DFB auch mit einer Studie zum Thema “Ehrenamt” betreut. Erklären Sie bitte, worum es geht?

Braun: Aufgrund des rückläufigen Engagements im Ehrenamt stellen wir uns die Frage: Ist das derzeitige System der individuellen Auszeichnungen als einer wichtigen Form der verbandlichen Anerkennung noch zeitgemäß, oder gibt es alternative, ergänzende Formen, um es zu würdigen?

TWO: Was treibt, laut ihrer Ergebnisse, Menschen an, sich ehrenamtlich zu engagieren?

Braun: Ehrenamtliches und freiwilliges Engagement ist eine Form des Arbeitens in modernen Gesellschaften - neben zum Beispiel der Erwerbsarbeit oder der Familienarbeit. Engagement lebt ganz stark davon, dass die Motivation immer wieder aus der positiven Resonanz der Gemeinschaft gezogen wird, für deren Ziele man sich engagiert. Auf den Fußballverein bezogen bedeutet das: Engagement kann man nicht nur über materielle Anreize mobilisieren wie zum Beispiel über steuerliche Vorteile, Honorare, Aufwandsentschädigungen oder geldwerte Vorteile., Die intrinsische Motivation zum Engagement wird vor allem gestützt und gestärkt durch Sympathien für den Verein, die Identifikation mit seinen Zielen und die gemeinschaftliche Arbeit, die von der Gemeinschaft wechselseitig als wertvoll und wichtig erachtet wird. 

TWO: Wie gehen Sie bei Ihrer Studie „Individuelle Auszeichnungen für ehrenamtliches und freiwilliges Engagement im vereins- und verbandsorganisierten Fußball“ vor?

Braun: Wir untersuchen die entsprechenden Aktionen und Aktivitäten beziehungsweise Auszeichnungen im Hinblick auf ehrenamtliches und freiwilliges Engagement. Dazu interviewen wir die Landes-Ehrenamtsbeauftragten der Fußball-Landesverbände und analysieren alle Materialien, die hierbei eine Rolle spielen.

TWO: Wo genau taucht der DFB direkt in Ihrer Studie auf?

Braun: Der DFB ist einerseits Auftraggeber der Studie und verfolgt dabei die Idee, eine „Strategie 2020“ zur Würdigung des Ehrenamtes weiterzuentwickeln. Außerdem ist er natürlich auch  Gegenstand der Untersuchung, weil die Aktionen der Landesverbände im Bereich Ehrenamt maßgeblich vom DFB geprägt und gefördert werden.

TWO: Sie unterscheiden bei individuellen Auszeichnungsmöglichkeiten für Ehrenamtliche zwischen ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapital. Können Sie uns dafür Beispiele nennen?

Braun: Wir bedienen uns dabei den Begrifflichkeiten der Gesellschaftstheorie Pierre Bourdieus, um eine Vielfalt von Tauschverhältnissen von Ressourcen in den Blick zu bekommen. Im Vordergrund der vielfältigen Maßnahmen im vereins- und verbandsorganisierten Fußball stehen eindeutig materielle und finanzielle Auszeichnungsformate zugunsten der Engagierten. So werden Ehrenamtliche mit Sach- und Geldpreisen belohnt, oder es werden geldwerte Vorteile gewährt, indem beispielsweise Freikarten für Fußballspiele bereitgestellt oder andere Wochenendfreizeiten finanziert werden. Ökonomisches Kapital als Anerkennungsform für das ehrenamtliche Engagement steht eindeutig im Zentrum der verbandlichen Aktivitäten. Darüber hinaus werden individuelle Belobigungen vielfach in der lokalen Gemeinschaft sichtbar gemacht, indem Ehrungsveranstaltungen öffentlichkeitswirksam dargestellt und gewürdigte Ehrenamtliche zum Beispiel im Verbandsmagazin oder auf der Verbandshomepage persönlich vorgestellt werden. Dieses System der öffentlichen Sichtbarmachung von Engagierten scheint allerdings eher der Bekanntmachung des Auszeichnungssystems und – darüber vermittelt – der symbolischen Hervorhebung der Ausgezeichneten zu dienen. Andere Kapitalformen zur individuellen Auszeichnung ehrenamtlichen Engagements spielen im vereins- und verbandsorganisierten Fußball bislang eher eine untergeordnete Rolle.

TWO: Was meinen Sie damit?

Braun: Der Zugang zu kulturellem Kapital wird bisher eher selten als Medium der persönlichen Wertschätzung individuellen Engagements genutzt, obwohl der vereins- und verbandsorganisierte Fußball in Deutschland über ein breit etabliertes Aus- und Weiterbildungssystem verfügt. Letzteres scheint eher aus einer organisationsbezogenen Perspektive der Vereine und Verbände als ein funktional notwendiges Element der professionellen Besetzung von Funktionsrollen im organisierten Fußball betrachtet zu werden und weniger als ein Instrument der individuellen Würdigung von Engagierten. Zwar finden sich vereinzelt Hinweise darauf, dass kulturelles Kapital in den Landesverbänden durchaus als eine Form der individuellen Wertschätzung von Engagierten betrachtet wird, wenn etwa Kompetenznachweise für ehrenamtliches Engagement von einigen Fachverbänden in Kooperation mit Landesverwaltungen vergeben werden. Eine systematische Berücksichtigung der In- und Outputs wie auch Outcomes von bildungsspezifischen Angeboten für Engagierte im Fußballsystem ist allerdings noch nicht zu erkennen.

TWO: Und die dritte Kapitalsorte, das soziale Kapital?

Braun: Andererseits scheint auch die „traditionelle“ Ressource des Sozialkapitals im vereins- und verbandsorganisierten Fußball nur begrenzt zur individuellen Wertschätzung ehrenamtlichen Engagements gefördert zu werden. Die besondere Relevanz dieses Kapitals des wechselseitigen Kennens und Anerkennens ist darin zu sehen, dass seine Nutzung nicht zum Verbrauch des Kapitals, sondern zu dessen Vermehrung beiträgt. Es handelt sich dabei um die – Fußball-Gemeinschaften immanente – Ressource, die aus wechselseitiger Anerkennung und Wertschätzung für die gemeinsam geleistete Arbeit hervorgeht und den Einzelnen in seinem Engagement stützt und stärkt. So führen etwa die Hälfte der Fachverbände regelmäßige „Veteranentreffen“ mit Trägerinnen und Trägern der goldenen Verbandsnadel oder allgemein mit ehemaligen Verbandsfunktionären durch. Darüber hinaus prüfen einige wenige Verbände das Format eines regelmäßigen Ehemaligen- oder Vereinsstammtisches, um einen regelmäßigen Austausch mit der Basis zu etablieren. In den vorliegenden Daten lassen sich aber insgesamt nur begrenzte Hinweise darauf finden, dass individuelle Auszeichnungen von Engagierten verknüpft werden mit der Verbesserung gemeinschaftsbildender Engagement-Infrastruktur vor Ort genutzt werden. Darüber hinaus werden aber auch übergreifende und gemeinschaftsstiftende Veranstaltungen mit Ehrenamtlichen eher seltener durchgeführt und finden hauptsächlich in Form der Festveranstaltungen im Rahmen des DFB-Ehrenamtspreises oder in Form des DFB-Dankeschön-Wochenendes statt, die weitgehend mit sportprominenter Begleitung durchgeführt werden.

TWO: Wie kann eine individuelle Auszeichnung noch aussehen?

Braun: Es können ganz einfache Sachen sein, um Ehrenamtliche individuell auszuzeichnen und gleichzeitig der Gemeinschaft, in der sie sich engagieren, bessere Rahmenbedingungen zu verschaffen, um sich im Engagement wechselseitig zu bestärken und zu unterstützen, zum Beispiel eine Finanzierung, um das Vereinsheim zu renovieren, eine Vereinsberatung zu erhalten oder einen Referenten einzuladen. Wichtig ist, dass die individuelle Auszeichnung auch der Gemeinschaft dient und nicht nur dem Einzelnen, der durch das Einwerben dieser Unterstützung gleichzeitig wieder in der Gemeinschaft besondere Anerkennung erhält.

TWO: Welche Möglichkeiten gibt es neben dem materiellen Kapital?

[Ehrung bei der Club 100-Veranstaltung 2012 © Bongarts/GettyImages]
Ehrung bei der Club 100-Veranstaltung 2012

Braun: Das kulturelle Kapital, beispielsweise. Darunter verstehen wir vor allem Qualifizierungsmaßnahmen. Die Ehrenamtlichen von heute wollen sich Fähigkeiten aneignen, die ihnen auch im Berufs- oder Privatleben weiterhelfen. Dies kann man durch ein individuelles Qualifizierungssystem erreichen. Außerdem gibt es symbolisches Kapital. Dabei wird jemand gesellschaftlich hervorgehoben, beispielsweise beim Club 100 des DFB. Das ist für den Einzelnen eine extreme Wertschätzung und ein tolles Erlebnis. Seine wichtigste Anerkennung bezieht er aber durch die Menschen vor Ort, in seinem Verein oder der Gemeinde. Wenn der Bäcker, der Metzger oder der Nachbar um das Engagement wissen und ihm dafür auf die Schulter klopfen, wird er in seinem Engagement bestätigt.

TWO: Mit der Amateurfußball-Kampagne und der DFB-Online-Vereinsberatung hat der DFB dort aber schon erste Korrekturen vorgenommen.

Braun: Das ist richtig. Der DFB sorgt mit seiner Kampagne dafür, dass die Menschen – auch außerhalb der Vereinskultur – deutschlandweit dafür sensibilisiert werden, dass gerade die Sport- und Fußballvereine vor Ort maßgeblich von der Ressource Engagement getragen werden. Mit der Online-Vereinsberatung wird ein schneller und unkomplizierter Transfer von Wissen und Praxistipps ermöglicht, der bei den wichtigsten Vereinsthemen weiterhilft. Damit werden gute Bedingungen für die Ehrenamtlichen geschaffen, sich individuell hilfreiches Wissen für die Praxis anzueignen.

TWO: Welche praktischen Tipps können sie den Fußballverbänden bereits mit auf den Weg geben?

Braun: Es ist schön, den Einzelnen heraus zu heben und für seine Arbeit zu belohnen. Es kann aber auch ein Weg sein, den Einzelnen so zu würdigen, dass er seiner Gemeinschaft etwas zur Verfügung stellen kann. Zum Beispiel, ganz lapidar eine neue Kaffeemaschine. Das ist nicht spektakulär, aber das sind vielfach die Probleme der Engagierten vor Ort, das kleine Verbesserungen Stück für Stück und medial relativ unspektakulär umgesetzt werden sollen. Die Ehrenamtlichen sind engagiert, weil sie sie die Arbeit und die Ziele vor Ort als wertvoll erachten, an denen sie kontinuierlich weiterarbeiten.

TWO: Sie haben beim Amateurfußballkongress 2012 in Kassel gesagt: „Die Vereine befinden sich im Spannungsfeld zwischen Mitglieder- und Einflusslogik.“ Was meinen Sie damit?

Braun: Die Unterscheidung von Mitglieder- und Einflusslogik hat Wolfgang Streek in einem vielbeachteten Beitrag vor einigen Jahrzehnten in die Diskussion gebracht. Vereine sind mitgliederbasierte Graswurzel-Organisationen. Der Verein wächst gleichsam basisdemokratisch von unten nach oben. Die Mitglieder entscheiden im Idealfall mit ihrer Stimme darüber, was im Verein geschehen soll. Dafür gibt es Mitgliederversammlungen, die Vereinsführungen für eine begrenzte Zeit wählen. Auf die Ziele und Interessen der Mitglieder haben die Vereinsführungen zu achten, deren primäres Ziel es ist, die Mitgliederinteressen in die Praxis umzusetzen. Das ist die Mitgliederlogik. Von den verschiedenen Mitgliedergruppen gibt es Widerspruch, wenn sich die Vereinsziele zunehmend entkoppeln von dem, was sich die Mitglieder wünschen. Zum Beispiel, wenn die Mitglieder das vorhandene Geld in die Jugend investieren wollen und die Vereinsführung in die erste Mannschaft. Entweder wählen dann die unzufriedenen Mitglieder bei den nächsten Wahlen einen neuen Vorstand und erwarten, dass dieser Vorstand ihre Ziele stärker verfolgt, oder aber sie verlassen irgendwann den Verein, weil sie sich nicht mehr mit den Zielen identifizieren können.

TWO: Und was verstehen Sie unter Einflusslogik?

Braun: Die Einflusslogik beschreibt externe Kräfte, die von außen auf den Verein wirken. Medien, Politik, die Gemeinde, Sponsoren haben ebenfalls Erwartungen, die der Verein ihrer Meinung nach erfüllen sollte, beispielsweise Integrations- oder Gesundheitsarbeit. Daran haben einzelne Mitgliedergruppen aber möglicherweise kein Interesse. Sich in diesem Spannungsverhältnis zurechtfinden, ist ein permanenter Balanceakt und für ehrenamtliche Vereinsvorstände aufwendig und anstrengend, da sie permanente Aushandlungsprozesse einer mehr oder minder disparaten Umwelt und einer mehr oder minder heterogenen Mitgliederschaft aushalten und zu konstruktiven Ergebnissen führen müssen

TWO: Hört sich an wie große Politik im Mikrokosmos Verein.

Braun: Genau, zumal die Ansprüche der unterschiedlichen Anspruchsgruppe sich im Zeitverlauf selbst wieder verändern oder neue Anspruchsgruppen dazu kommen. Dieser Balanceakt ist ein Paradebeispiel für demokratische Aushandlungsprozesse. In dieser Hinsicht kann der Verein für Ehrenamtliche durchaus eine Schule der Demokratie sein, weil er zumindest von ihnen zahlreiche Bürgerkompetenzen verlangt, um erfolgreich den Verein durch permanente gesellschaftliche Veränderungsprozesse zu steuern. Ein Sponsor kann etwas ganz anderes wollen als die jeweilige Abteilung. Der Vorstand muss nun einen Konsens zwischen den beiden Parteien finden und zwar so, dass ihm die Mitglieder nicht abhanden kommen, aber auch der Sponsor nicht. Das verlangt vom Vorstand vielfältige kognitive und prozedurale Kompetenzen.

TWO: Wie kann in diesem komplexen System die individuelle Auszeichnung von Ehrenamtlichen helfen?

Braun: Es ist ein Baustein in einem komplexen System der verbandlichen Anerkennungskultur, um das ehrenamtliche Engagement zu untersuchen und Empfehlungen zur Förderung des Engagements in den Fußballvereinen zu geben.

TWO: Welche Bausteine sind noch entscheidend, um das Ehrenamt weiter zu fördern?

Braun: Wir stellen uns ganz viele unterschiedliche Fragen. Zum Beispiel: Wie sollte Personalentwicklung im Verein im Sinne einer systematischen „Engagemententwicklung“ aussehen? Wie könnte der Einstieg ins Ehrenamt erleichtert werden? Wie entwickele ich eine systematische Einarbeitung in die unterschiedlichen Positionen? Wie verabschiede ich Engagierte würdig? Wie kann ein sauberer Ausstieg aus einen Amt aussehen, auch schon nach ein bis zwei Jahren, wenn eine selbst gesetzte Aufgabe erfüllt wurde? Wie baue ich Nachwuchs für Leitungsfunktionen auf? Die Liste ließe sich problemlos verlängern.

TWO: Jede Menge Faktoren, die Ausschlag für ein ehrenamtliches Engagement geben können. Bis wann können wir mit den ersten Ergebnissen ihrer Studie zum Thema „Individuelle Auszeichnungen“ rechnen?

Braun: Ende November stellen wir die Ergebnisse auf einer Sitzung mit den Landes-Ehrenamtsbeauftragten vor.

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06.09.2013

Engagement im Sport bleibt für Jugendliche wichtig. Interview mit Prof. Dr. Sebastian Braun

Quelle: Deutsche Sportjugend (dsj), der Beitrag ist hier auf der Internetseite der dsj mit ergänzenden Informationen abrufbar.

Engagement im Sport bleibt für Jugendliche wichtig

Interview mit Prof. Dr. Sebastian Braun

Prof. Dr. Sebastian Braun von der Humboldt-Universität zu Berlin, die Deutsche Sportjugend (dsj) und das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) haben eine neue Sonderauswertung des Freiwilligensurveys (1999-2009) für den Sport vorgelegt.

Prof. Braun, Ihr Bericht zum freiwilligen Engagement von Jugendlichen im Sport ist vor kurzem publiziert worden. Was zeigen die Ergebnisse des Berichts?

Prof. Dr. Sebastian Braun: In dem vorgestellten Bericht werden eine Reihe von Ergebnissen hervorgehoben, die selbstverständlich nicht die Vielfalt der Befunde reflektieren können, die sich auf der Basis der thematisch relativ breit angelegten Freiwilligensurveys erarbeiten lassen. Gleichwohl dürfte ein Einblick in relevante Formen und Veränderungen des freiwilligen Engagements von Jugendlichen im Sportbereich gegeben werden.
Betrachtet man die Ergebnisse, dann ist zunächst der Befund hervorzuheben, dass im Sportbereich die Aktivitätsquote der 14- bis 24-Jährigen in Deutschland über den Zehnjahreszeitraum hinweg bei über 50% liegt. Unter quantitativen Gesichtspunkten bildet der Sportbereich damit konstant und mit deutlichem Abstand vor allen anderen untersuchten Handlungsbereichen den wichtigsten Raum zivilgesellschaftlicher Aktivitäten von Jugendlichen in Deutschland. Das Sportvereinswesen unter dem Dach der komplexen Systems der Sportverbände und -bünde dürfte dabei nach wie vor eine zentrale Rolle spielen, auch wenn sich in den letzten Jahrzehnten jenseits des vereinsorganisierten Sports eine vielfältige zivilgesellschaftliche Infrastruktur sportbezogener Projekte und Initiativen herausgebildet hat. Da aber die mehr als 90.000 Sportvereine in Deutschland bis in die lokalen Verästelungen der zivilgesellschaftlichen Wirklichkeit reichen und ihre Selbstorganisationspraxis in sehr hohem Maße auf dem freiwilligen Engagement der Mitglieder basiert, werden sie nach wie vor den Nukleus für – zumindest längerfristige – zivilgesellschaftliche Aktivitätsformen von Jugendlichen im Sportbereich darstellen.

Sie berichten aber auch, dass gerade im Sportbereich das Engagement rückläufig ist.

Sebastian Braun: Ja, das ist richtig. Wie die Daten erkennen lassen, hat im Sportbereich das freiwillige Engagement der 14- bis 24-Jährigen von 1999 bis 2009 deutlich abgenommen: Die Engagementquote sinkt im Zehnjahreszeitraum um 2,6 Prozentpunkte von 14,8% auf 12,2% und damit dynamischer als in dieser Altergruppe im bundesweiten Durchschnitt insgesamt. In Absolutzahlen ausgedrückt sind in diesem Zeitrahmen hochgerechnet ca. 265.000 Jugendliche dem Sportbereich als freiwillig Engagierte verloren gegangen; kein anderes Handlungsfeld hat eine vergleichbare Zahl an jugendlichen Engagierten eingebüßt. Gleichwohl bildet der Sportbereich mit seiner zweistelligen Engagementquote bei den 14- bis 24-Jährigen weiterhin den mit Abstand größten Engagementbereich in Deutschland. Während also insgesamt ein weitgehend konstanter und überdurchschnittlich hoher Anteil der Jugendlichen in Deutschland im Sportbereich aktiv ist und insofern die entsprechenden Leistungen etwa in Sportvereinen in Anspruch nimmt, reduziert sich parallel dazu der Anteil derjenigen Jugendlichen, die sich im Sportbereich freiwillig an der Leistungserstellung beteiligen.

Gibt es dabei besonders auffällige Gruppen?

Sebastian Braun: Ja, durchaus. Die rückläufigen Engagementquoten sind zum Beispiel bei den Studierenden in der untersuchten Altersgruppe besonders bemerkenswert. Ihre Quote sinkt im Sportbereich von 21,9% im Jahr 1999 auf 13,4% im Jahr 2009. Aber auch bei den Schülerinnen bzw. Schülern sind Rückgänge in moderaterer Form unübersehbar. Die Annahme erscheint nicht unbegründet, dass diese auffälligen Rückgänge auch durch Strukturveränderungen im Schul- und Hochschulsystem in den 2000er Jahren mitverursacht wurden. Exemplarisch dafür stehen die Bologna-Prozesse im Hochschulsystem, die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur (G8) oder die zunehmende Verbreitung der Ganztagsschule – strukturelle Veränderungen, die u.a. auf die zeitlichen Handlungspielräume von Jugendlichen für ein freiwilliges Engagement im Sportbereich limitierend gewirkt haben dürften.

Gilt das auch für das Engagement in Leitungs- und Vorstandsfunktionen?

Sebastian Braun: Nein, interessanter Weise nicht. Der Anteil der Jugendlichen, die im Rahmen ihres freiwilligen Engagements im Sportbereich Leitungs- und Vorstandsfunktionen wahrnehmen, hat im Zehnjahreszeitraum dynamisch zugenommen: von 21,1% im Jahr 1999 über 23,1% in 2004 auf 28,1% im Jahr 2009. Dieser Anstieg um 7 Prozentpunkte ist einerseits bemerkenswert, weil er im Kontrast zur allgemeinen Tendenz im Sportbereich steht, in dem eine rückläufige Quote unter den Engagierten in Leitungs- und Vorstandsfunktionen zu erkennen ist. Andererseits ist er auffällig, weil der Anstieg des prozentualen Anteils unter den freiwillig engagierten 14- bis 24-Jährigen, die in Leistungs- und Vorstandsfunktionen tätig sind, insgesamt deutlich geringer ausfällt als im Sportbereich.

Sie haben an anderer Stelle einmal von einem „PISA-Effekt“ im Zusammenhang mit dem freiwilligen Engagement gesprochen. Zeigt sich so ein Effekt auch beim jungen Engagement im Sport?

Sebastian Braun: Durchaus kann man die PISA-Studien als Referenz heranziehen, um die markanten bildungsspezifischen Ungleichheiten beim freiwilligen Engagement von Jugendlichen weitergehend zu interpretieren. So weisen im Jahr 2009 rund zwei Drittel der freiwillig engagierten Jugendlichen im Sportbereich ein hohes Bildungsniveau auf bzw. streben hohe Bildungsabschlüsse an, während gerade einmal 5,7% von ihnen niedrige Bildungsqualifikationen erworben haben oder voraussichtlich erwerben werden. Die Chance für einen Jugendlichen, der ein hohes „Bildungskapital“ aufweist, sich im Sportbereich freiwillig zu engagieren, lag im Jahr 2009 um das 2,2fache höher als für einen Jugendlichen mit niedrigem Bildungskapital. Diese Ergebnisse lassen sich in Orientierung an die Arbeiten des französischen Soziologen Pierre Bourdieu so interpretieren, dass die bildungsaffinen Jugendlichen ihr Engagement als Bestandteil eines bildungsorientierten Lebensstils und kulturelle Praxis im öffentlichen Raum betrachten, der individuelle Erfahrungs- und Perspektiverweiterungen wie auch Selbstverwirklichungspotenziale in der zivilgesellschaftlichen Wirklichkeit eröffnet. Denn analog zur bevorzugten Literatur oder Musik lässt sich ein freiwilliges Engagement im Sportbereich immer auch als Ausdruck eines bestimmten Lebensstils mit den entsprechenden Praktiken und Objekten der symbolischen Lebensführung deuten.

Was kann das für die sportverbandliche Praxis bedeuten?

Sebastian Braun: Für eine sportbezogene Engagementpolitik für und von Jugendliche/n ist es meines Erachtens sinnvoll, sportbezogene und engagementbezogene Debatten enger miteinander zu verzahnen und auf diese Weise politische Konzepte, praktische Ansätze und Erfahrungen wie auch Forschungsfragen und  ergebnisse systematischer aufeinander zu beziehen. Exemplarisch dafür stünde etwa der Versuch, die Diskussionen über freiwilliges Engagement und Möglichkeiten staatlicher Engagementförderung zugunsten von Jugendlichen im Sportbereich enger mit den Debatten über individuelle Teilhabechancen zu verbinden; denn eine zentrale Herausforderung von Staat und Politik dürfte zukünftig darin bestehen, das bisherige wohlfahrtsstaatliche Arrangement so weiterzuentwickeln, dass der individuelle Anspruch auf bürgerschaftliche Teilhabe an den Lebensmöglichkeiten der Gesellschaft für Jugendliche garantiert werden kann – und dazu dürften auch Teilhabechancen an kulturellen Praktiken im Sportbereich gehören. In diesem Kontext könnten innovative Modellprogramme in Kooperation zwischen Akteuren staatlicher Engagement- und Sportpolitik einerseits und Sportverbänden und  vereinen andererseits als mögliches Korrektiv zu wachsenden sozialen Ungleichheiten bereits im Jugendalter zweckmäßig sein und systematisch erprobt werden.

Vielen Dank!

Weitere Informationen zur Studie finden sich auf den Internetseiten www.sportsoziologie-berlin.de und www.sportverlag-strauss.de .

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04.09.2013

Mitarbeit: Bereitschaft beim Nachwuchs sinkt

Erschienen in: Darmstädter Echo vom 04.09.2013, S. 31, die Online-Version ist hier einsehbar.

Mitarbeit: Bereitschaft beim Nachwuchs sinkt
Kongress – Sportjugend sucht in Frankfurt nach Wegen, das Engagement zu stärken

Die Deutsche Sportjugend (dsj) blickt beim Kongress „Junges Engagement im Sport“ vom 6. bis 8. September in Frankfurt in die Zukunft und entwickelt Impulse zur Förderung junger Mitarbeiter im organisierten Kinder- und Jugendsport.

Zehn Jahre nach der „Hamburger Erklärung“, die die Weiterentwicklung der Jugendarbeit im Sport nachhaltig geprägt hat, gilt es beim Kongress in Frankfurt Bilanz zu ziehen und Perspektiven zu entwickeln. Ein Fachvortrag von Professor Sebastian Braun (Berlin) mit dem Titel „Jugend und die Zukunft des Engagements“ leitet über zur Zukunftswerkstatt. Mit innovativen Methoden erfasst sie die aktuellen Trends, stößt eine Debatte über den Wert der Jugendarbeit an und arbeitet Impulse zur Förderung jungen Engagements heraus. Am Ende der Konferenz stehen Umsetzungsschritte. Für das geplante „Frankfurter Modell zur Engagementförderung“ werden von etwa 80 Delegierten Wegweiser erwartet.

Der dreitägige Kongress in der Sportschule des Landessportbundes Hessen (LSBH) richtet sich an ehrenamtliche und hauptberufliche Mitarbeiter sowie Multiplikatoren aus dem Kinder- und Jugendsport, der Kinder- und Jugendhilfe und Interessierte, die für ihre Arbeit Anregungen erhalten möchten.

Jugendliche engagieren sich zunehmend weniger in Sportvereinen – wenn doch, dann intensiver. Professor Sebastian Braun (Humboldt-Universität Berlin), die Deutsche Sportjugend und das Bundesinstitut für Sportwissenschaft haben eine Sonderauswertung des Freiwilligensurveys (1999 bis 2009) vorgelegt. Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 14 bis 24 Jahren wurden befragt.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Bereitschaft nach wie vor groß ist. Der Sport und speziell der Sportverein sind das mit Abstand beliebteste zivilgesellschaftliche Handlungsfeld dieser Altersgruppe. Doch belegen die Daten auch, dass die Engagement-Quote von 14,8 Prozent (1999) auf 12,2 (2009) gesunken ist. Der Rückgang entspricht rund 265 000 Jugendlichen, die binnen zehn Jahren ihr freiwilliges Engagement aufgaben. Bei den Studierenden beträgt der Rückgang 8,5 Prozent.

Bildungsniveau spielt eine Schlüsselrolle

Schließlich zeigt die Bilanz auch, dass die Altersgruppe ihr Engagement ausgeweitet und zunehmend auf Dauer angelegt hat. So gaben 1999 erst 21,1 Prozent an, im Sport eine leitende Funktion wahrzunehmen. 2009 waren es 28,1 Prozent. Eine Schlüsselrolle spielt das Bildungsniveau. Zwei Drittel der engagierten Jugendlichen streben hohes Bildungsniveau an oder verfügen über einen hohen Bildungsabschluss. Die Befunde erhärten die These vom Auseinanderdriften sozialer Milieus schon im Jugendalter. Teilhabe-Chancen sind auch im Sport ungleich zu Lasten bildungsferner Schichten verteilt.

Auffällig sind die rückläufigen Quoten bei Mädchen und jungen Frauen: 2009 waren ein Drittel der engagierten Jugendlichen Mädchen und zwei Drittel Jungen. 1999 betrug der Anteil der Mädchen noch 37,4 Prozent.

Internet: www.dsj.de.

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30.08.2013

Junges Engagement im Sport. Der Sport und speziell der Sportverein sind uneingeschränkt das mit Abstand beliebteste zivilgesellschaftliche Handlungsfeld der 14- bis 24-Jährigen

Quelle: Deutsche Sportjugend, Aktuelle Meldung vom 30.08.2013

Prof. Dr. Sebastian Braun von der Humboldt-Universität zu Berlin, die Deutsche Sportjugend (dsj) und das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) haben eine neue Sonderauswertung des Freiwilligensurveys (1999-2009) für den Sport vorgelegt. Untersuchungsschwerpunkt waren Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 14 bis 24 Jahren.
Die Ergebnisse zum „jungen Engagement“ im Sport sind überraschend vielschichtig. Sie zeigen einerseits, dass die Engagementbereitschaft von Jugendlichen im Sport nach wie vor auf einem bemerkenswert hohen Niveau liegt. Der Sport und speziell der Sportverein sind uneingeschränkt das mit Abstand beliebteste zivilgesellschaftli¬che Handlungsfeld der 14-bis 24-Jährigen in Deutschland.
Andererseits belegen die Daten aber auch, dass die Engagementquote von 14,8 % (1999) auf 12,2 % (2009) abgesunken ist. In Absolutzahlen hochgerechnet entspricht dieser Rückgang um 2,6 Prozentpunkte rund 265.000 Jugendlichen, die im Zehnjahreszeitraum ihr freiwilliges Engagement im Sportbereich aufgegeben haben. Alleine bei den Studierenden in dieser Altersgruppe beträgt der Rückgang 8,5 Prozentpunkte.
Schließlich zeigt die Sonderauswertung auch, dass die engagierten 14-bis 24-Jährigen ihr Engagement ausgeweitet und zunehmend auf Dauer angelegt haben. So gaben z. B. 1999 21,1 % von ihnen an, im Sportbereich eine leitende Funktion wahrzunehmen; 2009 sind dies dann bereits 28,1 %.

Junges Engagement zu fördern ist für Ingo Weiss, Präsidiumsmitglied des DOSB und Vorsitzender der Deutschen Sportjugend (dsj), eine Kernaufgabe der dsj. Er sagte: „Es ist ein zentrales Anliegen der Deutschen Sportjugend, junges Engagement zu fördern und weiter zu entwickeln. Dazu bieten wir unterschiedliche Formate, wie z.B. Juniorteam-Seminare an. Mit dem Kongress ‚Junges Engagement im Sport‘ Anfang September in Frankfurt wollen wir weitere wichtige Impulse für die Engagementförderung im organisierten Kinder- und Jugendsport setzen.“

Eine wesentliche Rolle bei der Frage nach dem Engagement spielt das angestrebte bzw. schon erreichte Bildungsniveau der Jugendlichen. Zwei Drittel der engagierten Jugendlichen streben ein hohes Bildungsniveau an bzw. verfügen über einen hohen Bildungsabschluss. Die Befunde erhärten die These vom zunehmenden Auseinanderdriften sozialer Milieus schon im Jugendalter. Teilhabechancen sind offenbar auch im Sport immer ungleicher zuungunsten bildungsferner Milieus verteilt. 
 
Auffällig sind darüber hinaus die rückläufigen Engagementquoten bei den Mädchen und jungen Frauen, die ausgeprägter sind als bei den Jungen. 2009 sind nur rund ein Drittel der engagierten Jugend¬lichen im Sport Mädchen und zwei Drittel Jungen. 1999 betrug der Anteil der Mädchen in der Gruppe der engagierten Jugendlichen noch 37,4 %.
Weitere Ergebnisse, methodisch-theoretische Erläuterungen und praktische Ableitungen sind dem neu erschienen Band 2013/03 des Bundesinstituts für Sportwissenschaft zu entnehmen:

Braun, Sebastian (2013). Freiwilliges Engagement von Jugendlichen im Sport. Eine empirische Untersuchung auf der Basis der Freiwilligensurveys von 1999 bis 2009. Köln: Sportverlag Strauß.

Die Ergebnisse werden erstmalig auf dem dsj-Kongress „Junges Engagement“ von Prof. Dr. Sebastian Braun präsentiert.

Nähere Informationen zur Veranstaltung gibt es hier.

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26.08.2013

Jugendliche engagieren sich zunehmend weniger in Sportvereinen, wenn - dann aber intensiver

Pressemitteilung des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp), Nr. 01 vom 26.08.2013

Prof. Dr. Sebastian Braun von der Humboldt-Universität zu Berlin, die Deutsche Sportjugend (dsj) und das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) haben eine neue Sonderauswertung des Freiwilligensurveys (1999-2009) für den Sport vorgelegt. Untersuchungsschwerpunkt waren Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 14 bis 24 Jahren.

Die Ergebnisse zum „jungen Engagement“ im Sport sind überraschend vielschichtig. Sie zeigen einerseits, dass die Engagementbereitschaft von Jugendlichen im Sport nach wie vor auf einem bemerkenswert hohen Niveau liegt. Der Sport und speziell der Sportverein sind uneingeschränkt das mit Abstand beliebteste zivilgesellschaftliche Handlungsfeld der 14- bis 24-Jährigen in Deutschland.

Andererseits belegen die Daten aber auch, dass die Engagementquote von 14,8 % (1999) auf 12,2 % (2009) abgesunken ist. In Absolutzahlen hochgerechnet entspricht dieser Rückgang um 2,6 Prozentpunkte rund 265.000 Jugendlichen, die im Zehnjahreszeitraum ihr freiwilliges Engagement im Sportbereich aufgegeben haben. Alleine bei den Studierenden in dieser Altersgruppe beträgt der Rückgang 8,5 Prozentpunkte.

Schließlich zeigt die Sonderauswertung auch, dass die engagierten 14- bis 24-Jährigen ihr Engagement ausgeweitet und zunehmend auf Dauer angelegt haben. So gaben z. B. 1999 21,1 % von ihnen an, im Sportbereich eine leitende Funktion wahrzunehmen; 2009 sind dies dann bereits 28,1 %.

Eine wesentliche Rolle bei der Frage nach dem Engagement spielt das angestrebte bzw. schon erreichte Bildungsniveau der Jugendlichen. Zwei Drittel der engagierten Jugendlichen streben ein hohes Bildungsniveau an bzw. verfügen über einen hohen Bildungsabschluss. Die Befunde erhärten die These vom zunehmenden Auseinanderdriften sozialer Milieus schon im Jugendalter. Teilhabechancen sind offenbar auch im Sport immer ungleicher zuungunsten bildungsferner Milieus verteilt.

Auffällig sind darüber hinaus die rückläufigen Engagementquoten bei den Mädchen und jungen Frauen, die ausgeprägter sind als bei den Jungen.  2009 sind nur rund ein Drittel der engagierten Jugendlichen im Sport Mädchen und zwei Drittel Jungen. 1999 betrug der Anteil der Mädchen in der Gruppe der engagierten Jugendlichen noch 37,4 %.

Weitere Ergebnisse, methodisch-theoretische Erläuterungen und praktische Ableitungen sind dem neu erschienen Band 2013/03 des Bundesinstituts für Sportwissenschaft zu entnehmen:
Braun, Sebastian (2013). Freiwilliges Engagement von Jugendlichen im Sport. Eine empirische Untersuchung auf der Basis der Freiwilligensurveys von 1999 bis 2009. Köln: Sportverlag Strauß.
 
Die Ergebnisse werden erstmalig auf dem dsj-Kongress „Junges Engagement“ von Prof. Dr. Sebastian Braun präsentiert.
Nähere Informationen zur Veranstaltung:
Termin: 06.09.2013 bis 08.09.2013
Veranstalter: Deutsche Sportjugend
Veranstaltungsort: Frankfurt/Main
Telefon: 069/6700-269
Information: www.dsj.de/handlungsfelder/junges-engagement

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19.08.2013

Die „Mitmach-Gesellschaft“

Die Wochenzeitung Das Parlament, Ausgabe 34-36 vom 19. August 2013 hat eine breit gefächerte Themenausgabe zum Bürgerengagement veröffentlicht, die hier einsehrbar ist. Im dem Leitartikel „Die Mitmach-Gesellschaft“ von Lisa Srikiow vertritt Prof. Dr. Sebastian Braun die These, dass beim bürgerschaftlichen Engagement eine Art „PISA-Effekt“ zu beobachten sei. „Engagement signalisiert immer auch die Teilhabechancen an unserer Gesellschaft. Die privilegierten und bildungsstarken Gruppen engagieren sich jedoch mehr als die ressourcenarmen. Selbst im Sport, der eigentlich als leicht zugänglich gilt, haben wir festgestellt, dass die soziale Kluft wächst“. Der Artikel ist hier online einsehbar.

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06.08.2013

Ehrenamt als Lückenbüßer

Deutsche Welle
Autor: Marco Gerbig-Fabel
Redaktion: Lina Elter

Link zum Originalbeitrag

Beim Ehrenamt fällt Kritik schwer. Niemand mag jene kritisieren, die ihre Zeit unentgeltlich in den Dienst der Gesellschaft stellen. Doch manches ehrenamtliche Projekt hilft dort, wo eigentlich der Staat zuständig ist.

In Deutschland erhält jedes fünfte Kind Sozialleistungen. Fast acht Millionen Menschen arbeiten für Niedriglöhne. Etwa 12 Millionen leben an oder unter der Armutsgrenze. So der aktuelle Armutsbericht der Bundesregierung.
Mittlerweile sind bis zu 1,5 Millionen Menschen – vor allem in den Großstädten – regelmäßig auf die Hilfsleistung der sogenannten Tafeln angewiesen. Eine Art Armenspeisung: Lebensmittelspenden werden von Ehrenamtlichen gesammelt und an Bedürftige ausgegeben.

Ehrenamt als finanzieller Vorteil für den Staat

Ehrenamtliche haben hierzulande einen guten Ruf. Da will auch die Politik nicht zurückstehen. So hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend öffentlich erklärt, das bürgerschaftliche Engagement stärken zu wollen. Das macht sich nicht nur gut in der politischen Debatte, sondern hat zudem einen enormen finanziellen Vorteil, denn in Deutschland sind allein die 16 Bundesländer mit weit über 600 Milliarden Euro verschuldet. Immer mehr Sozialleistungen gelten daher als kaum mehr finanzierbar. Das Ehrenamt kann dort aushelfen, wo der Sozialstaat seiner Verantwortung nicht gerecht wird. So wird soziale Not hier und da gelindert – kostenlos, versteht sich.

Die Tafeln sind hierfür vielleicht das prominenteste Beispiel. Vor 20 Jahren begannen einige Frauen in Berlin, nicht verbrauchte oder nicht mehr verkäufliche Lebensmittel von Restaurants, Hotels und Supermärkten einzusammeln, um damit Obdachlosen zu helfen und auf Lebensmittelverschwendung aufmerksam zu machen. Heute ist aus der Berliner Initiative eine bundesweite Organisation geworden, die von mehr als 50.000 ehrenamtlichen Helfern getragen wird. Deutschlandweit gibt es mehr als 900 Tafeln mit über 3000 Ausgabestellen, Tendenz steigend. Und es sind schon längst nicht nur Obdachlose, die mit kostenlosen Lebensmitteln unterstützt werden, sondern auch Langzeitarbeitslose, Rentner, Familien mit kleinen Einkommen. Es scheint also nicht übertrieben, wenn der Bundesverband Deutsche Tafel e.V. erklärt, seine Organisation sei "zu einer der größten sozialen Bewegungen unserer Zeit geworden."

Lob für das Almosensystem

Die Politik lobt die Leistungen der Bewegung. Und nicht wenige Politiker, ob auf Bundes- oder Länderebene, suchen die Nähe der Organisation. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit (SPD), ist Ehrenmitglied der Berliner Tafel, Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) ist die Schirmherrin der Tafeln in Deutschland. Die Christdemokratin bescheinigt der Organisation, sich einer "genialen Idee" verschrieben zu haben: "Die Tafeln sind eine helfende Hand - unaufdringlich, aber doch immer zur Stelle. Dieses Engagement ist bewundernswert".

Kritiker wie das "Kritische Aktionsbündnis 20 Jahre Tafel" betrachten die meist positive Sicht der Politik auf die Tafeln mit Besorgnis. Sie finden es beschämend, dass in einem der reichsten Länder der Welt ein solch 'mittelalterliches' Almosensystem überhaupt notwendig ist.

Luise Molling hat das "Kritische Aktionsbündnis 20 Jahre Tafel" mit gegründet. Sie weist darauf hin, dass für in Not geratene Menschen die Grenzen zwischen garantierten Rechten und einer willkürlichen Hilfe auf Almosenbasis verschwimmen: "Es kommt immer häufiger vor, dass Jobcenter auf die Tafeln verweisen, wenn das Geld nicht reicht." Das Ergebnis dieser Praxis: Rechtsansprüche würden zunehmend durch private Wohltätigkeit ersetzt. Dabei definiere das deutsche Grundgesetz, so die Politologin Molling, die Daseinsfürsorge als öffentliche Aufgabe.

Wo sich der Sozialstaat zurückzieht

Wo fängt die Verantwortung des Staates an, wo hört sie auf? Inwieweit kann und soll sie durch zivilgesellschaftliches Engagement ersetzt werden? "Über diese Fragen lässt sich vortrefflich streiten", sagt Professor Sebastian Braun, Leiter des Forschungszentrums für Bürgerschaftliches Engagement an der Humboldt Universität in Berlin. In verschiedenen staatlich unterfinanzierten Bereichen, so Braun, werden in Zukunft voraussichtlich immer mehr Menschen ehrenamtlich arbeiten – etwa bei der Betreuung in Ganztagsschulen oder in der Altenpflege. "Hier hat sich bereits in den letzten zehn Jahren eine aktive zivilgesellschaftliche Szene entwickelt."

So sammeln Schulfördervereine Spenden von Eltern oder von Unternehmen, um die Schulen besser auszustatten, etwa mit Sport- und Spielgeräten. Diese Vereine fühlen sich jedoch nicht dafür zuständig, Schulgebäude zu sanieren oder Hilfslehrer einzustellen. Sie lehnen es nachdrücklich ab, Defizite im staatlichen Bildungssystem auszugleichen. "Sie treten eher als Themenanwälte auf", sagt Braun, "die bildungsrelevante Themen auf die Agenda schulpolitischer Gestaltung platzieren wollen."

Ehrenamt als Impulsgeber für den Staat

Menschen spüren schnell und direkt, wo in ihrem Umfeld Hilfe gebraucht wird. In jüngerer Vergangenheit waren es die Jugendarbeit, Drogenbekämpfung und Aidsberatung, die ehrenamtlich begannen. Erst danach erkannte der Staat den Handlungsbedarf und wurde tätig. Die Hauptarbeit wird heute von professionell ausgebildeten Kräften getragen. Denn bettlägerige Menschen zu pflegen oder schwer erziehbare Jugendliche zu betreuen, gehört in die Hände von Fachpersonal. Ehrenamtliche Helfer sind in vielen sozialen Bereichen nur noch unterstützend tätig.

Das ist das große Potential des Ehrenamts: es schließt keine Versorgungslücken, sondern es macht sie ausfindig. Doch bei der Tafel-Bewegung ist der Impuls im ehrenamtlichen Umfeld stecken geblieben. Die Notwenigkeit der Tafeln nimmt nicht ab, im Gegenteil, das System scheint sich zu verfestigen.

Tafel-Boom - Linderung statt Lösung

Jochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel e.V., sieht die Politik in der Pflicht: "Die Hilfe der Tafeln oder gemeinnütziger Organisationen überhaupt ist kein Ersatz für sozialstaatliche Leistungen. Bürgerschaftliches Engagement entbindet den Staat nicht von der Fürsorgepflicht für seine Bewohner. Gemeinnützige Initiativen können Armut nicht beseitigen, aber bei einem Teil der Betroffenen ihre Folgen lindern. Daseinsvorsorge ist Aufgabe des Staates - und muss es bleiben."

Außer Frage steht, dass es für viele bedürftige Menschen eine Tragödie wäre, wenn es Hilfsangebote wie die der Tafeln nicht mehr gäbe. Zugleich ist es alarmierend, dass man die ehrenamtlich organisierten Tafeln überhaupt braucht. Der Erfolg der Tafeln - und anderer Hilfsorganisationen - droht am Ende sogar die Errungenschaften des Sozialstaats in Frage zu stellen. Denn das tausendfache Engagement Ehrenamtlicher hilft zwar den Betroffenen, entlastet aber auch Politik und Gesellschaft von der drängenden Aufgabe grundsätzliche Lösungen für soziale Probleme zu finden.

© 2013 Deutsche Welle

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07.07.2013

Wut-Demos wie in Brasilien sind überall möglich

Berliner Kurier vom 07. Juli 2013

Berlin – Transfers und Gehälter in zweistelliger Millionenhöhe – was sagt eigentlich ein Sportsoziologe zu diesem Finanz-Wahnsinn? KURIER-Reporter René Miller sprach darüber mit Prof. Dr. Sebastian Braun von der Humboldt-Uni Berlin.

KURIER: Warum demonstrierten in Brasilien fußballverliebte Wutbürger gegen ihren Lieblingssport für mehr soziale Gerechtigkeit?

Prof. Dr. Sebastian Braun: Sportliche Großereignisse mit ihrer medialen Massenpräsenz werden immer stärker genutzt, um auf politische und soziale Fragen aufmerksam zu machen. Das beobachten wir bei den Olympischen Spielen genauso wie bei den großen Fußball-Turnieren.

Droht das auch in Krisenländern wie Griechenland oder Spanien oder sogar in Deutschland?

So wie politische und wirtschaftliche Eliten die Aufmerksamkeit für den Spitzenfußball nutzen, um ihr Bild von einer „guten“ und „erfolgreichen“ Gesellschaft zu öffentlich zu inszenieren, nutzen zunehmend auch Bürgerinnen und Bürger dieses Gelegenheitsfenster, um ihre Gesellschaftskritik medial zu transportieren. Nicht unwahrscheinlich, dass auch in Europa dafür die Bühne von Fußball-Großereignissen weitreichender genutzt wird.

Gibt es für Sie als Soziologe eine Rechtfertigung für die Gehälter der Topstars und für die Ablösesummen?

In der Leistungsgesellschaft soll derjenige in die gesellschaftlichen Eliten aufsteigen, der es unabhängig von Geburt und anderen ererbten Eigenschaften verdient hat. Wie viel er dann für seine besondere Leistung verdienen soll, ist ebenfalls eine normative Frage, die immer aufs Neue gesellschaftlich ausgehandelt wird. Über die Bezahlung von Top-Managern in der Wirtschaft wird viel diskutiert, während im Fußball diese Diskussionen eher im Hintergrund laufen. Noch bejubeln Fans und Medien teure Stars wie Gladiatoren in der Arena. Top-Spieler sind Ikonen. Und vor allem das Fernsehen braucht Gesichter und Stars, die darüber ihren Marktwert noch steigern.

Andererseits sind mehr Profis als früher sozial aktiv. Sehen Sie darin einen tragfähigen Ausgleich oder ist das mehr Imagepflege?

Die sichtbarere Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung ist dann wertvoll, wenn damit auch langfristig zur Lösung gesellschaftlicher Probleme in Bereichen wie Bildung, Soziales, Gesundheit, Ökologie usw. beigetragen wird. Umgekehrt tut es einer Branche nicht unbedingt gut, Marketing-Strategien als gesellschaftliches Engagement umzudefinieren. Das kann von Medien und Fans schnell als „Greenwashing“ entlarvt werden.

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01.07.2013

Strukturwandel im Ehrenamt - mit "Engagement-Management" Freiwillige aktivieren und binden

Quelle: Sport in Berlin. Monatszeitschrift des Landessportbundes Berlin, Juni 2013

Thema des Monats

Von Prof. Dr. Sebastian Braun

Strukturwandel im Ehrenamt
Mit "Engagement-Management" Freiwillige aktivieren und binden

Freiwilliges und ehrenamtliches Engagement bildet eine maßgebliche ökonomische wie auch sozial-kulturelle Ressource des vereins- und verbandsorganisierten Sports in Deutschland. Die bundesweit als repräsentativ geltenden „Freiwilligensurveys“ von 1999, 2004 und 2009, die im Auftrag des Bundesfamilienministeriums von TNS Infratest Sozialforschung erhoben wurden und die wir für verschiedene sportbezogene Sonderauswertungen verwendet haben, liefern für die im Sportbereich Engagierten im Alter ab 14 Jahre vielfältige empirische Befunde. Vier Ergebnisse seien an dieser Stelle hervorgehoben:

Erstens ist im Vergleich zu allen anderen Handlungsbereichen, die im Freiwilligensurvey erhoben wurden, im Sportbereich der höchste Anteil der Bevölkerung im Alter ab 14 Jahren freiwillig und ehrenamtlich engagiert. Rund ein Zehntel der ab 14-Jährigen engagierte sich 2009 im Sportbereich, der damit deutlich vor den anderen Bereichen wie „Schule und Kindergarten“, „Kirche und Religion“ (6,9%), „Kultur und Musik“, „Soziales“ (jeweils 5,2%) oder „Freizeit und Geselligkeit“ (4,6%) rangiert.

In der Regel ist dieses Engagement im Sportbereich – zweitens – ein „vereinsgebundenes Engagement“. Jeweils rund 90% der Engagierten gaben über alle drei Messzeitpunkte an, dass der Verein den Handlungsrahmen für ihr Engagement bildete. Kein anderer Handlungsbereich konzentrierte einen vergleichbar hohen Anteil der Engagierten auf eine Organisationsform. Trotz der dynamischen Expansion und Pluralisierung der Sport- und Bewegungsarrangements gelingt es den Sportvereinen bisher offenbar relativ konstant, das „knappe Gut“ des freiwilligen Engagements an sich zu binden.

Drittens lassen sich die Daten einen sukzessiven und auffälligen Rückgang der Engagementquote im Sportbereich erkennen – und das bei einer ansonsten stabilen Engagementquote in der Bevölkerung von rund 36%. Während sich im Jahr 1999 noch 11,2% der Bevölkerung im Sportbereich engagierten und im Jahr 2004 die Quote geringfügig auf 11,1% sank, ging das Engagement im Jahr 2009 auf 10,1% zurück. Zwar könnte dieser Rückgang um rund einem Prozentpunkt gering erscheinen; hochgerechnet und in Absolutzahlen ausgedrückt bedeutet er aber Verluste im Umfang von ca. 650.000 Engagierten.

In diesem Kontext gewinnt das vierte Ergebnis an zusätzlicher Brisanz, dass sich der Anteil derjenigen Engagierten im Sportbereich deutlich reduziert hat, die in Leitungs- oder Vorstandsfunktionen tätig waren. Lag dieser Anteil 1999 noch bei 38%, so sank er bis 2009 um rund 4 Prozentpunkte. Berücksichtigt man dabei, dass die Zahl der Sportvereine in Deutschland in den letzten Jahrzehnten weiterhin gestiegen ist, dann dürfte die immer wieder betonte Sorge von Vereinsvorsitzenden an empirischer Substanz gewinnen, dass speziell die Besetzung von Leitungs- und Vorstandspositionen eine immer größere Herausforderung des vereins- und verbandsorganisierten Sports darstellt.

Diese Herausforderungen scheinen mit einem Strukturwandel des Ehrenamts zu korrespondieren, der unter begrifflichen Polarisierungen wie dem „altem“ und „neuen Ehrenamt“ grundlegende Modernisierungstendenzen im Engagement beschreibt, die wiederum Folgen für den vereins- und verbandsorganisierten Sport haben dürften. Denn der „neue Ehrenamtliche“ fragt immer wieder nach dem persönlichen Sinn und Nutzen seines freiwilligen Engagements und handelt weitaus seltener als der „alte Ehrenamtliche“ aus einer selbstverständlichen, eingelebten Gewohnheit heraus. Dieses selbstreflexive und rational motivierte Handeln macht den „neuen Ehrenamtlichen“ voraussetzungsvoller, um ihn längerfristig an einen Sportverein zu binden.

Inwieweit eine solche längerfristige Bindung gelingen wird, dürfte maßgeblich von den jeweiligen Gelegenheitsstrukturen abhängen, die für das das „neue Ehrenamt“ und das „alte Ehrenamt“ attraktiv sind. Dazu dürfte es in vielen Vereinen zweckmäßig sein, ein systematisches „Engagement-Management“ einzuführen und zu erproben, das „personalpolitische“ Elemente der Aktivierung und Lenkung systematisch mit Fragen der Bindung und Verabschiedung von Engagierten verbindet. In diesem Kontext eröffnen aktuelle engagementpolitische Diskussionen den Sportverbänden ein günstiges Zeitfenster, um unter veränderten politischen Rahmenbedingungen entsprechende Elemente einer „sportbezogenen Engagementpolitik“ weiterzuentwickeln und zu erproben.

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01.04.2013

Aktivität und Engagement Älterer im Sport - Gespräch mit Professor Sebastian Braun

Prof. Braun im Interview mit Ria Krampitz

Zur Person: Sebastian Braun ist als Universitätsprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin beschäftigt. Im Rahmen seiner wissenschaftlichen Arbeit hat er sich unter anderen mit folgenden Themen beschäftigt: Der Deutsche Olympische Sportbund in der Zivilgesellschaft. Eine sozialwissen­schaftliche Analyse zur sportbezogenen Engagementpolitik. Wiesbaden: Springer VS, und Ehrenamtliches und freiwilliges Engagement im Sport. Sportbezogene Sonderauswertung der Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009. Köln: Sportverlag Strauß.

Professor Braun, Sie haben sich in unterschiedlichen Untersuchungen auch mit der demografischen Entwicklung und dessen Auswirkungen auf den Sport beschäftigt. Welche Ergebnisse zeigen sich dabei speziell für die Beteiligung der älteren Menschen?

Wir haben uns dieser Frage ausführlich in einer umfangreicheren Untersuchung über den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) in der Zivilgesellschaft gewidmet. Dabei haben wir speziell nach den engagementpolitischen Perspektiven für ein neues Alter(n) im Sport gefragt und außerdem eine sportbezogene Sonderauswertung der Freiwilligensurveys von 1999 bis 2009 vorgenommen, die bereits dreimal im Auftrag des Bundesfamilienministeriums erhoben wurden.

Der demografische Wandel ist auch eng mit einem Strukturwandel des Alter(n)s verbunden, in zeitlicher, sachlicher, sozialer und kultureller Hinsicht. Vor diesem Hintergrund vollzieht sich auch eine Akzentverschiebung in den Debatten über bürgerschaftliches Engagement und Teilhabe älterer Menschen in Deutschland: Während lange Zeit die Sorge um eine mangelnde soziale Integration älterer Menschen im Vordergrund stand, richtet sich die Aufmerksamkeit inzwischen zunehmend auf die Leistungspotenziale älterer Menschen, auf deren gesellschaftliche „Nutzbarmachung“ und auf etwaige, daraus resultierende individuelle Vorteile für ein „erfolgreiches Altern“.

Diese Diskussionen haben in den letzten Jahrzehnten auch den vereinsorganisierten Sport erreicht und sichtbar verändert. Darauf verweisen u.a. ausgewählte Ergebnisse unserer sportbezogenen Sonderauswertung der Freiwilligensurveys von 1999 bis 2009: Zwar war und ist die Beteiligung an sportlichen Aktivitäten speziell auch im Sportverein bis heute vor allem eine Angelegenheit der Jugend und der jungen Erwachsenen. Über den betrachteten Zehnjahreszeitraum hinweg, sind es allerdings die älteren Bevölkerungsgruppen ab 60 Jahre, die die dynamischsten Zuwächse im Sportbereich verzeichnen.

Während die Aktivitätsquoten der 60- bis 69-Jährigen von 1999 bis 2009 von rund 29% auf 40% gestiegen sind, konnten die über 70-Jährigen diese Quote von etwa 17,6% auf 33,4% sogar nahezu verdoppeln. Mit dieser Entwicklung hat sich auch die Alterszusammensetzung der sportaktiven Bevölkerung verschoben: Während z.B. die über 70-Jährigen ihren Anteil von 6,0% auf 13,2% mehr als verdoppelt haben, sind insbesondere Rückgänge bei jenen Gruppen zu erkennen, die sich vielfach in der zeitintensiven beruflichen und familiären Etablierungsphase befinden dürften: bei den 20- bis 29-Jährigen, deren Anteil von 19,1% auf 13,7% gesunken ist, und die 30- bis 39-Jährigen, deren Aktivenquote von 22,7% auf 14,7% abgenommen hat. Zugespitzt könnte man formulieren: Der demografische Wandel entlässt seine „Kinder“ auch in den Raum des Sports.

Und genau darauf versuchen viele Sportverbände und ‑vereine durch ein verändertes Angebot zu reagieren, immer vorausgesetzt, der jeweils autonome Sportverein hat ein Interesse daran, neue Mitglieder zu gewinnen oder älter werdende Mitglieder auch weiterhin zu binden. Diese Angebote beziehen sich insbesondere auf Sportangebote, aber auch auf Möglichkeiten zu einem freiwilligen und ehrenamtlichen Engagement im Sportverein.

Was bedeutet das in Zahlen für das freiwillige und ehrenamtliche Engagement älterer Menschen im Sport?

Die Sonderauswertung der Freiwilligensurveys zeigt wiederum, dass der Anteil der freiwillig und ehrenamtlich Engagierten im Sportbereich in den älteren Jahrgängen seit Ende der 1990er Jahre konstant angewachsen ist. Vergleicht man exemplarisch die „Extremgruppen“ der über 70-Jährigen und der unter 19-Jährigen, dann erkennt man zwar, dass beide Gruppen im Jahr 2009 mit knapp 9% einen identischen Anteil von Engagierten im Sportbereich stellten. Bedeutsam sind in diesem Zusammenhang jedoch die Vergleichswerte aus dem Jahr 1999: Damals war der Anteil der Engagierten in der jüngsten Altersgruppe noch fast doppelt so hoch wie in der Alterstruppe „70plus“.

Interessant sind zudem weitere Detailanalysen: Erstens haben offenbar immer „ressourcenstärkere“ Gruppen von Älteren freiwillige und ehrenamtliche Engagements aufgenommen. Beispielsweise ist der Anteil der höher Qualifizierten unter den engagierten Älteren deutlich gestiegen, was nicht alleine auf das insgesamt gestiegene Bildungsniveau der heute älteren Generationen zurückzuführen ist. Zweitens engagiert sich im Zeitverlauf ein immer höherer Anteil der Älteren für die Zielgruppe der Älteren, also quasi zugunsten der Sport- und Bewegungsangebote der eigenen Generationen. Und drittens ist ein zunehmender Anteil der Engagierten grundsätzlich bereit, sein Engagement auszudehnen, sofern sich interessante Aufgaben und Tätigkeiten finden lassen. In diesem Kontext zeigt sich auch, dass die Engagementbereitschaft der über 60-Jährigen, die im Sportbereich aktiv waren, sich aber nicht freiwillig engagierten, deutlich zugenommen hat.

Die skizzierten Trends zeigen sich auch, wenn man diejenigen Engagierten in den Blick nimmt, die Leitungs- oder Vorstandsfunktionen im Sportbereich übernehmen. Bezogen auf alle Funktionsträger haben im Zehnjahreszeitraum die über 70-Jährigen ihren Anteil mehr als verdoppelt (von 5,2% auf 11,6%). Bald jeder Zweite der über 70-Jährigen, die sich 2009 freiwillig und ehrenamtlich im Sportbereich engagierten, hatte eine Leitungs- oder Vorstandsfunktion inne, eine Zunahme von fast 10 Prozentpunkten seit 1999. Demgegenüber hat sich der Anteil der 30- bis 39-Jährigen in entsprechenden Funktionen im Zehnjahresvergleich deutlich verkleinert. Hatten 1999 noch fast 40% der freiwillig und ehrenamtlich Engagierten in dieser Altersgruppe eine Leitungs- oder Vorstandsfunktion inne, so lag der entsprechende Anteil im Jahr 2009 nur noch bei 23,9%.

Haben die Sportverbände auf diese altersstrukturellen Veränderungen reagiert? Vor dem Hintergrund dieser auffälligen altersstrukturellen Veränderungen im Sport haben auch der DSB bzw. der DOSB das Thema „Ältere“ seit den 1990er Jahren immer umfangreicher aufgegriffen. Ähnlich wie in den öffentlichen Diskussionen sind auch die Dokumente der Dachverbände des deutschen Sports durch „Belastungs- und Problemperspektiven“ wie auch „Ressourcen- und Chancenperspektiven“ gekennzeichnet. Zugleich zeichnet sich im Zeitverlauf eine sukzessive Verschiebung zugunsten der „Ressourcen“ und „Chancen“ älterer Menschen im und für den vereins- und verbandsorganisierten Sport ab. Dabei betont der DOSB heute vor allem seine „gesellschaftliche Verantwortungsrolle“ und seinen Beitrag zur Gesundheitsförderung im Prozess des „erfolgreichen Alter(n)s“ durch die Schaffung geeigneter Sport- und Bewegungsangebote für Ältere.

Retrospektiv betrachtet, ist in den 1960er Jahren allerdings kaum ein spezifischeres Interesse des DSB am Thema „Senioren“ zu erkennen; und auch in den 1970er Jahren betrachtet der DSB ältere Menschen vor allem als „Problem-“ oder „Randgruppe“ des vereinsorganisierten Sports. So existierte – trotz der sportpolitischen Initiative eines „Zweiten Weges“ und verschiedenen Einzelmaßnahmen von Mitgliedsorganisationen – bis in die 1970er Jahre hinein keine tragfähige seniorensportliche Konzeption des DSB.

Erst in den 1980er Jahren entwickelte sich ein zunehmendes Interesse an der Gruppe der Älteren, das in den 1990er Jahren sukzessive in eine Zielgruppenperspektive mündete. Diese Zielgruppenperspektive, die u.a. die Potenziale des Alter(n)s für den vereinsorganisierten Sport thematisiert, wurde vor allem im Hinblick auf die aktive Sportteilnahme von Älteren und unter dem Aspekt der Gewinnung einer bis dahin stark unterrepräsentierten Mitgliedergruppe in den Sportvereinen aufgegriffen. Verbände und Vereine sollen demnach, so die primäre Sichtweise, Strukturen schaffen, um auch Älteren die Teilnahme an Sportaktivitäten zu ermöglichen, und zwar insbesondere in Sportvereinen.

Diese lange Zeit dominante „Angebotsperspektive“ wird vor allem mit der Sportpolitischen Konzeption zum Seniorensport aus dem Jahr 1997 tendenziell um eine Sichtweise über einen „Sport der Älteren“ ergänzt. Demzufolge impliziert die Einbindung älterer Menschen auch Potenziale für die Weiterentwicklung des vereins- und verbandsorganisierten Sports, etwa im Hinblick auf eine systematische Weiterentwicklung der Angebotsstruktur durch rehabilitative und präventive Sport- und Bewegungsangebote, die auch als ein Beitrag zum „erfolgreichen Alter(n)“ älterer Menschen betrachtet werden können.

In diesem Zusammenhang scheint das Arbeitsprogramm des DOSB für die Jahre 2011 bis 2014 eine eindeutige Richtung vorzugeben. Es knüpft explizit an gesellschaftliche „Potenzial- und Ressourcendebatten“ über ältere Menschen an und grenzt sich deutlich von früheren Sichtweisen auf Ältere im vereins- und verbandsorganisierten Sport ab. Ältere werden hier explizit als „Perspektivgruppe“ des vereins- und verbandsorganisierten Sports bezeichnet und Vorstellungen von Älteren als „Problemgruppe“ ausdrücklich zurückgewiesen.

Was bedeutet das für die Weiterentwicklung des Sports der Älteren?

Für die Weiterentwicklung des Handlungsfeldes „Sport der Älteren“ ist es aus unserer Sicht wichtig, die postulierten Potenziale der „Perspektivgruppe“ der Älteren unter mindestens drei Perspektiven differenzierter herauszuarbeiten: Auf der Ebene des Individuums wäre zu zeigen, welche besonderen Chancen und Vorteile, aber auch welche Herausforderungen für Ältere, mit einer Beteiligung im Sportverein verbunden sind. Auf der Ebene der Sportvereine und -verbände wäre auszudifferenzieren, welche Handlungs- und Unterstützungsbedarfe mit der Gewinnung älterer Bevölkerungsgruppen einhergehen. Auf der gesellschaftlichen Ebene wäre das besondere Leistungspotenzial des vereins- und verbandsorganisierten Sports im Hinblick auf die Ermöglichung von Engagement und Partizipation für ältere Menschen differenzierter darzustellen und öffentlich zu kommunizieren.

Vielen Dank dafür, dass Sie uns einen Einblick in Ihre wissenschaftliche Arbeit zum Thema gegeben und uns dadurch Argumentationshilfen zur Verfügung gestellt haben. Weiterhin viel Erfolg für Ihre Arbeit.

Ria Krampitz

Quelle: aktiv dabei 02/2013, Seniorenbüro der Stadt Speyer

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06.09.2012

Drei weitere Experten in Gremien berufen

Leverkusen. Das Kuratorium der Bayer Cares Foundation hat Prof. Dr. Karl Max Einhäupl in das Expertengremium für den Aspirin Sozialpreis, sowie Prof. Dr. Sebastian Braun und Maru Winnacker in den Stiftungsrat für das Bayer-Ehrenamtsprogramm berufen.

"Für uns als Förderstiftung spielen die Stiftungsräte eine entscheidende Rolle — sie helfen uns, die Projektmittel in solche Initiativen zu investieren, die tatsächlich sozialen Nutzen und gesellschaftlichen Fortschritt stiften“, erklärt Thimo V. Schmitt- Lord, Vorstand der Bayer-Stiftungen. "Die Gremien beraten bei der Lösung von Zukunftsfragen und setzen mit ihren Förderentscheidungen wichtige Impulse für die Stiftungsarbeit. Außerdem geben sie den geförderten Projekten Anerkennung und Sichtbarkeit. Deshalb sind wir froh, dass wir mit Prof. Einhäupl, Maru Winnacker und Prof. Braun weitere namhafte Experten für unsere Arbeit gewinnen konnten“, unterstreicht Schmitt-Lord.

Experten im Gesundheitswesen und aus dem sozialen Sektor

Prof. Dr. med. Karl Max Einhäupl ist seit 2008 Vorstandsvorsitzender der Charité-Universitätsmedizin in Berlin. Der gebürtige Münchner gilt als Experte im Bereich der Neurologie und wird für die kommenden fünf Jahre Mitglied in der achtköpfigen Jury des Aspirin Sozialpreises.

Die Unternehmerin Maru Winnacker ist ehrenamtliche Relationship-Managerin der Donare.de gGmbH, die unter dem Motto "Gemeinsam stark“ Bürgerprojekte in ganz Deutschland fördert.

Prof. Dr. Sebastian Braun leitet das Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement an der Humboldt-Universität zu Berlin. Mit Forschungsschwerpunkten im Bereich Zivilgesellschaft, Nonprofit- Organisationen und gesellschaftliches Unternehmensengagement gilt er als ausgewiesener Experte für innovatives Bürgerengagement.

Bayer Cares Foundation – das Leben der Mitmenschen verbessern

Mit dem Aspirin Sozialpreis zeichnet die Stiftung innovative Hilfs- und Beratungsangebote im Gesundheitswesen aus. Der Preis wird bundesweit ausgeschrieben und ist mit Preisgeldern von jährlich 35.000 Euro dotiert. Das Bayer-Ehrenamtsprogramm unterstützt Bürger, die sich in sozialen Projekten für ein besseres Leben ihrer Mitmenschen einsetzen und unsere Gesellschaft mit diesem Engagement entscheidend voranbringen. Der Stiftungsrat besteht zur Zeit aus neun Personen, denen die unabhängige Vergabe der Fördermittel von 150.000 Euro pro Jahr obliegt.

Bayer Cares Foundation

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14.08.2012

Amateurserie - Ehrenamt hat Familientradition

Der kleine Fußball ist in Deutschland riesengroß. In fast 26.000 Vereinen wird unter dem Dach des DFB Fußball gespielt, im Schnitt finden 4400 Spiele statt - pro Tag. Das Rampenlicht gehört normalerweise den Stars aus der Bundesliga, der Nationalmannschaft, den Klubs wie Bayern München, Borussia Dortmund oder Schalke 04. Die heimlichen Helden aber spielen woanders, in der Verbands-, Bezirks-, Kreisliga, auf kleinen Sportplätzen, mit hingebungsvollen Ehrenamtlichen an ihrer Seite. Sie alle haben eines gemeinsam: die Liebe zum Fußball.

Diesen heimlichen Helden widmet sich DFB.de in seiner neuen Serie. Auf der Reise durch die Republik stellt die Redaktion jeden Dienstag Amateure vor - ob aufstrebender Newcomer oder gestrauchelter Traditionsklub, ob kleiner Dorf- oder städtischer Großverein, ob Oberligist oder C-Ligist, ob Jugendspielgemeinschaft oder reine Hobbytruppe. Wir zeigen, wie besonders der deutsche Fußballalltag ist. Heute: Heiko Schwander aus dem "Club 100".

"Es wird immer schwieriger, Leute zu motivieren"

Heiko Schwander ist 55 Jahre alt, er ist Familien­vater. Und er leitet die Fußballabteilung der TSG Nie­der-Erlenbach. Die ersten Herren spielen in der Kreisliga, die TSG ist stolz auf ihre Ju­gend­arbeit, die Abteilung hat 250, der Verein im Frank­furter Norden rund 1000 Mitglieder. Beruflich be­treut Schwander die Makler und Agenten der Alten Leipziger-Halleschen Krankenversicherung. Er verwaltet die Abläufe, er leitet Schulungen, er begleitet Kunden­gespräche. Keine Frage, ein Fulltimejob und oft auch mehr.

Wenn er sagt, dass sein "ehrenamtliches Engagement nur geht, weil alle mitziehen", meint er damit in erster Linie seine Frau Heike. Für sein Engagement über Jahrzehnte zeichnet ihn der DFB aus, die Ehrung des "Club 100" findet am Mittwochmittag im Frankfurter Römer im Beisein von DFB-Präsident Wolfgang Niersbach statt. Die Entwicklung beim Ehrenamt beobachtet auch Schwander mit wachsender Sorge. Er sagt: "Es wird immer schwieriger, Leute zu motivieren. Das Dilemma ist längst an der Basis angekommen."

Noch läuft der Laden

Zwischen 2004 und 2009 verlor der Sport in Deutschland die Mitarbeit von 650.000 Ehrenamtlern. Die Erosion lässt sich genauer beschreiben. Besonders dramatisch verläuft der "brain drain", der Verlust an motivierter und unentgeltlicher Hilfe, bei den 30- bis 39-Jährigen. 1999 engagierte sich aus dieser Altersgruppe noch jeder Vierte ehrenamtlich, heute ist es nur noch jeder Zehnte.

Prof. Dr. Sebastian Braun, Sportsoziologe der Humboldt-Universität in Berlin, beschäftigt sich seit Jahren mit der Erforschung, wie ehrenamtliches Engagement in Deutschland eigentlich funktioniert. Braun sagt: "Wir beobachten einen deutlichen Rückgang, das hat nichts mit Messfehlern zu tun. Verstetigt sich diese Erosion, würde es den Fußball in seiner Vielfalt gefährden." Zu Spielausfällen oder Mannschaftsauflösungen, weil Schiedsrichter oder Trainer fehlen, kommt es noch nicht, dank des immer größeren Engagements einer schrumpfenden Gruppe. Weil viele Ehrenamtler auf Kante arbeiten, läuft der Laden. Noch.

Die TSG Nieder-Erlenbach, das ist der äußerste Norden Frankfurts. Im Kern der Bankenstadt türmen sich Glas­paläste. Teure Einkaufsmeilen und teure Autos zwängen sich durch die Wolkenkratzerschluchten. Auf den äußeren Stadtringen liegen dicht bewohnte Viertel, hier gibt es viele kleine Lädchen und fast nie einen Parkplatz. Die Heimat von Schwanders TSG ist der Norden, hier franst Frankfurt langsam aus, die Stadt geht über ins Ländliche, die Hügelketten des Taunus sind nicht mehr weit. "Die Edelpampa Frankfurts, das sind wir", sagt Schwander. "Früher wurden Geburtsurkunde und Beitrittserklärung gleichzeitig unterschrieben. Jeder aus Nieder-Erlenbach wurde Vereinsmitglied." Inzwischen hat der Stadtteil fast 6.000 Einwohner, viele Zugezogene. Schwander: "Automatisch tritt bei uns keiner mehr ein."

"Wir kämpfen ums Überleben"

Der Fußballverein ist ein Stück Familiengeschichte. 25 Jahre lang war sein Vater 2. Vorsitzender der TSG, schon der Großvater hatte den Verein als Kassierer ehrenamtlich unterstützt. Für Heiko Schwander stellte sich nie die Frage, ob er Mitglied wird. Sechs Jahre war er alt, da begann er für die TSG zu kicken, ab 1986 trainierte er die erste Mannschaft, zuerst als Spielertrainer, bis ein Kreuzbandriss ("Im Training, ohne Zweikampf, eine blöde Sache") seine aktive Zeit beendete. Die Zwillinge Yannick und Manuel kamen auf die Welt, Schwander wurde Jugendleiter. Seit fünf Jahren steht er der gesamten Abteilung vor. Leicht ist das nicht. Schwander sagt: "Wir kämpfen ums Überleben. Die Mitgliedsbeiträge sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein." Erstmals wird man keine A-Jugend stellen können.

Die Fußballabteilung ist kein Selbstläufer, sie braucht Schwanders Engagement. "Früher", sagt Professor Braun, "fühlte man sich berufen, Mitglied in einem Verein zu werden, wegen des Stadtteils, wegen der Geschichte. Heute entscheidet man strikt nach dem Nutzen – passt mir die Trainingszeit, wie weit ist meine Anfahrt." Braun differenziert "milieugebundene Sozialisation" und "biografische Passung". Im Kampf um Mitglieder und Ehrenamtler gleicht der Sportverein heute jedem anderen "Produkt". Der Wunsch nach variablen Trainingszeiten und eine im Schnitt älter werdende Gesellschaft machen es der Fußballabteilung auch nicht leichter.

Dazu Schwander: "Freeclimbing und Wandern, diese Abteilungen boomen im Verein." Dazu kommt die Krise beim Ehrenamt. Vor ein paar Jahren haben er und seine Heike angefangen, den Ausschank bei den Heimspielen selbst zu betreiben. Doch irgendwann war Schluss. "Wir wollten nicht mehr, wir konnten nicht mehr." Schwander weiß nicht, warum immer weniger Menschen ehrenamtlich tätig sind. "Vielleicht liegt es daran, dass man heutzutage beruflich so eingebunden ist."

"Klassische Vereinstätigkeit gilt als verstaubt"

Braun hat andere Erkenntnisse gewonnen. "Vor allem die vollbeschäftigten, gut gebildeten Mittelschichten engagieren sich", sagt Braun, während Arbeitslose sich, trotz vorhandener Zeitkontingente, zurückziehen. Ehrenamt, analysiert Braun, habe mit sozialer und politischer Integration zu tun. Gleichzeitig beobachtet der Soziologe etwa in seiner Heimatstadt Berlin, dass ehrenamtlicher Einsatz in manchen Schichten bei bestimmten Themen wieder sexy geworden ist. Junge Eltern etwa bringen sich bei einer Initiative des Kindergartens ein. Oft geht es um ein projektbezogenes, zeitlich eng abgestecktes Engagement. "Die klassische Vereinstätigkeit", sagt Braun, "gilt vielen als verstaubt."

Der Sportsoziologe rät Vereinen dringend, auf diesen Wandel zu reagieren. Früher, das war dauerhafte Bindung, heute und morgen, das ist ein zeitlich befristetes, pragmatisch ausgewähltes Engagement. Früher handelten Ehrenamtler ungeschult und selbstlos, manche opferten sich schier auf, heute wird vom Ehrenamt durchaus Persönlichkeitsschulung, Kompetenzerweiterung und Semi-Professionalität erwartet.

Nach ein paar Wochen kribbelt es wieder

Mag alles stimmen. Doch Heiko Schwander ist "old school", er blickt mit großer Zufriedenheit auf seine Jahrzehnte Ehrenamt bei der TSG Nieder-Erlenbach. Sein Urgroßvater, Hofgärtner beim Baron von Lerfner, war vor mehr als 100 Jahren aus der Schweiz eingewandert. Über den Fußball­verein entstand für die Schwanders von Beginn an auch ein Stück Heimat. Und Heiko Schwander wuchs mit den Aufgaben: Jugendtrainer, Jugendleiter, Abteilungsleiter. Wer weiß, vielleicht wird er noch mal Präsident.

Trotz der vielen Stunden und der eher seltenen Dankeschöns sagt Heiko Schwander: "Klar, genießt man auch mal die Sommerpause, aber nach ein paar Wochen kribbelt es dann wieder."

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26.07.2012

Streit um Gedenken bei Olympia - 40 Jahre nach dem Massaker von München

Die Olympischen Spiele in London haben begonnen. Nicht ohne Streit. Nicht nur jüdische Überlebende und Hinterbliebene des Olympia-Attentats von vor 40 Jahren in München hatten eine Gedenkminute bei der Eröffnung gefordert. Ohne Erfolg. Überlebende und Hinterbliebene des Anschlags zeigen sich bitter enttäuscht von den Olympia-Funktionären.

Zur Sendung "Politik direkt"

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30.06.2012

Hype um den Begriff Sozialkapital - Interview mit Prof. Braun

StiftungsReport 2012/2013

Interview mit Prof. Dr. Sebastian Braun, Engagementforscher und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen.

Herr Professor Braun, wie erklären Sie sich den „Hype“ um Sozialkapital?

Sozialkapital ist seit den 1990er Jahren speziell durch die Studien von Robert Putnam zu einem deutungsoffenen Begriff geworden, mit dem hohe Erwartungen an die Revitalisierung von sozialen Bindungen, Beziehungen und Netzwerken in der Bürgergesellschaft assoziiert werden, die mit ihren Ressourcen einen substanziellen Beitrag zu Demokratie und Wohlfahrt leisten könne. Die „Kapital“-Metapher fügt sich in eine immer mehr am ökonomischen Vokabular orientierte Alltagssprache ein und thematisiert auf metaphorische Weise die „Rentabilität“ von nicht-monetarisierten Formen des sozialen Zusammenlebens. Das weckte auch im politischen Raum die Vorstellung, es gäbe in Zeiten leerer öffentlicher Kassen ein kostenloses Kapital zur Lösung politischer, sozialer und wirtschaftlicher Probleme.

Ist es tatsächlich so einfach: Mehr Vereine gleich mehr Sozialkapital?

Nein, das ist eine zu simple Gleichung.Vereine werden zumeist in unspezifischer Form als „Generatoren“ oder „Katalysatoren“ von Sozialkapital beschrieben. Die komplizierten Zusammenhänge zwischen der Struktur von Vereinen und z.B. der Entstehung von Vertrauen, Normen, Bürgerkompetenzen oder sozialen Netzwerken der Mitglieder sind hingegen bislang nicht zu einem eigenen Untersuchungsschwerpunkt der Sozialkapital-Forschung gemacht worden. So wären etwa die traditionsreichen und immer wieder von neuem formulierten Vorstellungen über Vereine als „Schulen der Demokratie“ genau zu prüfen.

Dann sind Vereine keine „Schulen der Demokratie“?

So würde ich das nicht sagen, es kommt darauf an, wie man den Demokratiebegriff im Hinblick auf Vereine spezifiziert. Unsere Forschungsergebnisse zeigen zumindest aber, dass z.B. aus einem vereinsbezogenen Gruppenvertrauen nicht automatisch ein generalisiertes Vertrauen in Demokratie und Gesellschaft entsteht. Gleichwohl finden Menschen in Vereinen auf kommunaler Ebene Plattformen, um gemeinwohlförderliche Handlungsdispositionen ausleben zu können, die durchaus auch nochmal im Verein verstärkt werden können.

Was hat der Begriff Sozialkapital denn tatsächlich geleistet?

Er hat Debatten wissenschaftlich und politisch salonfähig gemacht, die bis dahin ein eher stiefmütterliches Dasein führten. Nur relativ wenige diskutierten in Deutschland – und auch international – über Vereine, Ehrenamtlichkeit, freiwilliges Engagement, aber auch Stiftungen oder Verbände. Insofern ist der Sozialkapital-Begriff durch Putnams inspirierende Arbeiten in zahlreiche Wissenschaftsdisziplinen und -forschungsrichtungen eingebunden worden, womit auch den vielschichtigen Debatten über Struktur und Formen der Zivilgesellschaft Impulse verliehen wurden. Das ist eine wertvolle Leistung.

Bundesverband Deutscher Stiftungen (Hrsg.). (2012). Auftrag Nachhaltigkeit: Wie Stiftungen den sozialen Zusammenhalt stärken.

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15.06.2012

Engagement sollte zum Unternehmen passen

Wirtschaftliche Profitabilität, ökologische Nachhaltigkeit, soziales Engagement– das sind die Anforderungen, die heute an ein kluges Unternehmertum gestellt werden. Professor Dr. Sebastian Braun, Humboldt-Universität Berlin, über die Bedeutung von CSR in der Wirtschaft und das passende Tätigkeitsfeld für Unternehmen.

Herr Professor Dr. Braun, warum ist es wichtig, dass Unternehmen Verantwortung übernehmen und sich fürs Gemeinwohl engagieren?

Die Gründe sind natürlich vielfältig und vielschichtig. Um nur zwei Aspekte zu nennen: Auf der einen Seite geht die Zeit expandierender nationaler Sozialstaaten auf Basis stetiger Einnahmezu-wächse sukzessive zu Ende. Aktuelle sozialpolitische Diskussionen konzentrieren sich vor allem auf die Selbstbegrenzung des Sozialstaates auf originäre Kernaufgaben. Gleichzeitig begeben sich Bund, Länder und Kommunen auf die Suche nach privaten Akteuren für Aufgabengebiete, aus denen sie sich zurückziehen. Erwartungen richten sich dabei zunehmend an Unternehmen, die sich mit Anforderungen konfrontiert sehen, ihre eigenen sozialen, kulturellen und ökologischen Grundlagen erfolgreichen wirtschaftlichen Handelns zu reproduzieren. Dieses Argument betont also eine Neujustierung der in Deutschland etablierten Aufgabenteilung bzw. des „Wohlfahrtsmix“ zwischen Staat, Wirtschaft, Nonprofit-Sektor und Privathaushalten.

Nach Gewinn streben und sich trotzdem sinnvoll für die Gesellschaft einsetzen. Sehen Sie darin einen Widerspruch?

Nein. Ausgleichende Grundpositionen versuchen, den scheinbaren Gegensatz zwischen Gewinn und Moral im gesellschaftlichen Unternehmensengagement aufzuheben. Dabei wird verant-wortungsvolles unternehmerisches Handeln als integraler Bestandteil des Strebens nach unterneh-merischer Gewinnmaximierung konzipiert. Betont wird der potenzielle Nutzen, den Unternehmen aus unternehmerischer Verantwortung ziehen können, so dass gesellschaftliches Engagement als eine Investition in Vermögenswerte der Unternehmen interpretiert wird.

Was verstehen Sie denn dann in Ihren Arbeiten unter einem gesellschaftlichen Engagement von Unternehmen?

Das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen ist ein gemeinnütziges und kontinuierliches Engagement in der sozialen und/oder natürlichen Umwelt, das freiwillig erbracht wird, über den engen Unternehmenszweck hinausgeht, aber in Bezug zu Unternehmenstätigkeit und Kernkompe-tenzen des Unternehmens steht. Im Zentrum steht dabei die Intention, einen Beitrag zur gesell-schaftlichen Problemlösung mit Hilfe unterschiedlicher Unternehmensressourcen zu leisten, wobei der mittel- und langfristige unternehmerische Nutzen gleichberechtigt neben dem gesellschaftlichen Nutzen steht.

Warum ist beim gesellschaftlichen Engagement der Bezug zur Unternehmenstätigkeit wichtig

Der Bezug zur Unternehmenstätigkeit ist einerseits unternehmensstrategisch bedeutsam, weil nur so ein Nutzen für das Unternehmen im Sinne von Win-win-Konstellationen realisierbar ist. Ande-rerseits ist dieser Bezug bedeutsam, weil sich das Unternehmen mit seinen spezifischen (Kern-) Kompetenzen in gesellschaftlichen Handlungsfeldern wie zum Beispiel Bildung, Sport oder Integration engagiert. Der Bezug zur Kernkompetenz ist mindestens aus drei Gründen wichtig: der Kosteneffizienz, des Humankapitals und der Kommunikation. So macht es einen Unterschied, ob Beschäftigte einer IT-Firma den PC-Pool einer Berufsschule verbessern oder mit dem gleichen Zeitaufwand versuchen, das Mini-Fußballfeld auf dem Schulhof zu verschönern. Zugleich dürften die Beschäftigten bei der technischen Optimierung des PC-Pools beruflich verwertbarere Erfahrungen sammeln, als bei der Sanierung des Fußballfeldes. Schließlich erleichtert die Arbeit am PC-Pool der Schule auch die externe Kommunikation über das Unternehmensengagement, da es exemplarisch für das Kerngeschäft steht. Kurzum: Der Bezug zur Kernkompetenz ist unter unternehmensstrategischen Gesichtspunkten bedeutsam, weil so eine Win-Win-Situation für die Gesellschaft und das Unternehmen erzielt werden kann.

Ist es nicht auch ein Risiko, sich jenseits des eigentlichen Kerngeschäfts in gesellschaftliche Aufgaben einzubringen?

Ein gesellschaftliches Engagement eröffnet Unternehmen gesellschaftliche Beteiligungsmög-lichkeiten in selbst gewählten Engagementfeldern und –projekten. Dieses selbst gewählte Unter-nehmensengagement ist vielfach verbunden mit Unsicherheiten und besonderen Herausforderun-gen, denn Unternehmen müssen versuchen, jenseits des Wirtschaftssystems unternehmensstrategisch ausgerichtete Gesellschaftspolitik in den sozialen, pädagogischen, kulturellen, ökologischen oder sportlichen Handlungsfeldern mitten in den Handlungsdomänen von Nonprofit-Organisationen zu betreiben. Da sie das jenseits ihres wirtschaftlichen Kerngeschäfts quasi als Laien tun, besteht immer auch ein latentes Risiko des Scheiterns, aber auch die Chance auf befremdliche und irritierende Erfahrungen. Diese Erfahrungen können wiederum eine Basis für produktions- und organisationsbezogene Innovationen sein.

Wie gelingt es Unternehmen, das passende Betätigungsfeld zu finden und wie können sich auch kleine und mittlere Firmen einbringen?

Vor allem sollte die Experten-Rolle von Nonprofit-Organisationen wie Verbänden, Vereinen, NGOs genutzt und ernst genommen werden, denn sie verfügen vielfach weitaus umfangreicher als Unternehmen über die Expertise im Hinblick auf gesellschaftspolitische Handlungsbedarfe in unter-schiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und können Unternehmen neuartige Handlungsansätze benennen, um in Kooperationsprojekten zur gesellschaftlichen Problemlösung beizutragen. In die-sem Kontext dürfte auch die Rolle von ‚Mittlerorganisationen‘ zunehmend an Bedeutung gewinnen, um ggf. vorhandene Anpassungsprobleme zwischen den sehr unterschiedlichen Organisationsformen zu bearbeiten.

CSR-Checkliste Das Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement der Humboldt-Universität Berlin hat zehn Regeln für das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen aufgestellt:

  • Engagement-Philosophie leben
  • Ideen zu Visionen und Zielen entwickeln
  • Strategisch denken und langfristig planen
  • Maßnahmen und Ressourcen abgleichen
  • Transparenz nach innen und außen zeigen
  • Personal einbeziehen und das „Neue Ehrenamt“ motivieren
  • Kooperationen erschließen und Potenziale gewinnen
  • Sozialkapital aufbauen und nutzen
  • Erreichtes kritisch bewerten
  • Engagement kommunizieren

Autorin: Silke Goller (Ostfälische Wirtschaft - Magazin der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielfeld 06/2012)

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01.04.2012

Prof. Braun wurde für das fünfköpfige Experten-Gremium von „Deutschland rundet auf“ benannt

Prof. Dr. Sebastian Braun ist für das fünfköpfige Experten-Gremium von „Deutschland rundet auf“ benannt worden. „Deutschland rundet auf“ ist eine unabhängige gemeinnützige Organisation, die zur nachhaltigen Lösung gesellschaftlicher Probleme durch die Förderung sozialer Projektein Deutschland beitragen möchte.

Die entsprechenden Spendengelder kommen über die Zusammenarbeit mit deutschen Handelsunternehmen zustande. Dabei könnenKunden Endrechnungsbeträge bei Bar- und Kartenzahlungen an der Kasse durch den einfachen Hinweis „Aufrunden bitte!“ um maximal zehn Cent aufrunden. Der Aufrundungsbetrag stellt den Spendenbetrag dar.

Ein hochkarätiges Kuratorium entscheidet auf Empfehlung ausgewiesener und unabhängiger Experten über die Vergabe der Spendengelder. Die Verwendung der Mittel und deren Wirkung werden öffentlich auf der Webseite unter www.deutschland-rundet-auf.de dokumentiert.

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17.01.2012

Bundesverband Deutscher Stiftungen 01/2012

Berlin, 17. Januar 2012. Wenn es um Bildung und Teilhabe von bedürftigen Kindern und Jugendlichen geht, ist primär der Staat gefordert. Stiftungen wollen den Staat bei dieser Mammutaufgabe nur ergänzen, um so zusätzliche Chancen zu eröffnen. Was fehlt, ist eine bessere Koordinierung dieses privaten Zusatzengagements mit den staatlichen Bemühungen, damit aus dem Nebeneinander ein abgestimmtes Miteinander wird. Dies ist das zentrale Ergebnis der heute vom Bundesverband Deutscher Stiftungen vorgestellten Studie "Stiftungen und Teilhabe von Kindern und Jugendlichen". Kern der Untersuchung ist eine Online-Befragung unter mehr als 550 Stiftungen aus den Bereichen Bildung und Soziales, die Kinder und Jugendliche fördern.

Vor einem Jahr ist das Bildungs- und Teilhabepaket für bedürftige Kinder in Kraft getreten. Es folgte einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Februar 2010, nach dem Bildung und Teilhabe zum Existenzminimum gehören. 2,5 Millionen Kinder aus Geringverdienerfamilien haben nun einen Rechtsanspruch aufs Mitmachen: ob Klassenausflüge oder Sportverein , ob Mittagessen oder Lernförderung. Über die Umsetzung des Paketes und die Kooperation mit Stiftungen sprach die Bundesministerin für Arbeit und Soziales Ursula von der Leyen heute mit mehr als 40 Stiftungsvertretern im Haus Deutscher Stiftungen in Berlin.

Was aus der Sicht von Stiftungen zum Gelingen des Pakets beiträgt Gemäß der Studie wünschen sich die Stiftungen umfassender über die Umsetzung des Bildungs- und Teilhabepakets aufgeklärt zu werden. 75 Prozent der befragten Stiftungen fühlten sich bisher nicht ausreichend von staatlicher Seite informiert. Weitere Kritikpunkte der Stiftungen sind der bürokratische Aufwand sowie die mangelnde Verbindung mit bestehenden Angeboten. Immerhin jede zehnte Stiftung hat bereits Schritte in Bezug auf das Bildungs- und Teilhabepaket unternommen, z. B. Kooperationen eingeleitet oder Projekte in Gang gesetzt. Knapp drei Viertel (73,8 Prozent) der Stiftungen können sich vorstellen, ihr Engagement auf den Themengebieten Musik, Theater und Kunst im Sinne der Teilhabe benachteiligter Kinder auszuweiten.

"Angesichts des demografischen Wandels und des verschärften globalen Wettbewerbs um die schlauesten Köpfe können wir es uns nicht leisten, Kinder nur unzureichend zu fördern und zu unterstützen. Die Rezepte für die Verbesserung der Teilhabe- und Bildungschancen sind bekannt. Jetzt kommt es darauf an, gute Umsetzungsbeispiele durch systematischen Projekttransfer und entsprechende Evaluationsmaßnahmen bundesweit auf den Weg zu bringen. Auch sollte neben der Förderung innovativer Projekte eine dauerhafte und institutionalisierte Förderung als Basis für den Erfolg solcher Projekte wieder stärker in den Blick geraten", so Prof. Dr. Sebastian Braun, Leiter des Forschungszentrums für Bürgerschaftliches Engagement an der Humboldt-Universität zu Berlin und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Der Beirat hat anläßlich dieser Studie erstmals Empfehlungen entwickelt, die an den Staat, an Stiftungen und weitere Akteure des Dritten Sektors gerichtet sind. Die Empfehlungen sollen die Teilhabechancen von Kindern und Jugendlichen verbessern.

Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen:

  • Prof. Dr. Sebastian Braun, Leiter des Forschungszentrums für Bürgerschaftliches Engagement an der Humboldt-Universität zu Berlin
  • Prof. Dr. Rainer Hüttemann, geschäftsführender Direktor des Instituts für Steuerrecht der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
  • Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué, Inhaber des Lehrstuhls für Internationale Wirtschaft und Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
  • Prof. Dr. Berit Sandberg, Professorin für Public und Nonprofit-Management an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin
  • Bundesverband Deutscher Stiftungen
    Als unabhängiger Dachverband vertritt der Bundesverband Deutscher Stiftungen die Interessen der Stiftungen in Deutschland. Der größte Stiftungsverband in Europa hat über 3.700 Mitglieder; über Stiftungsverwaltungen sind ihm mehr als 7.000 Stiftungen mitgliedschaftlich verbunden. Damit repräsentiert der Dachverband rund drei Viertel des deutschen Stiftungsvermögens in Höhe von mehr als 100 Milliarden Euro.

Quelle: www.stiftungen.org / Bundesverband Deutscher Stiftungen

© 2012 Bundesverband Deutscher Stiftungen

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13.09.2011

Ein Wutschrei mit Nachhall

Es ist sehr schnell gegangen damals. Am 6. September vergangenen Jahres stellte die Deutsche Flugsicherung; ihre Routenvorschläge für Maschinen vor, die künftig den neuen Großflughafen in Schönefeld an- und von ihm abfliegen. Marela Bone-Winkel erfuhr am selben Tag aus dem Radio davon, sah später die Karten in der Zeitung - genauso wie die meisten BügerInnen. Spontan dachte die Unternehmensberaterin aus Nikolassee, dass „man da etwas machen müsse“: Zwei Tage später gründete sie die erste Bürgerinitiative gegen Fluglärm. Einen Monat später waren es an die 30 Aktionsgruppen, und Bone-Winkel wurde von einer Tageszeitung zur „Mutter des Flugrouten-Protests" gekürt. Das Thema sollte monatelang die Medien beherrschen: Berlin hatte sein Stuttgart 21. Doch während der umstrittene Bahnhof im Süden wohl doch gebaut wird, erreichten die protestierenden Südberliner und Potsdamer eine weitreichende Änderung der Routen: Der Aufschrei der „Wutbürger“ war äußerst effizient.

„Die Gesellschaft ist protestfähiger geworden jenseits der etablierten Strukturen von Parteien und Verände“, stellt Sebastian Braun von der Humboldt-Universität fest. Der Professor beschäftigt sichseit Jahren mit der Bürgergesellschaft. Von früheren Bewegungen unterscheiden sich die neuen Protestierer nach Ansicht Brauns vor allem durch ihr Wissen: „Bildung ist einer der wichtigsten Indikatoren, der bürgerschaftliches Engagement beeinflusst." Dazu kämen die Möglichkeiten von Internet, Twitter und anderer Onlineplattformen - die Organisation seiviel leichter als noch vor zehn Jahren. Die Politikwissenschaftlerin Margit Mayer verweistdarauf, dass sich mit Bürgerbewegungen wie Stuttgart 21 die aufmuckenden Gruppen grundsätzlich geändert hätten – auch in Berlin. „Sie kommen nicht mehr nur aus den linken Nischen, sondern auch aus Milieus, die ihr politisches Engagement vorher eher auf die Wahlen beschränkten", sagt die Professorin am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der Freien Universität.Damit gehe es auch um eine ganz andere Wählerklientel, nämlich die aus dem konservativen Spektrum und der Mitte.

Tatsächlich stellten Studierende der Universität Göttingen fest, dass mehr als 80 Prozent der Flugrouten-Protestler mindestens die Fachhochschule abgeschlossen haben. Fast zwei Drittel haben demnach ein monatliches Nettohaushaltseinkommen von 2.600 Euro. Die Studierenden befragten im Frühsommer mehr als 1.000 Flugroutengegner. Marla Bone-Winkel sagt, sie habe die Vorstellung empört, über dem Haus ihrer Familie mit den vier Kindern künftig permanent Flugzeuge ertragen zu müssen. Dazu kam das Unbehagen, dass die regionalen Politikerwohl schon viel früher von dem wussten, was hernach als Überraschung präsentiert wurde. „Dass das so eine Dynamik kriegt und zeitintensiv wird, hätte ich selbst nicht gedacht.“

Bone-Winkel hatte nach wenigen Tagen die richtigen Anwälte und Fluglärmexperten hinter sich und einen direkten Draht zu den Politikern auf Bezirks- und Landesebene aufgebaut -.eine Organisation, die protestierenden Flughafenanrainern in Brandenburg jahrelang nicht gelungen war. Ein Beispiel: Am Samstag vor den wichtigen Fluglärmkommissionssitzungen sperrte der Zehlendorfer Bürgermeister Norbert Kopp (CDU) sein Rathaus auf und stimmte das Vorgehen in der Kommission mit Bürgervertretern und Kollegen aus Nachbarbezirken ab.
Die Wissenschaftlerin Mayer sieht dieses Engagement zwar nüchtern: „Man möchte als Politiker wiedergewählt werden.“ In Baden-Württemberg habe sich gezeigt, dass bürgerlicher Protest eine ganze, traditionelle verankerte Landesregierung zu Fall bringen könnte.

Doch schafften Gesten wie die von Bürgermeister Kopp Vertrauen in einem von Misstrauen geprägten System: In einer Befragung der Universität Göttingen äußerten 60 Prozent der Flugroutengegner Unzufriedenheit mit der Demokratie, wie sie derzeit in Deutschland funktioniert - dabei glauben genauso viele grundsätzlichan ein demokratisches System. In die etablierten Parteien und Politiker auf Bundes- und Landesebenehaben der Erhebung zufolge gar an die 90 Prozent kaum mehr Vertrauen. „Viele fühlen sich mehr als Stimmvieh der Parteien und Politiker denn als ernst genommene und einbezogene Bürger“, heißt es in der Studie.

Für Bone-Winkel war die Erfahrung neu, Lokalpolitiker als „zuverlässige Partner“ kennenzulernen. Sie habe darüber hinaus erlebt, dass Demokratie auch fordere. Nur das Kreuzchen auf dem Zettel machen alle paar Jahre, das reiche nicht, sagt die eloquente Frau, die inzwischen so manche Talkshow aufmischt. Bone-Winkel sieht zudem in der Glaubwürdigkeit auch auf Bürgerseite einen Schlüssel zum Protesterfolg. Anders als manches frühere Bündnis stellte die Initiative „Keine Flugrouten über Berlin“ nie den Standort des Flughafens in Schönefeld infrage. Es ging stets darum, bei der AuswahlderFlugroutenso wenig Menschen wiemöglichzu belasten und offenzu informieren. Dieses Maximum war ein Dreivierteljahr später erreicht: Flugsicherung und Kommission einigten sich auf einen Entwurf, der den Lärm im Westen des Airports mindert und bestmöglich verteilt.

Seitdem ist es ruhiger geworden um Bone-Winkel. Ab und zu wird sie als „Bürgerstimme“ im Wahlkampf angefragt. Die Bürgerinitiative trifft sich noch, hält den Kontakt, allerdings in größeren Abständen. Die Unternehmensberaterin Bone-Winkel entwickeltIdeen für neue Projekte. Aus ihrem Job sei sie gewohnt, dass Dinge abgeschlossen werden. Ähnlich hatte sich zuvor auch die treibende Kraft der Potsdamer Flugroutengegner, Markus Peichl, geäußert.

Ziel erreicht; Engagement vorbei? Der Soziologe Braun gibt zu bedenken, dass bei den neuen Protestformen genau zwischen Eigennutz und Gemeinwohl unterschieden werden müsse. Die wenigsten Wutbürger agierten selbstlos. Bone-Winkel hingegen sagt: „Eigennutz verselbstständigt sich - die meisten Stiftungen zum Beispiel werden von Menschen gegründet, die selbst irgendwie betroffen sind." In der Göttinger Untersuchung hatten die Befragten ihre Aktivität unisono als taugliches Mittel erklärt, um auf die Entwicklung des Flughafenbaus Einfluss zu nehmen.

Wissenschaftler bezweifeln indes, dass sich durch den Berliner Wutschrei die politische Kultur im Land nachhaltig ändert. „Deutschland hat einen ausgeprägt autoritären historischen Hintergrund, das wirkt auf beiden Seiten nach“, sagt Margit Mayer. Transparenz werde wohl nur dank kontinuierlichem Druck und weiterer bürgerschaftlicher Begleitung möglich.

Herausforderungen wie die Eurokrise seien hingegen zu abstrakt, sagt Mayer. Protest richte sich gegen etwas konkret Drohendes, in der Regel in der eigenen Stadt. Der Traum von der Stadt mit gleichberechtigten Bürgern werde wohl eine Idealvorstellung bleiben, sagt sie. „Wutbürgertum führt noch lange nicht dazu, dass die Stadt für alle gerechter wird.“

Autorin: Von Kristina Pezzei (TAZ, Dienstag, 13.September 2011, S. 23)

© 2011 TAZ

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03.08.2011

Do it yourself - Mitmachbürger an die Macht

Wer sich engagiert, will auch mitreden, Das stellt Politik und Verwaltung vor ganz neue Herausforderungen. Die FTD beleuchtet das Phänomen in einer Serie.

Sie betreiben Bibliotheken und hecken Bebauungspläne aus, sie gründen Energieversorger und stiften Schulen: Immer mehr Bürger wollen sich nicht damit abfinden, dass ihre Kommunen kein Geld für dringende Aufgaben haben, und immer mehr Bürger wollen selbst bei Entscheidungen mitreden.
Die neue Art von Mitmachbürgern bringt nicht nur Zeit und Engagement ein, sondern auch Wissen und politischen Gestaltungswillen. Eine neue Schicht von Ehrenamtlichen wächst heran, die mit den hergebrachten Freiwilligen in Sportverein, Kirche und freiwilliger Feuerwehr nur noch die Bezeichnung gemein hat. Sie übernehmen Aufgaben, die vor wenigen Jahren noch selbstverständlich Sache des Staates waren.

Prominentestes Beispiel sind die "Wutbürger" aus Stuttgart. Als Protestbewegung gegen das Tiefbahnhofprojekt S21 brachten sie es bis zum Wort des Jahres. Doch dagegen sein ist nur ein kleiner Teil dessen, was die S21-Gegner umtreibt: Das Aktionsbündnis gegen S21 ist eine große, kenntnisreiche Selbstmachbewegung. In penibler Detailarbeit haben die Beteiligten das Gegenprojekt K21 geplant, mit dem der bestehende Kopfbahnhof zukunftstauglich ausgebaut werden soll, und sich dabei tief in die Feinheiten der Eisenbahnplanung eingearbeitet. Das mussten während des Schlichtungsverfahrens sogar ihre politischen Gegner widerwillig anerkennen.

Längst sind es nicht mehr nur Bürgerinititativen aus dem angestammten alternativen Milieu oder staatskritische Linke, die für Basisbeteiligung und Mitspracherechte kämpfen. Die neue Bürgerbewegung ist unabhängig von politischen Farbenspielen. Spätestens seit der Finanzkrise hat der Glaube, der Markt könne alles richten, auch bei kapitalismustreuen Bürgern abgedankt. Auf der Suche nach dem dritten Weg zwischen einem notorisch klammen Staat und einem unberechenbaren Markt kommen links und rechts zu dem gleichen Schluss: Die Bürger müssen die Sache selbst in die Hand nehmen - wenigstens in ihrem direkten Umfeld.

Das Internet tut ein Übriges: Es vernetzt Bürger, macht ihnen Informationen zugänglich, die früher unerreichbar waren, und vor allem: Es zeigt, wie kreativ und kenntnisreich interessierte Bürger sein können, wenn man sie nur lässt.

Das Phänomen bewegt inzwischen auch die politischen Parteien, wenn auch mit Zeitverzögerung. Aufmerksam registrieren die Parteizentralen von SPD, CDU und FDP, dass derzeit nur eine einzige Partei Mitglieder hinzugewinnt: die Grünen, bei denen Basisbeteiligung zum Gencode gehört. Die SPD überlegt, ihre Kandidaten für Wahlämter in Zukunft auch von Nichtmitgliedern küren zu lassen, die CDU plant für ihren nächsten Parteitag Debatten in Kleinforen statt Dauerberieselung vom Podium.
Doch umsonst ist das Engagement der Bürger nicht zu haben. Das können die Parteien bei vielen Kommunen sehen. Städte und Gemeinden neigen dazu, Freiwillige als Ausputzer für ihre Finanzprobleme einfach einzuplanen. Die Politik dürfe das Ehrenamt nicht überfordern, indem sie es mal zum Mittel gegen das Demokratiedefizit erklärt und mal zum Mittel gegen die Finanznot oder die alternde Gesellschaft, warnt Sebastian Braun, Professor für bürgerschaftliches Engagement an der Humboldt-Universität in Berlin.
Fast jede Stadt, die auf sich hält, hat ein Referat, eine Kontaktstelle oder wenigstens eine Ehrennadel für Bürgerengagement. Doch die Veränderung geht tiefer: Die traditionellen politischen Entscheidungsstrukturen stehen infrage. Engagierte Bürger wollen mitentscheiden, und das nicht nur bei ihrem eigenen Projekt, sondern etwa auch beim kommunalen Haushalt. Das ist eine Herausforderung für die kommunale Verwaltung.

"Eine grundsätzliche Neubewertung der ,aktiven Bürgerschaft‘ würde Staat und Verwaltung zwingen, gewohnte Positionen zu überdenken und möglicherweise aufzugeben", sagt Braun. Darin liegt auch eine Herausforderung für die Demokratie. Denn die Bürger, die sich einbringen und Mitsprache einfordern, sind gewöhnlich keineswegs repräsentativ für die Wählerschaft insgesamt.

Autorin: Ulrike Sosalla  Berlin

Aus der FTD vom 03.08.2011
© 2011 Financial Times Deutschland

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08.07.2011

Kann man von Birgit Prinz lernen - Vorbildcharakter im Sport

RBB INFOradio 07/2011

Das Radio-Interview mit Professor Sebastian Braun steht zum Download für Sie bereit.

Interview

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06.06.2011

Der Sport sollte seine Expertise nutzen

Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB) 06/2011

 

Der Berliner Professor Sebastian Braun, Fachmann für gesellschaftliches Unternehmensengagement, über Theorie und Praxis in der beruflichen Förderung von Migranten mit Hilfe der Wirtschaft.

Herr Professor Braun, Kooperationen zwischen Sport und Wirtschaft zur beruflichen Integration von Migranten/innen und sozial Benachteiligten beschränken sich bisher auf die lokale Ebene, Projekte im regionalen oder gar nationalen Rahmen fehlen. Warum ist das so?

Das Gefühl der Wirtschaft für ein strategisch und nachhaltig angelegtes Engagement in der Gesellschaft entwickelt sich erst allmählich. Unternehmen thematisieren Sport nach wie vor in der Regel als Sponsoring, während sie bei gesellschaftlicher Verantwortung eher an Ökologie oder Soziales denken. Das sind vielfach noch zwei verschiedene Ebenen, auch in der innerbetrieblichen Organisation.

Einige Unternehmen verbinden doch schon Sport und Verantwortung, und der Trend ist in vollem Gange.

Sicher gibt es Schnittstellen und Assoziationen zwischen Sport und Bewegung einerseits und gesellschaftlichen Herausforderungen andererseits – wenn etwa Coca-Cola ein Projekt wie „Deutschlands aktivste Stadt“ fördert, dann betont es öffentlich seine Absicht, gesellschaftspolitische Mitverantwortung für einen gesunden Lebensstil der Bevölkerung zu übernehmen. Aber um die Themen Sport und berufliche Integration von Migranten zu verbinden, müssen die meisten Unternehmen schon einen sehr weiten Bogen schlagen.

 

Jeder weiß, dass junge Menschen mit Migrationshintergrund von Arbeitslosigkeit besonders betroffen sind. Zugleich gilt der Sport als geeignete Plattform, um diese Menschen zu erreichen. Reicht das nicht als Bewusstseinsbasis?

Grundsätzlich kann es für Unternehmen mit einem interkulturellen Anspruch – ob in der Personalpolitik oder der Produktpalette - attraktiv sein, jungen Menschen mit Migrationshintergrund Praktika oder Ausbildungsplätze anzubieten. Aber es ist bislang nicht der nahe liegendste Gedanke für Entscheider, dann auf den Sport zu kommen. Zwar sehen viele den Sportverein als eine relativ leicht zugängliche und attraktive Organisation vor Ort, die gerade sozial benachteiligte Jugendliche und vor allem männliche Heranwachsende anspricht. Aber nach meiner Erfahrung ist das Verständnis der Wirtschaft für die "gesellschaftlichen" Funktionen der Sportvereine begrenzt und nur bei einzelnen Experten in manchen Konzernen differenzierter bekannt. Das Gros assoziiert damit Ideen, die gängigerweise dem Sportsponsoring zugrunde liegen: Leistung, Dynamik, Bewegung oder einfach nur Sportlichkeit.

 

Einige Verbände und Stützpunktvereine des Programms Integration durch Sport engagieren sich schon für die berufliche Integration sozial Benachteiligter, zum Teil unter Beteiligung von Firmen, die dann zum Beispiel junge Vereinsmitglieder ausbilden. Warum lassen sich Unternehmen in solchen Fällen überzeugen?

Auf der kommunalen Ebene funktioniert so etwas grundsätzlich leichter. Es besteht mitunter eine enge Verbindung zwischen Entscheidungsträgern in Wirtschaft, Sport, Politik und Verwaltung, und der Weg zwischen dem Verein, anderen sozialen Trägern, Schulen oder Jobcentern kann kurz sein. Vermutlich werden das allerdings keine vom Unternehmen konzeptionell unterlegten Projekte sein, also nicht im Rahmen eines Engagements stattfinden, das die nachhaltige Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen anstrebt.

 

Was kann der Sport tun, um das Thema in diesem strategischen Sinne attraktiv zu machen?

Er sollte sich die Ausgangsposition vieler Unternehmen vergegenwärtigen, die im Feld der Integrationsarbeit jenseits ihres Kerngeschäfts, quasi als Laien unterwegs sind. Ihr Engagement im Sport konzentriert sich auf ein Reit- und Springturnier oder ein Trikotsponsoring. Man muss ihnen verständlich machen, dass der Sport und seine Organisationen Partner sein können, um soziale Verantwortung anders zu leben. Und am besten machen Sie das mit konkreten Anschlussofferten.

 

Was meinen Sie damit?

Es geht im Kern um die Idee einer „partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Unternehmensbürgern“ – ähnlich der bestehenden „partnerschaftlichen Zusammenarbeit“ mit dem Staat. Der Sport bräuchte ein Konzept der Zusammenarbeit mit diesen „Corporate Citizens“, wie es in der anglo-amerikanischen Debatte heißt, in dem er zeigt, was Unternehmen auf sozialen Handlungsfeldern tun können und welche Vorteile sie davon haben. So ein Konzept sollte nicht nur allgemeine, politische Aussagen enthalten, sondern auch Handlungsvorschläge unterbreiten und praktische Programme vorstellen.

 

Wie gesagt: Einige IdS-Akteure sind bereits in die berufliche Förderung von Migranten eingebunden. Ohne Eigenwerbung betreiben zu wollen: Ließe sich daraus so eine Anschlussofferte entwickeln?

Sicherlich ist es von Vorteil, wenn solche Netzwerke schon bestehen. Und sicherlich könnte ein Regionen übergreifendes Projekt zur beruflichen Integration von Migranten ein Vorschlag im Rahmen des beschriebenen Konzepts sein.

 

Der Sport muss auf die Unternehmen zugehen: Ist das das Entscheidende?

Mein Kernargument ist: Der Sport sollte seine fachliche Expertise, die er im Austausch mit der Politik seit langem anwendet, in einer unternehmenskonformen Sprache aufbereiten, um damit auch Wirtschaftsvertreter anzusprechen. Das ist sicher ein Riesenvorhaben, aber auch eine große Chance. Auf dem sozialen Feld tummeln sich eine Menge freier Träger mit enormer Kompetenz, aber sie machen den Unternehmen bisher nur begrenzt attraktive Angebote, wenn es um das Medium Sport und Bewegung geht. Der Sport könnte in diese Lücke stoßen, ob als Konkurrent oder als Bindeglied.

 

Worin läge der Gewinn für einen national tätigen Konzern, mit dem Sport zusammenzuarbeiten statt allein mit dem freien Träger?

Der vereins- und verbandsorganisierte Sport hat eine breite Palette gesellschaftlicher Funktionen entwickelt und wirbt damit – insbesondere mit Blick auf staatliche Akteure und Politik – für die Arbeit in den Vereinen. Das Spektrum reicht von den Integrations- und Sozialisationsfunktionen über die gesundheitlichen Funktionen bis hin zu den Demokratiefunktionen der Sportvereine. Diese Funktionszuschreibungen insbesondere an die Sportvereine scheinen noch nicht so recht für Unternehmen aufbereitet und in „gesellschaftliche Verantwortungsdiskurse“ der Wirtschaft eingebunden zu sein.

 

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04.06.2011

Engagementpolitik des organisierten Sports

HU-Nachrichten 06/2011

Fachkongress des Forschungszentrums für Bürgerschaftliches Engagement der Humboldt-Universität

Die in Deutschland etablierte Aufgabenteilung zwischen Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft ordnet sich grundlegend neu. Ein Eckpfeiler bei der neuen Ausgestaltung des „Wohlfahrtsmix“ ist das bürgerschaftliche, freiwillige und ehrenamtliche Engagement in Verbänden, Vereinen und Initiativen. „Engagementpolitik“ will gesellschaftliche Bedürfnisse bündeln und Rahmenbedingungen für neue Engagementstrukturen schaffen. Vor diesem Hintergrund veranstalten das Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement und die Abteilung Sportsoziologie am Institut für Sportwissenschaft der Humboldt-Universität am 8. Juni 2011 einen Fachkongress zum Thema: Engagementpolitik des organisierten Sports. Traditionen, Innovationen und Potenziale im Spiegel der Freiwilligensurveys 1999-2009.

Fachkongress: „Engagementpolitik des organisierten Sports
Traditionen, Innovationen und Potenziale
im Spiegel der Freiwilligensurveys 1999-2009“

8. Juni 2011, 11.00 bis 17.00 Uhr
im Hotel Aquino - Tagungszentrum Katholische Akademie
Hannoversche Straße 5b
10115 Berlin-Mitte


Ziel des Kongresses ist es, Elemente einer Agenda für die Engagementpolitik des organisierten Sports zu erörtern und zu dokumentieren. Damit soll zugleich der engagement- und sportpolitische Austausch zwischen Politik, Verwaltung, organisiertem Sport, Wirtschaft und Wissenschaft gefördert und vertieft werden. Grundlage des Kongresses bilden neue wissenschaftliche Untersuchungen zu den Themen Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) in der Zivilgesellschaft und die Sportbezogene Sonderauswertung der Freiwilligensurveys 1999 – 2009. Angesprochen sind Interessenvertreterinnen und -vertreter aus Sport, Politik, Verwaltung, Wirtschaft sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Vor dem Hintergrund einer sich wandelnden Aufgabenteilung zwischen Staat, Markt und Zivilgesellschaft stehen die engagement- und sportpolitisch bedeutsamen Querschnittsgebiete „Integration“, „Bildung“, „Alter(n)“ und „bürgerschaftliches Engagement von Unternehmen“ im Zentrum der Veranstaltung. „Durch die Verknüpfung aktueller Untersuchungen mit konkreten Praxiserfahrungen werden Perspektiven für einen neuen Dialog über eine Engagementpolitik im Feld des Sports entwickelt“, sagt Kongressleiter Prof. Dr. Sebastian Braun.

Der Fachkongress ist Bestandteil der „Nationalen Engagementstrategie“ der Bundesregierung und findet im „Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit zur Förderung der aktiven Bürgerschaft“ statt. Er wird gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) und den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB).

Das Forschungszentrum Bürgerschaftliches Engagement unter Leitung von Professor Sebastian Braun forscht, berät und gibt öffentliche Impulse zu Fragen des bürgerschaftlichen Engagements von Personen und Organisationen. Auf diese Weise fördert es den Wissenstransfer und Dialog zwischen Wissenschaft, Politik, Unternehmen, staatlichen Einrichtungen und Nonprofit-Organisationen.

Um Anmeldung bis zum 3. Juni wird gebeten unter:
http://www.engagement-des-sports.de/anmeldung.html

Informationen und das vollständige Programm unter:
http://www.engagement-des-sports.de

Medienvertreterinnen und -vertreter sind zu dieser Veranstaltung herzlich eingeladen.

WEITERE INFORMATIONEN

Prof. Dr. Sebastian Braun
Humboldt-Universität zu Berlin
Philippstraße 13
10115 Berlin
Tel: 030 2093-46025
E-Mail: info@engagement-des-sports.de

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25.05.2011

Engagement im Sportverein - Erosion auf hohem Niveau

Newsletter der Aktiven Bürgerschaft 05/2011

Der Sport ist in Deutschland der größte Bereich aktiver Beteiligung. Jeder zehnte Ehrenamtliche engagiert sich in einem Sportverein. Jedoch zeichnen sich auch hier Erosionstendenzen ab: Zwischen 2004 und 2009 ging die Anzahl der Aktiven gegen den allgemeinen Trend um rund ein Prozent zurück, was einen Verlust von ungefähr 650.000 Personen bedeutet. Das berichtete Sebastian Braun von der Humboldt Universität Berlin im Expertengespräch der gemeinsamen Sitzung des Sportausschusses und des Unterausschusses Bürgerschaftliches Engagement am 25.05.2011.

Als kritisch bezeichnete Braun die Lage bei den Vorstands- und Leitungsfunktionen. (< Ausgabe 92 - Juli 2009) Während die Zahl der Organmitglieder sinke, steige die Arbeitsbelastung. Gleichzeitig seien ein steigender Altersdurchschnitt und ein rückläufiges Engagement von Frauen zu verzeichnen, so Braun.

Den Daten liegt die sportbezogene Sonderauswertung der Freiwilligensurveys 1999-2009 zugrunde, die im Buchhandel erhältlich ist. Das Protokoll der vergangenen (14.) Sitzung des Unterausschusses Bürgerschaftliches Engagement zum Thema Monetarisierungstendenzen im Ehrenamt ist nun online veröffentlicht.

Ausgabe 112 - Mai 2011

Zum Newsletter der aktiven Bürgerschaft

Unterausschuss Bürgerschaftliches Engagement

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06.05.2011

Rassismus-Skandal erschüttert französischen Fußball

ARTE Journal 05/2011

Interview mit Professor Braun

Kaum haben sich die Wogen der Streitigkeiten nach der katastrophalen Weltmeisterschaft in Südafrika geglättet, erschüttert ein weiterer Skandal den Fußball in Frankreich: Der Französische Fußballverband hat offenbar geplant, die Zahl von Spielern mit Migrationshintergrund in den Ausbildungszentren zu reduzieren. Der Skandal um die so genannten "Rassenquoten" könnte dem Multikulti-Mythos des französischen Fußballs einen schweren Schlag versetzen.

Das Multikulti-Weltmeister-Team von 1998 galt in Frankreich lange Zeit als Musterbeispiel für gelungene Integration. Doch das könnte sich bald ändern. Der französische Fußballverband (FFF) plant offenbar, eine Quote von höchstens 30 Prozent für Jugendliche mit afrikanischem Migrationshintergrund für die Sportschulen und Trainingszentren des Landes einzuführen.

"Wer ist groß, stämmig, stark? Die Schwarzen." Die Affäre geht auf ein im vergangenen November stattgefundenes Treffen von Trainern und Funktionären des FFF zurück, an dem auch Laurent Blanc, derzeitiger Nationaltrainer und Symbolfigur des WM-Triumphs von 1998, teilgenommen hat. Das Internetportal Mediapart veröffentlichte das Gesprächsprotokoll dieser Verbandssitzung. Demnach drehte sich die Diskussion um die Spieler mit doppelter Nationalität, die in Frankreich ausgebildet werden, letztlich aber entscheiden nicht für Frankreich, sondern für ihr Herkunftsland Algerien, Mali oder Senegal zu spielen. In diesem Kontext erklärte Laurent Blanc: "Wir produzieren in Frankreich immer den gleichen Fußballer-Prototyp: groß, stämmig, stark. Und wer ist groß, stämmig, stark? Die Schwarzen. So ist das nun mal (…). Die Spanier haben mir gesagt: Wir haben keine Probleme, wir haben keine Schwarzen." Der Verband könnte ja mehr auf Technik als auf Kraft achten, hieß es. Daraufhin erwog die Runde, eine Quote für schwarze und arabische Spieler einzuführen.

Untersuchungen eingeleitet

Seitdem Mediapart die Affäre ins Rollen brachte, kochen die Emotionen in Frankreich hoch. Der technische Direktor des Verbandes François Blaquart wurde von Sportministerin Chantal Jouanno suspendiert. Zudem haben das Sportministerium, der Verband und die französische Behörde gegen Diskriminierung "La Halde" Untersuchungen eingeleitet.

Doch wie konnte der FFF die Einführung einer Rassenquote überhaupt in Erwägung ziehen? Inwiefern spiegelt der Vorschlag die derzeitige politische Kultur Frankreichs wider? Und wären solche Diskussionen in Deutschland denkbar? Mit diesen Fragen hat sich ARTE Journal an Prof. Sebastian Braun gewandt, Sportsoziologe und Autor des Buches "Elitenrekrutierung in Frankreich und Deutschland. Sporteliten im Vergleich zu Eliten in Politik". Für ihn erregt die Affäre auch deshalb so viel Aufsehen, weil der Fußball bislang Ausdruck für die Leistungsfähigkeit der französischen Gesellschaft war. Interview:

Magali Kreuzer für ARTE Journal: Was halten Sie von dem Vorschlag des französischen Fußballverbandes, eine so genannte „Rassenquote“ einzuführen?

Prof. Dr. Sebastian Braun:

„Von derartigen Quoten ist natürlich in einer demokratischen Gesellschaften nichts zu halten, weil wir in demokratischen Leistungsgesellschaften nicht an irgendwelchen äußeren Merkmalen und Herkunftsmerkmalen die Qualität von Menschen festmachen und deren Chancengleichheit in Frage stellen können. So etwas hat meines Achtens im Sport nicht einen Zentimeter Platz.

ARTE Journal: Kann man da von Rassismus sprechen?

Das ist natürlich eine Form von Rassismus, die da stattfindet. Es handelt sich um eine Ausgrenzung von Personen, denen aufgrund bestimmter Herkunftsmerkmale und nicht auf der Basis von bestimmten Leistungsmerkmalen Zugänge verwehrt werden sollen. So etwas ist in pluralistischen, demokratischen Gesellschaften eine Form von Ausgrenzung, die in dieser Form nicht tolerabel ist.

ARTE Journal: Weshalb hat Ihrer Meinung nach dieser Vorschlag solch einen Skandal in Frankreich ausgelöst?

Ich glaube, man hat sich in Frankreich auch 1998 bei der grandiosen Fußballweltmeisterschaft öffentlich dargestellt als ein Musterbeispiel für funktionierende Integration. Denn die Mannschaft war sehr gemischt zusammengesetzt und wurde als Ausdruck für die Leistungsfähigkeit der französischen Gesellschaft genommen. So wurde es zumindest auch vom damaligen Staatspräsidenten interpretiert oder symbolisch vorgeführt. Und insofern ist das geradezu eine Kehrtwende in die andere Richtung, die wir meines Achtens schon seit einigen Jahren beobachten können, nämlich seitdem die französische Nationalmannschaft nicht mehr so erfolgreich spielt. Aber das auf diese Merkmale zu reduzieren, ist natürlich für eine Gesellschaft, die sich als offen und pluralistisch betrachtet und wo das Aufstiegsprinzip ganz streng an Leistungskriterien festgemacht werden soll, mehr als irritierend.

ARTE Journal: Macht die Affäre nicht auch die Verunsicherung der französischen Gesellschaft deutlich, die schon seit Monaten in einer Identitätkrise zu stecken scheint?

Ich glaube, dass der Spitzensport im Allgemeinen und gerade die populären Sportarten wie der Fußball in unseren westlichen Gesellschaften, wo er sehr populär ist, immer ein Symbol für weitaus mehr ist, als das was auf dem Platz konkret geschieht – nämlich, dass ein Ball ins Tor geschossen wird auf der einen oder anderen Seite. Das haben wir natürlich in allen Gesellschaften und so diskutieren wir natürlich auch in Deutschland ganz breit die Integrationsdebatte am Beispiel des Spitzensports, wenn Sie das Beispiel Mesut Özil nehmen in der deutschen Nationalmannschaft oder das Fußballländerspiel, das hier stattgefunden hat – Deutschland gegen Türkei – wo Özil von seinen Landsleuten aus der Türkei ausgepfiffen wurde, was zu viel Empörung führte. Das ist nicht typisch französisch, das die Fußballnationalmannschaft als Symbol für die Leistungsfähigkeit einer gesamten Gesellschaft genommen wird und damit auch für die Integrationsbereitschaft und die Integrationsfähigkeit der Gesellschaft. Der andere Teil ist, dass offensichtlich so etwas stattfindet wie eine Selbstvergewisserungsdiskussion in Frankreich, wobei wir da immer auch radikale Züge erkennen können. Insofern kann ich mir natürlich gut vorstellen, dass in Zeiten solche Positionen zunächst einmal ausgetestet und ausprobiert werden können, inwieweit die öffentlich toleriert werden.

ARTE Journal: Sind die Vorschläge also das Spiegelbild der derzeitigen politischen Kultur in Frankreich?

Es scheint ja so zu sein, dass Thesen der „Front Populaire“ wieder auf dem Vormarsch sind und relativ hohe Akzeptanz finden. Insofern kann man natürlich sagen: Da drückt sich etwas aus. Man kann auch die umgekehrte These wagen, dass sich in so einer Zeit natürlich auch Interessensgruppen wie Sportverbände oder andere Verbände mit Überlegungen nach vorne trauen und mal testen, wie die Öffentlichkeit darauf reagiert, weil eine gewisse Stimmung in der Öffentlichkeit da ist. Ich glaube, dass in Deutschland so ein Vorschlag nicht mal gewagt werden würde, weil er überhaupt nicht zeitgemäß und „political correct“ wäre. Ich würde jetzt nicht sagen: „der Sport als Spiegelbild“. Diese These ist mir ein bisschen zu simpel. Sondern ich würde eher sagen: Es geht dort um Macht- und Einflussverhältnisse. Und in der Zeit versucht man als Lobby- und Interessensgruppe auszuprobieren, wie die Öffentlichkeit auf bestimmte Ideen reagiert.

Arte Journal: Weshalb können Sie sich einen solchen Vorschlag in Deutschland nicht vorstellen?

Im Moment kann man ihn sich ganz schlecht vorstellen, weil wir in Deutschland in den letzten Jahren eine Kehrtwende haben, dass Integration überhaupt erst einmal als Thema in der Öffentlichkeit angekommen ist, das Wegkommen von reinen Assimilationsvorstellungen und -konzepten. Integration und Zuwanderung werden eher als eine Bereicherung in der Gesellschaft betrachtet. Das scheint jetzt zunächst einmal im Gegensatz zu den Sarrazin-Thesen zu stehen, aber die Sarrazin-Thesen haben auch deshalb diesen Raum, weil wir diese Diskussion gegenwärtig führen. Wir haben in der deutschen Nationalmannschaft noch nicht den Anteil, den an jungen Männern mit Zuwanderungsgeschichte, den die Franzosen haben. Insofern ist diese Debatte hier noch gar nicht so weit verbreitet. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass unter reinen Erfolgskriterien und damit verbunden auch ökonomischen Aspekten von Verbänden es natürlich nie ausgeschlossen ist, dass man auch Fragen diskutieren würde, welcher Spieler im Nachwuchsbereich ausgebildet wird und wo er hinterher in welcher Nationalmannschaft spielt. Das kann man nie ausschließen. Aber ich glaube, auch die Reaktionen in Frankreich sind relativ eindeutig auf dieses Thema. Der französische Verband hat ja dieses Thema sofort wieder von der Agenda genommen.

ARTE Journal: Welche Auswirkungen könnte der Skandal auf das nach der Weltmeisterschaft schon angekratzte Image der französischen Nationalmannschaft haben?

Ich glaube, wenn ich ganz ehrlich bin, verjähren Skandale im Spitzenfußball ausgesprochen schnell. Das ist zumindest meine Beobachtung. Wir könnten jetzt über die politische Kultur eines Landes reden, aber die Bedeutung die dann wieder ein gewonnenes Spiel einer Mannschaft hat, scheint unheimlich schnell einen Schleier über alle möglichen Vorfälle zu legen. Ich will jetzt nicht Integrationsfragen mit Dopingfragen verbinden, aber wie schnell dort immer wieder Zwischenfälle nicht nachhaltig dazu beitragen, dass irgendwelche Sportarten über Jahrzehnte hin schwer beschädigt sind, sondern weiterhin Liebhaberei und Leidenschaft für den Sport und das Spiel erhalten bleiben in der Öffentlichkeit, das ist schon bemerkenswert. Ich glaube, wenn das nicht noch große Runden dreht durch die Medien und diese Überlegungen weiter verfolgt werden, dann schwappt das für eine gewisse Zeit mal hoch und dann versickert es auch schon wieder. Es sei denn, man greift wirklich zu ausgrenzenden Mechanismen. Dann würde es natürlich kritisch.

ARTE Journal

Autor: Magali Kreuzer für ARTE Journal

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12.03.2011

Trainerentlassungen - Die Halbeauswürfe aus Expertensicht

Tagesspiegel 03/2011

Interview mit Professor Braun

Sebastian Braun, 39, ist Direktor des Instituts für Sportwissenschaft und Leiter der Abteilung Sportsoziologie an der Humboldt- Universität Berlin. Er war Jugendmeister mit Hertha 03 Zehlendorf.

Herr Braun, drei Bundesligisten haben ihre Trainer zum Ende der Saison entlassen. Bis dahin sollen die Mannschaften wie gewohnt unter ihnen trainieren. Kann das funktionieren?

Ja und nein. Natürlich kann das funktionieren, Huub Stevens beispielsweise ist 2002 noch mit Schalke Pokalsieger geworden. Psychologisch wertvoll ist so ein Schritt im Hinblick auf das Mannschaftsgefüge aber nicht. Der Trainer ist durch den Entzug des Vertrauens von Seiten der Vereinsbosse in seiner Führungskompetenz schwer angekratzt.

Sind der FC Bayern und der HSV, die heute gegeneinander spielen, und auch Schalke also falsch beraten worden?

Nein, sie hatten keine Alternative. Der Handlungsdruck war in allen Fällen zu groß, es brauchte einen Rauswurf zur symbolischen Beruhigung der Situation. Das wissen nicht zuletzt auch die Spieler. Sie kennen ja die Machtstrukturen und sind sich im Klaren darüber, dass den Trainer nie die alleinige Schuld trifft. Man denke an van Gaal: Er hat eine grandiose erste Saison hingelegt. Er wird in der zweiten nicht alles grundlegend falsch gemacht haben.

Louis van Gaal sagt, der Verein Bayern München sei größer als er – aber auch größer als der Vorstand. Bedeutet die Situation also keinen Autoritätsverlust für ihn?

Es ist wichtig zu unterscheiden: Keine Person verkörpert einen Verein so sehr wie der Trainer. Wenn der Verein beschließt, sich von ihm zu trennen, ist das vordergründig eine Absage an seine charismatische Persönlichkeit, nicht an seine fachlichen Fähigkeiten. Dazu ist die sportliche Ebene, auf der agiert wird, zu hoch. Dennoch werden diejenigen, die Schwierigkeiten mit dem Trainer haben, sich schwer tun, ihm weiter Respekt zu zollen. Die wenigsten werden aber so dumm sein, das zu zeigen: Es gibt eine ganze Gruppe von Trainern und Betreuern, von deren Gunst die Karriere eines Spielers abhängt. Die Spieler wissen das – und auch, dass man sich immer zweimal begegnen kann.

Welcher der drei Trainer hat unter diesen Umständen die besten Chancen, aus seiner Mannschaft noch das Maximum herauszuholen?

Ganz klar Magath. Er kann seine Mannschaft noch zu einem Titel führen, es gibt noch ein gemeinsames Ziel.

Das Gespräch führte Maris Hubschmid

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31.01.2011

Ehrenamt im Sport

Führungsakademie des Deutscher Olympischer Sportbund 01/2011
Interview mit Prof. Dr. Sebastian Braun

Im Jahr 2011 soll nach den Plänen der Europäischen Kommission die Freiwilligentätigkeit in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union besonders gefördert werden. Im Mittelpunkt des Europäischen Jahres der Freiwilligentätigkeit soll die Schaffung günstiger Rahmenbedingungen, die Stärkung von Freiwilligenorganisationen und die Anerkennung ehrenamtlichen Engagements stehen.

Professor Braun leitet die Abteilung Sportsoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er wird im kommenden Jahr den Fachkongress „Engagementpolitik des organisierten Sports“ veranstalten, der in den Rahmen der „Nationalen Engagementstrategie“ der Bundesregierung eingebettet ist. Prof. Braun ist zugleich Stellvertretender Vorsitzender der Sachverständigenkommission der Bundesregierung für den ersten nationalen „Engagementbericht“, der im kommenden Jahr der Bundesregierung übergeben werden soll.

Frage: Herr Professor Braun, bürgerschaftliches, oft auch ehrenamtliches Engagement genannt, hat in Deutschland eine lange Tradition. Man schätzt, dass sich mehr als 23 Millionen Menschen in unserem Lande in ihrer Freizeit ehrenamtlich engagieren. Sind diese Zahlen realistisch?

Braun: Seit 1999 werden im Auftrag des Bundesfamilienministeriums Erhebungen zum bürgerschaftlichen, freiwilligen und ehrenamtlichen Engagement in Deutschland durchgeführt. Inzwischen liegen auch die umfangreichen Vergleichsdaten aus den Jahren 2004 und 2009 vor. In unserer laufenden Sonderauswertung zum Sport kamen wir zu dem Ergebnis, dass sich rund 36 Prozent der über 14-Jährigen in Deutschland und speziell im Feld Sport und Bewegung ein Zehntel der Bevölkerung freiwillig engagieren. Dabei muss im vereinsorgansierten Sport der Begriff des Freiwilligen-Engagements wesentlich breiter definiert werden als der traditionelle Begriff der Ehrenamtlichkeit, der sich in der Regel auf das Ausüben formaler Ämter und Positionen bezieht. Im Sport müssen auch die vielfältigsten Formen des Mithelfens und Mitgestaltens berücksichtigt werden.

Frage: Die Bundesregierung hat sich entschlossen, einen umfassenden Bericht zur Lage des Bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland erstellen zu lassen. Zu diesem Zweck hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) eine Sachverständigenkommission eingesetzt. Was sind die vorrangigen Ziele des Berichts?

Braun: Der Deutsche Bundestag hat die Bundesregierung mit Beschluss vom 19.3.2009 aufgefordert, in jeder Legislaturperiode einen Bericht zu Lage, Situation und Entwicklungen des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland vorzulegen. Mit dem „Engagementbericht“ der Bundesregierung soll das Ziel verfolgt werden, Wissen zu bündeln und Empfehlungen insbesondere für die zukünftige Gestaltung von Rahmenbedingungen zu unterbreiten.

Der Bericht der Sachverständigenkommission hat zum Ziel, eine bündelnde Bestandsaufnahme zu Lage, Situation und Entwicklungen des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland mit Bezug auf die engagementpolitischen Rahmenbedingungen vorzulegen.

Den maßgeblichen inhaltlichen Fokus bildet dabei das bürgerschaftliche Engagement von Unternehmen bzw. das unternehmerische Bürgerengagement vor dem Hintergrund der internationalen Debatten über „Corporate Citizenship“. Dabei sollen Handlungsfelder und Kernbereiche des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) einschließlich komplementärer bzw. verbindender Querschnittsthemen wie Integration, Bildung und Sport einbezogen werden.

Diese thematische Bestandsaufnahme soll die Grundlage für gesellschaftspolitisches Handeln der Unternehmen und der Gebietskörperschaften bilden, indem mit Blick auf einen mittelfristigen Zeithorizont von 10 bis 15 Jahren nachhaltige engagementpolitische Perspektiven herausgearbeitet, Handlungsempfehlungen erarbeitet und Grundlagen für politische Entscheidungen differenziert erörtert und dargestellt werden.

Zum Bericht der Sachverständigenkommission wird die Bundesregierung eine Stellungnahme erarbeiten und beide Teile als Ersten Engagementbericht im Frühjahr 2012 dem Bundestag vorlegen.

In Kooperation mit dem Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) ist im Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement der Humboldt-Universität unter meiner Leitung die hauptamtliche Geschäftsstelle der Sachverständigenkommission angesiedelt worden. Ihre Aufgaben umfassen ein weites Spektrum. Sie erstrecken sich von der inhaltlich-konzeptionellen und fachwissenschaftlichen Begleitung der Kommissionsarbeit, der Durchführung von empirischen Erhebungen über die Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit für die Kommission bis hin zur Berichtslegung und Veröffentlichung. Auf der administrativen Ebene soll die Geschäftsstelle die Kommissionsarbeit durch organisatorische und koordinierende Tätigkeiten unterstützen.

Frage: Wenn sich mehr als 36 Prozent der über 14jährigen mehr oder weniger stark ehrenamtlich und freiwillig engagieren - welche volkswirtschaftliche Bedeutung hat dieses ehrenamtliche Engagement?

Braun: Man geht von einem hohen Milliarden-Betrag aus, wenn man z.B. einen fiktiven Stundenlohn von sieben bis acht Euro ansetzt. Ich selber halte diese Rechnung allerdings für problematisch, auch wenn sie politisch gut darstellbar und verwertbar ist. Allerdings lässt sich der „Eigensinn“ bürgerschaftlichen Engagements und dessen Bedeutung für die Demokratie nicht in Stundenlöhnen oder monetären Kategorien hinreichend ausdrücken.

Frage: Ist vom ehrenamtlichen Engagement die Rede, denkt man zunächst an die millionenfache Privat-Initiative. Aber auch Wirtschaftsunternehmen praktizieren bürgerschaftliches Engagement. Wie weit kann der Sport davon profitieren? Positive Schlagworte seien genannt: Mäzenatentum, Spiel, Spaß, Geselligkeit, aber auch Volksgesundheit und Kostendämpfung. Denen stehen die Problemfälle gegenüber: Doping, Ergebnismanipulation, Missbrauch.  
Bietet der Sport mehr Chancen oder findet bürgerschaftliches Engagement im Sport auf einem eher riskanten Terrain statt?

Braun: Also, ich glaube, dass das Feld des Sports und der Bewegung nach wie vor ausgesprochen positiv belegt ist. Dass es Exzesse und abweichendes Verhalten gibt, ist bekannt. Der Spitzen- und Hochleistungssport ist davon in besonderer Weise betroffen. Aber auch der Freizeit- und Breitensport ist nicht von Sündenfällen frei, wenn ich nur an Missbräuche beim Bodybuilding erinnere. Aber insgesamt dominieren die positiven Wahrnehmungen von Sport, Bewegung und speziell auch Sportvereinen. Sie beziehen sich auf die Gesundheitsfunktionen des Sports ebenso wie auf die vielfältigen Debatten über Sozialisationsleistungen speziell im Kindes- und Jugendalter und reichen aktuell wieder in besonderer Weise bis zu den Integrationsleistungen der Sportvereine. Da gibt es schon vielfältige Potentiale, an die speziell der organisierte Sport anknüpfen kann, um sich attraktiv zu machen für die gesellschaftliche Beteiligung von Wirtschaftsunternehmen.

Frage: Was kann bzw. was sollte der Sport Ihrer Meinung nach tun, um diese Chancen zukünftig noch besser auszuschöpfen?

Braun: Er muss sich zunächst einmal noch deutlicher darüber klar werden, welche Aufgaben er heutzutage bereits mehr oder minder selbstverständlich wahrnimmt. Ein Sportverein wird in der Regel zunächst nur deshalb gegründet, weil eine bestimmte Anzahl an Menschen Lust und Spaß daran hat, miteinander Handball, Fußball, Tischtennis oder andere Sportarten und -formen zu betreiben. Das gemeinsame Interesse an einem bestimmten Sport bringt sie zunächst zusammen. Handball spielt man halt eben nicht alleine. Der Zusammenschluss zur Gruppe bzw. zum Verein ist aber auch notwendig, um an geeignete Sportstätten zu kommen. Das alles gehört zum primären Organisationszweck. Mitunter bleibt der Primärzweck aber zu wenig beachtet, weil es in den gesellschaftspolitischen Debatten quasi selbstverständlich geworden ist, dass die Vereine und Verbände noch eine Fülle von weiteren, extrafunktionalen Funktionen und Aufgaben „jenseits“ des Sportbetriebs wahrnehmen. Dazu gehört schon seit Jahren, und nicht erst in der aktuellen Situation, die Integrationsarbeit. Diese oder vergleichbare Leistungen des Vereins stehen in der Regel nicht in der Satzung und sind auch selten primärer Vereinszweck. Es wird aber mit einer großen Selbstverständlichkeit davon ausgegangen, dass der organisierte Sport mit seinen Vereinen und Verbänden eine Art „Sozialstation“ zur Linderung einer Fülle von gesellschaftlichen Problemen ist. Die Gemeinwohl relevanten Funktionen des organisierten Sports sollten viel klarer als extrafunktionale Leistungen der zivilgesellschaftlichen Infrastruktur herausgearbeitet und -gestellt werden. Das wäre der erste Schritt. Und in einem zweiten Schritt müsste man dann eine Strategie schärfer konturieren, an welchen Schnittstellen der organisierte Sport interessant ist, um im Kontext bürgerschaftlichen Engagements Partner von Wirtschaftsunternehmen zu werden.

Frage: Entgegen einer weit verbreiteter Meinung, bürgerschaftliches Engagement sei in den letzten zehn Jahren zurückgegangen, wurde von Sozialwissenschaftler ermittelt, dass ehrenamtliches Engagement sogar leicht zugenommen hat. Im Sport aber wird immer häufiger beklagt, dass es zunehmend schwieriger geworden sei, Ehrenamtliche für die Vereins- oder Verbandsarbeit zu gewinnen. Trügt das Gefühl oder stimmt es doch, dass der Sport insgesamt an Attraktivität gegenüber anderen Formen bürgerschaftlichen Engagements verloren hat?

Braun: Wir führen z.Z. mit Unterstützung des Bundesinstituts für Sportwissenschaft und des DOSB eine sportbezogene Sonderauswertung der schon angesprochenen drei Freiwilligensurveys durch. Damit haben wir erstmals die Möglichkeit, drei Messzeitpunkte zu vergleichen von 1999 bis 2009. Inzwischen haben wir festgestellt, dass das bürgerschaftliche oder freiwillige Engagement im Sport tatsächlich rückläufig ist. Der Sport bietet zwar immer noch das größte Handlungsfeld im Hinblick auf das Bürgerengagement. Waren es im Jahre 1999 jedoch noch 11,2 Prozent der über 14jährigen, die sich ehrenamtlich im Sport engagiert hatten, so registrierten wir zehn Jahre später nur noch ein Engagement von rund 10 Prozent. Der Verlust von gut einem Prozentpunkt wirkt relativ geringfügig. In absoluten Zahlen aber ist das schon eine große Personenzahl, die sich nicht mehr im Sport ehrenamtlich engagiert.

Und dann kommt noch erschwerend hinzu, dass die Engagierten mit immer mehr Aufgaben belastet werden. Die Sorge, Ehrenamtliche zu rekrutieren, ist sehr groß.

Frage: Und wie kann der Sport diese gefährliche Problemsituation lösen?

Braun:  Er sollte sich bezogen auf bürgerschaftliches Engagement insgesamt noch attraktiver darstellen und die politischen Handlungsoptionen in dem sich neu konstituierenden Politikfeld der „Engagementpolitik“ nutzen. Was wir zudem beobachtet haben, ist ein Trend, den wir umschrieben haben mit dem Begriff „Strukturwandel des Ehrenamts“, einen Wandel vom alten zum neuen Ehrenamt. Verbunden damit ist die Beobachtung, dass sich Menschen immer stärker zeitlich befristet und dann oft nur Projekt orientiert engagieren, in unterschiedlichsten Themen- und Handlungsfeldern, von der Ökologie angefangen bis zum Sport. Man kann nicht mehr darauf setzen, dass jemand die Ochsentour im Verein durchläuft, in dem er als Jugendspieler anfängt und als Alt-Herrenspieler aufhört und sich dann nach seiner Aktivenzeit ehrenamtlich einsetzt und dann sukzessive bis in höhere Funktionen hineinwächst. Dieser Automatismus, auf den man sich in der Vergangenheit in Vereinen mit guten Gründen verlassen hat und auch weitgehend verlassen konnte, funktioniert nicht mehr so durchgängig. Die Vereine und Verbände müssen zukünftig noch aktiver werben um Freiwillige. Und sie müssen ein spezifisches „Personalmanagement“ als „Freiwilligenmanagement“ betreiben. Ehrenamtsbeauftrage könnten Prozesse in Gang setzen. Personen, die für die Übernahme von Aufgaben in Frage kommen, sollte man klar und deutlich signalisieren: So sieht deine Funktion, die du zeitlich begrenzt übernehmen solltest. In dieser Funktion kannst du dann deine Kompetenzen einbringen, die du im Studium oder in der Berufspraxis erworben hast. Aber du kannst nach einer bestimmten Zeit auch wieder aussteigen, wenn das Projekt abgeschlossen ist. Noch ist es ja so, dass viele glauben, sie müssten sich bei einer Zusage langfristig engagieren. Und das schreckt viele ab, sich ehrenamtlich einzubringen.

Frage: Deklariert als Europäisches Jahr der Freiwilligentätigkeit bietet das kommende Jahr sicher auch dem Sport gute Chancen, sich als gewichtiges Terrain freiwilligen Engagements zu präsentieren, auf dem Weichen für die gesellschaftliche Zukunft gestellt werden. Was würden Sie dem Sport raten? Wie sollten der Sport, seine Vereine und Verbände, dieses Ehrenamtsjahr nutzen, um sich letztlich für die Zukunft fit zu machen?

Braun: Es kann durchaus gezeigt werden, welchen bedeutsamen sozialen, kulturellen, politischen und auch ökonomischen Stellenwert bürgerschaftliches Engagement für unsere Gesellschaft hat. Damit kann den Engagierten zugleich die für ihr Engagement so wichtige Anerkennung entgegen gebracht werden. Die Führungs-Akademie des DOSB kann den Vereinen und Verbänden im deutschen Sport helfen, sich dem Modernisierungsprozess zu stellen, um dann die gewandelten Potentiale auszuschöpfen. Man muss den zeitgemäßen richtigen Umgang mit denen, die bereit sind, ehrenamtliche Aufgaben zu übernehmen, erkennen und umsetzen.

(Hanspeter Detmer, Köln)

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30.01.2011

Thema - Sportvereine im gesellschaftlichen Wandel

RBB "kurz vor 5 - Sport"

Funktioniert noch das System Sportverein? Wie reagieren die Sportverbände auf den demografischen Wandel? Ist der Verein noch gut aufgestellt im Vergleich zu kommerziellen Sportanbietern? Sind Sporttreibende am Vereinsleben und/oder an ehrenamtlicher Arbeit interessiert? Wie sieht die Zukunft des Vereins aus?
Am Freitag und Montag in der RBB-Fernsehsendung "kurz vor 5 - Sport" möchten wir uns mit diesen komplexen Fragen beschäftigen. Der eher traditionelle Ansatz in der Sportpolitik wird von Norbert Skowronek (Direktor LSB Berlin) vertreten. Neue Wege, die Vereine gehen können, werden von Prof. Dr. Sebastian Braun (Leiter Sportsoziologie HU Berlin) vorgestellt.

Am Freitag trifft  RBB-Moderatorin Sarah Beckmann in der Geschäftsstelle von Pro Sport 24 den Geschäftsführer Michael Schenk und die Sportmanagerin Annette Twachtmann. Am Montag ist "kurz vor 5 - Sport" zu Gast beim SC Potsdam. Dort spricht Sarah Beckmann mit dem Geschäftsführer Peter Rieger und dem Verantwortlichen für Breitensport Christian Gerber.

"kurz vor 5-Sport" am Freitag, den 11.02.2011 um 16.50 Uhr und am Montag, den 14.02.2011 um 16.50 Uhr im RBB.

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27.01.2011

Gemeinwohl - Professionelle Laien

Bürgerschaftliches Engagement - Sonderseite Süddeutsche Zeitung 01/2011

Sie sitzen im Gemeinderat, trainieren die E-Jugend des Ortes und verwalten die Kasse im Gesangsverein. Sie helfen Schülern bei den Hausaufgaben, lesen im Kindergarten vor, besuchen Sterbende im Hospiz und erledigen Einkäufe für alte Leute. Mehr als ein Drittel aller Deutschen über 14 Jahren arbeitet unentgeltlich für das Gemeinwohl, nach dem jüngsten sogenannten Freiwilligensurvey von 2009 im Durchschnitt zehn Jahre lang.

Ohne das Heer der Freiwilligen wäre das Leben in Deutschland wesentlich ungemütlicher. In vielen europäischen Ländern ist das ebenso. Die EU-Kommission hat 2011 deshalb zum „Jahr der Freiwilligentätigkeit“ (EJF) ausgerufen.

Unter dem Motto „Freiwillig. Etwas bewegen!“ will die EU mehrere Ziele erreichen: Die Rahmenbedingungen für Freiwillige sollen besser werden. Außerdem sollen diese mehr Anerkennung bekommen und die Öffentlichkeit über den Wert ihrer Arbeit aufgeklärt werden.
Und natürlich sollen staatliche Stellen und Verbände verschiedener Länder voneinander lernen.

Diesen Aspekt hält das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) für besonders wichtig. In dem Dachverband, der jährlich die bundesweite „Woche des bürgerschaftlichen Engagements“ koordiniert, sind etwa 250 Verbände und Organisationen zusammengeschlossen. „Wir wünschen uns, dass ein längerfristiger Austausch innerhalb der EU zustande kommt“, sagt Mirko Schwärzel, Europareferent beim BBE. „In einigen Nachbarländern gibt es sehr gute Modelle, die man auf Deutschland übertragen könnte, zum Beispiel bei der Finanzierung von Freiwilligenagenturen in den Kommunen.“

Das Bundesnetzwerk erhofft sich vom EJF auch, dass das Thema Engagement ein eigenes Politikfeld der EU wird. In Deutschland ist dies längst geschehen. Es gab eine Enquetekommission des Bundestages zur „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“, ein „Nationales Forum für Engagement und Partizipation“, derzeit arbeitet das Familienministerium an einer nationalen Engagementstrategie. Auch an öffentlicher Anerkennung für Ehrenamtliche herrscht in Deutschland eigentlich kein Mangel. „Die vielen Preise und die Fernsehreportagen über die guten Helfer verstellen manchmal eher den Blick auf die Probleme“, meint Schwärzel. Seiner Meinung nach müsste weniger gelobt und mehr über Finanzierungsprobleme auf lokaler Ebene, die mangelnde Nachhaltigkeit vieler Projekte und über Konfliktlinien zur regulären Beschäftigung gesprochen werden.

Am 21. Februar findet in Berlin zum Auftakt des Jahres eine Tagung des Bundesfamilienministeriums und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege statt, um über die Ziele des EJF zu diskutieren. Danach sind über das Jahr verteilt acht „Leuchtturmprojekte“ geplant, zum größten Teil ebenfalls Fachkonferenzen. So wird sich das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik mit Übergängen zwischen Engagement und Erwerbsarbeit – auch im europäischen Vergleich – befassen.

Die meisten anderen Konferenzen haben mit Europa nicht viel zu tun, sie spiegeln vor allem die aktuelle deutsche Engagementpolitik. Die Bundesregierung will Migranten, Ältere, Jugendliche und Frauen stärker zur Freiwilligenarbeit zu motivieren. Denn nach dem Freiwilligensurvey engagieren sich junge Migranten deutlich seltener als Deutsche, und Frauen sind zwar besonders im sozialen Bereich sehr aktiv, besetzen aber zu wenige Führungspositionen. Das Engagement älterer Menschen ist in den vergangenen Jahren schon stark gestiegen, die Regierung will diese Entwicklung weiter fördern. Das Survey ergab übrigens auch, dass ein Bürger desto eher bereit ist, sich zu engagieren, je besser er ausgebildet ist – dies hat im Politikjargon schon den Begriff „Engagementferne“ analog zur „Bildungsferne“ hervorgebracht.

Den Zielsetzungen der Bundesregierung entsprechend befasst sich eine Tagung mit der Frage, wie das Engagement von Migrantinnen im Sport gefördert werden kann, eine andere mit Freiwilligenarbeit von Senioren. Im Mittelpunkt einer weiteren Konferenz stehen die „Freiwilligendienste aller Generationen“. Dieses Angebot für Menschen aller Altersgruppen, das die Bundesregierung 2009 eingeführt hat, führt bislang ein Schattendasein neben den allgemein bekannten Jugendfreiwilligendiensten.

Die mit Abstand größte Außenwirkung der acht „Leuchtturmprojekte“ dürfte das „HeldenCamp“ entfalten, das im Sommer in Immenhausen bei Kassel aufgeschlagen wird. 700 Jugendliche aus ganz Deutschland sollen dort Feuerwehrleitern erklettern, um die Wette schwimmen und Nachtwanderungen machen. Eingeladen haben die Jugendverbände von sieben Hilfsorganisationen. Schon der witzige Internetauftritt des Helden- Camps könnte tatsächlich einige Jugendliche zum Arbeiter-Samariter-Bund, der DLRG oder dem Technischen Hilfswerk locken.

Für ein breites Publikum ist die „European Year of Volunteering Tour“ gedacht. Die Tournee durch sämtliche EU-Länder startete im Dezember in Brüssel und macht vom 7. bis 20. Oktober in Berlin Station. Neben Info-Ständen und Diskussionsrunden soll es auch ein großes Unterhaltungsangebot geben. Um das EJF in der Öffentlichkeit bekannt zu machen, gibt es 2011 außerdem einen bundesweiten Schülerwettbewerb und natürlich zahlreiche Veranstaltungen von Verbänden und Freiwilligenorganisationen.

Unabhängig vom EJF wird die Bedeutung der Freiwilligenarbeit in Deutschland weiter steigen, meint der Leiter der Forschungsstelle für Bürgerschaftliches Engagement an der Berliner Humboldt- Universität, Sebastian Braun. Grund sei die gesamtgesellschaftliche Entwicklung: „Die Bürger nehmen wahr, dass der Staat auf einigen Gebieten seine Aufgaben nicht mehr in gewohnter oder erwarteter Form erfüllt.“ Deshalb seien immer mehr Menschen bereit, sich in den Bereichen Bildung, Gesundheit oder soziale Integration zu engagieren. Allerdings gebe es gleichzeitig den Trend, die freiwillige Tätigkeit nicht mehr so lange wie früher auszuüben, sondern eher projektbezogen. „Außerdem fragen sich heute die Freiwilligen: Was kriege ich zurück? Das ist völlig legitim.“

Um Freiwillige anzuwerben und bei der Stange zu halten, müssten die Organisationen stärker auf ihre Wünsche eingehen und interessante Angebote besser herausstellen, meint Professor Braun. Auch die Qualifizierung von Freiwilligen werde immer wichtiger. Oft könnten sie die dadurch erworbenen Kompetenzen auch im Beruf, in der Ausbildung oder für die Familienarbeit nutzen, zudem sei Weiterbildung eine wichtige Form der Anerkennung: „Modernes Engagement ist vielfach eine semiprofessionelle Aufgabe und keine Laienarbeit.“

Autorin: Miriam Hoffmeyer

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17.01.2011

Rückgang des Ehrenamts - Humboldt-Uni startet Befragung über die Ursachen

Rückgang des Ehrenamts - Humboldt-Uni startet Befragung über die Ursachen

Das Problem ist nicht neu und bereitet echte Sorgen, denn in jüngster Zeit mehren sich die Anzeichen dafür; dass das ehrenamtliche Engagement im Sport rapide abnimmt. "Da macht auch der Fußball keine Ausnahme. Bundesweit, so ergab eine Erhebung, beklagen fast alle Vereine einen Rückgang von 25, teilweise sogar 45 Prozent ihrer ehrenamtlichen Helfer", erklärte Prof. Dr. Sebastian Braun vom Institut für Sportwissenschaft der Humboldt-Universität kürzlich bei einer Zusammenkunft mit Ausschuss-Vertretern des Berliner Fußball-Verbandes. Er verwies darauf, dass der DFB vor gut einem Jahr an ihn und seine Abteilung Sportsoziologie herangetreten sei, um anhand einer empirischen Untersuchung verlässliche Zahlen zu erhalten, die dann bei einem Amateur-Kongress präsentiert und diskutiert werden sollen, um anschließend entsprechende Handlungsempfehlungen geben zu können. Dabei ist von einem sogenannten Instrumentenkoffer die Rede.

"Ein Informatikstudent im dritten Semester ist gern bereit, sich für ein oder zwei Jahre bei seinem geliebten Fußballklub einzubringen und eine Homepage aufzubauen. Doch anschließend ist er nicht willens, sie auch über einen Zeitraum von zehn Jahren zu pflegen", lautet die Erkenntnis des HU-Professors, der selbst einmal ein recht passabler Fußballspieler war. "Oft hat sich bei den Beteiligten die persönliche Interessenlage verändert. Das kann beispielsweise der Beruf, die Familie, ein Auslandsaufenthalt oder irgendetwas ganz anderes sein. Nur noch wenige wollen sich heutzutage längerfristig binden. Die Bereitschaft ist zwar da, aber eben nur für projektbezogene Aufgaben."

Und wer sich für ein Ehrenamt zur Verfügung stellt, der möchte, wenn er schon kein Geld für seine Tätigkeit erhält, dann wenigstens seine persönliche Weiterentwicklung und -bildung forcieren, Kom­petenzen erwerben, soziale Beziehungen und Netzwerke aufbauen, die er auch jenseits des Fußballs nutzen kann. Motive, die heutzutage von den Vereinen stärker denn je berücksichtigt werden sollten, ja müssen.

BFV -Vizepräsident Gerd Liesegang fordert angesichts des sich abzeichnenden Strukturwandels, dass "wir alles hinterfragen und uns neu aufstellen müssen, denn unsere rund 400 Vereine verlangen eine Antwort auf offene Fragen, wie ehrenamtliche Helfer, ob nun Trainer, Übungsleiter, Schiedsrichter oder auch Vorstandsmitglieder, neu gewonnen beziehungsweise die vorhandenen weiter für ein freiwilliges Engagement gehalten werden können. Dass dabei Wünsche und Bedürfnisse des Einzelnen Berücksichtigung finden müssen, versteht sich von selbst".

Der von der Humboldt-Universität erarbeitete Fragebogen, den alle Vereine dieser Tage online erhalten haben, soll darüber Aufschluss geben, ob es Schwierigkeiten bei der Anwerbung freiwilliger Mitarbeiter gibt, wie viele der Mitglieder sich überhaupt für ein Ehrenamt zur Verfügung stellen und welche Möglichkeiten der Anerkennung vorhanden sind; etwa Geldzuwendungen, Aufwandsentschädigungen, Auszeichnungen oder Beitragsfreistellungen. Aber es soll auch herausge­funden werden, wie viel Zeit ein Ehrenamtlicher pro Woche für seinen Sport opfert.

Nicht selten, so ließen die verschiedenen Ausschussmitglieder im Gespräch mit den Humboldt-Wis­senschaftlern durchblicken, gäbe es bei vielen Vereinen, vor allem den kleineren, eine Ämterhäufung, weil sich die Tätigkeit auf zu wenige Schultern verteilt. Nicht selten ist der Vorsitzende gleichzeitig Geschäftsführer, Übungsleiter, wäscht die Trikots oder pumpt sogar noch die Bälle auf.
Die jetzt über das Online-Portal des BFV angelaufene Befragung ist zwar anonym, so dass sich keiner zu outen braucht, wenn er es nicht will, aber es werden durchaus wichtige Erkenntnisse und zuverlässige Fakten erwartet, die für künftige Verhaltensmaßnahmen eine wichti­ge Rolle spielen.

Autor: Hansjürgen Hille

Wille, H. (2011). Rückgang des Ehrenamts. Humboldt-Uni startet Befragung über die Ursachen. Fußball-Woche 87(8), S. 61.

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13.01.2011

Neues Sportzentrum der HU ist fertig

Der Tagesspiegel 01/2011

Spitzenmannschaften können vor laufender Kamera ihre Spieltaktik oder typische Verletzungssituationen analysieren lassen. Angehende Sportlehrer müssen ihre Qualität als Coach unter Beweis stellen:

Die große Halle des neuen sportwissenschaftlichen Zentrums der Humboldt-Uni ist mit Kamera- und Messsystemen ausgestattet, Multimediaräume und Labore sind gleich nebenan. Ende 2010 wurde das 2500 Quadratmeter große Gebäude an der Philippstraße, Ecke Hannoversche Straße in Berlin-Mitte fertiggestellt, in diesen Tagen nehmen die Sportwissenschaftler die Anlagen in Betrieb, sagt Institutsdirektor Sebastian Braun. Offiziell eröffnet wird das Zentrum im Juni.
Die Baukosten von 6,5 Millionen Euro stammen aus dem Konjunkturpaket II des Bundes, die Technik finanziert die HU.

Eingerichtet werden derzeit unter anderem auch eine Tanzhalle und ein Kraftraum, in dem etwa regenerative Trainingseinheiten entwickelt werden. Ein weiterer neuer Standort ist das Poststadion in der Lehrter Straße, wo die HU-Sportler im sanierten Tribünengebäude Büros und Seminarräume erhalten.

Am neuen Standort in der Philippstraße einziehen wird auch ein neues interdisziplinäres Zentrum der HU, das Centrum für Sportwissenschaft und Sportmedizin (CSSB). Geplant sei etwa ein disziplinenübergreifendes Projekt zur Doppelbelastung von jugendlichen Leistungssportlern, sagt Braun.

Quelle: Der Tagesspiegel, 13. Januar 2011, Nr. 20 856

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31.12.2010

"Wir müssen den Pisa-Effekt beim bürgerschaftlichen Engagement besser verstehen" - Interview mit Prof. Braun

 Generali Zukunftsfonds: Jahresbericht 2010

Organisations- und Strukturforschung muss verstärkt werden, sagt Engagementforscher Prof. Dr. Sebastian Braun, 40, Leiter des Forschungszentrums für Bürgerschaftliches Engagement an der Humboldt-Universität zu Berlin. Der Generali Zukunftsfonds stellte 2011 seine Sonderauswertung der Freiwilligen- Surveys zum Thema „Sport und Engagement“ vor.

Wie hat sich das Engagement im Sport in den letzten Jahren entwickelt?

Sport ist mit Abstand der größte Bereich bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland. Aber erstmals ist es erkennbar rückläufig. Von 2004 bis 2009 fiel es um einen Prozentpunkt ab. Das heißt konkret: 650.000 Engagierte sind aus dem Sport abgewandert und fehlen jetzt. Und das, interessanterweise, bei einer stabil gebliebenen Engagement- Quote in der Bevölkerung.

Die liegt laut Freiwilligen-Survey bei etwa 36 Prozent. Woher kommt die Verschiebung zulasten des Sports?

Es vollzieht sich seit mehreren Dekaden ein sukzessiver Strukturwandel des Ehrenamts. Die Vereine setzen in großem Maße noch auf die Vereinssozialisation von klein auf. Heute ist das variabler geworden, viele haben mehrere Mitgliedschaften, wollen sich projektbezogen und zeitlich befristet je nach biografischer Konstellation engagieren.

Was heißt das für die Engagementforschung?

Gerade was die Organisations- und Strukturforschung angeht, gibt es erhebliche Lücken. Weil Engagement eine voraussetzungsvolle Ressource ist und immer ein knappes Gut sein wird, kann man Engagement in der Bevölkerung nicht unbegrenzt steigern. Auch beim Engagement sind Bildungs- und Sozialkapital des Einzelnen entscheidend – man könnte auch vom Pisa-Effekt im bürgerschaftlichen Engagement sprechen. Zudem spenden Menschen Wissen und Zeit aus bestimmten Motivkonstellationen heraus. Das müssen wir besser verstehen, um die Frage beantworten zu können, wie Passungsverhältnisse zwischen Individuum und Organisation hergestellt werden können.

Wo sehen Sie die größten Lücken, was die Erfassung der Wirkung bürgerschaftlichen Engagements betrifft?

Wirkungsforschung kann zum Beispiel die Zielgruppen in den Blick nehmen. Das ist gerade im Bereich der Älteren interessant. Denn hier wissen wir bislang vergleichsweise wenig: Bisher wurden Ältere eher als Empfänger von Leistungen wahrgenommen. Dabei sind sie längst Akteure.

© Generalis Zukunftsfonds: Jahresbericht 2011

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29.11.2010

Ehrenamt ja, aber anders

Fußball-Woche 11/2010

Wie Vereine freiwillige Helfer finden können

Die Bereitschaft zum Ehrenamt im Sport sinkt. Zu dieser Erkenntnis kommt eine vom Bundesfamilien-Ministerium in Auftrag gegebene Studie zwischen 1999 und 2009. Die Verantwortlichen müssen sich also Gedanken machen über Gewinnung und Bindung freiwilliger Kräfte für ein Engagement im Verein.

Zum Beispiel: Ein Informatikstudent im dritten Semester ist gern bereit, sich für ein oder zwei Jahre bei seinem Fußballklub einzubringen und eine Homepage aufzubauen. Doch er ist nicht willens, sie zehn Jahre zu pflegen, weil sich seine persönliche Interessenlage verändert hat, zum Beispiel in Bezug auf Beruf, Familie oder Auslandsaufenthalt. Nur noch wenige Mensche wollen sich längerfristig binden, wollen, wie es vielleicht der Vater getan hat, die „Ochsentour“ vom Betreuer einer Jugendmannschaft bis zum Präsidenten auf sich nehmen.

Die Alternative lautet: Bereitschaft ja, aber nur für projektbezogene Aufgaben.
Wer sich für ein Ehrenamt zur Verfügung stellt, der möchte, wenn er schon kein Geld bekommt, seine persönliche Weiterentwicklung und –bildung forcieren, möchte Kompetenzen erwerben, soziale Beziehungen und Netzwerke aufbauen, die er auch außerhalb nutzen kann. Er ist einverstanden, Verantwortung zu übernehmen und im Rahmen der Möglichkeiten sein Bestes zu geben. Motive, die berücksichtigt werden müssen und die den Strukturwandel widerspiegeln.

Das Szenario heißt: vom alten zum neuen Ehrenamt, vom „Opfer“ zur zeitlich begrenzten Tätigkeit oder auch von der Verpflichtung zur freien Wahl.

Die Vereine müssen sich etwas einfallen lassen. Sie sind organisationsextern gefordert und müssen Kooperationen mir Schule, staatlichen Akteuren oder Unternehmen eingehen, um Quereinsteiger, aber auch (Un-)Ruheständler zu gewinnen. Dazu bedarf es eines Handlungsleitfadens beziehungsweise eines Instrumentenkoffers, um Interessierte anzusprechen, zu gewinnen, zu binden und ihnen bestimmte Aufgaben schmackhaft zu machen – zeitbegrenzt und projektbezogen. So etwas ist mit dem Berliner Fußball-Verband angedacht.

Sebastian Braun, Referent auf der 3. Breitensportkonferenz des LSB am 27.11.2010 im Haus des Sports.

Quelle:

Fußball-Woche
Der gesamte Berliner Fußball auf einen Blick
Nr. 48 – Montag, 29. November 2010

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25.10.2010

Soziale Integration ist möglich

Bundesweite Fachtagung in Hamburg

Über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem ganzen Bundesgebiet besuchten die gemeinsame Fachtagung der Deutschen Sportjugend (dsj) und der Hamburger Sportjugend am 16. und 17. September im Haus des Sports.

Gleich zu Beginn des Programms setzte der UN-Botschafter für die Soziale Integration, Willi Lemke, einen Glanzpunkt. Er blickte auf seine umfassenden Erfahrungen sowohl als Manager des SV Werder Bremen als auch als Bildungssenator der Freien und Hansestadt Bremen zurück und hob die integrative Kraft des Sportes deutlich hervor.

Ihm folgte Dr. Wolfgang Hammer, der seine Kernaussage, dass es bei Kindern und Jugendlichen auf die Motivation ankommt, wenn Bildungseffekte wirken sollen, mit anschaulichen Beispielen aus fernen Ländern illustrierte. Nach einer ersten kurzen Pause befasste sich der Präventionsforscher und Demokratieexperte Thomas Kliche mit der Frage, wie die gesellschaftliche Teilhabe auch von denjenigen erreicht werden kann, die derzeit zum „abgehängten“ Teil der Gesellschaft gehören. Seine These: Teilhabe muss im Kleinen erlebt werden können, damit sie im Großen wahrgenommen wird. Also: Junge Menschen müssen „Selbstwirksamkeit“ erfahren - sie müssen spüren, dass es einen Unterschied macht, was sie tun oder nicht tun. Nur, wenn „Mitmachen“ gefragt ist, kann ein Sinn in einem demokratisch organisierten Gesellschaftssystem erkannt werden. Sie erreichen mit Ihrem Sportangebot viele der gesellschaftlichen Gruppen, die ansonsten sozial und ökonomisch als „abhängig“ bezeichnet werden. Sein Schlussplädoyer: Die vorhandenen guten Ansätze benötigen Zeit zum Wachsen; die positiven Effekte entstehen allmählich und wirken meist auf mehreren Ebenen. Am Ende stellt er die Voraussetzung dar, die in den Angeboten der Integration und in der Organisationskultur erfüllt werden müssen, damit die integrativen Effekte wirken können.

Arne Klindt stellte die Aktion „Kids in die Clubs“ der Hamburger Sportjugend in Grundzügen vor und erweiterte den Diskussionshorizont auf die bundesweite Diskussion über „Bildungschips“ bzw. „Bildungsgutscheine“. Er benannte zentrale Kriterien, die ein solcher Förderansatz erfüllen muss, damit die Unterstützung so ausgestaltet werden kann, dass sie ihren Zweck voll erfüllt.

Nach einer kurzen Pause begaben sich die Tagungsteilnehmenden dann in die sechs Themenworkshops und beschlossen den Tag im IBA-Dock auf der Veddel mit einem netten Beisammensein in den Ausstellungsräumen der IBA 2013.

Nach der Präsentation und Diskussion der Workshop-Ergebnisse setzte Prof. Dr. Sebastian Braun mit einem eindrucksvollen Vortrag zu den Bildungspotenzialen der Mitgliedschaft im Sportverein einen weiteren Höhepunkt. Er stellte aktuelle Zahlen des Freiwilligensurveys vor, die deutlich machen, dass ehrenamtliches Engagement weiterhin im Sport in großer Menge vorhanden ist, tendenziell aber leicht abnimmt. Er zeigte Wege auf, wie es dem organisierten Sport gelingen kann, das so genannte „neue Ehrenamt“ auch in den Vereinen und Verbänden besser zu verankern und die Arbeit auf die Bedürfnisse der prinzipiell weiterhin bereit stehenden Freiwilligen besser zuzuschneiden.

Für die Deutsche Sportjugend stellten Peter Lautenbach und Kristin Anlauf das Förderprogramm JETST (Junges Engagement im Sport) vor und hoben die Vielfalt der insgesamt acht geförderten Modellprojekte hervor.

Zum Schluss der Fachtagung erheiterte der Hamburger Comedian Sebastian Schnoy die Gemüter mit pointierten Erklärungen der Eigenheit verschiedener europäischer Länder und der Schwierigkeiten, die sich daraus für die Integration allein in Europa ergeben.

Die Dokumentationen der Diskussionen und Ergebnisse der Tagung werden voraussichtlich Anfang 2011 in schriftlicher Form erscheinen und den Teilnehmenden sowie weiteren Interessierten zur Verfügung gestellt.

Am Ende entließ Stefan Karrasch die Tagungsteilnehmenden mit dem Wunsch, dass vor allem die dsj in den aktuellen Diskussionen auf Bundesebene die Ideen und Vorschläge der Tagung aufgreifen und in politische Forderungen umsetzen kann.

Sein besonderer Dank gebührte den Teilnehmenden der Tagung, die durch ihre Teilnahme gezeigt hätten, dass die soziale Integration ein echtes Anliegen des organisierten Sportes sei und die mit ihren Beiträgen zum Gelingen erheblich beigetragen hätten.

Text: Michael Sander

Quelle: Blickpunkt, Oktober 2010, Ausgabe 3/10

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01.10.2010

Blickpunkt 10/2010 - Soziale Integration ist möglich

Blickpunkt 10/2010

Bundesweite Fachtagung in Hamburg

Über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem ganzen Bundesgebiet besuchten die gemeinsame Fachtagung der Deutschen Sportjugend (dsj) und der Hamburger Sportjugend am 16. und 17. September im Haus des Sports.

Gleich zu Beginn des Programms setzte der UN-Botschafter für die Soziale Integration, Willi Lemke, einen Glanzpunkt. Er blickte auf seine umfassenden Erfahrungen sowohl als Manager des SV Werder Bremen als auch als Bildungssenator der Freien und Hansestadt Bremen zurück und hob die integrative Kraft des Sportes deutlich hervor.

Ihm folgte Dr. Wolfgang Hammer, der seine Kernaussage, dass es bei Kindern und Jugendlichen auf die Motivation ankommt, wenn Bildungseffekte wirken sollen, mit anschaulichen Beispielen aus fernen Ländern illustrierte. Nach einer ersten kurzen Pause befasste sich der Präventionsforscher und Demokratieexperte Thomas Kliche mit der Frage, wie die gesellschaftliche Teilhabe auch von denjenigen erreicht werden kann, die derzeit zum „abgehängten“ Teil der Gesellschaft gehören. Seine These: Teilhabe muss im Kleinen erlebt werden können, damit sie im Großen wahrgenommen wird. Also: Junge Menschen müssen „Selbstwirksamkeit“ erfahren - sie müssen spüren, dass es einen Unterschied macht, was sie tun oder nicht tun. Nur, wenn „Mitmachen“ gefragt ist, kann ein Sinn in einem demokratisch organisierten Gesellschaftssystem erkannt werden. Sie erreichen mit Ihrem Sportangebot viele der gesellschaftlichen Gruppen, die ansonsten sozial und ökonomisch als „abhängig“ bezeichnet werden. Sein Schlussplädoyer: Die vorhandenen guten Ansätze benötigen Zeit zum Wachsen; die positiven Effekte entstehen allmählich und wirken meist auf mehreren Ebenen. Am Ende stellt er die Voraussetzung dar, die in den Angeboten der Integration und in der Organisationskultur erfüllt werden müssen, damit die integrativen Effekte wirken können.

Arne Klindt stellte die Aktion „Kids in die Clubs“ der Hamburger Sportjugend in Grundzügen vor und erweiterte den Diskussionshorizont auf die bundesweite Diskussion über „Bildungschips“ bzw. „Bildungsgutscheine“. Er benannte zentrale Kriterien, die ein solcher Förderansatz erfüllen muss, damit die Unterstützung so ausgestaltet werden kann, dass sie ihren Zweck voll erfüllt.

Nach einer kurzen Pause begaben sich die Tagungsteilnehmenden dann in die sechs Themenworkshops und beschlossen den Tag im IBA-Dock auf der Veddel mit einem netten Beisammensein in den Ausstellungsräumen der IBA 2013.

Nach der Präsentation und Diskussion der Workshop-Ergebnisse setzte Prof. Dr. Sebastian Braun mit einem eindrucksvollen Vortrag zu den Bildungspotenzialen der Mitgliedschaft im Sportverein einen weiteren Höhepunkt. Er stellte aktuelle Zahlen des Freiwilligensurveys vor, die deutlich machen, dass ehrenamtliches Engagement weiterhin im Sport in großer Menge vorhanden ist, tendenziell aber leicht abnimmt. Er zeigte Wege auf, wie es dem organisierten Sport gelingen kann, das so genannte „neue Ehrenamt“ auch in den Vereinen und Verbänden besser zu verankern und die Arbeit auf die Bedürfnisse der prinzipiell weiterhin bereit stehenden Freiwilligen besser zuzuschneiden.

Für die Deutsche Sportjugend stellten Peter Lautenbach und Kristin Anlauf das Förderprogramm JETST (Junges Engagement im Sport) vor und hoben die Vielfalt der insgesamt acht geförderten Modellprojekte hervor.

Zum Schluss der Fachtagung erheiterte der Hamburger Comedian Sebastian Schnoy die Gemüter mit pointierten Erklärungen der Eigenheit verschiedener europäischer Länder und der Schwierigkeiten, die sich daraus für die Integration allein in Europa ergeben.

Die Dokumentationen der Diskussionen und Ergebnisse der Tagung werden voraussichtlich Anfang 2011 in schriftlicher Form erscheinen und den Teilnehmenden sowie weiteren Interessierten zur Verfügung gestellt.

Am Ende entließ Stefan Karrasch die Tagungsteilnehmenden mit dem Wunsch, dass vor allem die dsj in den aktuellen Diskussionen auf Bundesebene die Ideen und Vorschläge der Tagung aufgreifen und in politische Forderungen umsetzen kann.

Sein besonderer Dank gebührte den Teilnehmenden der Tagung, die durch ihre Teilnahme gezeigt hätten, dass die soziale Integration ein echtes Anliegen des organisierten Sportes sei und die mit ihren Beiträgen zum Gelingen erheblich beigetragen hätten.

Text: Michael Sander

Quelle: Blickpunkt, Oktober 2010, Ausgabe 3/10

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30.09.2010

Prof. Sebastian Braun in Sachverständigenkommission zum ersten Engagementbericht der Bundesregierung berufen

Informationsdienst Wissenschaft - idw - Pressemitteilung HU 09/2010

Die Bundesregierung lässt erstmalig einen umfassenden Bericht zur
Lage des Bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland erstellen. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) hat eine Sachverständigenkommission eingesetzt, in die Prof. Dr. Sebastian Braun, Leiter des Forschungszentrums für Bürgerschaftliches Engagement, der Abteilung Sportsoziologie und Direktor des Instituts für Sportwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin berufen wurde. Das "Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement" an der HU leitet gemeinsam mit dem Institut der Deutschen Wirtschaft Köln die Geschäftsstelle der Kommission.

In Deutschland engagieren sich mehr als 23 Millionen Menschen ehrenamtlich. Damit trägt das bürgerschaftliche Engagement maßgeblich zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. "Es ist ein unschätzbares Kapital und eine der wichtigsten Ressourcen, die wir haben", betont Bundesfamilienministerin Kristina Schröder. Zum Erhalt und zur Steigerung dieses Kapitals lässt die Bundesregierung erstmalig einen Umfassenden Bericht zur Lage des Bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland erstellen. Zu diesem Zweck hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) eine Sachverständigenkommission eingesetzt, in die Prof. Dr. Sebastian Braun, Leiter des Forschungszentrums für Bürgerschaftliches Engagement und Direktor des Instituts für Sportwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin berufen wurde.

Das Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement wird darüber hinaus gemeinsam mit dem Institut der deutschen Wirtschaft die wissenschaftliche Geschäftsstelle leiten, die zum 1. Oktober ihre Arbeit aufnimmt und die Sachverständigenkommission inhaltlich wie
administrativ unterstützt.

Die Sachverständigen werden ihren Engagementbericht im Herbst 2011 vorlegen. Der Bericht wird den Schwerpunkt "Bürgerschaftliches Engagement von Unternehmen" haben und neben einer gebündelten Bestandsaufnahme zur Lage und Situation des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland konkrete Handlungsempfehlungen für Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft umfassen. „Auf diese Weise kann die Entwicklung einer nachhaltigen Engagementpolitik unterstützt werden“, sagt Sebastian Braun.„Die Wirtschafts- und Finanzkrise birgt auch Chancen, neue Konzepte im Zusammenspiel zwischen Unternehmen, staatlichen Institutionen und zivilgesellschaftlichen Akteuren zu erproben, nach der Maxime: Tue Gutes und profitiere davon“, erläutert der 39-Jährige. Wichtig sind dabei globale und nationale Diskussionen über das bürgerschaftliche Engagement von Unternehmen, die unter Begriffen wie „Corporate Citizenship“ an Bedeutung gewinnen.

Das Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement mit seinem rund zwanzigköpfigen Team forscht, berät und gibt öffentliche Impulse zu
Fragen des freiwilligen gesellschaftlichen Engagements von Personen und Organisationen. Auf diese Weise wird der Wissenstransfer und Dialog zwischen Wissenschaft, Politik, Non-Profit-Organisationen Unternehmen und staatlichen Einrichtungen gefördert. Die Forschungs- arbeiten und anwendungsorientierten Studien werden von Einrichtungen der Forschungsförderung, Ministerien, Unternehmen, Nonprofit-Organisationen und Stiftungen finanziell gefördert.

Die Idee, einen interdisziplinären Forschungsschwerpunkt zum Thema bürgerschaftliches Engagement aufzubauen, hat Sebastian Braun aus
Seinen akademischen Auslandsjahren mitgebracht. Er forschte unter anderem im Emmy Noether-Programm der DFG an Spitzeneinrichtungen in Großbritannien und Frankreich. Sebastian Braun hat bereits den vom BMFSFJ Herausgegebenen dritten „Engagementmonitor“ erarbeitet und gehört auch dem Expertengremium des Bundesinnenministers zum Thema „gesellschaftlicher Zusammenhalt und Prävention“ an. Er ist Autor von zwei kürzlich erschienenen Buchpublikationen zum gesellschaftlichen Engagement von Unternehmen im nationalen und internationalen Kontext.

WEITERE INFORMATIONEN

Prof. Dr. Sebastian Braun
Humboldt-Universität zu Berlin
Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement
Philippstraße 13/Ecke Hannoversche Str., Haus 11
10115 Berlin

Tel: 030 2093-46022
Fax: 030 2093-46110
E-Mail: Braun@staff.hu-berlin.de
www.hu-berlin.de/hu/humboldtianer

Text: Mirja Behrendt

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30.09.2010

Unternehmensengagement - Spielerei, Selbstverständlichkeit oder Notwendigkeit

Forum Wohnen und Stadtentwicklung 9/2010

Zur aktuellen Bundespolitik, Bucherscheinungen und Forschung des vhw

1. Das Bundeskabinett hat im Juli einen CSR-Bericht (Corporate Social Responsibility) des Arbeitsministeriums zur Kenntnis genommen und sich quasi selbst die Aufgabe gestellt „ein positives Umfeld für CSR zu schaffen“, wenn schon nicht durch Gesetze, dann durch Förderungen, Preise, Netzwerkplattformen.

Eine Managerstudie des Frankfurter Institutes für Sozialforschung im Auftrag des vhw kommt 2010 zum Schluss, dass sich die Mehrzahl der Befragten am Prinzip wohnungswirtschaftlicher Nachhaltigkeit ausrichten und zahlreiche Maßnahmen unterstützen, die Wohnungsbestände auch sozialpolitisch sichern. Darüber hinaus geben die Autoren zu bedenken, dass die öffentlichen Unternehmen sogar autonomer werden sollten, um innovativ sein zu können. Der vhw selbst definiert CSR als die „freiwillige Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung in der Wohnungswirtschaft (…) als Betriebsstrategie und verlässliche Kompetenz, um Mitverantwortung für den Wohnungsmarkt zu übernehmen (…)“.

Prof. Sebastian Braun kommt 2010 mit zwei Publikationen auf den Markt, die entlang dieser Debatte Oberflächlichkeiten aufdecken und den Stellenwert des „Social Case“ (neben dem „Business Case“), des gesellschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Nutzens, betont. Seine Publikation „Gesellschaftliches Engagement von Unternehmen“ fasst siebzehn Beiträge des vielbeachteten Kongresses in Paderborn 2008 zusammen; seine Publikation mit Holger Backhaus-Maul „Gesellschaftliches Engagement von Unternehmen in Deutschland“ ist Ergebnis einer sekundär-analytischen Studie, die in besonderer Weise an den Unterschieden arbeitet, die mittelständisch - deutsches Unternehmensengagement in einer kooperatistischen „Sozialen-Markt-Gesellschaft“ darstellt im Unterschied zur anglo-amerikanischen CSR-Debatte, wie sie sich auch hochaktuell in der spektakulären Spendenaktion US-amerikanischer Milliardäre widergespiegelt hat.

2. Wo sind die Gemeinsamkeiten und Linien? Die tagespolitische Debatte in Deutschland wird eher dominiert von der „Einführung hochprofessioneller CSR-Departments“ in die Industrie, betont „auf lokaler Ebene die Akzeptanz der Wirtschaft in Gesellschaft“ (aus dem Papier des Nationalen CSR-Forums 2009). Naheliegend ist die Suche nach messbarem Nutzen, wie es die Wohnungswirtschaft mit der „Stadtrendite“ versuchte. Am Ende sollen aus Win-win-Situationen Wirtschaft und soziales Umfeld gleichermaßen zufrieden hervorgehen, weil Wirtschaft „Verantwortung“ übernehme.

Die Braun`schen Publikationen haken dort nach. Eine sprichwörtliche Win-win-Situation ist weder das Motiv des ursprünglichen Unternehmenstypus deutscher Sozialstaatlichkeit gewesen, der sich selbst in die Zivilgesellschaft eingebracht hat, noch garantiert eine solche Situation gesellschaftlichen Mehrwert und die Steigerung vom Gemeinwohl. „Die zivilgesellschaftliche Bedeutung und Wirkung des Engagements von Unternehmen (werde dadurch) völlig unnötigerweise ausgeblendet“ (Braun/Backhaus-Maul, 2010, S. 146). Die Sorge und Mitverantwortung für gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Märkte geht eben weit darüber hinaus, ob ein Unternehmen Gesetze erfüllt und einem privaten oder staatlichen Anliegen „hilft“. Und solche „Umfeldbedingungen“ sind in nachindustriellen globalen Gesellschaften sehr viel voraussetzungsreicher als in geschlossenen Nationalwirtschaften: Sie setzen kompetente, souveräne Bürger in gewaltfreien Formen des zivilen Miteinanders in der ethnischen Supervielfalt voraus (vgl. Stadtquartiere), Kooperationsformen zwischen Bürgern, Staat und Wirtschaft, die den Lebenslagebesonderheiten gerecht werden (vgl. Bildungs-, Freizeit-, Glaubenseinrichtungen), intelligente Formen des Umgangs mit Energie, Mobilität und Arbeit (vgl. Klimaschutzziele, neue Arbeitsmarktformen).

3. Die Gewährleistung solcher Voraussetzungen gelingt dem Staat nicht mehr im „gewohnten Maße“ im europäischen Staats- und Marktmodell (EU-Sprache „Cohesion“) und fordert deshalb Bürgerschaft und Wirtschaft heraus.

Da die Bürgerschaft weiterhin sozialintegrativen Lösungen der Gemeinschaftlichkeit (europäisches Stadtmodell/nicht zu stark segregierte Kindergärten, Schulen, Alters- und Gesundheitssysteme) Vorrang gibt, gehen viele Ansätze des CSR ins Leere. Viel Unternehmensengagement, Stiftungen und Mäzenate gehen in „Lücken“, stiften Stipendien, fördern Spezial- und Sonderlösungen, die unter dem liberalistischen Gesichtspunkt gesellschaftlicher Vielfalt vielleicht gut abschneiden und medial hofiert werden, aber nicht die Marktakzeptanzwirkung haben, die eben der „Social Case“ braucht. Kunden und Bürgerschaft nehmen das Bemühen dieser CSR-Maßnahmen wahr, es geht aber an ihrer Welt und ihren Prioritäten vorbei - anders als vormals oft das Engagement des kleinen lokalen Unternehmens bei Sportverein und Kirchengemeinde.

Kommunale Wohnungsunternehmen investieren oft hart an der Grenze der geschwächten kommunalen Sozialpolitik (vgl. Schuldnerberatungen), stabilisieren damit Quartiere, wirken aber nicht automatisch proaktiv auf eine zivilgesellschaftliche Gesamtentwicklung ihrer Stadtgesellschaft ein. Diese mag sich schwer messen und kaum zertifizieren lassen. Die Stadtgesellschaft bleibt aber Souverän demokratischer Prozesse: In Wahlergebnissen, Beteiligungsverweigerungen, Zu- und Wegzügen spiegelt sich das.

4. Wer sich auf gesellschaftliche Verantwortung einlässt (vgl. vhw-Definition) lässt sich nicht auf das Geschäft des Staates ein, sondern auf die Grundlagenarbeit, die in einer Zivilgesellschaft Sache aller wird. Daher wirkt ein Satz wie „Die Politik muss ein positives CSR-Umfeld schaffen“ ein wenig anachronistisch.

Die Publikationen von Braun geben nicht nur den Sach- und Forschungsstand der CSR-Debatte wieder, sondern erinnern daran, dass es Sache der Wirtschaft selbst sein muss, an ihrem Umfeld zu arbeiten. Eher muss der Staat negative Unternehmens- und Marktstrategien korrigieren - wie aktuell im Finanzbereich - die Verantwortungslosigkeit geradezu prämieren (Beitrag in Brauns Sammelband von Windolf) oder positiv Stiftungsausgründungen fördern (Beitrag Polterauer).

CSR - so der rote Faden - ist nicht primär ein Modernisierungsbeitrag globaler Wirtschaftspolitik, um näher am kritischen Kunden zu sein und Akzeptanzverluste aufzufangen. CSR ist notwendige Folge für Unternehmensstrategien, wenn diese Akteure in einer veränderten Gesellschaft (und Gesellschaftsvertrag zwischen Staat und Bürger) Gestalter und nicht Gestaltete sein wollen. Weder der Staat noch das Produkt, auch keine vermeintlich gute - vorübergehende - Kunden-Produkt-Beziehung nehmen einem Unternehmen ab, sich gegenüber der Zivilgesellschaft zu positionieren.

5. Wer kompetente Bürger im zivilen Miteinander in einer demokratischen marktförmigen Gesellschaft „für sein Geschäft“ braucht, muss sich mit ihnen um die Grundlagen kümmern und entgeht der Aufgabe auch nicht (vgl. Ambivalenz-These von Braun, S. 98), indem er die sozialen Aufgaben mal selbst und rasch erledigt.

Unternehmen machen sich an Kooperationsvereinbarungen mit Zielabsprachen an Akteure heran, mit denen sie bisher weder nach Branche noch Verfasstheit des Anbieters zu tun hatten. Dort realisiert sich CSR mehr oder weniger als in manchen Jahresberichten. Viele Unternehmen haben angesichts drohender Ausländerfeindlichkeit in den neunziger Jahren begriffen, dass sie Betroffene sind und kooperieren mit Erfolg mit anderen Akteuren dagegen. Das Studien- und Publikationsmaterial von Sebastian Braun ist für diese Justierung in der Debatte sehr hilfreich.

Die vhw-Studie und vhw-Definition ist hilfreich, um festzustellen, dass schon viel passiert in der Wohnungswirtschaft, wir aber erst am Anfang einer „Emanzipation“ der Stadtentwicklung stehen, in der Stadtverwaltungen, Bürgerschaft und Unternehmen CSR nicht als „Verschönerungsaktion“ der Städte verstehen, sondern als demokratischen Prozess von Rechten und Pflichten jedes einzelnen Akteurs.

Text: Dr. Konrad Hummel, vhw e.V., Berlin

Quelle: Forum Wohnen und Stadtentwicklung, Juli - September 2010, Heft 4/2010

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13.09.2010

Kräftemessen in Mitte - Neue Sportforschungshalle soll Spitzensportlern helfen, ihre Leistungen zu verbessern

Berliner Zeitung 08/2010

Ein universitäres Zentrum in Mitte könnte zum Mekka für deutsche Spitzensportler werden. Das hofft man zumindest in dem von Humboldt-Universität und Charité gegründeten Centrum für Sportwissenschaft und Sportmedizin Berlin (CSSB).

In den an der Hannoverschen Straße gelegenen Gebäuden werden künftig nicht nur jährlich gut 150 Sportstudenten ausgebildet. Auch Olympioniken und Nationalmannschaften soll dort zu Spitzenleistungen verholfen werden. „Ein Kooperationsvertrag mit dem Olympiastützpunkt Berlin ist bereits geschlossen“, sagt der Vorstandsvorsitzende des CSSB, Norbert Haas.

In dem Zentrum finden die bisher in Hohenschönhausen residierenden Sportwissenschaftler der Humboldt-Uni und die Sportmediziner der Charité ein neues Zuhause. Zehn Professuren zählt das CSSB. Etwa 60 wissenschaftliche Mitarbeiter hat es derzeit, in einigen Jahren sollen es 120 sein.

Vorzeigeobjekt ist eine Sportforschungshalle, die zurzeit gebaut wird. Sechseinhalb Millionen Euro kostet sie. Am Donnerstag wird Richtfest gefeiert, nächstes Frühjahr wird sie eingeweiht. „Dass der Bau so schnell zustande kam, haben wir Mitteln aus dem Konjunkturpaket II der Bundesregierung zu verdanken. Damit wurde das Gebäude komplett finanziert“, sagt Georg Duda, der an der Charité das Julius-Wolff-Institut leitet und neben Sebastian Braun vom Institut für Sportwissenschaften der Humboldt-Universität  stellvertretender Vorsitzender des CSSB ist.

Das Gebäude beherbergt eine Mehrzweckhalle mit drei Feldern, eine Gymnastikhalle und einen Kraftraum. Die besondere Ausstattung – sie ist deutschlandweit einmalig – erlaubt ausgefeilte bewegungstechnische und sportwissenschaftliche Analysen während des Trainings. Zu diesem Zweck sind in der Halle zahlreiche Kameras installiert, die etwa während eines Volleyballspiels die Bewegungen der Spieler erfassen können. Zusätzlich finden sich an einigen Stellen im Boden Kraftmess-Plattformen. „Sie ermitteln, mit welcher Kraft ein Spieler nach einem Sprung auf dem Boden aufkommt“, erläutert Duda. Auch der Kraftraum wird ein besonderer sein. „Die Geräte dort sind mit einer besonderen Messelektronik ausgestattet, die es erlaubt, das Training und den Trainingsfortschritt genau zu überwachen“, sagt Duda.

Auf der Basis der so ermittelten Daten wollen die Forscher neue Trainingskonzepte erstellen, die nicht nur Spitzensportlern sondern auch Breitensportlern nützen sollen. „Bislang werden für Sportler – egal ob jung oder alt, ob männlich oder weiblich – weitgehend die gleichen Konzepte angewandt. Vermutlich muss man aber viel mehr differenzieren, welche Voraussetzungen der einzelne Sportler hat“, sagt Duda.

Während sich die CSSB-Forscher noch etwas gedulden müssen, bis sie ihre Studien in der Sportforschungshalle betreiben können, ist das Hauptgebäude des Zentrums bereits fertig. Das alte veterinärmedizinische Gebäude der Humboldt-Universität wurde saniert und umgebaut. In dem Saal, in dem zu preußischen Zeiten Pferde operiert wurden, befindet sich heute eines der modernsten und größten Labore in Europa zur dreidimensionalen Bewegungsanalyse.

Mithilfe von Infrarotkameras werden dort Unregelmäßigkeiten im Gang oder beim Laufen und Springen ermittelt. So können Spitzensportler ihre Technik optimieren und Fehlbelastungen vermeiden. Aber auch Patienten mit Knieproblemen können von einer Bewegungsanalyse profitieren: Denn damit lässt sich ermitteln, wie Überbelastungen des Gelenkes entstehen. Oft hilft in solchen Fällen ein spezielles Muskeltraining.

Einzelne Projekte mit Spitzensportlern haben die CSSB-Forscher bereits begonnen. Einige Leichtathleten des Olympiastützpunkts plagen zum Beispiel immer wieder Kniegelenksverletzungen. „Wir wollen herausfinden, welche Behandlung optimal ist und wie sich Verletzungen künftig vermeiden lassen“, sagt Duda. Darüber hinaus werden die Forscher in den nächsten Jahren den Nachwuchs für die künftige Volleyball-Nationalmannschaft sportwissenschaftlich begleiten – eine Gruppe von zurzeit 13- bis 15-jährigen Jungen, die im Olympiastützpunkt Hohenschönhausen trainiert. In dem Projekt geht es um die Gelenkstabilität. „Wir vermuten, dass einige Sportler von Natur aus instabilere Gelenke haben als andere und wollen herausfinden, wie sie auf das intensive Training reagieren und ob eine andere Art von Training besser für sie wäre“, sagt Duda. Auch mit dem Staatsballett Berlin ist eine Zusammenarbeit geplant. Für die Tänzer wird ein Konzept zum Muskelaufbau entwickelt.

Welche prominenten Sportler auf dem Campus an der Hannoverschen Straße künftig ein und aus gehen werden, verrät Duda nicht – vor allem weil die Sportler mit trainingsmethodischen Details nicht gleich an die Öffentlichkeit gehen wollen. Duda: „Erst einmal müssen wir mit den Athleten arbeiten und gute Ergebnisse erzielen.“

Text: Anne Brünning

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03.09.2010

Interview mit Professor Sebastian Braun „Man darf nicht nur kostengünstige Ausfallbürgen organisieren wollen“

Darmstädter Echo 09/2010

Ehrenamt: Bürgerschaftliches Engagement ist aus ganz unterschiedlichen Gründen eine Bereicherung für den Staat – Wer sich engagiert, sollte auch mitgestalten dürfen

Professor Sebastian Braun, Jahrgang 1971, leitet das Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement an der Humboldt-Universität in Berlin. Unter anderem war er außerdem Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag in der Enquete-Kommission „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“.

ECHO: Herr Professor Braun, haben Sie ein Ehrenamt?

Sebastian Braun: Mehrere, zum Beispiel in Beiräten, etwa beim Deutschen Olympischen Sportbund oder bei Ministerien, die sich überwiegend mit den Themen des bürgerschaftlichen Engagements beschäftigen.

ECHO: Warum ist bürgerschaftliches Engagement wichtig?

Braun: Bürgerschaftliches Engagement kann man als eine fundamentale Form des gesellschaftlichen Arbeitens begreifen – neben der Berufstätigkeit und der Familienarbeit. Ökonomisch gesehen wird eine enorme Zeit- und Wissensressource für gesellschaftliche Anliegen zur Verfügung gestellt. Ein weiterer Aspekt wird umschrieben mit dem Begriff Sozialkapital. Das heißt, man arbeitet gemeinsam an einem Anliegen und baut dadurch so etwas wie ein Vertrauen in eine diffuse Gemeinschaft auf. Alle leisten ihren Beitrag –ob das nun in einem kleinen Verein ist oder in der Kommune als Ganzem, wo so etwas wie Kontakte, Netzwerke, Beziehungen und soziale Integration in der Gesellschaft überhaupt entsteht.

Noch fundamentaler aber ist, dass es sozusagen der Grundpfeiler der demokratischen politischen Kultur ist, dass der Bürger als Souverän sich um seine Anliegen kümmert und ins politische Gemeinwesen einbringt. Diese Dimension spielt häufig eine viel zu untergeordnete Rolle.

ECHO: Einmischen durch Handeln also.

Braun: Genau, aber natürlich immer im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Da muss man ganz sauber abgrenzen – es gibt auch kurzgeschorene Köpfe, die sich ausgesprochen gut vernetzen und im Gemeinwesen einbringen, die sind ganz bewusst nicht mit dem Begriff des Bürgerengagements gemeint. Normativ betrachtet sind für das bürgerschaftliche Engagement mindestens zwei weitere Aspekte wichtig: Es muss gemeinwohlförderlich oder zumindest -verträglich sein und öffentlich stattfinden beziehungsweise sich im öffentlichen Raum abspielen.

ECHO: Viel Zeitaufwand, viel Verantwortung, wenig Lohn: Warum sollte ich ein Ehrenamt übernehmen, statt mich auf meine Karriere zu konzentrieren?

Braun: Die Frage ist zunehmend virulent, das stimmt. Aber wir wissen aus zahlreichen Untersuchungen, dass ein bürgerschaftliches Engagement dem Einzelnen auch viel zurückgeben kann – nicht nur Sinnstiftung oder persönliche Bestätigung jenseits der Erwerbs- oder Familienarbeit, sondern dass es insbesondere auch Lernpotenziale in sich birgt, die dann in beruflichen Kontexten genutzt werden können.

ECHO: Ehrenamtliche setzen sich dafür ein, dass das Schwimmbad im Ort nicht geschlossen wird. Sie betreuen die Bücherei, weil die Stadt die Mittel dafür gestrichen hat. Was können Bürgerinnen und Bürger leisten?

Braun: Da gibt es natürlich keine Faustregel, sondern das ist eine zutiefst demokratiepolitische Fragestellung. Es gibt liberalere Positionen, die sagen, wir haben es mit einem überbordenden Sozialstaat zu tun, der Menschen entmündigt, ihre Angelegenheiten noch selbst in die Hand zu nehmen. Hingegen beäugen zum Beispiel die Gewerkschaften das Bürgerengagement sehr skeptisch, weil sie Angst haben, dass damit Arbeitsplatzabbau einher geht.

ECHO: Was gehört auf keinen Fall in Bürgers Hand?

Braun: Die innere Sicherheit ist ein hochproblematisches Feld.

ECHO: Welche Erwartungen dürfen Bürger, die sich engagieren, an den Staat haben?

Braun: Dass dieser Form des Arbeitens höchste gesellschaftliche Anerkennung zukommt. Das ist nicht immer der Fall. Wirkliche Anerkennung sieht so aus, dass Bürger an politischen Planungsprozessen teilhaben können.

ECHO: Mit der Verleihung des Landesehrenbriefs ist es also nicht getan?

Braun: Nein. auch wenn er eine lobenswerte Form der Anerkennung ist. Man darf aber eben nicht nur Ausfallbürgen organisieren wollen, die kostengünstig sind; man muss den Engagierten vor allem wirkliche Beteiligungsmöglichkeiten eröffnen. Scheinpartizipation führt hingegen zu Enttäuschung und Rückzug.

ECHO: Ist es andererseits angesichts einer Staatsverschuldung von bald 1,8 Billionen Euro nicht ein willkommener Trick des Staates, das Ehrenamt zu betonen, um öffentliche Leistungen weiter abzubauen?

Braun: Zwischen diesen beiden Polen wird die Debatte noch länger schwanken – Instrumentalisierung des Bürgers für öffentliche Aufgaben auf der einen Seite versus Rückeroberung bestimmter demokratischer Spielwiesen durch den Bürger auf der anderen Seite. Eine abschließende Entscheidung kann man da nicht treffen, weil das von Kommune zu Kommune, von Bundesland zu Bundesland anders aussieht.

ECHO: Laut Freiwilligensurvey von 2009 engagieren sich hierzulande 23,4 Millionen Menschen. Das ist doch eine ganze Menge, oder geht da noch mehr?

Braun: Die Frage ist immer auch, ob die Frage nach dem Mehr immer der absolute Bringer ist. Stellen Sie sich mal 60 Millionen partizipierende Bürger im politischen Raum vor, dann können Sie sich vorstellen, was wir an Protestbewegungen und Bürgerinitiativen hätten. Da ist ein geordneter Politikbetrieb gar nicht mehr möglich.

ECHO: Vereine klagen über Mitgliederschwund. Parteien suchen händeringend nach Kandidaten für die Kommunalwahl. Wohin wird die Reise gehen?

Braun: Dass die Parteien suchen, wundert mich überhaupt nicht. Wenn man sich die Mitgliedschaftsquoten und unter den Mitgliedschaften die Engagierten anguckt, ist das schon fast ein demokratiepolitisches Problem. Das ruft Sorge hervor. Da sind wir übrigens direkt bei der Einflussnahme: Es nützt nichts, wenn die Mitglieder Flugzettel verteilen und dann aber merken, dass sie von den großen Entscheidungen meilenweit entfernt sind.

ECHO: Und die Vereine?

Braun: Vereine sind stabile Organisationen und brauchen verlässliche Mitgliedschaften und Engagements über einen längeren Zeitraum. Sie stöhnen vor allem im Funktionsträgerbereich. Es wird eine grundlegende Aufgabe vieler Vereine werden, eine Art Freiwilligenmanagement als Personalmanagement einzuführen.

Text: Silke Rummel

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14.08.2010

Die Wahrheit neben dem Platz

Badische Zeitung 08/2010

Seit den Erfolgen der Nationalmannschaft bei der WM reden alle von der integrativen Kraft des Fußballs – aber so einfach ist es manchmal nicht

Raphael macht sich Sorgen. Vor einem Monat hat er ein Tor geschossen und sich gleichzeitig aus dem Spiel genommen. „Kreuzbandriss“, sagt er mit gequältem Lächeln, während er sich auf Krücken die Treppenstufen in der Freiburger Fußballschule hochstemmt. Neun Monate Pause. Er ist 17 und Jugendspieler des SC Freiburg, er denkt an die Karriere und daran, wie viel weiter die anderen dann sind.

An was er nicht denkt, ist seine Integration. Raphael hat eine italienische Mutter. Er ist Halb-Deutscher, was nicht sofort auffällt bei badischem Dialekt und dem Nachnamen Kiefl, was aber trotzdem irgendwie wichtig ist, seit Gómez und Khedira Tore für Deutschland schießen.

Junge Spieler wie Raphael gelten als Beweis dafür, dass Integration zumindest im Fußball funktioniert. Aber warum gerade hier? „Weil es egal ist, woher man kommt, wenn man was kann“, sagt Raphael, während er die Krücken abstellt und sich neben seinen Teamkollegen Oguzhan setzt. Oguzhans Eltern kamen aus der Türkei, und manchmal, freitags, geht er mit Ömer Toprak beten. Natürlich sei Integration wichtig, sagt er. „Aber für uns ist das eigentlich kein Thema mehr.“ Weil sie in Deutschland geboren sind, zum einen. Und zum anderen, weil da, wo sie jetzt stehen, jeder nur noch aufs Können und keiner mehr nach dem Nachnamen schaut. „Im Profifußball läuft das doch schon seit Jahren gut“, sagt Raphael.

Wenn Funktionäre über die integrative Kraft des Fußballs reden, klingt das oft, als sei der Sport Strategie. Der DFB vergibt Integrationspreise, und der UN-Sonderbeauftragte für Sport, Willi Lemke, lobt Özils gelungenen WM-Auftritt als ein „wichtiges Integrationssignal“ – was sich ein bisschen so anhört, als habe Özil mit seiner Art, den Ball zu spielen, der Gesellschaft etwas sagen wollen. Spieler wie er werden schnell zu Vorbildern stilisiert, weil sie zeigen, dass jeder Erfolg haben kann im Fußball.

Oguzhans und Raphaels Idole aber heißen nicht Özil und Gómez, sondern Robben und Zidane – weil die jungen Fußballer Parallelen in der Spielweise statt in der Herkunft suchen. Seit der DFB vor zehn Jahren ein Nachwuchsförderprogramm gestartet hat, das Leistungszentren wie die Freiburger Fußballschule unterstützt, ist das mit der Integration im Profifußball tatsächlich einfacher geworden – so einfach, dass die Entwicklung die Diskussion darum eigentlich schon überholt hat.

Willkommen ist, wer eine Aufenthaltserlaubnis hat und kicken kann, gefördert werden keine Begegnungsstätten. Damit ist das erfüllt, woran es sonst oft hapert: Alle haben die gleichen Chancen. Nüchterner gesprochen, geht es dabei umein ökonomisches Prinzip: Leistung ist profitabel und damit wichtiger als die Herkunft.

„Im Sport gibt es auch immer eine Kehrseite der Medaille.“ Sebastian Braun, Sportsoziologe

Sebastian Braun, Sportsoziologe an der Humboldt-Universität Berlin und Autor des Buchs Integrationsmotor Sportverein“, hält die Erwartungen an den Fußball dennoch für überzogen. „Als Frankreich 1998 mit einer multi-ethnischen Mannschaft Weltmeister wurde, wurde die auch als gelungenes Gesellschaftsmodell gefeiert“, sagt er. Später, als sich die Niederlagen häuften, seien dieselben Argumente von der Gegenseite ausgeschlachtet worden: „Da hieß es dann von den gleichen Spielern, sie ruhten sich in der Hängematte der Gesellschaft aus.“

Zwar könne ein Fußballverein die Integration fördern – weil es dort möglich ist, Kontakte zu knüpfen und sich in die Gemeinschaft einzubringen. Was dabei oft vergessen werde, sei das Konfliktpotenzial des Sports. „Diskriminierungen nehmen zwar ab, je leistungsorientierter die Mannschaften sind“, sagt Braun. Aber gerade bei den Amateuren sehe das oft anders aus. „Im Sport gibt es auch immer eine Kehrseite der Medaille.“

Wasenweiler, Pokalspiel. Elfmeter für die Heimmannschaft. Die üblichen Proteste in Richtung Schiedsrichter, es geht ein wenig hin und her, dann Ruhe. „Baris“, erklärt Ramazan Özmen, heiße schließlich „Frieden“ auf Deutsch. Und Baris heißt auch die Gastmannschaft.

Der SC Baris Müllheim ist einer der sogenannten Migrantenvereine, die sich meist in den achtziger und neunziger Jahren gegründet haben. Sie heißen Ankara oder Türkspor, Liljan oder Sloga, und sie sind, in der Spielweise und in ihrem Dasein überhaupt, oft umstritten. Die einen sagen, sie seien Integrationsbremsen und Nährboden für Parallelgesellschaften. Die anderen sagen, so hätten sich endlich
auch die engagieren können, die es in anderen Vereinen schwerer gehabt hätten.

Vor 15 Jahren hat Ramazan Özmen mit Freunden Baris gegründet – um auch den türkischen Spielern eine Chance zu geben, wie er sagt. Die nämlich hätten bei der Alemannia stets auf der Bank gesessen. Bis heute sind Vorstand und die meisten Spieler bei Baris türkischstämmig, es gibt aber auch albanisch-, kurdisch-, italienischstämmige Spieler. Und seit eineinhalb Jahren deutsche.

Vor zwei Jahren übernahm Mustafa Yarayan die Mannschaft: 29 Jahre alt, in Deutschland geboren, die Eltern Türken. Er hat früher in der Jugendnationalmannschaft gespielt – der deutschen, natürlich. „Integration war für mich nie ein Problem“, sagt er. Aber dann kam Baris Müllheim. Und die Sache mit dem Rasen.

Müllheim hat zwei Fußballplätze: einen Rasenplatz im Eichwaldstadion, 100 Meter lang. Bundesligamaße. Und neben dem Stadion einen Kunstrasen, 80 Meter lang. Und Müllheim hat zwei Fußballvereine: Die Spielvereinigung 08 Alemannia Müllheim, seit dieser Saison Kreisliga B. Und Baris, die in der Kreisliga A und damit inzwischen höher spielen, die aber lange als Problemfall galten. Immer wieder war es zu Raufereien zwischen Spielern gekommen, und war es auf dem Platz ruhig, ging’s auf den Rängen zur Sache, bis der Ausschluss aus der Liga drohte.

Als Yarayan kam, änderten sich die Dinge. Er erklärte, dass Erfolg auch etwas mit Disziplin zu tun habe, und die Spieler rissen sich zusammen und reagierten nicht mehr auf jede Beleidigung mit den Fäusten. Baris stieg auf in die Kreisliga A. Und Yarayan holte nach ein paar Monaten die ersten deutschen Spieler ins Team. Seit diesem Sommer ist er kein Trainer mehr bei Baris, aber sein Nachfolger setzt die Linie fort, und es könnte eine wunderbare Integrationsgeschichte sein, in der es darum geht, dass beide Seiten sich öffnen müssen, dass all die integrativen Kräfte des Fußballs zum Wirken kämen. Aber noch, sagt Yarayan, hat Baris es nicht ganz geschafft. Noch nicht auf den Rasen. Auf dem spielt nämlich nach wie vor nur die erste Mannschaft von Alemannia. Der Rasenplatz aber ist städtisches Eigentum. Und eigentlich, findet Yarayan, sollte Baris ebenfalls dort spielen können.

Martin Bauert findet das nicht. Er ist Vorstandsmitglied und ehemaliger Abteilungsleiter der Alemannia, und er kann gleich mehrere Gründe aufzählen, warum das seine Ordnung hat mit dem Rasen. Zum einen mache Baris noch immer Probleme, sagt er, auch wenn es besser geworden sei. Zum zweiten wachse der Rasen schlecht, wenig Sonne, wenig Licht, weshalb die Alemannia selbst nur wenige Partien dort spiele. Am wichtigsten aber: Die Vereinsmitglieder der Alemannia haben das Eichwaldstadion mit aufgebaut. Da gehe es ums Prinzip: „Alle Vereine hier in der Gegend haben in gewissem Rahmen ihre Plätze selbst hergestellt. Und Baris sagt einfach: Wir sind da, wir wollen Fußball spielen, und wir wollen ein Gelände von der Stadt. So kann das nicht laufen.“ Dass Baris sich überhaupt hat gründen müssen, versteht er nicht: „Wie soll ich mich integrieren, wenn ich mein eigenes Süppchen koche?“

Seit es Baris gibt, fühlt die Alemannia sich angezapft. Die Probleme, sagt Bauert, gingen tiefer als nur um den Rasen. Baris hat keine eigene Jugendabteilung, das heißt, Alemannia bildet die Spieler aus, die dann später für den Konkurrenten auflaufen. „Weil wir so einen hohen Ausländeranteil in den Jugendmannschaften haben, bringen viele deutsche Eltern ihre Kinder bewusst in die Ortsteilvereine“, sagt Bauert. Und wenn dann die eigenen Jugendspieler abwanderten zu Baris, bleibe für Alemannia kaum Nachwuchs übrig.

Von Seiten der Stadt Müllheim heißt es, man habe schon zu vermitteln versucht – bisher ohne Ergebnis. Das Paradoxe, sagt Bauert, sei, dass man sich privat sowieso gut verstehe. Einmal, auf einer Grillparty, habe er ein paar Leuten von Baris den Vorschlag gemacht, die Mannschaften doch einfach zusammen zu legen. Auf taube Ohren sei er gestoßen. Und Yarayan findet, man habe doch einfach mal reden müssen. Bauert sagt: „So kann das natürlich nicht funktionieren mit der Integration, wenn keiner über den eigenen Tellerrand schielen will.“ Und Yarayan sagt: „Klar muss man als Ausländer den ersten Schritt in Richtung Integration machen. Aber man muss auch irgendwann auf Bereitschaft stoßen.“

Sebastian Braun sagt, dass Segregation nun mal ebenso zum Fußball gehöre wie Integration. Und warnt davor, zu viel in den Sport hinein zu interpretieren. Viel zu oft werde versucht, daraus Rückschlüsse auf die Leistungs- und Integrationsfähigkeit der gesamten Gesellschaft zu ziehen. „Dabei ist die Realität auf dem Platz viel einfacher“, sagt Braun. „Da wollen die Jungs erstmal nur Fußball spielen. Denen ist egal, wie die Gesellschaft das deutet.“

Auch Oguzhan und Raphael scharren schon wieder mit den Füßen. Oguzhan will auf den Platz. Raphaelmuss in Therapie, damit er den Fuß wieder in Ordnung kriegt. Er kommt aus Müllheim und hat bei der Alemannia angefangen, aber nun hat er die Chance, es ganz nach oben zu schaffen. Und wenn alles klappt? Wenn der Fuß wieder wird, Raphael den Sprung zu den Profis geschafft hat, und wenn dann, wer weiß, die Nationalmannschaft wartet. Für wen würde er dann spielen?
Raphael zögert, stützt sich auf die Krücken. „Italien“, sagt er dann und zögert wieder, „nein, Moment.“ Er schaut zur Decke, überlegt. Vielleicht denkt er an seine italienische Mutter. Vielleicht auch an sein Kreuzband. Schließlich zuckt er die Schultern. „Darüber mache ich mir Gedanken, wenn es soweit ist.“

INFO

FUSSBALL UND MIGRATION

Dem 23-köpfigen Kader der Nationalmannschaft bei der WM in Südafrika gehörten elf Spieler mit ausländischen Wurzeln an: Serdar Tasci,Mesut Özil (Türkei), Dennis Aogo (Nigeria), Sami Khedira (Tunesien), Jerome Boateng (Ghana), Mario Gomez (Spanien), Miroslav Klose, Lukas Podolski, Piotr Trochowski (Polen), Cacau (Brasilien), Marko Marin (Bosnien). 45 Prozent der Bundesligaspieler der vergangenen Saison waren laut Deutscher Fußballliga (DFL) Ausländer.

Text: Carina Braun

Erschienen am 14. August 2010 in der Badischen Zeitung

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05.08.2010

Professor Braun in Sachverständigenkommission zum Ersten Engagementbericht der Bundesregierung berufen

Aufgrund des Beschlusses des Deutschen Bundestages vom 19.03.2009 ist die Bundesregierung verantwortlich, einmal pro Legislaturperiode einen wissenschaftlichen Bericht zum Bürgerschaftlichen Engagement in Deutschland vorzulegen.

Der erste Engagementbericht soll sich in dieser Legislaturperiode neben einer gebündelten Bestandsaufnahme zur Lage und Situation des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland dem Schwerpunkt „bürgerschaftliches Engagement von Unternehmen“ widmen.

Zu diesem Zweck hat die Bundesregierung eine Sachverständigenkommission eingesetzt, in die Professor Sebastian Braun neben acht weiteren Expertinnen und Experten von Bundesministerin Dr. Kristina Schröder berufen wurde. Der Kommissionsbericht soll konkrete, umsetzbare Handlungsempfehlungen für Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft umfassen. Auf diese Weise soll die Entwicklung einer nachhaltigen Engagementpolitik unterstützt werden.

Die Sachverständigen sollen ihren Bericht im Herbst 2011 vorlegen; die Bundesregierung erarbeitet dazu eine Stellungnahme und legt beide Teile dem Bundestag im Frühjahr 2012 als Ersten Engagementbericht vor.

Für die Erstellung des Ersten Engagementberichts wird eine Geschäftsstelle eingerichtet, die voraussichtlich ab Oktober 2010 ihre Arbeit aufnehmen und die Sachverständigenkommission sowohl inhaltlich als auch administrativ umfassend unterstützen wird.

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31.07.2010

(K)eine Ameise sein - Bürgerschafliches Engagement schult soziale Kompetenz, Toleranz und Organisationsgeschick

HU WISSEN - Humboldts Forschungsmagazin 07/2010

„Arbeit ist das halbe Leben“, heißt es in einem ironischen Liedertext von Peter Maffay. „Das liegt halt bei uns so drin... Gehorsam dienen, Pflicht und Macht, alles muss geregelt sein...“, geht es weiter. Und was ist mit dem anderen Stück des Lebens? Der Liedermacher meint: „Ordnung ist die andere Hälfte“. Sebastian Braun, Professor für Sportsoziologie und Leiter des Forschungszentrums für Bürgerschaftliches Engagement der Humboldt-Universität, ist da anderer Ansicht: „Wir haben vergessen, dass es neben der Erwerbstätigkeit noch andere Bereiche des Tätigkeitseins, des gesellschaftlichen Arbeitens gibt.“

Das ist zum Beispiel das freiwillige, bürgerschaftliche Engagement, das Ehrenamt. Bis heute kommen die „ehrenamtlich“ Engagierten vor allem aus der gebildeten Mittelschicht. Sie stehen voll im Erwerbsleben und arbeiten nebenbei zum Beispiel in Krankenhäusern, Hospizen, in Sportgruppen oder Umweltorganisationen.

„Das bürgerschaftliche Engagement wird vielfach in seiner gesellschaft- lichen Bedeutung unterschätzt“, sagt Sebastian Braun, „denn es kann ebenfalls zur Integration beitragen sowie neben oder auch jenseits der Erwerbstätigkeit sinnstiftend sein.“ Mehr noch: Es kann sogar spezielle Kompetenzen fördern. Das untersucht Sebastian Braun mit seinem Wissenschaftsteam in verschiedenen Projekten der Deutschen Forschungsgemeinschaft genauer. „Wir wollen unter anderem wissen, welche besonderen Lernerfahrungen das bürgerschaftliche Engagement in Vereinen bietet.“

Das Ergebnis aus Interviews mit Vereinsmitgliedern:

Freiwillige Arbeit in Vereinen schult soziale Fähigkeiten, Organisations-talent, rhetorisches Geschick, Durchsetzungsvermögen sowie die Fertigkeit des Einzelnen, Probleme zu lösen. „Eine solche Entwicklung ist oftmals in engen beruflichen Kontexten gar nicht möglich“, kommentiert Sebastian Braun die Resultate, die gerade in einer Gesellschaft, in der die Berufsarbeit nicht für alle selbstverständlich ist, interessant sind. „Natürlich darf das kein Verschiebebahnhof für fehlende Arbeitsplätze sein“, betont er, „aber in Zeiten der Erwerbslosigkeit, im Ruhestand oder nach der Kinderpause kann bürgerschaftliches Engagement als Lern- und Erfahrungsfeld sehr sinnvoll sein.“

Eine andere Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums und des Europäischen Sozialfonds hat ergeben, dass Freiwilligendienste in Sportvereinen, Kinder- und Jugendeinrichtungen oder anderen sozialen Institutionen bei Jugendlichen in Deutschland insbesondere die so genannten „soft skills“, die sozialen Fertigkeiten, entwickelt. Gefördert wurden junge Menschen mit niedrigem oder ohne Schulabschluss, denen der Zugang zur Bildung erschwert ist Sie sollen später bessere Chancen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt haben. Die Resultate zeigen unter anderem, dass sie sich in dem Sozialen Jahr beruflich orientieren, entwickeln und dafür berufsqualifizierende Abschlüsse nachholen möchten.

Nicht nur junge, benachteiligte Menschen erwerben bestimmte Kompetenzen beim freiwilligen Einsatz, sondern auch Erwachsene, die im Berufsleben stehen. So interviewte Brauns Forschungsteam rund 1.500 Mitarbeiter des Energie-Unternehmens „E.ON Westfaler Weser AG“ in Paderborn zu diesem Thema. Dabei wurde deutlich: Die Befragten lernen im bürgerschaftlichen Engagement mehr Soziale Kompetenz, Toleranz und Organisationsgeschick. Darüber gaben diejenigen, die in Vereinen und Initiativen mitwirken, an, dass sie sich dadurch vor allem persönlich weiter entwickeln. Sie gewinnen mehr Selbstbewusstsein, sind offener und geduldiger gegenüber ihren Mitmenschen.

Das beweist: Bürgerschaftliches Engagement fördert „Soft Skills“. Sind diese Fähigkeiten erst einmal erworben, können in die berufliche Arbeit eingebracht werden. Davon haben beide etwas: „Das Unternehmen hat leistungsfähige, motivierte und qualifizierte Angestellte. Diese wiederum arbeiten selbstständiger und verantwortungsvoller, statt gegeneinander geht es um ein gutes Miteinander“, verdeutlicht Sebastian Braun.

Sogar Manager aus der Wirtschaft gehen in soziale Einrichtungen
Ja, sogar Manager aus der Wirtschaft verabschieden sich für eine Weile von ihrem Stuhl in der Chefetage und gehen stattdessen in soziale Einrichtungen, pflegen Menschen mit Behinderungen, sitzen am Krankenbett von Sterbenden oder begleiten Wohnungslose zum Sozialamt.

„Seitenwechsel-Lernen in anderen Lebenswelten“, heißt ein bundesweites Fortbildungsprogramm, das Managern eine entsprechende Institution vermittelt. „Die Führungskräfte werden mit Menschen und Problemen konfrontiert, mit denen sie sonst nichts zu tun haben“, sagt Sebastian Braun. „Sie lernen, Herausforderungen im Dialog mit den Engagierten zu lösen, da sie nicht im ,top-down-Prozess’ Ziele erreichen können.“ Der Gewinn für die Unternehmen liest sich jenseits der Aktienkurven: Ihre Führungskräfte lernen, auf Mitarbeiter einzugehen, mit ihnen zu kommunizieren und anders zu entscheiden.

Man muss dazu ergänzen: Der Seitenwechsel erfolgt nicht wirklich freiwillig, sondern wird von einigen Unternehmen den Managern „nahegelegt“. Dennoch liegen Sie damit im Trend der Zeit, sich neben dem Lohnerwerb zu engagieren: „Wir erleben ein Aufschwung bei der freiwilligen Arbeit,“ sagt Sebastian Braun, „denn die Menschen erleben sie als sinnstiftende Tätigkeit.“

Peter Maffay schließt sein Lied über die Arbeit mit dem Refrain: „Ameisen müssen so sein.“ Das hat der HU-Professor klar widerlegt.

Text: Ute Frederike Wegner

HU WISSEN

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10.06.2010

Professor Braun in Expertengremium des Bundesinnenministers

Professor Sebastian Braun ist für das Expertengremium des Bundesinnenministers Dr. Thomas de Maizière zum Thema „gesellschaftlicher Zusammenhalt und Prävention“ ausgewählt worden.

Der Expertenkreis, dem zehn namhafte Professoren/innen unter-schiedlicher Fach- und Forschungsgebiete angehören, soll Bereiche identifizieren, die in besonderer Weise – positiv oder negativ – auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt einwirken.

Das Expertengremium führt damit seine Arbeit aus der vorherigen Legislaturperiode fort, für das Professor Braun bereits ausgewählt wurde.

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31.05.2010

Gesellschaftspolitischer Diskurs oder Knöchel der Nation

Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen 05/2010

Nicht nur kurz vor Welt- und Europameisterschaften ist Fußball zu einem wichtigen Teil der Gesellschaft geworden. Vor solchen sportlichen Großereignissen nimmt die mediale Aufmerksamkeit jedoch Ausmaße an, die oftmals fast bizarre Züge annimmt – zu beobachten zum Beispiel im Laufe dieser Woche, als die Nachricht von der Verletzung des Nationalmannschaftskapitäns Michael Ballack selbst drängende politische Probleme wie die Griechenlandkrise oder die Debatten um die Regierungsbildung in Nordrhein-Westfalen in den Hintergrund schob.

So strahlte selbst die ARD zur besten Sendezeit um 20:15 Uhr eine Sondersendung aus zu den neuesten Entwicklungen um den „Knöchel der Nation“ und die daraus folgenden sportlichen! Konsequenzen. Im Gegensatz zu den sportlichen Fragen zum Fußball und den Chancen der verschiedenen Nationalmannschaften auf den Weltmeistertitel geht das Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen in seinem neuen Heft den gesellschaftspolitischen Dimensionen des Fußballs nach.

Gerald Hödl und Kurt Wachter loten in ihren Beiträgen die politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen des Fußballs im Allgemeinen und der ersten Fußball-WM auf dem afrikanischen Kontinent für Afrika aus. Hödl attestiert Exklusionstendenzen im Rahmen der Vorbereitung auf die Fußball-WM in Südafrika und analysiert die Auswirkungen der WM auf die soziale und politische Situation. Wachter analysiert Fußball als Teil der Entwicklungspolitik und fragt kritisch, welche kolonialen Traditionen in diesem Beziehungsgeflecht zum Ausdruck kommen und welche emanzipatorischen Elemente zur Überwindung von Abhängigkeitsverhältnissen dort sichtbar sind.

Sebastian Braun widmet sich in seinem Beitrag der Rolle des Fußballs und seiner Vereine und Verbände als zivilgesellschaftlichen Akteuren. Er sieht die Notwendigkeit einer fundierten ,engagementpolitischen Konzeption‘, die Vereine und Verbände allerdings bislang vermissen lassen.

In weiteren Beiträgen lesen Sie Mark Terkessidis, der sich fragt ob nicht „die Nation“ angesichts auf Diversität beruhender Mannschaftsaufstellungen auch in Nationalteams zum leeren Bedeutungsträger wird. Im Interview berichtet Christoph Biermann über die Tendenz, Fußball mit wissenschaftlichen Mitteln und Statistiken zu analysieren. Jonas Gabler widmet sich der umstrittenen Fangruppierung ‚Ultras‘ und berichtet über deren Entstehungsgeschichte und Richard Gebhardt setzt sich in seinem Blick auf die so genannten „Bunten Ligen“ mit einer anderen zivilgesellschaftlichen Facette des Fußballs auseinander.

Zum Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen

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30.05.2010

Fremde Freunde - Politische Kultur in Deutschland und Italien im Dialog

Konrad-Adenauer-Stiftung 05/2010

„Der engagierte Bürger soll einen substanziellen Beitrag zur Bewältigung der Herausforderungen des Sozialstaats, der Arbeitsgesellschaft und der Demokratie und somit zur Integration der Gesellschaft leisten.“Professor Braun erörtert im Portal der politischen Kulturen in Deutschland und Italien den Begriff des bürgerschaftlichen Engagements.

Bürgerschaftliches Engagement

"Bürgerschaftliches Engagement“ (BE) – dieser Terminus steht für eine Hoffnung im politischen Diskurs in Deutschland. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nichts über das freiwillige und unentgeltliche Engagement jenseits der Erwerbsarbeit, des im engeren Sinne staatlichen Verwaltungshandelns und außerhalb des sozialen Nahraums der Privatsphäre zu lesen ist.

Dieses Engagement wird nach den einschlägigen Umfragen in Deutschland von rund einem Drittel der über 14-Jährigen (ca. 23 Mio. Bürgerinnen und Bürger) in einer Vielzahl von Handlungsfeldern erbracht: Ganz vorne steht mit deutlichem Abstand der Bereich Sport und Bewegung (11% der Bevölkerung im Alter von mehr als 14 Jahren); ihm folgen die größeren Felder Schule und Kindergarten (7%), Kirche und Religion (5,5%), Freizeit und Geselligkeit (5%), Kultur und Musik (5,5%) sowie Soziales (5,5%). Die übrigen Handlungsbereiche wie z.B. Feuerwehr und Rettungsdienste, berufliche und politische Interessenvertretung, Umwelt und Tierschutz oder Jugendarbeit weisen hingegen eine Engagementquote von weniger als 3% der Bevölkerung auf.

Während dieses vielfältige Engagement lange Zeit eher stiefmütterlich behandelt und unter dem Begriff des Ehrenamts als überholt abgetan wurde, sind die Ansprüche an das BE in Deutschland derzeit kaum noch zu steigern: Der engagierte Bürger soll einen substanziellen Beitrag zur Bewältigung der Herausforderungen des Sozialstaats, der Arbeitsgesellschaft und der Demokratie und somit zur Integration der Gesellschaft leisten. Die folgenden Kommentierungen skizzieren die laufenden Diskussionszusammenhänge.

Die Herausforderungen des Sozialstaats

In der aktuellen Debatte über die Herausforderungen des Sozialstaats ist BE in politische Auseinandersetzungen eingebunden, die hierzulande seit den siebziger Jahren geführt werden. Damals wurden nicht nur die „Grenzen des Wachstums“ thematisiert, sondern auch das sozialdemokratische Modell vom Staat als Hüter und Wächter des Gemeinwohls in Frage gestellt. In diesem Modell hatte die „aktive Bürgerschaft“ eine Statistenrolle: Nicht hohe Beteiligungsquoten und die Inputs der Bürger, sondern das staatliche Leistungsniveau und die Outputs des politischen Systems galten als Maßstab für die Funktionstüchtigkeit des Gemeinwesens.

Seitdem haben vor allem marktliberale Vorschläge zur Umgestaltung des Sozialstaats an Bedeutung gewonnen. Deren Befürworter und Gegner sind sich zwar uneinig, doch in einem Punkt ist ihre Argumentationsbasis ähnlich: Markt, Staat und der einzelne Bürger werden zumeist isoliert betrachtet, während gesellschaftliche Assoziationsformen (mit Ausnahme der Familie) nebensächlich sind. Genau in diese Lücke stoßen die Kritiker: Sie setzen bei der Herstellung wohlfahrtsrelevanter Güter und Dienste auf eine neue Verantwortungsteilung zwischen Staat und Gesellschaft. Während der Staat bisher die Gewährleistungs-, Finanzierungs- und Vollzugsverantwortung bei der Herstellung öffentlicher Güter und Dienste innehatte, soll er sich zunehmend auf die Gewährleistungsfunktion beschränken, die Vollzugs- und Finanzierungsverantwortung an die Bürgergesellschaft abtreten und damit zugleich bessere Rahmenbedingungen für BE schaffen.

Die Herausforderungen der Arbeitsgesellschaft

Eines der offensichtlichsten Probleme des deutschen Sozialstaats besteht darin, dass seit Mitte der 1970er Jahre die Zahl von Personen zunimmt, die erwerbstätig sein möchten, die aber kein (ihnen zusagendes) „Normalarbeitsverhältnis“ finden. Vor diesem Hintergrund rekurriert die Diskussion über BE im Kontext der Herausforderungen der Arbeitsgesellschaft an eine seit Ende der siebziger Jahre geführte Diskussion, die in der Frage mündete, ob der Arbeitsgesellschaft die Erwerbsarbeit ausgehe. „Bürgerarbeit“, „Tätigkeitsgesellschaft“ oder „Mehrschichtenmodell produktiver Arbeit“ lauten aktuelle Ansätze, die von einem entsprechenden Strukturwandel der Arbeitsgesellschaft ausgehen. Gefordert werden deshalb ein kultureller Wandel im Verständnis von Arbeit und eine flexiblere, den Lebenssituationen angepasste Gestaltung des Erwerbssystems, das BE oder Aufgaben in der Familie einbezieht. In diesen Kontext sind aktuelle Reformentwürfe einzuordnen, die einen kulturellen Wandel im Verständnis von Arbeit thematisieren (z.B. das „Mehrschichtenmodell produktiver Arbeit“ im Bericht an den „Club of Rome“ oder die in Deutschland viel diskutierten Modelle der „Bürgerarbeit“ oder der „Tätigkeitsgesellschaft“). Auf diese Weise sollen einerseits sinnstiftende Tätigkeiten jenseits der Erwerbsarbeit aufgewertet,; andererseits sollen Gelegenheitsstrukturen zu lebenslangem Lernen im Rahmen eines BE jenseits formalisierter Bildungskontexte wie Schule, Ausbildung und Universität eröffnet werden.

Die Herausforderungen der Demokratie

Schließlich hat BE traditionell seinen Platz in der Vorstellung von der Demokratie als Partizipationsgemeinschaft. Angesprochen ist damit eine normative Dimension von Demokratie, die vor dem Erfahrungshintergrund der deutschen Geschichte beinahe einen Allgemeinplatz darstellt: Eine Demokratie ohne den „homo democraticus“, der sich aktiv an der Suche nach politischen Lösungen für das Gemeinwesen beteiligt, ist zum Scheitern verurteilt. Auch diese Dimension von BE hatte in der Bundesrepublik Deutschland ihre Blütezeit in den späten sechziger und siebziger Jahren. Damals wurden unter dem Druck der Studentenbewegung nicht nur von staatlicher Seite („mehr Demokratie wagen“, Willy Brandt), sondern vor allem auch durch soziale Bewegungen Demokratisierungsprozesse in Gang gesetzt. Die Reformeuphorie ebbte im staatlichen Sektor allerdings schon Ende der siebziger Jahre ab und fand mit dem Regierungswechsel zur liberal-konservativen Koalition ihr vorläufiges Ende.

Erst in den letzten Jahren hat im Rahmen intensiver Diskussionen über Effektivitätsprobleme staatlichen Handelns und Legitimationsprobleme des etablierten Systems der Interessenvertretung die politische Dimension von BE wieder größere Aufmerksamkeit gefunden. Gleichwohl bildet sie das Schlusslicht in der laufenden Debatte, die ein politisches Defizit kennzeichnet. Ausgeblendet wird in der Diskussion, dass den engagierten Bürgern immer auch ein Handlungsfeld eingeräumt werden muss, auf dem sie mit einer gewissen Eigenständigkeit und praktisch folgenreich agieren können. Dabei stellt sich explizit die Frage einer neuen Machtteilung und –verlagerung, doch diese wird im politischen Diskurs bislang eher am Rande und unsystematisch gestellt.

Zusammenfassung

Die drei umrissenen Debatten erscheinen sehr disparat. Reduziert man sie auf einen gemeinsamen Kern, dann gelangt man zu einer der grundsätzlichen Fragen der Soziologie: der Frage nach dem „sozialen Kitt“, der moderne Gesellschaften zusammenhält. Als beliebtes und nur selten kritisch hinterfragtes Paradebeispiel für gelebte Solidarität gewinnt das frei gewählte Engagement der Bürger in einer Zeit an Konjunktur, in der zentrale Integrationsmodi der Gesellschaft zu erodieren drohen: die sozialstaatlichen Sicherungssysteme, der Arbeitsmarkt und die demokratischen Institutionen des politischen Systems. In allen drei Bereichen soll der engagierte Bürger durch Selbstorganisation, Partizipation und gemeinwohlorientiertes Handeln zur Problemlösung beitragen. Vor diesem Hintergrund werden in der Diskussion über die „Bürgergesellschaft“ in Deutschland mehr und mehr entsprechende politische Akzente gesetzt: Institutionell geförderte Bürgerbeteiligung und Öffnung staatlicher Einrichtungen, Stärkung der Subsidiarität, Kommunalisierung politischer Aufgaben oder auch Einbettung von Unternehmen als „Unternehmensbürger“ („Corporate Citizen“) in öffentliche Aufgaben lauten die Stichworte. Diese Stichworte verweisen auf grundlegend neue Formen der Aufgabenverteilung zwischen Staat, Bürgerinnen und Bürger, Nonprofit-Organisationen (wie Vereinen und Verbänden), aber auch Wirtschaftsunternehmen, die unter Stichworten wie „Corporate Citizenship“ als gesellschaftlich engagierte „Unternehmensbürger“ zunehmend in den Blick der Diskussion über bürgerschaftliches Engagement geraten.

Sebastian Braun

Weiterführende Literatur

Bode, Ingo/Evers, Adalbert/Klein, Ansgar (Hg.): Bürgergesellschaft als Projekt, Wiesbaden 2009.
Braun, Sebastian: Bürgerschaftliches Engagement – Konjunktur und Ambivalenz einer gesellschaftspolitischen Debatte. Leviathan. Zeitschrift für Sozialwissenschaft, 29 (2001), S. 83-109.
Gensicke, Thomas/Picot, Sybille/Geiss, Sabine: Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999-2004, Wiesbaden 2006

Hintergrundinformationen

Mit dem Portal der politischen Kulturen in Deutschland und Italien will die Konrad-Adenauer-Stiftung in Rom einen Beitrag leisten, dass sich beide Länder kennen lernen, sich verstehen lernen und wieder annähern. Ausgewählte Stichworte der politischen Kultur sollen zum Vergleich und damit zum Dialog anregen. Professor Braun erörtert dabei den Begriff des bürgerschaftlichen Engagements.

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02.04.2010

„Der Sport muss sich sichtbar machen“

Faktor Sport 1/2010, Das Magazin des DOSB 04/2010

Interview mit Professor Sebastian Braun

Unternehmen beginnen ihre Rolle in der Gesellschaft neu zu definieren. Das Schlagwort dazu lautet: Corporate Social Responsibility

Was traditionell im einfachen Austausch von Leistung und Gegenleistung abläuft, funktioniert beim Thema CSR nicht mehr – das wird im Gespräch mit Sebastian Braun, Professor an der Berliner Humboldt-Universität, sehr deutlich.
Der Experte wertet den Unternehmensdrang nach sozialen Partnerschaften als große Chance – auch für den Sport. Und er macht zugleich deutlich, dass es nicht reicht, in Ruhe auf diese zu warten.

Herr Professor Braun, das Thema Corporate Social Responsibility ist in aller Munde. Was unterscheidet CSR vom klassischen Sponsoring?

Sebastian Braun: Aus meiner Sicht vor allem drei Aspekte. Zunächst einmal die Langfristigkeit der Beziehung. Dann die Gegenleistungen: Es geht nicht um die vertraglich zugesicherte Vergabe von Geld- oder Sachmitteln, sondern um die freiwillige Bereitstellung von Wissen, Zeit sowie materielle und personelle Ressourcen für den Partner. Drittens betreibt das Unternehmen eine Art Identitätsmanagement. Denn: die freiwillige Einhaltung von Arbeits-, Sozial- oder Umweltstandards gibt Auskunft darüber, welche Rolle es in der Gesellschaft einnehmen möchte und wie es zu Problemlösungen beitragen will. Nachrangig ist bei CSR – im Gegensatz zum Sponsoring – die kommunikative Nutzung der Plattform.

Einige Merkmale sind einem aus dem Sponsoring vertraut.

Es gibt viele Experten, die gar nicht strikt trennen zwischen CSR und Sponsoring, Sponsoring eher als Vorform des gesellschaftlichen Engagements begreifen. Man muss keine Pole konstruieren, auch nicht zum Mäzenatentum. Die Akzentuierung entscheidet.

Ist die Vorform Sponsoring nötig gewesen, um das Bewusstsein zu schärfen, dass es bei Partnerschaften um mehr gehen kann als den Austausch von Leistungen?

Am Sponsoring – so wie wir es aus der Fußballbundesliga oder anderen medial erfolgreichen Sportarten kennen – wird sich wenig ändern. Dort wird man weiter nüchtern bilanzieren, was der kommunikative Mehrwert des Engagements ist. Was durch den gesellschaftlichen Aspekt stärker in den Vordergrund rückt, sind Felder, die eine geringere mediale und damit öffentliche Präsenz haben.  

Es gibt schon lange Forderungen des Sports an die Wirtschaft, stärker im Nachwuchsbereich oder Breitensport tätig zu werden.

Es ist weniger der Sport, es ist mehr die Unternehmenswelt, die sich wandelt. Und es gibt Organisationen und Systeme, die ihre gesellschaftliche Bedeutung aktiver hervorheben als der Sport, um diesem Wandel zu entsprechen. Das Bildungssystem etwa ist wesentlich präsenter, um Firmen zu einem gesellschaftlichen Engagement zu animieren. Dabei bietet gerade der Breitensport viele interessante Anschlussofferten: Selbstorganisation, Integration oder Gesundheit, um nur einige Beispiele zu nennen.

Welche Ursachen hat dieser Strategiewechsel in der Unternehmenswelt?

Das hat viele Gründe. In Deutschland werden – wie in anderen Wohlfahrtsstaaten – Aufgaben nicht mehr in der gewohnten Form von der öffentlichen Hand wahrgenommen. Es entstehen Lücken in der Bereitstellung von Leistungen, die einst als öffentliche Aufgaben definiert waren. Für Unternehmen taucht nun die Frage auf, welchen Beitrag sie jenseits von Steuern und Abgaben leisten wollen, um etwa eine funktionierende Sport- und Freizeitumwelt um den Standort zu erhalten. Oder welche Unterstützung sie geben können, damit künftige Arbeitnehmer eine gute Ausbildung haben, obwohl schulische und universitäre Einrichtungen unterfinanziert sind. Es ist der Unternehmenssektor, in dem die Fragen gestellt werden, nicht der Sport, der sich fundamental gewandelt hätte und nun hochattraktiv wäre.

Sie sprachen davon, dass einzelne gesellschaftliche Bereiche sehr unterschiedlich aktiv sind, um auf ihre Bedürfnisse aufmerksam zu machen.

Ja. Und die staatlichen Einrichtungen oder Non-Profit-Organisationen gehören bisher zu den weniger aktiven. Gerade die traditionelleren unter ihnen tun sich schwer damit, Kooperationen mit Unternehmen einzugehen – da schwingt so etwas wie Kapitalismuskritik mit. Es werden eher öffentliche Zuwendungen bevorzugt. Auch im Sport.

Wie müsste ein alternatives Verhalten aussehen?

Man kann bei Mittelständlern und Großkonzernen beobachten, dass sich ein strategischeres Konzept von gesellschaftlichem Engagement herausschält, in dem der unternehmerische und gesellschaftliche Nutzen stärker miteinander verzahnt werden.

Was bedeutet das konkret?

Dass es nicht mehr ausreicht, zu sagen, wir brauchen Leibchen, Trikots und Schuhe für unsere Mannschaften, weil wir viele Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen haben. Man muss den Business-Case bedienen und sich überlegen, was das Unternehmen davon hat, sich in diesem Sportsegment einzubringen und nicht in den Schulsektor zu gehen. Das setzt ein anderes Denken voraus.

Also spielt der Nutzen-Aspekt beim CSR-Engagement doch eine wichtige Rolle.

Sie müssen berücksichtigen, dass wir in den vergangenen 25 bis 30 Jahren einen fundamentalen Wandel erlebt haben: vom inhabergeführten Unternehmen, dessen Besitzer in der Regel eine Vorstellung davon hatte, was für ihn eine „gute Gesellschaft“ ist, hin zu Kapitalgesellschaften, die von einem Management geführt werden, das den Aktionären gegenüber rechenschaftspflichtig ist. Unter den Bedingungen müssen die Mittel effizient und nachvollziehbar eingesetzt werden.

Ist das vom Sport zu leisten, sich so weit in Unternehmen hineinzudenken?

Das ist notwendig, allerdings müssten gegebenenfalls Ressourcen verschoben werden. Wir reden hierbei nicht vom Sportverein um die Ecke, sondern über konzeptionell und langfristig angelegte Programme im Nachwuchsbereich, im Behinderten- oder Breitensport. Landessportbünde und der DOSB müssen sich überlegen, wie sie auf die Anforderungen reagieren – zum Beispiel in der Art, wie sie Entscheidungen treffen.

Der DOSB sollte günstige Voraussetzungen für CSR-Partnerschaften mitbringen.

In der Tat. Es gibt wahrscheinlich keine andere Non-Profit-Organisation in Deutschland, die über eine derartige Bandbreite an gesellschaftlich relevanten Themen verfügt und dabei so hohe Verantwortung übernimmt. Das gilt außerhalb des Sportsystems aber schon als viel zu selbstverständlich, und der Sport ist an dieser Wahrnehmung nicht unbeteiligt: Sein Aufgabenspektrum hat sich überformt, im Sinne einer Art „Sozialstation“ – die vielfach auch sehr erfolgreich gearbeitet hat. Er versucht daraus einen Wahrnehmungsbenefit zu gewinnen, vor allem gegenüber den staatlichen Institutionen. Allerdings geht teilweise unter, dass ein Sportverein in erster Linie gegründet wird, um Sport zu treiben.

Überspitzt formuliert: Indem der Sport seine gesellschaftliche Bedeutung betont, erkennen Unternehmen nicht mehr, wo sie seine Organisationen unterstützen können.

Und worin das Innovative läge, wenn im Sportverein bereits Sozial-, Integrations-, Behinderten- sowie Kinder- und Jugendarbeit geleistet wird. Manchmal glaube ich, der Sport unterschätzt selbst das unglaubliche Potenzial, das er hat, um an CSR-Strategien von Unternehmen anzudocken.

Können Unternehmen nicht einfach helfen, dieses Potenzial zu nutzen?

Ich glaube nicht. Die Unternehmen kennen zwar ihr Kerngeschäft – etwa: wie verkaufe ich Energie? – aber zu wissen, wie Integration funktioniert, wie ein Bildungssystem aussehen sollte oder wie man Kindergärten durch Bewegungsangebote attraktiver machen kann; diese Übersetzungsarbeit wäre zu viel von ihnen verlangt.  Hier haben die Non-Profit-Organisationen ihre Stärken und können wertvolle Übersetzungsarbeit leisten. Für Unternehmen heißt das, interessante und auch irritierende Erfahrungen zu machen, die Basis für Innovation sein können.

Geraten Non-Profit-Organisation nicht in ein Dilemma? Sie müssen Unternehmen die Vorteile einer Zusammenarbeit deutlich machen und zugleich herausstellen, dass sie sich nicht durch Firmen vereinnahmen lassen – gerade vor dem Hintergrund der erwähnten Skepsis in Deutschland gegenüber privatwirtschaftlicher Unterstützung.

Ich will es noch einmal betonen: Der Sport muss verdeutlichen, was sein eigentlicher Organisationszweck ist – und was seine gesellschaftlichen Aufgaben, die er zum Teil schon seit Jahrzehnten wahrnimmt. Im Konkurrenzkampf um Partnerschaften und Ressourcen stellt sich die Frage: Wie positioniert sich der Sport so gut und so geschickt, dass andere Organisationen ihm nicht den Rang ablaufen?

Er muss also bestimmte Themen besetzen.

Das sind die Hausaufgaben: kommunikativ herauszuarbeiten, welche konkreten Aufgaben des Sports anschlussfähig sind für das Kerngeschäft eines Unternehmens. Die Lösungen fallen naturgemäß sehr unterschiedlich aus – je nachdem, in welcher Branche sie sich bewegen. Wenn man im Rahmen der gesellschaftlichen Verantwortung etwa gemeinsame Ökologieprojekte identifiziert, in das ein Unternehmen seine Kompetenz einbringen und das es zugleich mit einem Werbeschild versehen kann, dann ist das für potenzielle Partner etwas anderes als auf der DOSB-Homepage herumzusurfen, um nach möglichen Kooperationsfeldern zu fahnden.

So eine Herangehensweise erfordert hohen Aufwand. Was macht Sie sicher, dass er sich lohnt?

Ich habe das unter dem Stichwort Suchbewegung zusammengefasst. Unternehmen suchen nach neuen Positionen und Rollen in der Gesellschaft, weil sie sich einer immer kritischeren Öffentlichkeit ausgesetzt sehen. Diese ist höher gebildet als noch vor 30 oder 40 Jahren und geht wesentlich sensibler mit Themen wie Umwelt und Gesundheit um, und sie erwartet, dass Unternehmen sich gesellschaftlich verantwortlich verhalten. Außerdem findet die in Deutschland traditionell verbreitete korporatistische Unternehmenspolitik ein Ende.

Welche Anzeichen sehen Sie für diese Suchbewegung?

Es gibt einen Ansturm auf Tagungen und Konferenzen zu dem Thema. Im Vordergrund stehen da noch grundlegende Aspekte: Worum geht es bei CSR eigentlich und was bringt es für das Unternehmen. Ein weiterer Hinweis ist, dass in Firmen begonnen wird, Stellen für das Thema einzurichten und drittens, dass es eine Fülle von Publikationen gibt und sich eine Reihe von Mittlerorganisationen gründen, die an dem Run partizipieren möchten.   

Eine Übergangsphase.

Richtig. Noch haben sich die Konturen nicht richtig herausgebildet, es fehlt an Ausbildung und Know-how. Auch der Sport braucht Zeit, um das Thema für sich weiterzuentwickeln und neue Regeln zu definieren für eine Zusammenarbeit mit dem Business auf den Feldern Sport, Gesundheit oder Integration.

Wie viel Zeit hat er, sich entsprechend  zu positionieren?

Das ist schwer einzuschätzen. Im Sommer 2008 hätte ich gesagt, bei den Großkonzernen wird sich in den kommenden fünf bis acht Jahren das Zeitfenster schließen. Dann haben sie sich auf dem Feld profiliert und nehmen nur noch einzelne Elemente in ihr Portfolio auf. Durch die Finanz- und Wirtschaftskrise wird es wahrscheinlich etwas länger dauern. Aber wegen der großen Konkurrenz unter den Non-Profit-Organisationen ist es wichtig, dass sich der Sport rechtzeitig sichtbar macht.

Interview: Marcus Meyer und Jörg Stratmann

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31.03.2010

Engagementkultur fällt nicht vom Himmel. Anerkennung für bürgerschaftliches Engagement - Nominierungsphase für Deutschen Engagementpreis 2010 startet

Kampagne "Geben gibt." 03/2010

„Geben gibt.“ ruft zur Nominierung freiwillig engagierter Menschen unter www.geben-gibt.de auf. Schwerpunktkategorie in 2010: Jugendengagement

Berlin, 30. März 2010 – Die Kampagne „Geben gibt.“ ruft erneut den Deutschen Engagementpreis aus und fordert zur Nominierung von Personen, Institutionen und Unternehmen auf, die sich vorbildlich für die Gesellschaft einsetzen. Der Deutsche Engagementpreis, gefördert durch den Generali Zukunftsfonds und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, ehrt im zweiten Jahr bürgerschaftliches Engagement. Eine hochkarätig besetzte Jury, zu der auch Professor Braun gehört, vergibt die Auszeichnung in den Kategorien Politik & Verwaltung, Wirtschaft, Gemeinnütziger Dritter Sektor & Einzelpersonen und der Schwerpunktkategorie 2010: Jugendengagement.

Im Herbst ist die Öffentlichkeit aufgerufen, per Online-Voting über den Publikumspreis abzustimmen. Für den Deutschen Engagementpreis kann man sich nicht selbst bewerben – stattdessen haben alle Bürgerinnen und Bürger vom 1. April an die Möglichkeit, ihren "persönlichen Helden" für ihr Engagement zu danken und sie damit gleichzeitig für die Auszeichnung vorzuschlagen.

„Nur wenn sich Jugendliche und Erwachsene freiwillig engagieren, werden die zukünftigen Herausforderungen, wie zum Beispiel der demografische Wandel, zu bewältigen sein", sagt Bundesfamilienministerin Kristina Schröder. „Umso wichtiger ist es, diejenigen für ihre Arbeit auszuzeichnen, die sich engagieren und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft dadurch erst möglich machen.“

Jury

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31.12.2009

Deutscher Engagementpreis 2009 - Preisträger stehen fest

Kampagne "Geben gibt." 12/2009

Mehr als 2.200 Personen und Projekte wurden in den Sommermonaten für den Deutschen Engagementpreis nominiert, knapp 1.000 Projekte eingereicht. Eine elfköpfige Jury ermittelte die Preisträger in vier Kategorien. Zudem konnten alle Bürgerinnen und Bürger online über den Gewinner des Publikumspreises abstimmen. 38.000 Stimmen wurden insgesamt für 20 Shortlist-Projekte abgegeben.

Am 5. Dezember 2009, dem internationalen Tag des Ehrenamts, wurde  der Deutsche Engagementpreis erstmalig in Berlin verliehen. Fünf Preisträger wurden im Rahmen eines außergewöhnlichen Festprogramms für ihren freiwilligen gesellschaftlichen Einsatz geehrt. Dr. Alfred Biolek moderiert die feierliche Preisverleihung im Deutschen Bundestag.

Preisträger

Jury

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30.11.2009

Bachpaten - Umweltprojekt überzeugt Jury

Bachpaten: Umweltprojekt überzeugt Jury

Verein „Lebendige Weser“ erhält finanzielle Unterstützung vom Energieversorger Eon

Höxter (WB). Der Verein „Lebendige Weser“ aus Höxter ist für sein Bachpaten-Projekt ausgezeichnet worden. Der Energieversorger Eon hat für dieses nachhaltige Engagement einen Preis in Höhe von 5000 Euro überreicht.

Verantwortung für die Natur übernehmen – so lautet das Stichwort. Kinder werden Paten für einen Gewässerabschnitt, den sie renaturieren. Dieser innovative Beitrag zur Nachhaltigkeit der naturnahen Gewässerentwicklung hat die Eon-Jury überzeugt. Die Preisübergabe an Christian Schneider vom Verein „Lebendige Weser“ hat im Herforder Museum MARTa stattgefunden.

Das Projekt „Bachpaten“ soll Jugendliche zu bürgerschaftlichem Engagement anregen. In „Bachcamps“ wurde ihnen in den Herbstferien ihre Gewässerabschnitte, für die sie zuständig sind, näher gebracht. Dabei konnten sie sich gegenseitig besser kennen und vertrauen lernen und mehr über die umgebende Natur erfahren. Im Anschluss daran sollen die Jungendlichen als Multiplikatoren ähnliche Camps durchführen.

Ein Konzept, das die unabhängige Jury überzeugte. Professor Sebastian Braun von Humboldt-Universität Berlin, Ulrike Sommer vom Ministerium für Generationen, Familien, Frauen und Integration und Henning Probst, Vorstandsvorsitzender der Eon Westfalen Weser AG, wählten die Bachpaten als eines von elf vorbildlichen ehrenamtlichen Leuchtturmprojekten unter mehr als 300 Mitbewerbern aus.

Ein Förderkriterium war dabei, dass das nachhaltige Projekt zeitnah umgesetzt werden kann. Insgesamt wurden 100 Förderpakete vergeben.
Eon Westfalen Weser hatte zu der Aktion unter dem Motto „Ideen werden Wirklichkeit – 100 Förderpakete für Vereine in der Region!“ im Frühjahr aufgerufen.

Das Förderkonzept wurde von der Eon Westfalen Weser in Kooperation mit dem Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement der Humboldt-Universität zu Berlin durchgeführt, das bis Februar 2009 an der Universität in Paderborn ansässig war. Jurymitglied Braun sieht die geförderten Projekte als zukunftsweisend, denn: „Die lokale Bürgergesellschaft entwickelt sich gerade durch die vielen kleinen und innovativen Projekte weiter.“

Im Frühjahr 2010 können sich gemeinnützige Vereine mit Innovativen Ideen wieder für eines der 100 Förderpakete bewerben.

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30.11.2009

Neue Westtfälische 11/2009 - E.ON Westfalen - Weser will Bürgerengagement fördern

Neue Westtfälische 11/2009

Nach einem von einem Forschungszentrum entwickelten Kriterienkatalog wählte eine Jury aus 300 eingereichten Projekten aus

Herford. Der Energieversorger Eon Westfalen-Weser belohnt Bürger-Engagement ab sofort nach einem neuen Konzept. Das wurde von einem „Forschungszentrum für bürgerschaftliches Engagement“ in Berlin entwickelt und jetzt erstmals angewandt. Drei Ehrenamtsprojekte in Herford und eines in Hiddenhausen profitieren.

Der Herforder Verein für Straffälligenhilfe erhält 6.000 Euro für die Ausbildung Gefangener zu Sportübungsleitern. Der Kinderschutzbund kann sich über 2.300 Euro für einen Kurzfilm „Wir über uns“ mit 15 Migrantenkindern freuen.

Der Verein für soziale Arbeit und Beratung (VAB) plant ein Müttercafé an der Otto-Hahn-Schule, über das Einwandererfrauen zur Schul-Mitwirkung gewonnen werden sollen – und wird mit 3.800 Euro gefördert.
Und an den Hiddenhausener Verein „Gemeinsam statt einsam“ gehen 2.000 Euro für eine „Materialkiste“, die Ehrenamtliche bei ihren Besuchen demenzkranker Mitbürger dabei haben.

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30.11.2009

Preis für "Lebendige Weser"

Neue Westtfälische 11/2009

Bürgerschaftliches Engagement belohnt

Herford/Höxter. In einer Feierstunde zeichnete Eon Westfalen Weser im Herforder Museum MARTa elf Vereine aus der Region für besonders vorbildliche ehrenamtliche Projekte aus. Mehr als 300 Vereine im Netzgebiet des heimischen Energieversorgers hatten sich im Internet für eines von 100 Förderpaketen beworben.

Eine unabhängige Jury filterte die 100 besten Projekte aus den Bewerbungen und benannte von diesen elf als Leuchtturmprojekte. In der Feierstunde erhielten die Vereine Urkunden und Förderpakete überreicht. Eingeladen waren auch die jeweiligen Bürgermeister der Kommunen in denen die Vereine ehrenamtlich tätig sind.

Unter dem Motto „Ideen werden Wirklichkeit – 100 Förderpakete für Vereine in der Region!“ hatte Eon Westfalen Weser im Frühjahr zu dieser Aktion aufgerufen. Das neue Förderkonzept wurde in Kooperation mit dem Forschungszentrum für bürgerschaftliches Engagement der Humboldt-Universität zu Berlin durchgeführt, das bis Februar 2009 an der Universität Paderborn ansässig war. Dort wurde der Kriterienkatalog entwickelt, nach welchem eine unabhängige Jury die besonders förderungswürdigen 100 Aktionen ermittelt hat.

Über die eingereichten Projekte zeigte sich Henning Probst, Vorstandsvorsitzender von Eon Westfalen Weser, begeistert: „Die Anzahl und die Qualität der eingereichten Projekte zeigt, welch innovative Ideen in den Regionen OWL und dem Weserbergland stecken. Das zeigt mir auch, wie wichtig das Ehrenamt und dessen Unterstützung ist.“ Probst war Jurymitglied, ebenso wie Prof. Dr. Sebastian Braun, Leiter des Forschungszentrum in Berlin, und Ulrike Sommer, Leiterin des Referats für „Bürgerschaftliches Engagement, Corporate Ciztizenship“ im Ministerium für Generationen, Familien, Frauen und Integration des Landes Nordrhein Westfalen.

Prof. Braun stellte bei der Preisverleihung die Zielsetzung des Förderkonzepts vor und zeigte die Kriterien auf, nach denen die Jury ihre Bewertung vornahm. „Das Förderkonzept schafft hohe Transparenz und bietet Chancengleichheit für alle Vereine der Region“, so Prof. Braun. „Entscheidend bei der Bewertung ist nicht die „Größe“ des Projekts, wesentlich wichtiger sind der innovative Charakter und die zeitnahe und realistische Umsetzbarkeit der Idee. Die lokale Bürgergesellschaft entwickelt sich gerade durch die vielen kleinen und innovativen Projekte weiter.“

Ulrike Sommer hob in ihrem Grußwort hervor: „Bei dem Förderkonzept handelt es sich auch um eine vorbildliche Form des gesellschaftlichen Engagements von Unternehmen. Mit dieser Unterstützung herausragender ehrenamtlicher Projekte gibt Eon Westfalen Weser einen wichtigen Impuls für die „Landschaft“ des ehrenamtlichen Engagements in seinem Netzgebiet.“

Auf Grund der großen Resonanz soll das Projekt „Ideen werden Wirklichkeit – 100 Förderpakete für Vereine in der Region!“ fortgesetzt werden. Ab Frühjahr 2010 können sich alle gemeinnützigen Vereine im Netzgebiet des regionalen Energiedienstleisters im Internet mit neuen Ideen für eines der 100 Förderpakete bewerben.

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05.11.2009

Bürgerschaftliches Engagement wird belohnt

Elf Leuchtturmprojekte der Region werden ausgezeichnet

Höxter. Der Energieversorger Eon Westfalen Weser zeichnet am Montagabend, 23. November, im Herforder MARTa elf vorbildliche Projekte für bürgerschaftliches Engagement in der Region aus.

Hervorgegangen sind die Preisträger aus einem neuen Spendenkonzept, dass Eon Westfalen Wester erstmalig in diesem Jahr ausschrieb. Im Internet konnten sich alle Vereine im Netzgebiet des Regionalversorgers für eines von 100 Förderpaketen bewerben.

Eine unabhängige Jury filterte aus den mehr als 300 eingegangenen Bewerbungen die vorbildlichsten heraus. Aus dem Kreis Höxter hatten sich allein 56 Vereine um ein Förderpaket beworben.

Das Spendenkonzept: „Ideen werden Wirklichkeit – 100 Förderpakete für Vereine in der Region!“ wurde entwickelt von Eon in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Sebastian Braun, Institut für bürgerschaftliches Engagement, ansässig an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Gemeinsam mit Henning Probst, Vorstandsvorsitzender von Eon Westfalen Weser, und Ulrike Sommer, Leiterin des Referats für „Bürgerschaftliches Engagement, Corporate Ciztizenship“ im Ministerium für Generationen, Familien, Frauen und Integration des Landes Nordrhein Westfalen bildete Braun die unabhängige Jury.

Elf der 100 Förderpakete wurden von der Jury als besonders vorbildlich und nachahmenswert bewertet.
Im Beisein der jeweiligen Bürgermeister werden diese elf Leuchtturmprojekte nun ausgezeichnet und mit Geldpreisen prämiert.

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05.11.2009

E.ON unterstützt Helfer im Ehrenamt

Energieversorger stellt elf „Leuchtturmprojekte“ aus der Region im Museum MARTa vor

Herford (pjs). Der eine Verein hilft jungen Strafgefangenen, der andere kümmert sich um Migrantinnen und deren Kinder: Vielfältig sind die Projekte bürgerschaftlichen Engagements in der Region, die der Energieversorger Eon Westfalen Weser nach einem neuartigen Spendenkonzept finanziell fördert. Im MARTa hat das Unternehmen am Montag elf Leuchtturmprojekte vorgestellt.

Sie sind nach Worten des Vorstandsvorsitzenden Henning Probst besonders vorbildlich und nachahmenswert. Gespendet werde bei der Aktion „Ideen werden Wirklichkeit – 100 Förderpakete für Vereine in der Region!“ nicht nach dem Gießkannenprinzip: Vielmehr gehe es darum, Prioritäten zu setzen und gezielter als bisher zu fördern, betonte Probst. Mehr als 300 Vereine im Netzgebiet des Regionalversorgers hatten sich für eines von 100 Förderpaketen beworben.

Eine unabhängige Jury ermittelte die 100 herausragendsten und benannte von diesen elf als Leuchtturmprojekte. In der Feierstunde in Herford erhielten diese elf Vereine Urkunden und Förderpakete überreicht. 48 000 Euro fließen in die elf Leuchtturmprojekte, weitere 52 000 Euro in die übrigen 89 Förderpakete. Das neue Förderkonzept wurde in Kooperation mit dem Forschungszentrum für Bürgerliches Engagement der Humboldt-Universität zu Berlin realisiert, das bis Februar 2009 an der Universität Paderborn ansässig war.

Dort wurde ein Kriterienkatalog entwickelt. Henning Probst: „Die Anzahl und die Qualität der eingereichten Projekte zeigt, welch innovative Ideen in den Regionen Ostwestfalen-Lippe und dem Weserbergland stecken. Das zeigt mir auch, wie wichtig das Ehrenamt und dessen Unterstützung ist.“ Probst war Jurymitglied, ebenso wie Prof. Dr. Sebastian Braun und Ulrike Sommer, Leiterin des Referats für „Bürgerschaftliches Engagement, Gesellschaftliches Engagement von Unternehmen“ im NRW-Ministerium für Generationen, Familien, Frauen und Integration.

Prof. Braun stellte Bewertungskriterien und Zielsetzung des Förderkonzepts vor: Das Konzept schaffe hohe Transparenz und biete Chancengleichheit für alle Vereine. Braun: „Entscheidend bei der Bewertung ist nicht die „Größe“ des Projekts, wesentlich wichtiger sind der innovative Charakter und die zeitnahe und realistische Umsetzbarkeit der Idee. Die lokale Bürgergesellschaft entwickelt sich gerade durch die vielen kleinen und innovativen Projekte weiter.“ Mit der Spendenaktion setze Eon wichtige Impulse: „Sie zeigt, dass es sich lohnt, mit Ideen für das Gemeinwesen aktiv zu werden.“

Ulrike Sommer betonte: „Bei dem Förderkonzept handelt es sich auch um eine vorbildliche Form des gesellschaftlichen Engagements von Unternehmen. Mit dieser Unterstützung herausragender ehrenamtlicher Projekte gibt Eon Westfalen Weser einen wichtigen Impuls für die „Landschaft“ des ehrenamtlichen Engagements in seinem Netzgebiet.“

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05.11.2009

E.ON Westfalen - Weser belohnt bürgerschaftliches Engagement in der Region

In einer Feierstunde zeichnete E.ON Westfalen Weser gestern (23.11.09) im Herforder Museum MARTa elf Vereine aus der Region für besonders vorbildliche ehrenamtliche Projekte aus. Mehr als 300 Vereine im Netzgebiet des heimischen Energieversorgers hatten sich im Internet für eines von 100 Förderpaketen beworben. Eine unabhängige Jury filterte die hundert herausragendsten Projekte aus den Bewerbungen und benannte von diesen elf als Leuchtturmprojekte. In der offiziellen Feierstunde erhielten diese elf Vereine eine Urkunde und ihre Förderpakete überreicht. Eingeladen waren auch die Bürgermeister der jeweiligen Kommunen, in denen die Vereine ehrenamtlich tätig sind.

Unter dem Motto „Ideen werden Wirklichkeit - 100 Förderpakete für Vereine in der Region!“ hatte E.ON Westfalen Weser im Frühjahr zu dieser Aktion aufgerufen. Das neue Förderkonzept wurde in Kooperation mit dem Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement der Humboldt Universität zu Berlin durchgeführt, das bis Februar 2009 an der Universität Paderborn ansässig war. Dort wurde ein Kriterienkatalog entwickelt, nach welchem eine unabhängige Jury die besonders förderungswürdigen 100 Aktionen ermittelt hat.

Über die eingereichten Projekte zeigte sich Henning Probst, Vorstandsvorsitzender von E.ON Westfalen Weser, begeistert: „Die Anzahl und die Qualität der eingereichten Projekte zeigt, welch innovative Ideen in den Regionen Ostwestfalen Lippe und dem Weserbergland stecken. Das zeigt mir aber auch, wie wichtig das Ehrenamt und dessen Unterstützung ist.“ Probst war Jurymitglied ebenso wie Prof. Dr. Sebastian Braun, Leiter des Forschungszentrums in Berlin, und Ulrike Sommer, Leiterin des Referats “Bürgerschaftliches Engagement, Corporate Citizenship“ im Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein Westfalen.

Prof. Braun stellte bei der Preisverleihung die Zielsetzung des Förderkonzeptes vor und zeigte die Kriterien auf, nach denen die Jury ihre Bewertung vornahm. „Das Förderkonzept schafft hohe Transparenz und bietet Chancengleichheit für alle Vereine in der Region“, so Prof. Braun. „Entscheidend bei der Bewertung ist nicht die „Größe“ des Projektes, wesentlich wichtiger sind der innovative Charakter und die zeitnahe und realistische Umsetzbarkeit der Idee. Die lokale Bürgergesellschaft entwickelt sich gerade durch die vielen kleinen und innovativen Projekte weiter.“

Ulrike Sommer hob in ihrem Grußwort hervor: „Bei dem Förderkonzept handelt es sich auch um eine vorbildliche Form des gesellschaftlichen Engagements von Unternehmen. Mit dieser Unterstützung herausragender ehrenamtlicher Projekte gibt E.ON Westfalen Weser einen wichtigen Impuls für die "Landschaft" des ehrenamtlichen Engagements in seinem Netzgebiet.“

Auf Grund der großen Resonanz wird E.ON Westfalen Weser das Projekt: „Ideen werden Wirklichkeit - 100 Förderpakete für Vereine in der Region!“ fortsetzen. Ab Frühjahr 2010 können sich alle gemeinnützigen Vereine im Netzgebiet des regionalen Energiedienstleisters im Internet mit neuen Ideen für eines der 100 Förderpakete bewerben unter: www.eon-westfalenweser.com.

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15.10.2009

Eine länderspezifische Auswertung des Evaluationsberichtes „Integration durch Sport“ bietet vielfältige Vorteile

Diplom- Soziologin Tina Nobis im Interview

Das Programm des DOSB und seiner Landessportbünde „Integration durch Sport“ wurde in 2009 20 Jahre alt. Rechtzeitig zu diesem Jubiläum wurde es erstmals intensiver wissenschaftlich untersucht. Die Ergebnisse des Evaluationsberichtes liegen seit einiger Zeit vor. Jüngst wurden die Erkenntnisse von der Diplom-Soziologin Tina Nobis von der Abteilung Sportsoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin auf Regionalkonferenzen vorgestellt. In einem Interview erklärt sie die Hintergründe.

Bei der vom Bundesministerium des Innern und vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Auftrag gegebenen Evaluation des Programms „Integration durch Sport“ handelt es sich um eine umfangreiche Studie, die unter der Leitung von Prof. Baur (Universität Potsdam) und Prof. Burrmann (Technische Universität Dortmund) von April 2007 bis April 2009 durchgeführt wurde. Zum einen wurden Interviews mit den Landeskoordinatoren der 16 Bundesländer geführt, die für die Umsetzung des Programms auf Länderebene verantwortlich zeichnen. Zum anderen wurden insgesamt über 900 Vertreter der an dem Programm beteiligten Sportvereine – so genannte Stützpunktvereine – befragt. Die differenzierten und detaillierten Ergebnisse dieser Datenerhebung und -auswertung finden sich in dem 2009 veröffentlichten Abschlussbericht.

Welche Ergebnisse hat der Bericht im Wesentlichen geliefert?

Auf der Grundlage des umfangreichen Datenmaterials konnte die Evaluationsgruppe nicht nur zukünftige Herausforderungen benennen, sondern auch auf die besonderen Verdienste des Programms „Integration durch Sport“ aufmerksam machen. Um nur einige Eckdaten zu nennen: Allein in den rund 2000 Sportgruppen der Stützpunktvereine, die im Rahmen des Programms gefördert werden, treiben schätzungsweise 38 000 Personen Sport und etwas mehr als die Hälfte dieser Teilnehmer haben einen Migrationshintergrund. Hinzu kommt, dass neben den regelmäßig stattfindenden Übungs- und Trainingseinheiten in dem weit überwiegenden Anteil der Sportgruppen auch gesellige Aktivitäten stattfinden, die Gelegenheiten für den Aufbau von sozialen Interaktionen bieten. Bemerkenswert sind auch die ausgesprochen hohe Kooperationsfreudigkeit der Stützpunktvereine sowie die Vielzahl an weiteren Unterstützungsleistungen, die über die Vereine erbracht werden. Solche Unterstützungsleistungen reichen von der Hilfe bei der Suche nach einem Ausbildungs- oder Arbeitsplatz über die Begleitung bei Behördengängen bis hin zur Hausaufgabenbetreuung und indizieren eine ausgesprochen engagierte Arbeit der Stützpunktvereine.

Die Ergebnisse haben Sie jüngst auf Regionalkonferenzen, z.B. in Nordrhein-Westfalen, dargestellt. Was war das Ziel dieser Präsentation?

Über die Regionalkonferenzen, an denen Vertreter der Kreis- und Stadtsportbünde und Vereinsmitglieder teilnahmen, konnten wir die Ergebnisse der Evaluation „an die Basis“ zurückspielen und den Programmbeteiligten eine direkte Rückmeldung über die Erfolge ihrer Integrationsarbeit geben. Wir konnten einerseits Anregungen für die zukünftige Arbeit in den Stützpunktvereinen geben, andererseits aber auch die zahlreichen Kommentare und Diskussionsinputs der anwesenden „Praktiker der Integrationsarbeit“ aufnehmen.

Nordrhein-Westfalen strebt als bislang einziges Bundesland eine länderspezifische Auswertung an. Welche Vorteile einer solchen Analyse des Evaluationsberichts bieten sich auch anderen Bundesländern?

Viel versprechend sind solcherlei Analysen vor allem deshalb, weil bereits die Interviews mit den Landeskoordinatoren gezeigt haben, dass das Programm „Integration durch Sport“ sehr vielfältig ausgerichtet ist. Länderspezifische oder regionale Auswertungen, die von Frau Prof. Ulrike Burrmann koordiniert und u.a. mit mir gemeinsam durchgeführt werden, bieten mehr: Sie berücksichtigen unter anderem regionale Besonderheiten wie beispielsweise den Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund oder die Infrastruktur in den jeweiligen Bundesländern. Und letztlich bieten sich solche bundesländerspezifischen Analysen auch deshalb an, weil die Landeskoordinationen hier sehr konkrete Themen absprechen können, die für die spezifische Programmausgestaltung in ihrem Bundesland von besonderem Interesse sind. Die auf dieser Grundlage gewonnenen Ergebnisse können sie dann direkt an die Vertreter der Stützpunktvereine weiter- bzw. zurückspielen.

Hintergrundinformationen zum Programm "Integration durch Sport"

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30.09.2009

Professor Braun Mitglied der Jury „Deutscher Engagementpreis 2009“

Prof. Braun ist Mitglied der hochrangig besetzten zehnköpfigen Jury, die für den Deutschen Engagementpreis 2009 die Gewinner in den vier Preiskategorien Politik und Verwaltung, Wirtschaft, gemeinnütziger Dritter Sektor und Einzelperson auswählt. Die Auszeichnung soll engagierten Personen und beeindruckenden Projekten ein Gesicht geben und die Anerkennungskultur für bürgerschaftliches Engagement in Deutschland nachhaltig ausbauen. Vorsitzender der Jury ist Gerd Hoofe, Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; weitere prominente Mitglieder sind u.a. die parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Bundestagsfraktion Ute Kumpf, der Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen Dr. Hans Fleisch, und der Unternehmer, Stifter und ehemaliger Profi-Tennisspieler Michael Stich.

Weitere Informationen zum Deutschen Engementpreis 2009

Informationen zur Kampagne "Geben gibt."

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31.07.2009

„Weiterbildung geht uns alle an“ - Die zweite FN-Bildungskonferenz

PMFORUM - Mitteilungsblatt für die Persönlichen Mitglieder der Deutschen Reiterlichen Vereinigung 07/2009

Über 500 Teilnehmer, die erstmalige Vergabe einer neuen Auszeichnung, hochkarätige Referenten, Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen als Schirmherrin, eine seltene Ehrung sowie Else Schulze-Buxtrop aus Kattenvenne – das war in Stichworten die zweite FN-Bildungskonferenz, die diesmal in der Westfälischen Reit- und Fahrschule Münster über die Bühne ging.

Nachdem die erste Auflage der Bildungskonferenz mit dem Titel „Das Pferd formt den Menschen“ im Juni 2005 in Warendorf bereits auf große Resonanz gestoßen war, hatte schnell festgestanden, dass es eine weitere Konferenz geben würde, diesmal Trainer in den Themen-Mittelpunkt stellen sollte.
Als Veranstaltungsort zum Thema „Der Stellenwert des Trainers – Ausbildung durch und im Pferdesport“ bot sich die Westfälische Reitschule an, immerhin Schulungsstätte vieler Amateur- und Profiausbilder und allein schon durch ihre Ausmaße prädestiniert für einen solchen Besucheransturm. Professionell und mit viel Liebe zum Detail auch die Herrichtung der Reithallen als Konferenzsaal beziehungsweise Bistro.

Mit einem gewissen Stolz begrüßte Constantin Freiherr Heereman von Zydtwyck dann auch als Vorstandsvorsitzender der Reitschule mit einer humorvollen Ansprache die Teilnehmer. Dabei hob er die nach wie vor immense Bedeutung einer vielseitigen Ausbildung im Reitsport hervor. „Viele Pferde sind heute so einseitig geritten, dass sie viele alltägliche Dinge kaum noch kennen. Da muss der Richter auf einem Turnier dann schon beim Schleifen Anhängen um sein Leben fürchten!“ Gerade hier seien vor allem die Amateurtrainer gefragt, die sich ja meist um die Basisausbildung der Reiter kümmerten. „Und deshalb freue ich mich ganz besonders über die neue Auszeichnung, die es nun ausschließlich für Amateure gibt.“ Denn während es in der Ausbildung für die Profis mit der Stensbeck-Plakette schon länger einen besonderen Anreiz für gute Prüfungsnoten gibt, hat nun auch die Amateursausbildung nachgezogen:

Im Rahmen der Bildungskonferenz wurde erstmals die neu geschaffene Lütke-Westhues-Auszeichnung vergeben. „Eine gute Wahl“, so kommentierte Heereman die Benennung der Auszeichnung an die beiden Anfang dieses Jahrzehnts verstorbenen ehemaligen Spitzenreiter. „Denn August und Alfons Lütke-Westhues waren wirklich noch echte Amateure und sowohl sportliche als auch menschliche Vorbilder.“ Amateure im Sport seien wichtig. „Wir brauchen sie, der Reitsport braucht sie“, betont Heereman an die Zuhörer gerichtet.

„Weiterbildung geht uns alle an.“ Dieses Credo, das hinter dem FN-Bildungskongress steckt, greift auch FN-Präsident Breido Graf zu Rantzau in seiner Begrüßungsansprache auf. „Wir haben hier die großartige Möglichkeit, das Thema Bildung mit Praktikern und Wissenschaftlern gemeinsam zu diskutieren. Viele Erkenntnisse, die im Laufe von Jahren gesammelt wurden, können auf einer solchen Konferenz weitergegeben werden.“

Den Anfang der Wissenschaftler-Riege machte dabei ein noch recht junger, aber nicht minder hochdekorierter Mann. Sebastian Braun, selbst sportlich im Fußball zuhause und trotz seiner erst 37 Jahre bereits Professor sowie Leiter der Abteilung Sportsoziologie des Institutes für Sportwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin, hatte den Weg nach Münster gefunden, um einen Vortrag zum Thema „Bürgerschaftliches Engagement in Sport und Gesellschaft als Bildungsziel“ zu halten.

Dabei steht der Begriff „Bürgerschaftliches Engagement“ für den bisher allgemein verwendeten Begriff Ehrenamt, das ja, so die auch von Reitverein-Vorständen oft geäußerte Sorge, auf der Liste der aussterbenden Aktivitäten stehen soll. Dem widersprach allerdings der Vortrag des Professors. Er betonte: „Das bürgerschaftliche Engagement erfreut sich gerade im Sport ungebrochener Beliebtheit. Allerdings hat sich die Art und Weise dieses Engagements verändert. Nicht die Menschen müssen sich hier ändern, sondern die Art des Ehrenamtes.“ Wo früher Ehre, Aufopferung, und das Hineinwachsen ins Ehrenamt über ein Sich-Hochdienen via „Ochsentour“ im Mittelpunkt gestanden hätten, stünden nun veränderte Anforderungen an freiwilliges Engagement. „Wer einen Posten übernimmt“, so Braun, „will dafür auch etwas wiederbekommen. Nicht unbedingt materielle Gegenwerte, sondern die Chance auf eigene Weiterbildung, auf Weiterqualifizierung und Kompetenzerweiterung.“ Wer diese im Vereinsumfeld stärker berücksichtige und auch vermittle, der habe auch keine Probleme, freiwilliges Engagement zu rekrutieren.

Gezielter mit dem Thema „Trainer“ setzte sich der zweite Wissenschaftler des Tage, Dr. Lutz Nordmann, auseinander. Der Direktor der Trainerakademie Köln, an der in den vergangenen Jahren auch diverse FN-Ausbilder ihren Diplom-Trainer gemacht haben, referierte über die Facetten erfolgreicher Trainertätigkeit aus nationaler und internationaler Sicht.
Wie Braun kommt auch Nordmann aus einer Pferde-fernen Sportart – aus dem Hockeysport. „Doch es ist gerade der Blick über den Tellerrand, der hochinteressante Ansätze für die eigene Sportart bietet“, betonte Christoph Hess. „Die Qualität der Trainerausbildung ist, “ so Nordmann, „ganz egal in welcher Sportart, ganz ausschlaggebend für den Erfolg einer Sportart.“ Dabei habe sich die Rolle des Trainers in den letzten Jahren vom reinen Übungsleiter hin zum Dirigenten der unterschiedlichsten Anforderungen gewandelt. „Trainer müssen heute oft alles Mögliche machen, statt sich auf reine Trainingsaufgaben konzentrieren zu können.“

Konzentrieren konnte sich für einen Moment auch Dr. Nordmann nicht, als nach seinem Referat Überraschungsgast „Else Schulze-Buxtrop aus Kattenvenne“ im „echten“ Leben auch als Sylvia von Heereman bekannt – zünftig in Kittelschürze, Wollsocken und Kopftuch auftauchte und im breitester westfälischer Mundart zur Erheiterung der Kongressteilnehmer von ihren Erlebnissen aus früheren Reitertagen berichtete, bevor sie das Wort an Bettina Hoy weitergab.

Die Mannschafts-Weltmeisterin in der Vielseitigkeit schilderte unter der Überschrift „Von der ersten Reitstunde zu den Olympischen Spielen“ in charmanter Weise, wie sie ihre Laufbahn als Sportlerin und als Trainerin erlebt. Dabei hob sie neben den eigenen reiterlichen Erfahrungen auch die Auseinandersetzung mit der Reitlehre hervor, der sie sich während ihrer Pferdewirtschaftsmeisterprüfung intensiver habe widmen müssen. „Diese Auseinandersetzung sowie das genaue Zuhören im Unterricht, auch wenn andere Reiter Unterricht bekommen, haben mir geholfen, mich auch als Trainer zu Formen.“

Nach dem Mittagessen – eine logistische Meisterleistung, bei der 500 über Ausbildung diskutierende Pferdeleute innerhalb kürzester Zeit zügig und stressfrei zu ihrer Stärkung kamen – ging es mit einer Mischung aus Theorie und Praxis weiter. Basierend auf dem von Prof. Dr. Harald Lange von der Universität Würzburg gehaltenen Vortrag zum Thema „Reiten und Erfahrungsbildung“, der auf der Besonderheit des Reitens für das Erfahrungslernen von Reitanfängern im Gegensatz zu anderen Sportarten verwies, demonstrierte Martin Plewa, Leiter der Westfälischen Reit- und Fahrschule, mit einigen Mitarbeitern und jungen Reitschülern Möglichkeiten eines modernen, alternativen Anfängerunterrichts.

„Aufgrund einer sich geänderten Struktur – immer mehr Reithallen bei immer weniger Möglichkeiten eines zwanglosen Reitens im freien Gelände – müssen Ausbilder einen Weg finden“, so erklärte Plewa, „ Alltagssituationen in den Unterricht in der Halle oder auf dem Platz zu integrieren, um den Reitschülern die Möglichkeit zu geben, die unterschiedlichsten Bewegungserfahrungen machen zu können.“ Wie wichtig in diesem Zusammenhang die Ausbildung der Ausbilder und die Stärkung ihrer Rolle ist, hoben in ihrem Exkurs über das FN-Projekt „Investition in die Zukunft“ nicht nur die FN-Abteilungsleiter Maria Schierhölter-Otte und Thomas Ungruhe, sondern in einem abschließenden Vortrag auch Gisela Hinnemann, FN-Präsidiumsmitglied, DOSB-Vizepräsidentin und Ehefrau von Reitmeister Jo Hinnemann hervor: „Ausbilder sollten die Besten der Besten sein und deshalb müssen wir sie noch mehr unterstützen und fortbilden.“

„Unser Wunsch war es, mit der Bildungskonferenz ein Forum zu schaffen, mit dem Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis als Fortbildungseinheit angeboten werden, die Trainer ihren Erfahrungsschatz selbst einbringen können und gleichzeitig die Chance haben, sich untereinander austauschen zu können“,  fasst Eva Lempa-Röller von der Abteilung Ausbildung zusammen. „Ich denke, dass uns das weitgehend gelungen ist. Eines ist jedenfalls sicher: Das war nicht die letzte FN-Bildungskonferenz.“
B. Schöffmann

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30.06.2009

Der Sport und der Strukturwandel des Ehrenamts - Professor Sebastian Braun im Interview

DOSB - Nachrichten 06/2009

23 Millionen der über 14-Jährigen Personen in Deutschland gehen einem freiwilligen bürgerschaftlichen Engagement nach. Das sind rund 36 Prozent der Bevölkerung. Der organisierte Sport ist das Hauptfeld ehrenamtlicher Tätigkeit. Prof. Dr. Sebastian Braun, Leiter der Abteilung Sportsoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, spricht im Interview über die Bedeutung, den Wandel und die Zukunft des Ehrenamtes.

Welche Rolle spielt bürgerschaftliches Engagement im organisierten Sport?

„Sport und Bewegung haben einen hohen Aufforderungscharakter mitzumachen. Rund 11 Prozent der über 14-Jährigen in der Bevölkerung engagieren sich im Bereich Sport und Bewegung. Damit ist der Sport der mit Abstand größte gesellschaftliche Bereich, in dem bürgerschaftliches Engagement stattfindet.“

Rein hypothetisch: Was würde passieren, wenn alle Ehrenamtlichen von heute auf morgen ihre Aktivitäten einstellen würden?

„Das liegt auf der Hand. Man geht von mehreren Milliarden Euro aus, die jährlich durch unentgeltliches Engagement an Arbeitsstunden geleistet werden, wenn sie denn mit einem Mindesttariflohn bezahlt würden. Sämtliche Freiwilligenarbeit, die dem Gemeinwesen zugute kommt, würde wegfallen. Eine Fülle von öffentlichen Aufgaben würde nicht mehr erbracht werden.“

Was bekommt ein ehrenamtlich tätiger Mensch für sein Engagement zurück?

„In der Modernisierungszeit der Bundesrepublik der letzten 30 bis 40 Jahre ist eine stärkere Aufwertung von eigenen Interessen und Bedürfnissen im Ehrenamt zu beobachten. Die Gegenleistung für bürgerschaftliches Engagement ist nicht – wie in der Erwerbsarbeit – in materiellen Werten zu bemessen. Vielmehr spielen Aspekte wie Selbstverwirklichung, das Sammeln von Erfahrungen und die Möglichkeit, etwas lernen zu können, eine große Rolle.“

Ein Programm wie „Integration durch Sport“ ist ohne ehrenamtliches Engagement nicht umsetzbar. Ist das ein Grund zur Sorge oder eher ein Grund zur Freude, da es so viele Menschen gibt, die solche Projekte möglich machen?

„Sorgen, dass das Engagement wegbricht, erscheinen mir unangebracht. Das wäre geradezu eine Paradoxie der Demokratie. Wenn Menschen sich nicht mehr beteiligen, dann stellt sich die Frage, inwieweit demokratische Beteilung überhaupt noch vorhanden ist und wie stabil das demokratische System selbst ist.“

Sie sagen, der vereinsorganisierte Sport sei mit einem „Strukturwandel des Ehrenamts“ konfrontiert. Was bedeutet das?

„Der Strukturwandel vollzieht sich dahingehend, dass Menschen mehr und mehr projektbezogen, nur in einem bestimmten Lebensabschnitt, eine freiwillige Aufgabe wahrnehmen möchten, die sie mit Sinn erfüllt. Ein simples Beispiel: Ein sportinteressierter Informatikstudent möchte zu Beginn seines Studiums seine ersten Kenntnisse im IT-Bereich anwenden, vielleicht auch eine Homepage für einen Sportverein erstellen. Nach zwei, drei Semestern möchte er aber guten Gewissens wieder aussteigen können, weil diese bestimmte freiwillige Tätigkeit dann nicht mehr mit seinen Klausuren, Prüfungen oder seiner Lebensplanung zusammenpasst. Viele Sportorganisationen gehen davon aus, dass bürgerschaftliches Engagement über sehr viele Jahre hinweg geleistet wird. Der Strukturwandel erlaubt es immer weniger, darauf zu setzen.“

Was kann und muss der organisierte Sport leisten, um bürgerschaftliches Engagement zu erhalten?

„Viele Ehrenamtliche betonen, dass sie sich weiterentwickeln möchten, um Kompetenzen zu erwerben. Die Frage, die sich die Vereine stellen können, ist, welche Form von Qualifizierung oder Weiterbildung die Ehrenamtlichen machen möchten. Ist es wirklich nur so, dass die freiwilligen Helfer eine B-Trainerlizenz erwerben, damit sie ordnungsgemäß die Mannschaft weiter trainieren können oder ist es vielmehr so, dass man ihnen spezielle Angebote machen muss, damit sie sich persönlich weiterentwickeln können? Der organisierte Sport sollte kenntlich machen, dass freiwilliges Engagement nicht nur eine Sache ist, wo jemand dem Verein dient, um dessen Ziele zu erfüllen, sondern dass der Verein sich auch Gedanken darüber macht, was der Einzelne für sein Engagement zurückhaben möchte.“

Haben bürgerschaftlich engagierte Menschen aufgrund dessen, dass sie nicht bezahlt werden, eine größere Glaubwürdigkeit? Kann das zum Beispiel in der Integrationsarbeit von Vorteil sein?

„Bürgerschaftliches Engagement wird häufig von einer besonderen Haltung getragen, von der Überzeugung nämlich, etwas Gutes und Richtiges für Andere zu tun. Das gilt für die Erwerbsarbeit nicht immer. Gerade im Bereich der Integration, wo viel Einfühlungsvermögen, Feinfühligkeit und auch die Investition von zusätzlicher privater Zeit gefragt ist, sind solche Aspekte der inneren Einstellung zu der Tätigkeit von grundlegender Bedeutung. An dieser Stelle greift so etwas wie Glaubwürdigkeit des bürgerschaftlichen Engagements: nämlich im frei gewählten Interesse, zugunsten anderer Menschen und Institutionen handeln zu wollen, Zeit und Wissen zu spenden.“

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30.06.2009

Lichtenberg läuft den Triathlon

Berliner Abendblatt - 6/2009

Der „Sozial integrative Triathlon Berlin-Hohenschönhausen“ fand am 27. Juni zum ersten Mal statt. Über 70 Teilnehmer/innen zeigten ihr Geschick und ihre Ausdauer beim Laufen, Rad fahren und beim Schwimmen im Orankesee.

Mehr als 50 Helfer/innen standen den Aktiven mit Handicap zur Seite, betätigten sich auch mal eine Runde sportlich oder reichten Getränke und Obst. Lokale Unternehmen, freie und öffentliche Träger unterstützten den Triathlon mit Helfer-T-Shirts, Fahrrädern, Fahrradhelmen, Obst, Kuchen, Siegerpreisen und Schlüsselanhängern.

Bezirksbürgermeisterin Christina Emmrich zeichnete die Sieger/innen anschließend auf einem Kiezfest an der Alten Feuerwache aus. Dieser erste Triathlon steht für den Beginn einer drei Jahre lang geförderten Zusammenarbeit des in der Konrad-Wolf-Straße ansässigen Instituts für Sportwissenschaft der Humboldt-Universität mit dem Bezirksamt und dem Berliner Sportverein Pfefferwerk e.V..

Innerhalb der Förderzeit organisieren Studenten des Instituts für Sportwissenschaft den Triathlon gemeinsam mit Lichtenberger Schulen. Dabei sollen sich nicht nur Schüler für den Triathlon begeistern. Die Organisatoren wollen alle Altersklassen, Familien und Menschen mit Behinderung erreichen.

Das Institut für Sportwissenschaft sucht nun noch mehr Schulen, Jugendfreizeiteinrichtungen und andere Institutionen, die gemeinsam mit den Studenten Kinder und Jugendliche für den Triathlon begeistern und zugleich offen sind für Themen wie Integration, Bildung und Gesundheit.

Erste Kontakte können nach den Sommerferien geknüpft werden: orankeopen@peffersport.de

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27.06.2009

Schwitzen für den guten Zweck

möbus-express - 6/2009

Triathlon gehört zu den populärsten Ausdauersportarten der Welt und findet immer mehr begeisterte Anhänger. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit und Freude bei einem Triathlon möchte der Sportverein Pfefferberg e.V. allen sportbegeisterten Lichtenbergern und Hohenschönhausenern nahebringen.

Neben den Bewohnern der beiden Stadtteile sind alle Schüler der Hohenschönhausener Oberschulen herzlich eingeladen, am ersten „OrankeOpen-Triathlon Integrale“ teilzunehmen.

Zentrale Idee des im Rahmen des Hohenschönhausener Stadtfestes stattfindenden Triathlons ist die Integration von körperlich und geistig behinderten Schülern: Besondere „Special-Mix-Staffeln“, die aus zwei behinderten Schülern und einem Sportstudenten bestehen, nehmen am Wettkampf teil. Alle anderen können als Einzelstarter an den Start gehen.

Das Hyundai Autocenter möbus unterstützt die Veranstaltung tatkräftig und stiftet den teilnehmenden Sportlern speziell bedruckte Trikots.

Die Veranstalter würden sich über weitere Unterstützung sehr freuen: Vielleicht haben Sie ja Lust, sich an dieser gemeinnützigen Veranstaltung zu beteiligen? In jedem Fall wollen wir Ihnen den Besuch beim Triathlon und auf dem Stadtfest sehr ans Herz legen und freuen uns auf Ihren Besuch bei unserem möbus-Stand. Sie finden uns auf dem Platz an der Degenerstraße, wo auch die Siegerehrung stattfinden wird.

27. Juni 2009
OrankeOpen – Triathlon Integrale
Freibad Orankesee,
Gertrudstr. 7, 13053 Berlin
Kontakt: www.pfeffersport.de, event@moebus-gruppe.de

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26.06.2009

Elf Freunde - woher auch immer

Lübecker Nachrichten 06/2009

Neue deutsche Fußball-Welle: Bei der U21-Europameisterschaft hat fast die halbe Mannschaft ausländische Wurzeln. Der DFB bemüht sich um Integration – und hat gar keine andere Wahl. 

Beim Anpfiff waren sie zu dritt: Wilhelm Huberts aus Österreich, Jakobus Prins aus den Niederlanden und vor allem Petar Radenkovic, bekennende jugoslawische Torwart-Diva von 1860 München. Mehr Ausländer gab es nicht, als die Bundesliga 1963 an den Start ging.

Das hat sich geändert, und zwar sehr gründlich. In der vergangenen Saison betrug der Anteil ausländischer Lizenzspieler in der höchsten deutschen Spielklasse 49 Prozent. Vor sechs Jahren war es noch einProzentpunkt mehr, der bisherige Höchststand. Und nachdem Bosman-Urteil von 1995, als die Beschränkung für ausländische Spieler entfiel, hat im April 2006 Energie Cottbus für ein Novum gesorgt: Erstmals stand für einen deutschen Verein eine komplett ausländische Mannschaft auf dem Platz. Insofern liegt die derzeitige deutsche U21-Nationalauswahl nur im Trend.

Elf der 23 Spieler haben ausländische Wurzeln. Sie sind wie Ashkan Dejagah in Teheran geboren oder wie Andreas Beck im sibirischen Kemerowo, sie haben Eltern aus neun verschiedenen Ländern und von drei Kontinenten, und nun spielen sie bei der Europameisterschaft in Schweden in einer Mannschaft.

Am Montag haben sie das Halbfinale erreicht, noch zwei Siege, und dann wäre der Triumph des heimischen Jugendstils komplett und Europas U17-, U19- und U21-Titel sämtlich in deutscher Hand. „Der Fußball ist wie geschaffen für Integration“, sagt Nationalelf- Manager Oliver Bierhoff. Das mag sein, aber wenn das so ist, hat er noch viel zu tun.

Fußball scheint nämlich auch wie geschaffen für Rassismus. Uefa-Chef Michel Platini hat erst jüngst erklärt, notfalls würden Spiele bei rassistischen Rufen abgebrochen. In Belgien hat mit dem aus Nigeria stammenden Oguchi Onyewu von Standard Lüttich jetzt erstmals im europäischen Fußball ein Profi einen Gegenspieler wegen rassistischer Beleidigungen vor einem Zivilgericht verklagt. Und dass der deutsche Ex-Nationalspieler Patrick Owomoyela gegen die NPD vor Gericht zog, weil die zur Weltmeisterschaft 2006 einen Terminplaner mit seinem Foto und dem Text „Weiß. Nicht nur eine Trikot-Farbe! Für eine echte Nationalmannschaft!“ unters rechte Volk bringen wollte, ist auch kein Einzelfall. Vor allem farbige Spieler sind in deutschen Stadien nicht nur zu Gast bei Freunden, sondern immer wieder auch bei Fremdenfeinden.

Umso wichtiger scheint jetzt die bunte Riege, die der Trainer der U21 – wer in der Qualifikation spielen durfte, darf jetzt auch spielen, auch wenn er älter ist –, Horst Hrubesch, um sich versammelt hat. Er gehe jedenfalls fest davon aus, dass diese jungen Fußballer Vorbildcharakter haben, sagt Professor Sebastian Braun, Sportsoziologe von der Humboldt- Universität in Berlin. „Sie können helfen, dass die Akzeptanz für das Leistungsvermögen von ethnischen Gruppen steigt.“ Das sieht Ulf Gebken, promovierter Sportwissenschaftler von der Uni Osnabrück, genauso: „Fußball ist ein Integrationshebel.“

Als Frankreich bei der WM1998 mit einem Multikulti-Team gesiegt habe, sei Deutschland aufgewacht. Seither haben etwa zwei Dutzend Akteure mit ausländischen Wurzeln in der A-Nationalelf gespielt, seit 2007 gibt es beim DFB mit Gül Keskinler eine Integrationsbeauftragte, und beim Erwerb der Trainer-C-Lizenz steht auch Integration auf dem Plan.

Der Verband und allen voran Präsident Theo Zwanziger hätten sich „vorbildlich verhalten“, sagt Gebken. Die Landesverbände täten sich zwar noch etwas schwer, und gerade beim weiblichen Migrationsnachwuchs gebe es viel zu tun, trotzdem würde er die Prognose wagen: „Was wir jetzt bei der U21 haben, haben wir in zehn Jahren auch bei den Mädchen.“

Im Übrigen: Bei der demografischen Entwicklung bleibe dem deutschen Fußball gar keine andere Wahl als die Integration von Migranten, wenn auch künftig noch Elf gegen Elf spielen sollten.

von Peter Intelmann

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25.06.2009

Wissenschaftler der HU kreieren Sportprojekt

Neues Deutschland - 6/2009

Wissenschaftler der HU kreieren Sportprojekt

(ND). Für einen Triathlon integrale „OrankeOpen“ haben sich in Hohenschönhausen Partner zusammengetan. Junge Menschen aus dem Stadtteil sollen über das sportliche Angebot für gemeinsame Aktivitäten in ihrem Kiez begeistert werden.

Ihr Konzept stellen die Organisatoren von der Abteilung Sportsoziologie an der Humboldt-Universität, vom Sportverein Pfefferwerk und aus dem Stadtteil Hohenschönhausen heute von 16.30 bis 18.30 Uhr im kleinen Saal des Christlichen Sozialwerkes Berlin, Landsberger Allee 225, vor.

Für die Idee der Sportwissenschaftler der HU werden noch Helfer/innen, Paten und andere Mitwirkende gesucht. Weitere Infos: Telefon 2093 46 104

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15.03.2009

„Heinzelmännchen“ packen unbezahlt und freiwillig an

In Deutschland engagieren sich so viele Bürgerinnen und Bürger wie noch nie ehrenamtlich und übernehmen damit wichtige Funktionen des Staates. In der Krise könnte sich dieses Phänomen noch verstärken, meint der Soziologe Sebastian Braun.

Wer sich mit Manuela verabreden will, weiß: Donnerstags kann sie den ganzen Nachmittag nicht, auch abends ist keine Zeit. Da spielt die 45-Jährige Kielerin mit Jugendlichen, die es im Leben nicht so leicht haben wie andere, Tischtennis, unterstützt sie bei den Hausaufgaben oder hilft, Bewerbungen zu schreiben.

Geld gibt es dafür keines, aber das macht Manuela nichts. „Mir geht es nicht schlecht, da gebe ich gerne etwas von meiner Zeit ab. Uni ich bekomme sehr viel von den jungen Menschen zurück.“

Jörg klappert alle 14 Tage Berliner Supermärkte ab, sammelt übrig gebliebene Lebensmittel ein und bringt sie der „Berliner Tafel“, die sie an Bedürftige verteilt. „Geld habe ich selbst nicht so viel, aber ich kann Freizeit aufbringen, um zu helfen“, sagt auch er.

Gegenwert in Milliarden

Politiker bezeichnen Menschen wie Manuela und Jörg gerne als „Rückgrad der Gesellschaft“. Unbezahlt und freiwillig packen rund 23 Milliarden Deutsche Aufgaben an, die der Staat allein nicht finanzieren könnte. Laut einer Untersuchung der AMB Generali leisten diese „Heinzelmännchen“ 4,6 Milliarden Stunden ehrenamtliche Arbeit im Jahr. Würde der Staat diese mit 7,50 Euro pro Stunde pro Stunde honorieren, müsste er 35 Milliarden Euro pro Jahr ausgeben.

Doch nun fragen sich auch viele der Vereine und Organisationen bange: Wie geht es in der Krise weiter? Sind die Menschen auch künftig bereit zu helfen? „Diese Finanz- und Wirtschaftskrise ist für das Ehrenamt die Nagelprobe“, sagt Sebastian Braun zum STANDARD. Der Soziologe, der an der Humboldt- Universität zu Berlin das „Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement“ leitet, hat im Auftrag des deutschen Familienministeriums eine große Studie über freiwillige Dienste publiziert und ist beim Blick auf die nächsten Monate nicht pessimistisch: „Ich denke, es wird in den nächste zwei bis vier Jahren eine noch stärkere Identifikation mit dem Gemeinwesen stattfinden.“ Nicht weil die vielen freiwilligen Helfer das gemeinsame Ziel hätten, der Krise zu trotzen, sondern „weil sie sich um konkrete Projekte sorgen und etwas sagen: Ich will nicht, dass der Spielplatz in unserem Viertel den Bach hinuntergeht, weil kein öffentliches Geld mehr da ist.“

Brauns Untersuchung ergab nicht nur, dass sich in den vergangenen Jahren immer mehr Freiwillige in Deutschland engagieren, vor allem Gebildetere und besser Verdienende. Er zeigte auch, dass sich das Ehrenamt gewandelt hat.

Weniger Bindung

Früher galt: Wer einmal im Verein eine Aufgabe übernommen hat, wird sie ein Leben lang nicht mehr los, auch wenn sie ihm schon zum Hals raushängt. Imagefördernd war das oft nicht. Heute binden sich vor allem junge Leute weniger lange. Sie suchen lieber kurzfristigere Aufgaben und kümmern sich dabei um konkrete Lösungen. „Diese haben oft mit ihren biografischen Erfahrungen und individuellen Zukunftsplanungen zu tun“, meint Braun.

Grafiker betreuen etwa ehrenamtlich die Homepage eines Vereins, Sportbegeisterte bringen Kinder zum Volleyballspielen. Davon profitieren sie selbst – wenn schon nicht finanziell. Dann ideell. Die Studie der AMB Generali zeigte übrigens, dass Ehrenamt nicht überall in Deutschland gleich ernst genommen wird: Am Land tut sich mehr als in der Stadt. Dort ist die soziale Kontrolle auch größer: Sich nicht zu engagieren fällt am Land stärker auch als in der Großstadt, wo viele Menschen nicht wissen, was ihr Nachbarn in der Freizeit so treiben. derSTANDARD.at/Deutschland

Redakteurin: Birgit Baumann aus Berlin (Östereichische Tageszeitung - Der Standard - 03/2009)

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28.02.2009

Kölner Stadt-Anzeiger 02/2009 Integration durch Sport fördern

Vereine sollen Frauen mit Migrationshintergrund ansprechen

Aus niederschwelligen Angeboten sollen langfristige Bindungen werden, hieß es bei der Tagung im Komed im Mediapark. Sportvereine sollen verstärkt versuchen, über „Schnupperangebote“ wie Spiel und Sportfeste Mädchen mit Migrationshintergrund für den Sportverein zu interessieren. Das ist eine der Forderungen, die bei der Tagung „Dabeisein ist alles – Einbindung von jungen Frauen mit Zuwanderungsgeschichte in den Sport“ im Komed im Mediapark erhoben wurde.

Eingeladen hatte der Integrationsbeauftragte der NRW-Landesregierung, Thomas Kufen, das NRW-Innenministerium sowie der Landessport-bund. Laut Kufen sind nur zehn Prozent dieser Mädchen und jungen Frauen im organisierten Sport aktiv.
Da Sport aber besonders geeignet sei, die gesellschaftliche Integration zu unterstützen, müsse es das Ziel sein, „dass aus niederschwelligen Angeboten langfristige Bindungen werden“. Dazu müssten eine Reihe von „Hemmnissen“ abgebaut werden, so Ulrike Kraus vom Innenministerium – und zwar bei den Mädchen wie bei den Vereinen.

Dazu zählten kulturelle und religiöse Unterschiede, Mitgliedsbeiträge oder Vorbehalte der Eltern. Dabei dürften die Mädchen von den Vereinen nicht „auf Integrations-Objekte reduziert“ werden, sondern müssten „mit ihren Interessen und Bedürfnissen ernst genommen werden“, betonte Professor Sebastian Braun von der Humboldt-Universität Berlin. Verschiedene Projekte und Initiativen laufen bereits – unter anderem wurden beim Landessportbund 60 Mädchen ausländischer Herkunft zu Übungsleiterinnen geschult.

(map)

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20.02.2009

Eltern schrauben Mühlenspielplatz zusammen - Interview mit Sebastian Braun, Direktor des Forschungszentrums für bürgerschaftliches Engagemen

Ab März bauen freiwillige Helfer unter Anleitung auf der Festwiese in Frankenheim-Lindennaundorf Areal für Kinder Markranstädt (ken). In Markranstädts Ortsteil Frankenheim-Lindennaundorf packen ab März freiwillige Helfer an: Unter der Regie des Projektentwicklers Manfred Wende aus Knauthain und begleitet von der Stadtverwaltung wollen sie an mehreren Samstagen einen Spielplatz für jüngere Kinder auf der Festwiese bauen.

Bauamtsleiterin Uta Richter stand Mitte 2008 vor der Frage, wo sie zwei Rutschen hinsetzt. Wünsche gab es im Ortschaftsrat viele. „Okay, ihr bekommt, aber ihr zieht mit“, hörten auch die Frankenheim-Lindennaundorfer.
„Wir hatten uns schon zum Heimatfest einen weiteren Spielplatz gewünscht“, erzählte Jens Schwertfeger. Dann sei die Stadt mit Entwurf und Projektentwickler angerückt und habe ein Spielareal mit einer kleinen Mühle vorgeschlagen, damit sich die Bockwindmühle dort widerspiegelt. „Wir wollen unsere Plätze thematisch gestalten und nicht nur mit Kataloggeräten“, bekräftigte Richter, die so den Ortschaften „ein Gesicht“ geben möchte. „Wenn sich Bürger beteiligen, haben wir ganz andere Möglichkeiten“, betonte sie. Ein seit Jahresanfang bei der Stadt angestellter Landschaftsarchitekt helfe, Ideen für kreative, unverwechselbare Spielplätze umzusetzen. „In Göhrenz planen wir einen zum Thema „Dinosaurier“. Die Aufbauarbeit leisten Ehrenamtliche. Dadurch werde der Haushalt weniger belastet und man könne mit eingesetzten Mitteln mehr erreichen, sagte die Bauamtsleiterin.

An mehreren Wochenenden, Ostern ausgenommen, wollen sich die Helfer zusammenfinden. „Für den ersten Termin haben sich ein Dutzend Eltern und Großeltern angekündigt“, berichtete Schwertfeger, der das Projekt mit dem Ortschaftsrat koordiniert. Die Stadt stelle technische Planungsleistungen, Tüv-Abnahmen, Baubetreuung und Material. Projektentwickler Wende hatte bereits 2005 mit Anwohnern der Angersiedlung einen Spielplatz aufgebaut (die LVZ berichtete).

„Die Orte bestimmen mit, wie ihre Freiflächen aussehen und können ihre Identität mit aufbauen“, betonte Richter. Das sei ein Gewinn. Durch das Gemeinschaftswerk hofft sie auch auf weniger Schäden durch Vandalismus.
„Ungewöhnlich“ fand Schwertfeger anfangs die Idee, die bald Eltern aus dem Ort als Probanden in Markranstädt umsetzen. „Wir standen vor der Frage: Können wir das schaffen?’ Und dann sind wir eben eher die Macher, als dass wir uns bedienen lassen.“

LVZ-Interview mit Sebastian Braun, Direktor des Forschungszentrums für bürgerschaftliches Engagement:

Frage: Was bringt bürgerschaftliches Engagement außer Kostenersparnis?

Der Mehrwert liegt im Sozialkapital. Durch gemeinsame Aktivitäten entsteht eine soziale Verbindung, die als Gleitmittel gesellschaftlichen Lebens funktioniert und weniger Kontrolle erfordert. Der Staat kann dafür die Rahmenbedingungen wie zum Beispiel besseren Versicherungsschutz schaffen.

Frage: Sehen Sie auch Gefahren des Ehrenamts?

Die Gefahr besteht, dass der Bürger als Ausfallbürge dastehen kann und zusehen muss, ob und wie er eine Einrichtung erhält, für die öffentliche Institutionen kein Geld mehr haben. Wenn sich jemand freiwillig einbringt, muss er aber auch an politischen Entscheidungen teilhaben können.

Frage: Wie weit kann und soll das Amt gehen?

Es darf nicht gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung verstoßen, was passiert, wenn es von Rechtsextremisten instrumentalisiert wird. Wenn Bürger Straßen oder Kanalisation selbst bauen, ist für mich eine Schmerzgrenze erreicht. Genauso, wenn Arbeitslosigkeit durch Bürgerarbeit kompensiert wird. Das moderne Ehrenamt ist zeitlich befristetes Engagement von Menschen in bestimmten Lebenssituationen, anders als das „Einmal dabei – immer dabei“, das es heute noch in vielen Vereinen gibt. Bei den Jüngeren wird es üblicher, sich auch mal wenige Stunden zum Beispiel in einem Hospiz zu engagieren.

Interview: Kendra Reinhardt (Leipziger Volkszeitung 02/2009)

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31.12.2008

"Deutschland ist ein Land der Mitgliedschaften"

Leipziger Volkszeitung - 12/2008

LVZ-Interview mit Sebastian Braun, Direktor des einzigen Forschungszentrums für bürgerschaftliches Engagement der Bundesrepublik

An der Universität Paderborn ist Deutschlands einziges Forschungszentrum für bürgerschaftliches Engagement angesiedelt. Der Direktor, Professor Sebastian Braun, zeigt in einer aktuellen Studie auf, dass Engagement im Verein im Trend liegt. Darüber, über Umzugspläne nach Berlin und über den Strukturwandel im Ehrenamt sprach der Lehrstuhlinhaber im LVZ-Interview.

Was sind die aktuellen Forschungsschwerpunkte Ihres Zentrums?

Sebastian Braun: Wir forschen zu den Themen Wandlung von Staatlichkeit, Lernen durch bürgerschaftliches Engagement, Migration und Integration durch Bürgerengagement sowie unternehmerisches Bürgerengagement.

Wer profitiert von Ihren Erkenntnissen, wer sind Ihre Kunden?

Für unsere Grundlagenforschung sind Stiftungen, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Europäische Union Geldgeber. Unsere anwendungskonkreten Projekte werden von Bundes- und Landesministerien, Unternehmen oder Verbänden finanziert.

Sie wechseln im März 2009 nach Berlin. Wieso?

Berlin ist unter Forschungs- und politischen Gesichtspunkten attraktiver als Paderborn. Die Humboldt-Universität hat ein anderes Renommee. Und für unsere gesellschaftspolitische Arbeit sind wir näher an den Ministerien.Ihr Forschungszentrum ist das einzige dieser Art in Deutschland.

Was hat Sie 2003 bewegt, es zu etablieren?

Ich hatte das Glück, Forschungsstipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft und im Ausland zu sein. Dort spielte das Thema bürgerschaftliches Engagement schon damals eine viel größere Rolle als hier. Und es existierten vergleichbare, übergreifende Einrichtungen. Die dortigen Kollegen sagten: Wenn Du zurück gehst und dort einen Lehrstuhl bekommst, dann sieh doch zu, dass wir einen Ansprechpartner bekommen. So entstand die Idee, den Aufbau bereits in den Berufungsverhandlungen zu thematisieren.

Welche Rolle spielt bürgerschaftliches Engagement für die Gesellschaft?

Darüber werden im Moment mehrere Debatten geführt. Eine ist die, dass zunehmend öffentliche Leistungen vom Staat nicht mehr aufrechterhalten oder finanziert werden. In dem Zusammenhang wird bürgerschaftliches Engagement als eine Ressource betrachtet, die öffentliche Leistungen nicht kompensieren soll, aber sie kann zu deren Aufrechterhaltung für die Allgemeinheit ein Stück weit beitragen. Typische Beispiele dafür sind die Übernahme von Freibädern durch Sportvereine oder die Tafelinitiativen. Eine andere Debatte ist die Integrationsthematik. Auch da spielen freie Initiativen und Projektträger eine entscheidende Rolle, um Menschen mit Migrationshintergrund zu integrieren.

Also appellieren Ländern und Kommunen zur freiwilligen, unentgeltlichen Tätigkeit, um sich weiter ihrer Pflichtaufgaben entledigen zu können?

Das ist eine ganz schwierige politische Diskussion. Es ist wahr: Wir beobachten eine Veränderung des Selbstverständnisses von Staatlichkeit. Das spielt auch in der Diskussion über die Bürgergesellschaft eine Rolle, also zum Beispiel bei der Kommunalisierung von Aufgaben. Bürger können in dieser Argumentationsrichtung aktiv an der Gesellschaft teilhaben; nicht alles müsse staatlich geregelt sein. Es gibt ausufernde Bereiche, die in Deutschland selbstverständlich von der öffentlichen Hand unterstützt werden. Das ist die positive Argumentation in dieser Debatte. Die andere Argumentation sieht bürgerschaftliches Engagement eher als Ausfallbürgen in Zeiten klammer öffentlicher Hände, nach dem Motto: Das Ehrenamt ist toll, aber liebe Bürger, geht in die sozial-karitativen Bereiche, weil die so teuer aufrecht zu erhalten sind, etwa die Altenpflege. Doch mischt Euch bitte nicht politisch ein. Das ist eine ebenso schmerzvolle Debatte wie die über Mini- und Ein-Euro-Jobs. Die Grenzen zwischen bürgerschaftlichem Engagement und einer Honorierung sind fließend.

Wieso engagieren sich 23 Millionen Deutsche in Vereinen?

Was ist so attraktiv an meist unbezahlter Tätigkeit? Wir haben einen interessanten Wandel des Ehrenamtes festgestellt. Ältere Generationen wollen der Gesellschaft etwas zurückgeben, sich einer Sache widmen, sie die wichtig finden. Heute übernehmen Leute ein Ehrenamt, weil sie sich davon etwas versprechen. Oft erhoffen sie sich davon, Kompetenzen und Fähigkeiten zu erwerben, sich auch für berufliche Fähigkeiten zu qualifizieren. Oder es geht um Selbstfindung, um eine möglichst sinnstiftende Tätigkeit auszuüben, von der man überzeugt ist. Diese Motive sind in den letzten 15, 20 Jahren aufgekommen. Das hat Konsequenzen für die Organisationen: Viele klassische Verbände und Vereine, nehmen Sie Sport, Caritas und die Kirche, bauen noch stark auf das traditionelle Ehrenamt. Dagegen suchen jüngere Generationen eher projektbezogene Aufgaben, die für eine Phase gut zu ihrem Leben passen.

Wenn 36 Prozent der Deutschen engagiert sind, trifft das für zwei Drittel nicht zu. Wie kann man diese stille Reserve wecken?

Da schlummert erhebliches Engagement-Potenzial. Moderne Organisationsformen wie etwa die Freiwilligenagenturen sprechen durchaus Motive dieser Leute an und locken sie hinter dem Ofen vor. Stärker entwickeln müsste man aber eine Anerkennungskultur, also Anreiz nicht nur mit Bezahlung, sondern Leuten sichtbar machen, was sie von einem Engagement haben, etwa konkret ausgestellte Kompetenznachweise, wie eine Bilanz dessen, was der Einzelne gelernt hat. Das alles gibt es nicht zum Nulltarif: Der Staat ist verpflichtet, Infrastruktur zum Engagement zu schaffen.

Wie stehen die Deutschen im Vergleich zu anderen Nationen da?

Die besagten 23 Millionen basieren auf einem sehr weit gefassten Ehrenamts-Begriff. So spielt etwa der Zeitaufwand keine Rolle. Auch die Mutti, die im Sportverein mithilft, fällt darunter. Insofern sind die Zahlen schwer vergleichbar. Es zeigt sich aber, dass die Deutschen relativ vorne mitspielen. Was Vereine angeht, ist Deutschland ein Land der Mitgliedschaften. Interview: Ingolf Rosendahl

Interview: Ingolf Rosendahl

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31.12.2008

Vom Profi zum Prof - Fußballer wird Soziologe

Vom Profi zum Prof: Fußballer wird Soziologe

Sebastian Braun wechselt an die Humboldt-Uni Berlin

BERLIN. Jetzt ist auch Sebastian Braun Gegenstand eines spektakulären Transfers. Vor zwanzig Jahren, mit sechzehn, gewann er als Kapitän der B-Jugend von Hertha 03 Zehlendorf die deutsche Fußball-Meisterschaft. Als sie zwei Jahre später auch noch das Finale der A-Jugend erreichten, eröffnete sich den Besten der Mannschaft der Weg in den Profi-Fußball. Niko Kovac und sein Bruder Robert, Karsten Bäron, Christian Ziege und Martino Gatti gingen ihn. Mittelfeldspieler Sebastian Braun ließ sich von Girondins Bordeaux verpflichten und wechselte 1990, im Jahr der deutschen Einheit, nach Frankreich. Er scheiterte, wie er unumwunden sagt. Die Unerfahrenheit des Teenagers, dazu Verletzungen verhinderten eine Profikarriere.

Vielleicht war das sein Glück. Denn nun kehrt Sebastian Braun als Wissenschaftler zurück nach Berlin. Was für ein Wechsel: Die Humboldt-Universität verpflichtet nicht nur ihn, den in Sportwissenschaft und in Soziologie promovierten Professor, für die Abteilung Sportsoziologie. Die Alma Mater in der Mitte Berlins holt auch Brauns Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement mit acht Beschäftigten von der Uni Paderborn – die ganze Mannschaft.

Der Kontakt zu seinem alten Zehlendorfer Team ist offenbar abgerissen. Zum Zwanzigjährigen solle es ein Treffen geben, sagt Braun. Das klingt nicht, als fiebere er der Begegnung mit der Vergangenheit entgegen. Seit seiner Promotion über Elitenbildung im Sport Frankreichs und Deutschlands beschäftigt er sich mit anderen Themen. „Seit fünfzehn Jahren forsche ich über gesellschaftliches Engagement“, sagt er. „Und ich frage mich immer wieder: Wo ist der Sport in dieser lebhaften Debatte über Bürgergesellschaft?“ Seine Erkenntnisse spitzt er so zu: „Dem DOSB droht der Zug wegzufahren.“

Der Organisation, die sich gern auf ihre Masse beruft – schließlich vertritt der DOSB mit 27 Millionen Mitgliedschaften in 91000 Vereinen fast ein Drittel der Bevölkerung – mangelt es nach Brauns Eindruck an inhaltlicher Fundierung, um ein Spielmacher im Feld der Bürgergesellschaft zu sein. Zwar könne der organisierte Sport den höchsten Anteil ehrenamtlich engagierter Personen vorweisen. Doch im neuen Wohlfahrts-Mix von Staat, Markt und Bürgergesellschaft, der durch den Rückzug des Staates aus seiner Rolle als Hüter des Gemeinwohls entsteht, vernetzten sich Kirche und freie Träger, Freiwilligenagenturen, regionale Initiativen und auch Unternehmen häufig viel besser als der Sport. „Wenn sich Vereine oder Verbände aber auf lokaler Ebene in Netzwerken engagieren, sind die anderen Akteure oft ganz begeistert von den Möglichkeiten des Sports“, hat Braun festgestellt.

Am Beispiel Bildung beschreibt er, wie der Sport sich neue Spielräume eröffnen und sich zu einem Spitzenspieler der Bürgergesellschaft entwickeln könne. Die Ganztagsschule lade freie Träger dazu ein, Bildungsangebote zu machen. Statt nun in kritischer Sorge um Nachmittagszeiten für die Nutzung der schulischen Sportstätten zu verharren, müsse der Sport sich organisatorisch und programmatisch öffnen. Der Sport könne nicht nur Spaß machen, nicht nur Gesundheit und Integration fördern, er könne auch lehren, dies zu organisieren, dies anzubieten, dies zu vertreten. „Der Sport sollte Vorreiter sein, bürgerschaftliches Engagement zu einem Bildungsziel fortzuentwickeln“, fordert Braun. „Wenn eine vernünftige Lebensführung in einer modernen Demokratie ein bürgerschaftliches Engagement einschließt, müssen Heranwachsende befähigt werden, unter alternativen Angeboten entscheiden und kompetent handeln zu können.“

Bürgerschaftliches Engagement sei mehr als eine unentgeltliche Ressource, sagt der Wissenschaftler. Das neue Ehrenamt basiere oft auf projektbezogem und temporärem Engagement. Wer mitmache, frage auch nach persönlichem Sinn und Nutzen und erwerbe häufig gezielt Kompetenz. Der Ball rolle längst. Wenn der Sport Anreize durch Bildungszertifikate setze und ein zeitgemäßes Freiwilligenmanagement schaffe, sagt Braun, könne er ihn erreichen.

Mit dem aktiven Fußball hat Sebastian Braun abgeschlossen. „Das Hirn weiß, was zu tun ist, aber der Körper kommt nicht mehr mit“, sagt der 37-jährige. „Man sieht den Laufweg des Mitspielers vor sich, aber man bringt den Ball nicht hin.“ Anderen Sportarten hat er sich auch deshalb zugewandt, weil in unterklassigen Teams oft zwar er den zwingenden Spielzug vor sich sehe, die Mitspieler aber die Laufwege gar nicht erkennen. Pässe ins Leere sind die Sache von Sebastian Braun nicht.

Michael Reinsch

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31.12.2008

Wirtschaft übernimmt Verantwortung

Wirtschaft übernimmt Verantwortung

BBE initiiert eine Charta zur gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen

Der Festsaal des Paderborner Rathauses war bis auf den letzten Platz besetzt, als 20 renommierte Wirtschaftsunternehmen aus der Region in einem feierlichen Akt die Charta „Verantwortung übernehmen - sich nachhaltig engagieren - vernetzt handeln“ unterzeichneten. Ortwin Goldbeck - Präsident der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld und selbst einer der Erstunterzeichner der Charta - überreichte anschließend das Dokument dem nordrhein-westfälischen Generationenminister Armin Laschet, dessen Haus seit 2005 das Thema Unternehmensengagement im Land aktiv vorantreibt.

Armin Laschet betonte, dass Wirtschaftsunternehmen über wichtige - und oft auch innovative - Kompetenzen und Ressourcen für die Lösung von Zukunftsaufgaben verfügen. Und dass es langfristig nur im Rahmen neuer Verantwortungspartnerschaften von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gelingen könne, die Lebensqualität, die Integrationskraft und die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft zu erhalten und nachhaltig zu stärken.

Mit der Unterzeichung der vom Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement initiierten Charta - der sich noch am selben Abend in Paderborn rund 80 weitere Unternehmen aus der Region angeschlossen haben - bekennen sich Unternehmen ausdrücklich zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung. Sie machen sich zugleich dafür stark, weitere Wirtschaftsunternehmen für ein gesellschaftliches Engagement zu gewinnen. Und plädieren für eine enge Vernetzung und Kooperation - mit gemeinnützigen Organisationen wie auch mit staatlichen bzw. kommunalen Partnern - um ihrem Engagement Nachhaltigkeit zu verleihen.

Auch die Einbindung von Mittlerorganisationen ist ausdrücklich gewünscht: Denn diese haben nicht nur eine wichtige Rolle in der Beratung und Unterstützung von engagementbereiten Unternehmen, sondern sie sind auch wichtige Akteure für die Anbahnung nachhaltiger Beziehungen von Unternehmen mit kommunalen oder gemeinnützigen Partnern. Der von der IHK Ostwestfalen und der Stadt Paderborn ausgerichtete Unternehmerabend war Teil eines wissenschaftlichen Kongresses zum gesellschaftlichen Engagement von Unternehmen in der Woche des bürgerschaftlichen Engagements.

Gut 280 Fachteilnehmerinnen und -teilnehmer ließen sich im Rahmen des Kongresses von hochrangigen Vorträgen anregen und diskutierten aktiv in themenbezogenen Fachforen. Ausgerichtet wurde der Kongress vom Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement an der Universität Paderborn unter der Leitung von Prof. Dr. Sebastian Braun - in Zusammenarbeit mit dem Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement. gefördert wurde er vom Bundesfamilienministerium (BMFSFJ), dem Generationenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen (MGFFI NRW) und der Initiative „Paderborn überzeugt“.

Nicht nur die großen Konzerne, sondern auch mittelständische Unternehmen engagieren sich - einer aktuellen Studie des Forschungszentrums für Bürgerschaftliches Engagement zufolge - für die Gesellschaft. Und dies weitaus mehr, als es die Öffentlichkeit wahrnimmt.

96 Prozent der Unternehmen in Deutschland, so das Ergebnis der Studie, engagieren sich über ihr Kerngeschäft hinaus für gesellschaftliche Anliegen. Dabei liegen dem Engagement des Mittelstandes meist weniger ökonomische oder strategische Überlegungen zugrunde als vielmehr persönliche Motive, Verantwortungsbewusstsein und Tradition.

Vieles von dem, was heute schon von Wirtschaftsunternehmen geleistet wird, gilt als selbstverständlich und wird als gesellschaftlicher Beitrag kaum öffentlich wahrgenommen oder politisch gewürdigt, so ein Fazit des Kongresses. Prof. Braun fordert daher eine öffentliche Debatte über Rolle und gesellschaftliche Aufgaben der Wirtschaft. Angesichts eines Wandels staatlicher Aufgaben, sind neue Verantwortungspartnerschaften zwischen Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gefragt. Mit einer besseren Vernetzung und Öffentlichkeit könnte auch das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen noch wirksamer werden.

Für eine bessere Vernetzung für Unternehmen untereinander wie auch mit No-Profit-Organisationen setzt sich daher das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement ein. Die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen fördert nicht nur ein nachhaltiges Engagement. Zugleich profitieren Unternehmen von neuen Denkweisen und Ideen und können sich sinnvoll und glaubwürdig gesellschaftlich einbringen.

Ulrike Sommer (Sprecherrat des BBE)

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12.12.2008

Sebastian Braun wechselt an die Humboldt-Uni Berlin

Vom Profi zum Prof: Fußballer wird Soziologe

BERLIN. Jetzt ist auch Sebastian Braun Gegenstand eines spektakulären Transfers. Vor zwanzig Jahren, mit sechzehn, gewann er als Kapitän der B-Jugend von Hertha 03 Zehlendorf die deutsche Fußball-Meisterschaft. Als sie zwei Jahre später auch noch das Finale der A-Jugend erreichten, eröffnete sich den Besten der Mannschaft der Weg in den Profi-Fußball. Niko Kovac und sein Bruder Robert, Karsten Bäron, Christian Ziege und Martino Gatti gingen ihn. Mittelfeldspieler Sebastian Braun ließ sich von Girondins Bordeaux verpflichten und wechselte 1990, im Jahr der deutschen Einheit, nach Frankreich. Er scheiterte, wie er unumwunden sagt. Die Unerfahrenheit des Teenagers, dazu Verletzungen verhinderten eine Profikarriere.

Vielleicht war das sein Glück. Denn nun kehrt Sebastian Braun als Wissenschaftler zurück nach Berlin. Was für ein Wechsel: Die Humboldt-Universität verpflichtet nicht nur ihn, den in Sportwissenschaft und in Soziologie promovierten Professor, für die Abteilung Sportsoziologie. Die Alma Mater in der Mitte Berlins holt auch Brauns Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement mit acht Beschäftigten von der Uni Paderborn – die ganze Mannschaft.

Der Kontakt zu seinem alten Zehlendorfer Team ist offenbar abgerissen. Zum Zwanzigjährigen solle es ein Treffen geben, sagt Braun. Das klingt nicht, als fiebere er der Begegnung mit der Vergangenheit entgegen. Seit seiner Promotion über Elitenbildung im Sport Frankreichs und Deutschlands beschäftigt er sich mit anderen Themen. „Seit fünfzehn Jahren forsche ich über gesellschaftliches Engagement“, sagt er. „Und ich frage mich immer wieder: Wo ist der Sport in dieser lebhaften Debatte über Bürgergesellschaft?“ Seine Erkenntnisse spitzt er so zu: „Dem DOSB droht der Zug wegzufahren.“

Der Organisation, die sich gern auf ihre Masse beruft – schließlich vertritt der DOSB mit 27 Millionen Mitgliedschaften in 91000 Vereinen fast ein Drittel der Bevölkerung – mangelt es nach Brauns Eindruck an inhaltlicher Fundierung, um ein Spielmacher im Feld der Bürgergesellschaft zu sein. Zwar könne der organisierte Sport den höchsten Anteil ehrenamtlich engagierter Personen vorweisen. Doch im neuen Wohlfahrts-Mix von Staat, Markt und Bürgergesellschaft, der durch den Rückzug des Staates aus seiner Rolle als Hüter des Gemeinwohls entsteht, vernetzten sich Kirche und freie Träger, Freiwilligenagenturen, regionale Initiativen und auch Unternehmen häufig viel besser als der Sport. „Wenn sich Vereine oder Verbände aber auf lokaler Ebene in Netzwerken engagieren, sind die anderen Akteure oft ganz begeistert von den Möglichkeiten des Sports“, hat Braun festgestellt.

Am Beispiel Bildung beschreibt er, wie der Sport sich neue Spielräume eröffnen und sich zu einem Spitzenspieler der Bürgergesellschaft entwickeln könne. Die Ganztagsschule lade freie Träger dazu ein, Bildungsangebote zu machen. Statt nun in kritischer Sorge um Nachmittagszeiten für die Nutzung der schulischen Sportstätten zu verharren, müsse der Sport sich organisatorisch und programmatisch öffnen. Der Sport könne nicht nur Spaß machen, nicht nur Gesundheit und Integration fördern, er könne auch lehren, dies zu organisieren, dies anzubieten, dies zu vertreten. „Der Sport sollte Vorreiter sein, bürgerschaftliches Engagement zu einem Bildungsziel fortzuentwickeln“, fordert Braun. „Wenn eine vernünftige Lebensführung in einer modernen Demokratie ein bürgerschaftliches Engagement einschließt, müssen Heranwachsende befähigt werden, unter alternativen Angeboten entscheiden und kompetent handeln zu können.“

Bürgerschaftliches Engagement sei mehr als eine unentgeltliche Ressource, sagt der Wissenschaftler. Das neue Ehrenamt basiere oft auf projektbezogem und temporärem Engagement. Wer mitmache, frage auch nach persönlichem Sinn und Nutzen und erwerbe häufig gezielt Kompetenz. Der Ball rolle längst. Wenn der Sport Anreize durch Bildungszertifikate setze und ein zeitgemäßes Freiwilligenmanagement schaffe, sagt Braun, könne er ihn erreichen.

Mit dem aktiven Fußball hat Sebastian Braun abgeschlossen. „Das Hirn weiß, was zu tun ist, aber der Körper kommt nicht mehr mit“, sagt der 37-jährige. „Man sieht den Laufweg des Mitspielers vor sich, aber man bringt den Ball nicht hin.“ Anderen Sportarten hat er sich auch deshalb zugewandt, weil in unterklassigen Teams oft zwar er den zwingenden Spielzug vor sich sehe, die Mitspieler aber die Laufwege gar nicht erkennen. Pässe ins Leere sind die Sache von Sebastian Braun nicht.

Michael Reinsch (Frankfurter Allgemeine Zeitung - 12/2008)

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20.10.2008

Ministerin Ulla Schmidt - „Sport ist ein unverzichtbarer Partner“

Bundeskonferenz Sportentwicklung in Berlin setzt gesellschaftspolitische Impulse

(DOSB Presse) Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt unterstrich bei der Bundeskonferenz Sportentwicklung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) in Berlin die Forderung nach einem Gesetz zur Prävention und der Gesundheitsförderung. Die Ministerin dankte vor 250 Delegierten aus den DOSB-Mitgliedsorganisationen und Gästen aus allen Bereichen der Gesellschaft dem DOSB für seine vielfältigen Aktivitäten und rief den Konferenzteilnehmern zu: „ Ich brauche Sie, damit wir Menschen einen gesünderen Lebensstil bieten können. Der DOSB ist nicht nur natürliche Partner auf dem Gebiet, sondern die Unverzichtbare. Wo sollen Jugendliche besser lernen, dass man in unserer Gesellschaft Rücksicht nehmen muss, als in einer Sportmannschaft?“ Zudem – so die Ministerin weiter – sei erwiesen, dass bei Kindern, die jeden Tag ein Bewegungsangebot nutzen, das Konzentrationsvermögen und die Lernfähigkeit gestärkt werden, was sich positiv über die Schulausbildung bis zur Berufsausbildung- und Ausübung niederschlagen werde.

Damit schlug die Ministerin die Brücke zum Thema der Bundeskonferenz Sportentwicklung „ Sport bildet – Bildung bewegt“, mit der erstmals die früheren Bundeskonferenzen Breitsport und Bildung zusammengefügt wurden. Ein Experiment, dass geglückt ist, denn nach der zweitägigen Konferenz zogen die DOSB-Vizepräsidenten Prof. Dr. Gudrun Doll- Tepper und Walter Schneeloch eine positive Bilanz nach zwei eindrucksvollen Hauptvorträge und zwölf inhaltsreichen Arbeitskreise, bei denen herausgearbeitet wurde, welche Bildungspotenziale im und durch Sport vorhanden sind. Doll- Tepper sagte, der Strukturwandel fordere den Sport auf, nicht nur zu reagieren, sondern eine „hochaktive Rolle“ einzunehmen. Schneeloch bilanzierte, dass die zweitägige Veranstaltung wichtige Impulse gesetzt habe. DOSB-Präsident Dr. Thomas Bach sprach bei der Bundeskonferenz von der Notwendigkeit des gegenseitigen Lernens und rückte die gegenwärtig wichtigsten gesellschaftspolitischen Herausforderungen des Sports in den Fokus: Sport und Integration, Sport mit Behinderten und das Bemühen, sozial benachteiligte Menschen zum Sport zu führen.

In seinem Vortrag zum Thema „Bürgerschaftliches Engagement in Sport und Gesellschaft“ stellte Prof. Dr. Sebastian Braun (Paderborn) noch einmal heraus, dass „der organisierte Sport boomt und brummt“ und an Mitgliederzahlen gemessen, beispielsweise Kirchen und Gewerkschaften weit hinter sich gelassen haben. Allerdings müsse sich der Sport vom quantitativen Argument hin zu einer qualitativ fundierten Konzeption als zivilgesellschaftlicher Akteur in unserem Lande entwickeln. Braun sprach vom „Ende des Traumes vom Staat als Hüter und Wächter des Gemeinwohls“. Der Dritte Sektor würde immer mehr Aufgagen übernehmen, für die der Staat künftig nur noch die Strukturen schaffe. Braun skizzierte den Übergang „vom Wohlfahrtsstaat zur Wohlfahrtsgesellschaft“, aber auch vom Strukturwandel des Ehrenamtes. Viele besonders jüngere Menschen würden häufig nur noch zeitlich befristet ehrenamtlich in Projekten mitarbeiten, auch deshalb, weil Partizipation und Engagement im Sportverein dem Bildungserwerb dienen könnten.

Der Paderborner Wissenschaftler stellte an das Ende seines viel beachteten Vortrages drei Thesen: These 1: Der Staat bekommt Gesellschaft! Auf der gesellschaftlichen Makroebene sind Sportverbände und –vereine gefordert, in einem veränderten Wohlfahrtsmix Partner neuer Staatlichkeit zu werden. Dies gilt auch für die Rolle der Sportverbände und –vereine in einem neuen Bildungsmix in Deutschland. These 2: Engagement macht Schule! Auf der organisationsbezogenen Mesoebene sind Sportverbände und –vereine gefordert, sich gegenüber Organisation aus dem staatlichen, erwerbswirtschaftlichen und Dritten Sektor zu öffnen, um in kooperativen Netzwerken Ressourcen für Kollektivgüter wie allgemeine Bildungsangebote zusammenzuführen. These 3: Engagement macht kompetent! Auf der individuellen Mikroebene sind Sportverbände und –vereine gefordert, Kompetenzen bürgerschaftlich engagierter Mitarbeiter nicht nur als Ressource für die Vereinsarbeit zu betrachten, sondern auch als Lern- und Erfahrungsfeld des Neuen Ehrenamtlichen.“ (Siehe auch Bericht „Lernbereit noch mal auf der Schulbank“ zur Berliner Bundeskonferenz.)

Walter Mirwald (DOSB-Presse - 10/2008)

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15.10.2008

Die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen

Kongress und Unternehmerabend in Paderborn zum gesellschaftlichen Enga-gement der deutschen Wirtschaft

Unternehmen engagieren sich für die Gesellschaft weitaus mehr als die Öffentlichkeit wahrnimmt. Dabei liegen dem Engagement in der Regel weniger wirtschaftliche und strategische Überlegungen zugrunde, als vielmehr persönliche Motive, Verantwortungsbewusstsein und Tradition. Diese und andere Erkenntnisse einer aktuellen wissenschaftlichen Studie des Forschungszentrums für Bürgerschaftliches Engagement an der Universität Paderborn, wurden jetzt auf dem Kongress „Gesellschaftliches Engagement von Unternehmen – der deutsche Weg im internationalen Kontext“ erstmals vorgestellt.

Der von Prof. Dr. Sebastian Braun geleitete Kongress bildete einen Höhepunkt in der vom Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement initiierten Woche des Bürgerschaftlichen Engagement unter Schirmherrschaft des Bundespräsidenten. Um das bürgerschaftliche Engagement der deutschen Wirtschaft weiter zu forcieren, haben gleichzeitig 20 Unternehmen als erste die bundesweite Charta „Wirtschaft übernimmt Verantwortung“ unterzeichnet.

In Deutschland zieht sich der Staat zunehmend aus wichtigen gesellschaftlichen Bereichen zurück, um sich auf Kernaufgaben zu beschränken. „Von Unternehmen und Non-Profit-Organisationen wird dann erwartet, dieses Vakuum zu füllen“, erläutert Prof. Dr. Sebastian Braun, Direktor des Forschungszentrums. Dabei könne man amerikanische Verhältnisse nicht einfach auf die deutsche Situation übertragen, sondern müsse sie im spezifischen sozio-kulturellen Kontext unserer Gesellschaft betrachten. „Anders als in vielen anderen Ländern ist bei uns die gesellschaftliche Beteiligung von Unternehmen in bestimmten Bereichen, zum Beispiel der Ausbildung, reglementiert.“ Vieles von dem, was hier auf hohem Niveau geleistet werde, gelte als selbstverständlich und werde als gesellschaftlicher Beitrag der Unternehmen kaum öffentlich wahrgenommen. „Wir brauchen in Deutschland endlich eine öffentliche Diskussion über Rolle und gesellschaftliche Aufgaben der Wirtschaft“, forderte Braun.

Für die aktuelle Studie wurden deshalb rund 500 repräsentativ ausgewählte, deutsche Unternehmen aus allen Branchen mit mindestens zehn Mitarbeitern und mindestens einer Million Euro Jahresumsatz befragt. Das Ergebnis: 96 Prozent der deutschen Unternehmen in Deutschland sind bereits bürgerschaftlich engagiert, engagieren sich also über ihr eigentliches Kerngeschäft hinaus zugunsten gesellschaftlicher Aufgaben. Bestimmt wird dieses Engagement hauptsächlich von den Führungskräften. Mehr als 60 Prozent der Befragten unterstützen unter anderem das ehrenamtliche Engagement von Mitarbeiter, indem sie diese von der Arbeit freistellen oder technische Ausrüstung zur Verfügung stellen. Gefördert werden hauptsächlich unpolitische Institutionen und Projekte im Umfeld des Firmensitzes, wie Sportvereine oder Freizeitaktivitäten. Dabei verfolgt nicht einmal ein Drittel der befragten Unternehmen eine strategische Zielsetzung. „Besonders in mittelständischen Unternehmen sind die Beweggründe eher philanthropischer Natur“, erläutert Braun. „Hier wird meist spontan und aus dem Bauch heraus gefördert.“ Große Unternehmen dagegen gehen hier in der Regel strategischer vor. Mit planvollem Vorgehen, gezielten Kooperationen und professioneller Öffentlichkeitsarbeit nutzen sie „Corporate Social Responsibility“ und „Corporate Citizenship“ auch für den wirtschaftlichen Erfolg. „Mit einer besseren Vernetzung und größerer Öffentlichkeit könnte auch das gesellschaftliche Engagement des Mittelstandes noch effektiver werden.“

Ziel des Kongresses war es, die Traditionen und Innovationen im gesellschaftlichen Engagement der deutschen Wirtschaft vor dem Hintergrund eines veränderten Wohlfahrftsmix zwischen Staat, Wirtschaft, Nonprofit-Sektor und Privathaushalten zu präsentieren, zu diskutieren und zu dokumentieren. Auf diese Weise wurde Orientierungs- und Handlungswissen herausgearbeitet, um die Potenziale des gesellschaftlichen Engagements von Unternehmen sachlich fundiert erschließen und konstruktiv weiterentwickeln zu können. Der vom Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement gemeinsam mit dem Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) veranstaltete Kongress wurde gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), dem Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen (MGFFI) und der Initiative „Paderborn überzeugt.“

Für eine bessere Zusammenarbeit von engagierten Unternehmen untereinander und mit Non-Profit-Organisationen setzt sich deshalb das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) ein. „In der Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Partnerorganisationen profitieren Unternehmen nicht nur von neuen Denkweisen und Ideen“, betonte Dr. Ansgar Klein, Geschäftsführer des BBE, „sondern können sich auch sinnvoll und glaubwürdig gesellschaftlich einbringen.“

„Unternehmen müssen sich heute verstärkt engagieren“, forderte Ortwin Goldbeck, Präsident der IHK Ostwestfalen zu Bielefeld. „Als Teil der Gesellschaft müssen sie nicht nur gegenüber Mitarbeitern, sondern auch gegenüber Nachbarn und Kunden Verantwortung übernehmen.“ Auf einem von der IHK und der Stadt Paderborn veranstalteten Unternehmerabend am Rande des Kongresses unterzeichneten deshalb 20 Unternehmen aus der Region OWL als erste die bundesweite Charta „Verantwortung übernehmen – sich nachhaltig engagieren – vernetzt handeln“, um sie in einem symbolischen Akt an den NRW-Minister Armin Laschet zu überreichen, der für das Thema bürgerschaftliches Engagement von Unternehmen zuständig ist. Mit dieser Charta, der sich noch 70 weitere Unternehmen aus der Region anschließen werden, verpflichten sich die Unterzeichner nicht nur dazu, sich gesellschaftlich zu engagieren, sondern auch andere Unternehmer dafür zu begeistern. „Nachdem wir schon beim bundesweiten Projekt Bürokratieabbau die ersten waren, wirkt die Region Ostwestfalen hier erneut als Leuchtturm für ein wichtiges politisches und gesellschaftliches Anliegen“, so Ortbeck.

(Kultur und Management im Dialog - 10/2008)

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12.10.2008

Ehrenamt im Verein - Immer mehr Deutsche packen mit an

Das Ehrenamt steht hoch im Kurs, die Ausprägung hat sich in den letzten Jahren jedoch stark gewandelt.

Viele Ehrenamtliche kümmern sich um den Sportnachwuchs. Laut einer repräsentativer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Freiwilligensurvey 2004) engagieren sich 23 Millionen Deutsche in Vereinen. Dies entspricht 36 Prozent der Gesamtbevölkerung - ein Zuwachs von zwei Prozent seit 1999. Ohne das Ehrenamt könnte eine Vielzahl der 600.000 Vereine in Deutschland nicht existieren. Untersuchungen des Forschungszentrums für Bürgerschaftliches Engagement an der Universität Paderborn zeigt, dass sich die Art und Weise des Engagements im Laufe der Jahre verändert hat.

Kurzfristige Einsätze werden immer beliebter, der Kassenwart auf Lebenszeit hat ausgedient - das ist ein Fazit der Paderborner Studie zum Strukturwandel des Ehrenamts. Danach war der Ruf des Ehrenamtes lange Zeit verstaubt und galt als Freizeitkiller. Einmal Ehrenamt, immer Ehrenamt - oft jahrzehntelang - eine Verpflichtung, die zunehmend unattraktiver wurde. Das Ehrenamt in der Vergangenheit war ein notwendiges Übel, wer es bekleidete, blieb oft Jahre darauf sitzen. Doch langsam wandelt sich das Bild: Ehrenamt macht Spaß und stärkt die Gemeinschaft. Statt sich langfristig an ein Amt zu binden, kümmern sich die Freiwilligen heute vermehrt kurzfristig und lösungsorientiert um konkrete Aufgabenfelder.

"Individuen engagieren sich zunehmend unter ganz bestimmten zeitlichen und organisatorischen Gesichtspunkten, die mit ihren biographischen Erfahrungen und individuellen Zukunftsplanungen einen engen Zusammenhang aufweisen. Die jüngere Generation bis zu 30 Jahren zeigt gerade im Bereich Sport und Bewegung die Bereitschaft, interessante Aufgaben im Verein zu übernehmen - Tendenz steigend", so Prof. Dr. Braun, Direktor des Forschungszentrums für Bürgerschaftliches Engagement an der Universität Paderborn.

Vorstand, Schriftführer, Kassenwart, Trainer oder Betreuer - die Aufgaben im Verein sind vielschichtig. Dabei ist es durchaus üblich, dass bestimmte Ämter auch durch Aufwandsentschädigungen und Honorare abgegolten werden. Trainer und Betreuer erhalten zum Beispiel Erstattungen von Fahrtkosten und Prämien für erfolgreiche Ausbildung. Die Facetten der Freizeitaktivitäten lassen sich auch ins Berufsleben übertragen, denn ehrenamtliches Engagement ist im Lebenslauf oft ein entscheidendes Kriterium für die berufliche Laufbahn.

"Wir stehen durch unser Vereinsnetzwerk alltäglich mit den Menschen in Kontakt, die sich im Verein engagieren. Oft deckt sich die Tätigkeit im Verein mit dem Beruf der Person. Grafiker oder Programmierer kümmern sich meist um die Gestaltung der Homepage, Betreuer und Trainer um das Miteinander. Die Aufgabenverteilung ist vielschichtiger geworden. Der Vorteil für die Vereine ist dadurch größer, als in der Vergangenheit", so Max Fischer, Geschäftsführer von meinverein.de, der größten deutschen Vereinscommunity im Internet.

Die über 600.000 deutschen Vereine brauchen sich über freiwillige Helfer nicht sorgen. Laut "Freiwilligensurvey" der Bundesregierung aus dem Jahr 2004 zeigen die Hälfte der Befragten (64 %), die sich noch nicht im Verein engagieren, die Bereitschaft, interessante Aufgaben zu übernehmen. Potenzial, das lediglich geweckt werden muss.

Pressemitteilung von: meinverein.de
PR Agentur: Dederichs Reinecke & Partner

[u.a.] www.dosb.de - 10/2008

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30.09.2008

Von cleveren Weißwäschern und sozial engagierten Unternehmen

Frankfurter Rundschau - 09/2008

Die Initiativen von vielen Konzernen werden hierzulande oft kontrovers diskutiert: Soll das Image aufpoliert werden, oder sind es Taten von Gutmenschen.

Drei Millionen Euro für das Städel-Museeum in Frankfurt, ein Klima-Lehrstuhl für die Uni Aachen, Computer und Software für Kindertagesstätten – Konzerne in Deutschland engagieren sich zunehmend für die Gesellschaft. Doch Beispiele wie diese – sie kommen vom Frankfurter Bankhaus Metzler, dem Stromkonzern Eon und dem Software-Riesen Microsoft – werden kontrovers diskutiert: Betreiben die Konzerne nur „Weißwäscherei“? Oder können sie ein Partner sein, der Defizite in Bereichen wie Bildung, Sozialwesen und Kultur ausgleicht?

Deutsche Firmen engagieren sich seit langem und quer durch alle Branchen außerhalb ihres Kerngeschäftes in Produktion oder Dienstleistung. Eine neue Umfrage, die der FR vorliegen, ergab: Rund 96 Prozent der Firmen – vom Handwerksbetrieb bis zum Konzern- geben als Sponsoren Geld oder Sachspenden oder stellen Mitarbeiter für gemeinnützige Arbeiten frei. „Das geht vom 200-Euro-Scheck für den Turnverein bis zum Millionenbetrag für eine Hochschule“, sagt Professor Sebastian Braun von der Universität Paderborn. Das dortige Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement hat die repräsentative Studie durchgeführt; befragt wurden Firmen mit einem Jahresumsatz von mindestens einer Millionen Euro und mindestens zehn Beschäftigten. Diese decken rund 80 Prozent der Wirtschaftsleistung in Deutschland ab.

Besonders die Konzerne gehen über das klassische Sponsoring hinaus, bei dem die Firmen auf Anfrage von Vereinen oder Initiativen vor Ort Geld springen lassen. Die Paderborner Forscher ermittelten: Drei Viertel der Firmen engagieren sich im Umfeld ihres Sitzes oder Betriebsstandorts, oft geht es dabei um Sport und andere Freizeit-Aktivitäten. Aber bereits 14,5 Prozent zielen auf nationale Wirkung und 13,6 Prozent sogar auf die internationale Ebene.

Für die Mehrheit der Firmen gilt, wie Forscher Braun sagt:“ Das freiwillige Engagement entspringt selten einer übergeordneten unternehmerischen Strategie.“ Es sei meist spontan. Kurz: „Man tut Gutes, redet aber nicht darüber.“ Zunehmend aber verstünden besonders die Konzerne ihr Engagement als Voraussetzung für ein gutes Image und damit „als Teil einer Strategie für den dauerhaften Erfolg am Markt, zu Deutsch: der Profitmaximierung“.

Wichtig oder Weißwäscherei- die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Der Stromversorger RWE zum Beispiel gründet eine Jugendstiftung, um Kinder und Jugendliche etwa durch einen „Kreative Zauberei“-Kurs „für das Leben stark“ zu machen – wer kann etwas dagegen haben. Er finanziert fünf Jahre eine Professorenstelle für Energieeffizienz – lobenswerte Erweiterung des Bildungsangebots oder ein Feigenblatt für Europa grüßte CO2- Produzenten? Solche Aktivitäten, in den USA oder Großbritannien weit verbreitet und kaum umstritten, treffen hierzulande auf Skepsis.

Die Globalisierungskritiker von Attac zum Beispiel nennen das Ökosponsoring, das die deutschen Stromkonzerne betreiben, „Greenwashing“. Auch Gewerkschaften, die Linkspartei sowie Umweltverbände wie Greenpeace und BUND sind kritisch. Vereinzelt gibt es aber auch skeptische Stimmen im Unternehmerlager selbst: „ Da sich bisher in erster Linie international aufgestellt Konzerne mit dem Thema befassen, wird es häufig als bloßes Mittel gesehen, das eigene Image zu verbessern“, urteilen die Wirtschaftsjunioren, die zum Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) zählen. Es sei „also ein Marktinstrument, bei dem eher als Nebenprodukt Projekte entstehen oder nachhaltiger gewirtschaftet wird.

Defizite ausgleichen
Forscher Braun betonte eher die Chancen:“ Der Staat hat aus Geldmangel viele Kernaufgaben preisgegeben – zum Beispiel im Bildungssektor.“ Die Schulen schlechter ausgestattet, die Universitäten unterfinanziert, Fortbildung unterentwickelt. Schnelle Verbesserungen seien zwar wünschenswert, aber nicht in Sicht. „Wenn die Firmen hier Defizite ausgleichen – warum nicht“, so Braun. Das Engagement müsse aber verlässlich sein – und vor allem unabhängig von der konjunkturellen Lage. Das kann ein Problem werden. „Wenn ein Konzern Leute entlässt, um zu sparen, gleichzeitig aber weiter Millionen ins Sponsoring steckt – das versteht in Deutschland niemand.“

Brauns Professorenkollege Thomas Olk von der Universität Halle-Wittenberg warnt: Das Engagement der Wirtschaft sei „kein allheilmittel“. Aber ebenso unklug sei es, die Chancen zu missachten, die darin lägen. Olk - auch Vorsitzender des Bundesnetzwerks Bürgerliches Engagement (BBE), sagt: Die „neuen Netzwerke“, die sich zwischen Unternehmen, NGO´s, Vereinen und Einzelpersonen bilden, können zwar nicht alles, aber vieles erreichen. Das habe auch Rückwirkungen auf die Ernsthaftigkeit der Unternehmen selbst. „Nur Sonntagsreden will doch keiner mehr hören“

Ein Kongress zum Thema findet am 25. und 26. September in Paderborn statt:

www.engagement-von-unternehmen.de

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25.09.2008

Die Verantwortung der Wirtschaft für die Gesellschaft

200 Unternehmer aus der Region wollen heute Charta unterzeichnen / Hoffen auf bundesweite Wirkung

Paderborn (sch). Rund 200 Unternehmer aus Ostwestfalen-Lippe wollen heute Abend eine Charta unterschreiben, in der sie sich verpflichteten, Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen. Das Engagement soll reichen von Geldspenden über Know-how bis zu Patenschaften für soziale Einrichtungen. 19 heimische Unternehmen von Bette bis Wincor Nixdorf haben die Charta als Erstunterzeichner unterschrieben.
„Die Charta soll bundesweit ausstrahlen“, hoffte Sebastian Braun. Er ist Professor an der Universität Paderborn und Leiter des Forschungszentrums für Bürgerliches Engagement.
Er hat ein zweitägiges Symposium im Heinz-Nixdorf-Forum organisiert, das das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen von wissenschaftlicher Seite aus beleuchtet.

Das Problem der mittelständigen Wirtschaft sei, das nach dem Prinzip gearbeitet werde: „Tue Gutes, aber rede nicht darüber“. Dadurch fehlt es an der Vernetzung und an der Öffentlichkeit. Beide Faktoren könnten aber dafür sorgen, dass das freiwillige unternehmerische Engagement deutlich effektiver werde. „Viele Unternehmen agieren in diesem Bereich eher spontan und zufällig“, erklärt Braun. Helfen würde aus seiner Sicht ein Ankoppeln dieses Engagements, das im Fachjargon Corporate Social Responsibility (CSR) heißt, an das Kerngeschäft des Unternehmens.

Dabei gehe es keinesfalls darum, das zurückgehende staatliche Engagement durch Initiativen von Firmen auszugleichen. „Das lässt sich nicht kompensieren“, sagt Braun. Unternehmen können zwar wertvolle, ergänzende Partner sein. „Aber sie können nicht Lückenbüßer sein.“ Wenn der Staat nicht die Rahmenbedingungen schaffe, könne das unternehmerische Engagement wenig bewirken.
Ziel der Charta ist es, Unternehmen aufmerksam zu machen auf die Verantwortung, die der Wirtschaft im Gemeinwesen zukomme. Deshalb gebe es in ihr keine konkrete – möglicherweise gar zahlengestützte – Vorgabe. Eine vertragliche Verpflichtung, einen gewissen Prozentsatz des Umsatzes für bürgerliches Engagement zu investieren, lehnt Braun ab. „Wir wollen zunächst einfach für das Thema sensibilisieren.“
Anmeldungen zum Kongress, der heute um 12.30 Uhr im Heinz-Nixdorf-Forum in Paderborn beginnt, sind an der Tageskasse noch möglich.

(Neue Westfälische - 09/2008)

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25.09.2008

Zum Nutzen der Gesellschaft

Charter verpflichtet Unternehmer zu gesellschaftlichem Engagement

Paderborn (WB) Finanzhasadeure in den Vorstandsetagen von Großbanken, Weltkonzerne, die mit einem Federstrich Tausende Arbeitsplätze vernichten – sie haben die Wirtschaft in ein schlechtes Licht gerückt.

20 Unternehmen aus OWL setzen ein positives Zeichen gegen das Negativ-Image. Sie bekennen sich ausdrücklich zu gesellschaftlicher Verantwortung. Im Rathaus der Stadt Paderborn unterzeichneten die Firmenvertreter eine Charta, in der sie sich zu bürgerlichem Engagement verpflichten. 70 weitere Unternehmen wollen sich der Erklärung anschließen. Damit wirke die Region als „Leuchtturm“ für ein wichtiges politisches und gesellschaftliches Anliegen“, sagt der Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Ostwestfalen, Ortwin Goldbeck. OWL sei als eine der wirtschaftlich stärksten Regionen in Deutschland prädestiniert, auch auf diesem Gebiet eine Vorreiterrolle zu übernehmen.

„Wir brauchen eine Renaissance des ehrbaren Kaufmanns“, distanzierte sich Goldbeck von „schwarzen Schafen, die den Ruf der gesamten Wirtschaft belasten“. Namentlich kritisierte der IHK-Präsident Großkonzerne wie VW, Siemens und Nokia sowie „das Verhalten hochkarätiger Bankmanager“, deren Denken und Handeln häufig auf kurzfristige Gewinnsteigerung um jeden Preis ausgerichtet sei.
„Wir fördern seit Jahren Kindergärten und wollen damit vor allem auch Mädchen für Technik begeistern“, erläutert Hans-Dieter Tenhaef, Geschäftsführender Gesellschafter der Vlothoer Industriearmaturenherstellers MIT Moderne Industrietechnik GmbH, sein Motiv zum Sponsoring.

Der regionale Energieversorger Eon Westfalen Weser unterstützt das private Engagement seiner Mitarbeiter in Vereinen und Verbänden. „Dadurch entwickeln sie Sozialfähigkeit, Kommunikations- und Teamfähigkeit“, ist der Vorstandsvorsitzende Henning Probst überzeugt.
Die Ford-Werke Köln gewähren jedem Mitarbeiter jährlich 16 Stunden bezahlte Freizeit für gesellschaftliches Engagement. Das sei inzwischen sogar ein Einstellungskriterium, sagt Ford-Produktleiter Norbert Krüger. Er sprach sich dafür aus, Firmen, die sich engagieren, bei öffentlichen Vergaben zu bevorzugen.

Die Paderborner Erklärung und deren symbolische Überreichung an den zuständigen Landesminister Armin Laschet waren eingebettet in einen Kongress des Forschungszentrums für Bürgerliches Engagement der Universität Paderborn. Zwei Tage lang diskutierten 280 Fachteilnehmer aus dem In- und Ausland darüber, wie sich Unternehmen sinnvoll in Staat und Gesellschaft einbringen sollten. „Wir brauchen in Deutschland endlich eine öffentliche Diskussion über Rolle und gesellschaftliche Aufgaben der Wirtschaft“, forderte der Paderborner Professor Sebastian Braun.

Nach einer aktuellen Studie seines Instituts engagieren sich 96 Prozent der Unternehmen in Deutschland für die Gesellschaft. Gefördert würden, besonders in mittelständischen Unternehmen, hauptsächlich unpolitische Institutionen und Projekte im Umfeld des Firmensitzes, wie Sportvereine oder Freizeitaktivitäten. Dahinter steckt häufig persönliche Motive, Verantwortungsbewusstsein und Tradition, weniger wirtschaftliche und strategische Überlegungen.

Zur Sache

Heuschrecken, börsennotierte Großkonzerne und –banken haben das Ansehen der deutschen Wirtschaft übel ramponiert. Dass in unserer Marktwirtschaft die soziale Komponente noch nicht gänzlich auf dem Scheiterhaufen der Profitgier verbrannt ist, beweisen dagegen Mittelständler und Familienunternehmen aus der Region. Sie bekennen sich in der Paderborner Charta nicht nur zu gesellschaftlicher Verantwortung, sondern praktizieren diese seit Jahren durch finanzielles und oft auch persönliches Engagement.
Beim öffentlichkeitswirksamen Bekenntnis zu ethnischem Handeln, dem sich hoffentlich viele Unternehmen anschleißen, darf allerdings auch die innerbetriebliche Moral nicht auf der Strecke bleiben. Dazu gehören die Förderung eines guten Betriebsklimas und die gerechte Teilhabe der Mitarbeiter am wirtschaftlichen Erfolg.

Paderborner Charta

„Verantwortung übernehmen, sich nachhaltig engagieren, vernetzt handeln“, ist die Charta überschrieben, die weitere Unternehmen in Deutschland unterschreiben wollen. In der Erklärung verpflichte sie sich unter anderem,

gesellschaftliches Engagement fortzuführen beziehungsweise nach Möglichkeiten zu erweitern,
mit Akteuren aus gemeinwohlorientierten Organisationen, Mittelorganisationen und öffentlicher Verwaltung gemeinsam Projekte zu entwickeln und umzusetzen,
Aktivitäten im Bereich gesellschaftliches Engagement öffentlich zu machen, um anderen zum Mit- und Nachmachen zu animieren.

„Wir sind sicher: Es lohnt sich, weitere Unternehmen für gesellschaftliches Engagement zu gewinnen, weil dies eine gute Investition in die Qualität und in die Zukunftsfähigkeit unsere Gemeinwesen ist“, heißt es in dem Charta-Text.

(Westfalen-Blatt - 09/2008)

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15.08.2008

Etwa ein Drittel engagiert sich - Interview mit Prof. Dr. Sebastian Braun zur Lage des Bürgereinsatzes

Herr Professor Braun, Sie forschen in einem Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement. Welches Ehrenamt bekleiden Sie?

Ich gehöre zum Beispiel verschiedenen Beiräten an, etwa dem Beirat Sportentwicklung des Deutschen Olympischen Sportbundes.

Wie steht es um das Ehrenamt in Deutschland?

Unsere Zivilgesellschaft ist robust. Die Quantität des Ehrenamtes und freiwilligen Engagements ist in den letzten zehn Jahren weitgehend konstant geblieben. Das zeigen Studien zum Beispiel die Freiwilligen-Surveys des Bundesfamilienministeriums. Etwa ein Drittel der Deutschen engagiert sich ehrenamtlich oder freiwillig.

Wo engagieren sich diese Menschen?

Rund zehn Prozent der über 14-Jährigen und damit der mit Abstand größte Teil der Ehrenamtlichen engagiert sich im Sportbereich. Allerdings ist dort die Engagementquote im Zehnjahresvergleich rückläufig. Zuwächse findet man hingegen in Bereichen wie Schule und Kindergarten, Kirche und Religion oder Soziales. Es zeichnet sich ein Wandel der Engagementfelder, aber auch der Engagementformen ab.

Welche Entwicklungstendenzen können Sie festmachen?

Wir beobachten mehrere Entwicklungen: Das Engagement in freizeitorientierten Feldern scheint sich zu einem stärkeren Engagement in Feldern zu verlagern, die bislang vor allem in den Händen sozialstaatlicher Institutionen lagen. Soziales oder Bildung sind zwei Beispiele. Dazu gehören etwa Fördervereine an Schulen oder pflegerische Aufgaben im Alter. Hier übernehmen zunehmend Ehrenamtliche und freiwillig Engagierte relevante Aufgaben. Generell wandelt sich das Ehrenamt. Das traditionelle, langfristig gebundene Ehrenamt gibt es immer seltener. Neue Engagementformen sind eher zeitlich befristet und projektorientiert. Diese Veränderungen sind auch in gesellschaftlichen Wandlungsprozessen begründet.

Was motiviert Ehrenamtliche?

Subjektiv Spaß und Freude an einer sinnstiftenden Tätigkeit finden, ist eine wichtige Antriebsfeder. Viele Ehrenamtliche möchten aber auch die Gesellschaft im Kleinen mitgestalten. Zudem spielen individuelle Lernerfolge und Wünsche, sich persönlich weiterzuentwickeln, eine wichtige Rolle. Und schließlich geht es auch um Anerkennung und Wertschätzung durch die Gesellschaft.

Gibt es politischen Handlungsbedarf?

Die Anerkennungskultur kann noch deutlich verbessert werden. Zwar hat die öffentliche Wertschätzung für ehrenamtliches und freiwilliges Engagement zugenommen, wenn man etwa die Zahl der Preise und öffentlichen Hervorhebungen als Indikator nimmt. Öffentlichkeit und Medien würdigen das alltägliche Engagement der Menschen aber ansonsten eher seltener. Die Ehrenamtlichen fordern vielfach auch bessere Unterstützung und eine vernünftige Infrastruktur für die Verrichtung ihrer Arbeit sowie verlässliche Haftungs- und Versicherungsregelungen. In vielen Verbänden und Vereinen wäre auch ein systematisches Freiwilligenmanagement im Sinne eines „Personalmanagements“ hilfreich.

Wie findet man ein passendes Ehrenamt?

Freiwilligenagenturen oder Marktplätze für Bürgerengagement geben vielfach vor Ort Orientierung, auch durch das Internet. Bislang spielt die Mund-zu-Mund-Propaganda aber eine entscheidende Rolle. Bei der Wahl des Ehrenamtes sollte man sich für eine Tätigkeit entscheiden, bei der man sich wohlfühlt und auch seine besonderen Kompetenzen gewinnbringend einbringen

(Rheinische Post 08/2011)

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30.04.2007

Geben und Nehmen

Bürgerschaftliches Engagement, nicht nur das Engagement von einzelnen Personen, sondern auch von Wirtschaftsunternehmen, wird verstärkt zum Thema. Deshalb führt das Paderborner Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement mehrere groß angelegte Untersuchungen durch.

(Lokale Hochschulszene - 04/2007)

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27.03.2007

Zur Integration keine Alternative

„Die Integration ist in Paderborn ein wichtiges Thema und gerade durch die erfolgreiche Teilnahme der Stadt am „Komm-In“-Projekt hervorragend vorangekommen“, so Thomas Kufen, Integrationsbeauftragter der Landesregierung vor den Mitgliedern des Migrationsbeirates und den Vertretern ausländischer Vereine.

(Westfälisches Volksblatt - 03/2007)

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20.11.2006

Ein Spiegel der Gesellschaft

Im Fagus-Werk, vor einer bemerkenswert hohen Anzahl von Teilnehmern, zeigte Prof. Braun Möglichkeiten, aber auch Grenzen von dem, was der Bürger durch sein Mitwirken im Verein für sein unmittelbares Lebensumfeld zu leisten vermag.

(Leine-Deister-Zeitung - 11/2006 )

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10.09.2006

Tagung "Steuerung im organisierten Sport"

Prof. Dr. Sebastian Braun: "Sportvereine müssen ökonomisch denken"

Direktor Jürgen Fischer: "Doppelarbeit und Eitelkeiten können wir uns nicht erlauben”

 

Auf Einladung der Sektion Sportsoziologie der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) treffen sich vom 25.-27.9.2006 im Ahornpark Sport-Experten aus Wissenschaft und Praxis. Thema der Tagung: "Steuerung im organisierten Sport". "Für diese erste Tagung ihrer Art haben wir bewusst ein sehr breites Themenspektrum gewählt", so Prof. Dr. Sebastian Braun vom Department Sport und Gesundheit der Universität Paderborn, der gleichzeitig Sprecher der dvs ist. Unter Steuerung könne man Personalfragen, Organisationsentwicklungen und Umweltbeziehungen der Sportvereine zusammenfassen.

Vor dem Hintergrund leerer Kassen stehen Vereine und Verbände allesamt vor dem gleichen Problem: Sie benötigen Geld. "Dem bürgerschaftlichen Engagement, gemeinhin als Ehrenamt bezeichnet, kommt aus diesem Grund eine immer größere Bedeutung zu", sagt Braun. Von einer Krise dieses Engagements könne aber keinesfalls die Rede sein. Es ginge vielmehr darum, die Einsatzbereitschaft vor allem junger Leute für das Vereinsleben zu nutzen. "Im Gegensatz zu früher, als das Ehrenamt aus Familientraditionen heraus angenommen wurde, wollen junge Leute heute eigene Kompetenzen entwickeln." Außerdem gäbe es weitere Möglichkeiten, finanzielle Quellen zu erschließen: So sei es für Unternehmen durchaus interessant, ausgewählte Projekte zu sponsern. Braun: "Vereine müssen ökonomisch denken, um ihre Existenz zu sichern und sie müssen sich mit Qualitätsmanagement beschäftigen, um für ihre Mitglieder attraktiv zu bleiben."

Uni-Rektor Prof. Dr. Nikolaus Risch betonte neben der sportlichen Seite eine andere wichtige Funktion von Sportvereinen. "Beim Thema Integration sind Vereine ein erheblicher Stützfaktor." Das ist auch das Ergebnis einer groß angelegten empirischen Studie von Prof. Dr. Braun: "Die aktive Mitgliedschaft in einem Verein ermöglicht Sozialisation, Interaktion und Identifikation." So würden sich Vereinsmitglieder untereinander helfen und von Kontakten profitieren, wenn es beispielsweise um Jobs ginge.

Was es im Großen bedeutet, Kompetenzen zu bündeln und die richtige Balance zwischen Steuerung und Offenheit zu schaffen, berichtete Dr. Andreas Eichler, kommissarischer Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), der kürzlich aus der Fusion von Deutschem Sportbund (DSB) und Nationalem Olympischen Komitee (NOK) hervorging. "Wir müssen uns ständig an neue Herausforderungen anpassen. Das ist eine faszinierende, aber auch anspruchsvolle Angelegenheit", so Eichler. Jürgen Fischer, Direktor des Bundesinstituts für Sportwissenschaft, sieht zukünftig ebenfalls viele Aufgaben für alle, die sich mit Sport und dessen Steuerung beschäftigen: "Doppelarbeit und Eitelkeiten können wir uns nicht erlauben, es kommt auf eine gute Koordination an." Weitere Infos zur Tagung im Internet: http://sport.upb.de/dvs-tagung/

(Informationsdienst Wissenschaft - 09/2006 )

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10.09.2006

Vereine verstärkt in die Pflicht genommen

Tagung zur Organisation der Sport-Steuerung
Paderborn (WV). „Steuerung im organisierten Sport“ ist das Thema einer Tagung, die vom 25. bis 27. September im Ahorn-Sportpark stattfindet.
Veranstalter ist die Sektion „Sportsoziologie“ in der deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft, deren Sprecher Prof. Dr. Sebastian Braun von der Universität Paderborn ist. „Insbesondere die Themen Personalmanagement, Umweltbeziehungen und organisationsinterne Entwicklung stehen bei der Tagung im Fokus“, so der Sportwissenschaftler.

Zwischen der „abstrakten“ Wissenschaft und der Praxis solle sich in Paderborn ein Dialog entwickeln. Dazu werden etwa 140 Teilnehmer aus Wissenschaft, Praxis, Politik und Verwaltung erwartet, die neue Erkenntnisse und Impulse für ihre Arbeit mitnehmen wollen. Eine bessere Steuerung der Sportvereine und –verbände sei dabei ein Schwerpunkt.

„Die Veranstaltung ist die erste Tagung ihrer Art und wurde ins Leben gerufen, weil Organisationen im Beriech des Sports immer mehr in Schwierigkeiten geraten, wenn sie sich in neuen sozialen und politischen Umwelten zurechtfinden müssen“, so Braun. Angesichts leerer Kassen ziehe sich der Staat aus vielen Aufgabenfeldern immer mehr zurück. Non-Profit-Organisationen, wie Wohlfahrtsverbände, Kirchen und der organisierte Sport würden andererseits verstärkt in die Pflicht genommen. Non-Profit-Unternehmen seien nicht zuletzt etwa 500.000 eingetragene Vereine.

Es komme nicht nur vor, dass viele Sportanlagen den Sportvereinen übertragen würden, auch die Ansprüche an die Mobilisierung von Ressourcen und Personal stiegen, so Braun. Hier gelte es einzuhaken.

(Westfälisches Volksblatt - 09/2006 )

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20.08.2006

Vereinsarbeit sollte Chef freuen

Professor Braun: ehrenamtliches Engagement verdient Unterstützung
Paderborn (WV). Eine bessere Steuerung von Sportvereinen, mehr aktive Menschen im Ehrenamt – diese und andere Ziele hat sich das Forschungszentrum für bürgerschaftliches Engagement der Universität Paderborn unter der Leitung von Professor Sebastian Braun (34) auf die Fahne geschrieben.

Das Forschungszentrum, das 2005 im Bereich Sportwissenschaften der Hochschule Paderborn eingerichtet wurde, sieht das bürgerschaftliche Engagement als einen notwendigen Bestandteil für das Funktionieren einer Demokratie. „Der Sozialstaat zieht sich immer mehr aus seinen originären Aufgabenfeldern zurück“, weiß Professor Braun. Damit werde beispielsweise das Ehrenamt in den Vereinen gesellschaftspolitisch immer wichtiger. Aber auch Wirtschaftsunternehmen nehmen nach Auskunft des Fakultätsleiters eine immer wichtigere Rolle für das Vereinsleben ein. „Die Firmen beauftragen uns zunächst, eine Mitarbeiterstudie durchzuführen“, verrät Braun, der zum Beispiel schon für E.ON Westfalen Weser initiativ geworden ist. „Die Mitarbeiter müssen dann einen Fragebogen ausfüllen, ob und – wenn ja – wie sie gesellschaftlich aktiv werden.“ Die ausgewerteten Daten werden dann der Unternehmensführung vorgelegt, die dann betriebliche Entscheidungen trifft, damit die Mitarbeiter ihrer Vereinstätigkeit nachgehen können. „Beispielsweise schafft ein Gleitzeitmodell flexiblere Arbeitszeiten“, informiert der Professor, der neben der Selbstverwirklichung der Mitarbeiter aber auch Vorteile für das Unternehmen sieht. „Damit steigt deren Bekanntheitsgrad in allen gesellschaftlichen Gruppen und damit der gute Ruf“, weiß Braun und fügt hinzu: „Die Wirtschaft muss noch viel mehr verstehen, welche Vorteile sich dadurch ergeben.“ Besonders wichtig: Die Anerkennung der aktiven seitens der Unternehmensleitung. Dabei müsse kein Geld fließen, eine Anerkennung in Form von betrieblicher Unterstützung reiche schon aus. „Es klingt banal, aber es motiviert schon sehr, wenn die Mitarbeiter Faxe oder Computersysteme für ihre Vereinsaktivität nutzen können“, informiert Braun. Insgesamt sei die Bereitschaft zu bürgerschaftlichem Engagement sehr groß. „25 Millionen Menschen sind hierzulande aktiv, Tendenz steigend“, freut sich der Sportwissenschaftler. Dabei liege der Sport mit elf Prozent ganz vorne, jeweils mit fünf Prozent folgen Freizeit- und kulturelle Vereine, gefolgt vom sozialen Engagement.
Das Department Sport und Gesundheit der Universität Paderborn veranstaltet vom 25. bis 27. September eine Tagung zum Thema „Steuerung im organisierten Sport“ im Ahorn-Sportpark. „Dort wird zum Beispiel erklärt, wie man die Vereinsstruktur verändern muss, um neue Mitglieder zu gewinnen“, sagt Braun. Lösungen wären zum Beispiel ein neues Finanzmanagement oder mehr alternative Sportangebote. „Die Vereine müssen in Zukunft wesentlich kundenorientierter denken“, fordert der Sportwissenschaftler.

(Westfälisches Volksblatt - 08/2006 )

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14.07.2006

Ehrenamt im Fokus der Wissenschaft

Universität Paderborn erforscht Bedeutung des Ehrenamtes
Von Stefanie Reihert

Paderborn. Erstmals beschäftigt sich ein Forschungszentrum mit ehrenamtlichem Einsatz – und das mit großem Erfolg.
Anfang 2005 wurde an der Universität Paderborn das Deutschland einzigartige Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement gegründet. Die Nachfrage sei größer, als er sie ja erwartet habe, sagte Direktor Prof. Dr. Sebastian Braun Anfang Juli der duz. Man habe Sensibilität für ein Thema entdeckt, das lange stiefmütterlich behandelt worden sei, so Braun weiter.

Bürgerschaftliches Engagement sei bislang nicht interdisziplinär erforscht worden. Fachbereiche wie Soziologie und Politikwissenschaften hätten immer nur Teilaspekte des Themas beleuchtet. Diese Zersplitterung sei jedoch in der Wirklichkeit nicht da.
In Deutschland hinke die Forschung in diesem Bereich immer noch hinterher. Dabei würden Vereinsarbeit und ehrenamtliches Engagement immer wichtiger, da der Staat viele Aufgaben aus finanziellen Gründen abgeben müsse.

(Deutsche Universitätszeitschrift - 07/2006 )

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05.07.2006

Bürgerschaftliches Engagement im Fokus

Neues Forschungszentrum an der Universität Paderborn.

„Bürgerschaftliches Engagement, richtig durchdacht und durchgeführt, ist eine Bereicherung für die Gesellschaft“, meint Prof. Dr. Sebastian Braun, Direktor des Forschungszentrums für Bürgerschaftliches Engagement an der Universität Paderborn. Ein achtköpfiges Team beschäftigte sich mit allem, was zu einem bürgerschaftlichen Engagement dazugehöre. Das seien insbesondere drei wesentliche Elemente: Grundlagen- und Anwendungsorientierte Forschung, Organisationsberatung sowie Fachimpulse für die gesellschaftspolitische Diskussion.

Zielgruppen sind Wirtschaftsunternehmen, Verbände, Vereine, Politik und Verwaltung. Bisher besteht bereits eine Zusammenarbeit mit dem Energiekonzern Eon und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Eine vom Unternehmen BP finanzierte bundesweite Befragung zielt auf freiwilliges gesellschaftliches Engagement von Wirtschaftsunternehmen.

Die Finanzierung des Forschungszentrums erfolgt durch Forschungsaufträge und –anträge (Drittmittel). Damit wird die Beratung von Vereinen, Verbänden, Politik und Unternehmen im Hinblick auf ehrenamtlichen Einsatz gewährleistet. An Privatpersonen, die zum Beispiel wissen wollen, ob ihre Art des Einsatzes im Bereich des Organisierens richtig ist, richtet sich dieses Institut allerdings nicht. In solchen Fragen helfen dann die Vereine weiter.

Entstanden ist das „Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement“ nach rund zehn Jahren intensiver Beschäftigung mit dem Thema. Braun: „Ich habe dabei festgestellt, dass die Forschung bei uns im Vergleich zu Großbritannien und den USA nicht nur hinterher hinkt, sondern auch, dass es in Deutschland keine Einrichtung für dieses Thema gibt.“

(Neue Westfälische - 07/2006 )

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03.07.2006

Engagement ist im Aufschwung

Paderborn. Kirchen- und Museumsarbeit, Elternbeirat, Schöffengericht: Die Möglichkeiten, sich ehrenamtlich zu engagieren sind vielfältig. Und doch wurde erst kürzlich an der Universität Paderborn das erste Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement in Deutschland eingerichtet.

„In den USA und Großbritannien spielt das Thema, Charity’ schon länger eine dominante Rolle und wird entsprechend erforscht“, berichtet der Direktor des Zentrums Sebastian Braun. „Dort wurde oft beklagt, dass es in Deutschland keinen Ansprechpartner gibt.“

Gerade auf lokaler Ebene sei das Thema fest verankert und in den Medien präsent, stellt der Soziologe fest. Leider habe ehrenamtliche Arbeit aber oft noch ein negatives Image: „So nach dem Motto: Irgendeinen Blöden, der die Arbeit macht, müssen wir ja finden’.“ Dabei habe bürgerschaftliches Engagement, worunter Braun zum Beispiel die ehrenamtliche Arbeit im Verein, die Teilnahme an politischen Protestbewegungen und karitatives Engagement zählt, in den vergangenen Jahren noch einmal einen enormen Aufwind bekommen.
Und auch in Zukunft werde sich dieser Trend fortsetzen, ist der Wissenschaftler überzeugt: Wenn der Staat zunehmend weniger Sozialleistungen übernimmt, ist die Selbstorganisation der Bürger gefragt. „Und außerdem müssen wir uns ja auch damit beschäftigen, welchen anspruchsvollen Perspektiven wir Menschen bieten können, die immer früher in Rente gehen und damit immer länger fit sind“, so Braun. Sein Forschungszentrum versteht sich dabei als Berater von Vereinen, Verbänden, Wirtschaftsunternehmen und der Politik. „Es wird in Zukunft auch für Unternehmen wichtiger, sich für das Gemeinwesen zu engagieren“, ist Braun überzeugt, „weil das ein massiver Wettbewerbsvorteil ist.“

(Westfalenpost - 07/2006)

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10.01.2006

Vereine als Motor der Gesellschaft

Deutschland ist ein Land der Vereine. Und wenn von Vereinen die Rede ist, denkt jeder sofort an den klassischen Vereinsmeier. An den Menschen, der es sich in seinem Verein gemütlich und behaglich einrichtet und seine soziale Umwelt kaum zur Kenntnis nimmt. Aber das Vereinswesen ist längst nicht so verstaubt, wie sein Image. [PDF]

(Paderborner Universitätszeitschrift - 01/2006)

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15.03.2005

Engagement im Verein - was habe ich davon

Wetzlar (clr). „Wie gewinnt man junge Menschen für ein Engagement im Sportverein?“ „Wie begegnet man angesichts der demographischen Entwicklung der Nachwuchsproblematik?“ Mit diesen Fragen beschäftigte sich eine Veranstaltung der Sportjugend Hessen gestern in Wetzlar. Die Begrüßungsrede hielt der hessische Innenminister Volker Bouffier (CDU).

Es sei sicherlich schwierig, Jugendliche für ein Engagement im Sportverein zu mobilisieren, doch sei dies noch lange kein Grund zur Resignation. Die materielle Basis für eine gelungene Nachwuchsförderung werde die Landesregierung schaffen.

Dr. Sebastian Braun, Professor für Sportwissenschaften in Paderborn, sprach zum Thema: „Der Bildungsgehalt der Vereinsjugendarbeit – welchen Nutzen ziehen Jugendliche aus einer Vereinskarriere?“.
Der Redner zeigte auf, dass Jugendliche drei grundlegende Fähigkeiten in der Selbstorganisation der Vereine erlernen. Dazu zählen neben kognitiven Eigenschaften wie Rhetorik und Kritikfähigkeit vor allem auch das Erlernen von uneigennützem Handeln und die Fähigkeit zu Vertrauen. Besonders wichtig dabei sei, dass Jugendlichen innerhalb der Vereine die Möglichkeit eines Status- und Rollenanspruchs geboten wird.

Ergänzende Informationen zu dem sich wandelnden Jugendengagement gab im Anschluss der Geschäftsführer der Landesehrenamtsagentur, Stephan Würz. Die Motive die Jugendliche zu Engagements in Vereinen seien Spaß, eigene Bedürfnisse, persönlicher Gewinn und die Chance, Kontakte zu knüpfen. „Junge Menschen sind Egotaktiker. Warum mach ich das, was habe ich davon; das sind Fragen, die sie beschäftigen“, erklärte Würz den Anwesenden.

Die Vereinsführung müsse sich stärker den Bedürfnissen der jungen Ehrenamtlichen anpassen und sie mit guten Beispielen und Ideen unterstützen. Die Förderung der Jugend zahle sich aus – auch für die Geförderten. „Wer in jungen Jahren engagiert ist, wird sein Leben lang engagiert bleiben“, sagte Stephan Würz abschließend.
In Arbeitsgruppen konnten die Teilnehmer dann gemeinsam mit den einzelnen Fachleuten die verschiedenen Themenschwerpunkte diskutieren. Dabei ging es ebenso um jugendgemäße Konzepte der Anerkennung und Förderung, wie um die notwendigen Qualifikationsstrukturen für Jugendliche und förderliche Organisationsstrukturen in der Jugendarbeit.

(Wetzlarer Neue Zeitung - 03/2005)

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03.03.2004

Turbo für Jungforscher

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten aus der deutschen Universität: Das Emmy-Noether- Stipendium ermöglicht Nachwuchswissenschaftlern den schnellen Weg zur Professur. [PDF]

(Die Zeit - 21/2004)

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25.01.2004

10 Gründe in Deutschland zu forschen

In Amerika ist alles besser. Oder doch nicht? Trotz des gepflegten deutschen Jammerns über den “Abfluss der Gehirne” den “brain drain”, suchen einige Wissenschaftler den umgekehrten Weg - und kehren zurück aus dem gelobten Forschungsland.

(Süddeutsche Zeitung - 01/2004)

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10.07.2001

Kooperation und Korruption

Sebastian Braun

Produktive Beziehungen: Das „soziale Kapital“ als individuelle und als kollektive Ressource

In den Debatten über den „Zerfall“ des Gemeinwesens und eine zunehmende „Desintegration“ der Gesellschaft spielt der Begriff des „sozialen Kapitals“ eine zentrale Rolle. Einer der wichtigsten Stichwortgeber ist dabei der amerikanische Philosoph Hilary Putnam, der mit Hilfe des „sozialen Kapitals“ die solidarische Bürgergesellschaft zu beleben sucht. Ganz anders akzentuiert der französische Soziologe Pierre Bourdieu den Begriff: Für ihn ist „soziales Kapital“ eine individuelle Ressource, die soziale Ungleichheit verstärkt.

„Soziales Kapital“ lautet das Zauberwort im Diskurs über Zustand und Zukunft der deutschen Gesellschaft. Es ist zum Bestandteil der Rhetorik all derer geworden, die sich um den „sozialen Kitt“ sorgen, die Hoffnung auf die Revitalisierung von Solidarität und Vertrauen in einer lebendigen Bürgergesellschaft hegen, welche mit ihren unausgeschöpften Ressourcen die Leistung von Staat und Wirtschaft zu steigern vermöge. Denn zumindest in einem Punkt scheint Einigkeit über die Bedeutung sozialen Kapitals zu bestehen: dass es sich um eine wohlfahrtssteigernde soziale und moralische Kompetenz der Gesellschaft handle, die einen Beitrag zur kollektiven Wohlfahrt leiste und zu einem wichtigen Wettbewerbsparameter werde.

Erstaunlich an der aktuellen Debatte ist allerdings, dass ein grundsätzlich anderer Diskurs über soziales Kapital weitgehend ausgeblendet wird, obwohl auch hier von Solidaritätsverpflichtungen und Vertrauen die Rede ist. Dieser – in Frankreich seit Jahrzehnten geführte – Diskurs hinterfragt in erster Linie das Leitbild moderner Gesellschaften, die Leistung zum legitimen Maßstab der Statuszuweisung erhoben haben. Soziales Kapital gilt dabei als Bestandteil von Mechanismen, die zur (Re-)Produktion sozialer Ungleichheit beitragen, da Karrierechancen und Machtressourcen nicht nur auf individuellen Leistungen basierten, sondern auch auf herkunftsbedingten Gruppenzugehörigkeiten und vorteilhaften sozialen Netzwerken. Beide Diskurse sind unmittelbar mit dem Namen zweier Wissenschaftler verbunden: der erste mit dem US-amerikanischen Politologen Robert D. Putnam, der für die aktuelle „Sozialkapital-Euphorie“ in Deutschland sorgt, und der zweite mit dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu, der die Debatte jenseits den 80er Jahren strukturiert.

Putnams Begriff des social capital wurde zunächst von seiner Studie Making Democracy Work (1993) bekannt. In ihr geht er der Frage nach, weshalb 20 Jahre nach der italienischen Verfassungsreform die neu geschaffenen norditalienischen Provinzregierungen effizienter und bürgernäher arbeiten als die süditalienischen. Seine Antwort lautet: vor allem auf Grund des höheren sozialen Kapitals des Nordens. Soziales Kapital beinhaltet dabei drei Elemente: soziales Vertrauen, das die zur gesellschaftlichen Koordination erforderliche Kooperation zwischen den Individuen erleichtert; die Norm generalisierter Reziprozität, die zur Lösung sozialer Dilemmata beiträgt; und Netzwerke zivilgesellschaftlichen Engagements, die generalisierte Reziprozitätsnormen pflegen und soziales Vertrauen aufbauen.

Vor diesem Hintergrund hat Putnam anschließend seine einflussreichen Analysen über die US-amerikanische Gesellschaft durchgeführt. Mit Hilfe von Zeitreihen-Vergleichen, die vom bürgerschaftlichen Engagement über Mitgliedschaften bis hin zu informellen Beziehungen reichen, versucht er nachzuweisen, dass das soziale Kapital der USA seit den 60er Jahren erodiert sei – hauptsächliche Ursache: die uncivic generation der Baby-Boomer. „Jedes Jahr nimmt der Tod der amerikanischen Gesellschaft wieder eine Zahl engagierter Bürger weg, und die werden ersetzt durch wesentlich weniger engagierte Menschen. … Wenn wir also nicht bald etwas tun, dann wird das Problem immer schlimmer werden“ – so Putnams moralisierende Kritik am Individualismus, der „bürgerschaftlichen Verantwortungslosigkeit fördert, den sozialen Zusammenhalt reduziert, Berechenbarkeit abbaut, das Gefühl der gemeinsamen Identität schwächt und so die Fähigkeit der Gemeinschaft, sich den gemeinsamen Problemen zu stellen, verringert“.

Dreht man die beiden Worte in Putnams Erfolgsbegriff um und spricht sie französisch aus, dann befindet man sich inmitten der Gesellschaftstheorie von Pierre Bourdieu. Sein Thema sind die (Re-)Produktionsmechanismen gesellschaftlicher Strukturen im Handeln der Individuen. Um diese Mechanismen zu analysieren, verwendet er unter anderem den Kapitalbegriff „in all seinen Erscheinungsformen“. Vom ökonomischen und kulturellen Kapital unterscheidet er das soziale Kapital (capital social), worunter er all jene Ressourcen versteht, die aus einem „Netz“ dauerhafter Beziehungen gegenseitigen Kennens und Anerkennens resultieren.

Bourdieu entwirft „soziales Kapital“ also nicht wie Putnam als kollektives Gut von Gesellschaften, sondern als individuelle Ressource, die er theoretisch als eigenständige Kapitalsorte konzipiert, die empirisch aber nur gemeinsam mit den beiden anderen Kapitalsorten vorkomme. Soziales Kapital übe primär einen „Multiplikatoreffekt“ auf das verfügbare ökonomische und kulturelle Kapital aus, wirke also in Verbindung mit deren Ungleichverteilung und verstärke somit die (Re-)Produktion sozialer Ungleichheiten. In doppelter Hinsicht seien die Kapitalsorten aber prinzipiell gleichwertig: Zum einen dienten sie alle dazu, die soziale Position des Individuums zu erhalten oder zu verbessern; zum anderen könnten sie ineinander umgewandelt werden. So sei zum Beispiel kulturelles Kapital in Berufspositionen und damit in ökonomisches Kapital konvertierbar, letzteres stets in Geld umtauschbar, in Eigentumsrechten institutionalisierbar und darüber hinaus „Verstärker“ der übrigen Kapitalsorten – etwa des sozialen Kapitals, da derjenige, der das notwendige Geld besitzt, auch über ein umfangreiches Beziehungsnetz verfügt. Kurzum: Bourdieu versucht, die Gesetze zu bestimmen, nach denen die verschiedenen Kapitalsorten beziehungsweise die unterschiedlichen Formen von Macht ineinander umgewandelt werden.

Bourdieu hat in seiner Gesellschaftstheorie einen Begriff von sozialem Kapital entwickelt, der im Vergleich zu den zahlreichen anderen Ansätzen, in denen soziales Kapital als sozialwissenschaftliche Kategorie auftaucht, am detailliertesten ausgearbeitet ist. Erstaunlicher Weise hat Putnam diesen Ansatz bislang ebenso wenig systematisch rezipiert wie die theoretische Diskussion über soziales Kapital generell. So heißt es in seinem jüngsten Resümee zum Forschungsstand, dass im 20. Jahrhundert der Begriff „soziales Kapital“ mindestens sechs Mal unabhängig voneinander entwickelt wurde, jedesmal um zu zeigen, wie unser Leben durch soziale Beziehungen produktiv gemacht werde. Dass er Bourdieu unter den Autoren mit diesem Begriffsverständnis aufzählt, ist ebenso schwer nachvollziehbar wie die wenig später folgende Selbstkritik, er habe in seinen früheren Studien ignoriert, dass soziales Kapital antisocial effects haben könne, da er hier wiederum Arbeiten mit genau dieser Stoßrichtung zu zitieren weiß.

Diese selbstkritische Einsicht nutzt Putnam zu einer Begriffsdifferenzierung, die neuerdings seinen Forschungsschwerpunkt bildet: die Unterscheidung von bridging und bonding social capital. Mit dem Begriff bonding social capital knüpft Putnam implizit an eine Theorietradition an, die auch unter dem Begriff bonding solidarity fimiert und ihre Ursprünge in Marx´ „Klassenbewusstsein“ hat. Soziales Kapital manifestiert sich dabei nicht nur im abgestimmten Ausschluss Gruppenfremder und in wechselseitigen Förderungsverpflichtungen, sondern reduziert auch Transaktionskosten, da es im Sinne von „Kreditwürdigkeit“ (Bourdieu) Vertrauen erzeugt, das innerhalb des begünstigten Netzwerks als Loyalitätsgarantie fungiert.

Außerhalb desselben kann es aber auch Misstrauen erzeugen, da die Bewertung sozialen Kapitals von normativen Maßstäben und dem öffentlichen Diskurs abhängt, der in „Vitamin B“, „Gefälligkeitsbanknoten“, „Seilschaften“ und „Vetternwirtschaft“ eine Verletzung universaler Normen sieht, welche in der Korruption einen Höhepunkt erreicht.
Für Putnam stellt sich deshalb die Frage, wie die positiven Wirkungen sozialen Kapitals – Hilfsbereitschaft, Kooperation, Vertrauen, institutionelle Effektivität – maximiert und die negativen Wirkungen wie beispielsweise Ethnozentrismus oder Korruption minimiert werden könnten. Bridging social capital lautet seine Antwort, da es die sozialen Spaltungen zwischen Ethnien oder solzialen Klassen überwinde. Putnams Versuch, Formen und Wirkung des bridging social capital herauszuarbeiten, bleibt allerdings fragwürdig. Stellvertretend dafür steht die Betonung des Pendants zum bowling alone, seinem Leitspruch für America´s declining social capital: der Mannschaftssport, der sehr günstige Voraussetzungen für die Bildung sozialen Kapitals biete. Dass die contact theory of integration vom Mannschaftssport empirisch vielfach widerlegt wurde, und die „körperliche Fremdheit im Sport“ (Bernd Bröskamp) die sozialen Distinktionsprinzipien par excellence vorführt, übersieht Putnam vollkommen.

Dieses Beispiel deutet an, dass Putnams Differenzierung in zwei Formen sozialen Kapitals bislang nicht nur theoretisch, sondern auch – wie er selbst betont – empirisch auf schwachen Füßen steht, da adäquates Datenmaterial fehlt. Insofern kommt er über Allgemeinplätze kaum hinaus, wie zum Beispiel: „Kurzum, für unsere größten kollektiven Probleme benötigen wir genau die Sorte von bridging social capital, die am schwierigsten herzustellen ist.

Putnams Analysen trafen in den 90er Jahren in Deutschland auf einen kulturpessimistischen Diskurs, der sich an den „Schattenseiten“ des viel diskutierten „Individualisierungsschubs von bislang unerkannter Reichweite“ (Ulrich Beck) abarbeitete. In diesem Zeitgeist passten sich seine Arbeiten bestens ein. Zunächst lieferte er den empirischen Nachweis, dass Solidarität und Sozialität in den westlichen Demokratien längst verschwunden seien. Diese eindimensionale Sichtweise gewann nicht zuletzt durch die Einfachheit an Evidenz, mit der Putnam seine Daten auf einen Punkt konzentrierte: den Erosionsprozess sozialen Kapitals, den er im Stile eines leading communitarian thinker auf einen abstrakten liberalen Individualismus in den USA zurückführte.
Ganz in der amerikanischen Denktradition, nach der auf den Gemeinschaftsverlust neue und sogar „bessere“ Gemeinschaften folgen könnten, die nicht willkürlich entstehen, sondern mit sozialwissenschaftlicher Hilfe erzeugt werden, zeigte Putnam aber auch einen Ausweg auf: die Revitalisierung der Zivilgesellschaft, der community und des Assoziationswesens sowie die Stärkung republikanischer Traditionen. So lautete seine Formel zur Schaffung sozialen Kapitals, die er in einer „Agenda for Social Capitalists“ niedergelegt hat und die hierzulande medienfreundlich popularisiert wurde: „Nicht nur das ökonomische Kapital, sondern ebenso das ‚soziale Kapital’ entscheidet über die Zukunftsfähigkeit Deutschlands“, heißt es etwa in Heiner Keupps Gesellschaft der Ichlinge.
In dieser Euphorie wurden selbst die elementarsten Schwächen in Putnams Arbeiten kaum beachtet, die im Vergleich zu Bourdieus elaboriertem Begriff von sozialem Kapital geradezu ins Auge springen: Putnam benennt zunächst Effekte – zum Beispiel mehr oder weniger erfolgreich regierte oder prosperierende Regionen –, um dann retrospektiv anhand einer Reihe von Indikatoren (Mitgliedschaften, Wahlteilnahme, soziales Vertrauen, etc.) Unterschiede zu analysieren, die er alle auf eine Ursache zurückführt: das höhere oder niedrigere soziale Kapital, das laut Definition aber nur ein übergreifendes Label für seine Indikatoren ist. Damit entfällt nicht nur jede andere Erklärungsalternative, sondern wird letztlich auch zweimal das Gleiche gesagt.

Diese Tautologie weist nicht nur darauf hin, dass der rasche Übergang von Ansätzen, die soziales Kapital als individuelle Ressource konzipieren, zu solchen, die es als kollektives Gut begreifen, mit erheblichen Schwächen erkauft wurde. Aus ihr muss zwangsläufig der „Nachweis“ folgen, soziales Kapital habe als private und public good weitreichende positive Folgen für Individuum und Gesellschaft. Mit dieser Indealisierung sozialen Kapitals läuft Putnam aber immer Gefahr, die moralische Grenze des Gegenstands zu verfehlen; denn wie bei jedem anderen normativen Begriff können die Ansprüche, die er mit sozialem Kapital assoziiert – und das sind zumindest Demokratie und „Gemeinwohl“ –, immer auch verfehlt und bestritten werden. Das „unsoziale Kapital“ rechtsradikaler Assoziationen ist uns nicht weniger präsent als jenes der Regierung Kohl.

(Frankfurter Rundschau - 07/2001)

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