| Rheinische Post 08/2011 "Etwa ein Drittel engagiert sich" - Interview mit Prof. Dr. Sebastian Braun zur Lage des Bürgereinsatzes Herr Professor Braun, Sie forschen in einem Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement. Welches Ehrenamt bekleiden Sie? Ich gehöre zum Beispiel verschiedenen Beiräten an, etwa dem Beirat Sportentwicklung des Deutschen Olympischen Sportbundes. Wie steht es um das Ehrenamt in Deutschland? Unsere Zivilgesellschaft ist robust. Die Quantität des Ehrenamtes und freiwilligen Engagements ist in den letzten zehn Jahren weitgehend konstant geblieben. Das zeigen Studien zum Beispiel die Freiwilligen-Surveys des Bundesfamilienministeriums. Etwa ein Drittel der Deutschen engagiert sich ehrenamtlich oder freiwillig. Wo engagieren sich diese Menschen? Rund zehn Prozent der über 14-Jährigen und damit der mit Abstand größte Teil der Ehrenamtlichen engagiert sich im Sportbereich. Allerdings ist dort die Engagementquote im Zehnjahresvergleich rückläufig. Zuwächse findet man hingegen in Bereichen wie Schule und Kindergarten, Kirche und Religion oder Soziales. Es zeichnet sich ein Wandel der Engagementfelder, aber auch der Engagementformen ab. Welche Entwicklungstendenzen können Sie festmachen? Wir beobachten mehrere Entwicklungen: Das Engagement in freizeitorientierten Feldern scheint sich zu einem stärkeren Engagement in Feldern zu verlagern, die bislang vor allem in den Händen sozialstaatlicher Institutionen lagen. Soziales oder Bildung sind zwei Beispiele. Dazu gehören etwa Fördervereine an Schulen oder pflegerische Aufgaben im Alter. Hier übernehmen zunehmend Ehrenamtliche und freiwillig Engagierte relevante Aufgaben. Generell wandelt sich das Ehrenamt. Das traditionelle, langfristig gebundene Ehrenamt gibt es immer seltener. Neue Engagementformen sind eher zeitlich befristet und projektorientiert. Diese Veränderungen sind auch in gesellschaftlichen Wandlungsprozessen begründet. Was motiviert Ehrenamtliche? Subjektiv Spaß und Freude an einer sinnstiftenden Tätigkeit finden, ist eine wichtige Antriebsfeder. Viele Ehrenamtliche möchten aber auch die Gesellschaft im Kleinen mitgestalten. Zudem spielen individuelle Lernerfolge und Wünsche, sich persönlich weiterzuentwickeln, eine wichtige Rolle. Und schließlich geht es auch um Anerkennung und Wertschätzung durch die Gesellschaft. Gibt es politischen Handlungsbedarf? Die Anerkennungskultur kann noch deutlich verbessert werden. Zwar hat die öffentliche Wertschätzung für ehrenamtliches und freiwilliges Engagement zugenommen, wenn man etwa die Zahl der Preise und öffentlichen Hervorhebungen als Indikator nimmt. Öffentlichkeit und Medien würdigen das alltägliche Engagement der Menschen aber ansonsten eher seltener. Die Ehrenamtlichen fordern vielfach auch bessere Unterstützung und eine vernünftige Infrastruktur für die Verrichtung ihrer Arbeit sowie verlässliche Haftungs- und Versicherungsregelungen. In vielen Verbänden und Vereinen wäre auch ein systematisches Freiwilligenmanagement im Sinne eines „Personalmanagements“ hilfreich. Wie findet man ein passendes Ehrenamt? Freiwilligenagenturen oder Marktplätze für Bürgerengagement geben vielfach vor Ort Orientierung, auch durch das Internet. Bislang spielt die Mund-zu-Mund-Propaganda aber eine entscheidende Rolle. Bei der Wahl des Ehrenamtes sollte man sich für eine Tätigkeit entscheiden, bei der man sich wohlfühlt und auch seine besonderen Kompetenzen gewinnbringend einbringen
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