Westfalen-Blatt - 09/2008

Zum Nutzen der Gesellschaft

Charter verpflichtet Unternehmer zu gesellschaftlichem Engagement

Paderborn (WB) Finanzhasadeure in den Vorstandsetagen von Großbanken, Weltkonzerne, die mit einem Federstrich Tausende Arbeitsplätze vernichten – sie haben die Wirtschaft in ein schlechtes Licht gerückt.

20 Unternehmen aus OWL setzen ein positives Zeichen gegen das Negativ-Image. Sie bekennen sich ausdrücklich zu gesellschaftlicher Verantwortung. Im Rathaus der Stadt Paderborn unterzeichneten die Firmenvertreter eine Charta, in der sie sich zu bürgerlichem Engagement verpflichten. 70 weitere Unternehmen wollen sich der Erklärung anschließen. Damit wirke die Region als „Leuchtturm“ für ein wichtiges politisches und gesellschaftliches Anliegen“, sagt der Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Ostwestfalen, Ortwin Goldbeck. OWL sei als eine der wirtschaftlich stärksten Regionen in Deutschland prädestiniert, auch auf diesem Gebiet eine Vorreiterrolle zu übernehmen.

„Wir brauchen eine Renaissance des ehrbaren Kaufmanns“, distanzierte sich Goldbeck von „schwarzen Schafen, die den Ruf der gesamten Wirtschaft belasten“. Namentlich kritisierte der IHK-Präsident Großkonzerne wie VW, Siemens und Nokia sowie „das Verhalten hochkarätiger Bankmanager“, deren Denken und Handeln häufig auf kurzfristige Gewinnsteigerung um jeden Preis ausgerichtet sei.
„Wir fördern seit Jahren Kindergärten und wollen damit vor allem auch Mädchen für Technik begeistern“, erläutert Hans-Dieter Tenhaef, Geschäftsführender Gesellschafter der Vlothoer Industriearmaturenherstellers MIT Moderne Industrietechnik GmbH, sein Motiv zum Sponsoring.

Der regionale Energieversorger Eon Westfalen Weser unterstützt das private Engagement seiner Mitarbeiter in Vereinen und Verbänden. „Dadurch entwickeln sie Sozialfähigkeit, Kommunikations- und Teamfähigkeit“, ist der Vorstandsvorsitzende Henning Probst überzeugt.
Die Ford-Werke Köln gewähren jedem Mitarbeiter jährlich 16 Stunden bezahlte Freizeit für gesellschaftliches Engagement. Das sei inzwischen sogar ein Einstellungskriterium, sagt Ford-Produktleiter Norbert Krüger. Er sprach sich dafür aus, Firmen, die sich engagieren, bei öffentlichen Vergaben zu bevorzugen.

Die Paderborner Erklärung und deren symbolische Überreichung an den zuständigen Landesminister Armin Laschet waren eingebettet in einen Kongress des Forschungszentrums für Bürgerliches Engagement der Universität Paderborn. Zwei Tage lang diskutierten 280 Fachteilnehmer aus dem In- und Ausland darüber, wie sich Unternehmen sinnvoll in Staat und Gesellschaft einbringen sollten. „Wir brauchen in Deutschland endlich eine öffentliche Diskussion über Rolle und gesellschaftliche Aufgaben der Wirtschaft“, forderte der Paderborner Professor Sebastian Braun.

Nach einer aktuellen Studie seines Instituts engagieren sich 96 Prozent der Unternehmen in Deutschland für die Gesellschaft. Gefördert würden, besonders in mittelständischen Unternehmen, hauptsächlich unpolitische Institutionen und Projekte im Umfeld des Firmensitzes, wie Sportvereine oder Freizeitaktivitäten. Dahinter steckt häufig persönliche Motive, Verantwortungsbewusstsein und Tradition, weniger wirtschaftliche und strategische Überlegungen.

Zur Sache
Heuschrecken, börsennotierte Großkonzerne und –banken haben das Ansehen der deutschen Wirtschaft übel ramponiert. Dass in unserer Marktwirtschaft die soziale Komponente noch nicht gänzlich auf dem Scheiterhaufen der Profitgier verbrannt ist, beweisen dagegen Mittelständler und Familienunternehmen aus der Region. Sie bekennen sich in der Paderborner Charta nicht nur zu gesellschaftlicher Verantwortung, sondern praktizieren diese seit Jahren durch finanzielles und oft auch persönliches Engagement.
Beim öffentlichkeitswirksamen Bekenntnis zu ethnischem Handeln, dem sich hoffentlich viele Unternehmen anschleißen, darf allerdings auch die innerbetriebliche Moral nicht auf der Strecke bleiben. Dazu gehören die Förderung eines guten Betriebsklimas und die gerechte Teilhabe der Mitarbeiter am wirtschaftlichen Erfolg.

Paderborner Charta
„Verantwortung übernehmen, sich nachhaltig engagieren, vernetzt handeln“, ist die Charta überschrieben, die weitere Unternehmen in Deutschland unterschreiben wollen. In der Erklärung verpflichte sie sich unter anderem,

  • gesellschaftliches Engagement fortzuführen beziehungsweise nach Möglichkeiten zu erweitern,
  • mit Akteuren aus gemeinwohlorientierten Organisationen, Mittelorganisationen und öffentlicher Verwaltung gemeinsam Projekte zu entwickeln und umzusetzen,
  • Aktivitäten im Bereich gesellschaftliches Engagement öffentlich zu machen, um anderen zum Mit- und Nachmachen zu animieren.

„Wir sind sicher: Es lohnt sich, weitere Unternehmen für gesellschaftliches Engagement zu gewinnen, weil dies eine gute Investition in die Qualität und in die Zukunftsfähigkeit unsere Gemeinwesen ist“, heißt es in dem Charta-Text.

 
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