Frankfurter Allgemeine Zeitung - 12/2008

Vom Profi zum Prof: Fußballer wird Soziologe

Sebastian Braun wechselt an die Humboldt-Uni Berlin

BERLIN. Jetzt ist auch Sebastian Braun Gegenstand eines spektakulären Transfers. Vor zwanzig Jahren, mit sechzehn, gewann er als Kapitän der B-Jugend von Hertha 03 Zehlendorf die deutsche Fußball-Meisterschaft. Als sie zwei Jahre später auch noch das Finale der A-Jugend erreichten, eröffnete sich den Besten der Mannschaft der Weg in den Profi-Fußball. Niko Kovac und sein Bruder Robert, Karsten Bäron, Christian Ziege und Martino Gatti gingen ihn. Mittelfeldspieler Sebastian Braun ließ sich von Girondins Bordeaux verpflichten und wechselte 1990, im Jahr der deutschen Einheit, nach Frankreich. Er scheiterte, wie er unumwunden sagt. Die Unerfahrenheit des Teenagers, dazu Verletzungen verhinderten eine Profikarriere.

Vielleicht war das sein Glück. Denn nun kehrt Sebastian Braun als Wissenschaftler zurück nach Berlin. Was für ein Wechsel: Die Humboldt-Universität verpflichtet nicht nur ihn, den in Sportwissenschaft und in Soziologie promovierten Professor, für die Abteilung Sportsoziologie. Die Alma Mater in der Mitte Berlins holt auch Brauns Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement mit acht Beschäftigten von der Uni Paderborn – die ganze Mannschaft.

Der Kontakt zu seinem alten Zehlendorfer Team ist offenbar abgerissen. Zum Zwanzigjährigen solle es ein Treffen geben, sagt Braun. Das klingt nicht, als fiebere er der Begegnung mit der Vergangenheit entgegen. Seit seiner Promotion über Elitenbildung im Sport Frankreichs und Deutschlands beschäftigt er sich mit anderen Themen. „Seit fünfzehn Jahren forsche ich über gesellschaftliches Engagement“, sagt er. „Und ich frage mich immer wieder: Wo ist der Sport in dieser lebhaften Debatte über Bürgergesellschaft?“ Seine Erkenntnisse spitzt er so zu: „Dem DOSB droht der Zug wegzufahren.“

Der Organisation, die sich gern auf ihre Masse beruft – schließlich vertritt der DOSB mit 27 Millionen Mitgliedschaften in 91000 Vereinen fast ein Drittel der Bevölkerung – mangelt es nach Brauns Eindruck an inhaltlicher Fundierung, um ein Spielmacher im Feld der Bürgergesellschaft zu sein. Zwar könne der organisierte Sport den höchsten Anteil ehrenamtlich engagierter Personen vorweisen. Doch im neuen Wohlfahrts-Mix von Staat, Markt und Bürgergesellschaft, der durch den Rückzug des Staates aus seiner Rolle als Hüter des Gemeinwohls entsteht, vernetzten sich Kirche und freie Träger, Freiwilligenagenturen, regionale Initiativen und auch Unternehmen häufig viel besser als der Sport. „Wenn sich Vereine oder Verbände aber auf lokaler Ebene in Netzwerken engagieren, sind die anderen Akteure oft ganz begeistert von den Möglichkeiten des Sports“, hat Braun festgestellt.

Am Beispiel Bildung beschreibt er, wie der Sport sich neue Spielräume eröffnen und sich zu einem Spitzenspieler der Bürgergesellschaft entwickeln könne. Die Ganztagsschule lade freie Träger dazu ein, Bildungsangebote zu machen. Statt nun in kritischer Sorge um Nachmittagszeiten für die Nutzung der schulischen Sportstätten zu verharren, müsse der Sport sich organisatorisch und programmatisch öffnen. Der Sport könne nicht nur Spaß machen, nicht nur Gesundheit und Integration fördern, er könne auch lehren, dies zu organisieren, dies anzubieten, dies zu vertreten. „Der Sport sollte Vorreiter sein, bürgerschaftliches Engagement zu einem Bildungsziel fortzuentwickeln“, fordert Braun. „Wenn eine vernünftige Lebensführung in einer modernen Demokratie ein bürgerschaftliches Engagement einschließt, müssen Heranwachsende befähigt werden, unter alternativen Angeboten entscheiden und kompetent handeln zu können.“

Bürgerschaftliches Engagement sei mehr als eine unentgeltliche Ressource, sagt der Wissenschaftler. Das neue Ehrenamt basiere oft auf projektbezogem und temporärem Engagement. Wer mitmache, frage auch nach persönlichem Sinn und Nutzen und erwerbe häufig gezielt Kompetenz. Der Ball rolle längst. Wenn der Sport Anreize durch Bildungszertifikate setze und ein zeitgemäßes Freiwilligenmanagement schaffe, sagt Braun, könne er ihn erreichen.

Mit dem aktiven Fußball hat Sebastian Braun abgeschlossen. „Das Hirn weiß, was zu tun ist, aber der Körper kommt nicht mehr mit“, sagt der 37-jährige. „Man sieht den Laufweg des Mitspielers vor sich, aber man bringt den Ball nicht hin.“ Anderen Sportarten hat er sich auch deshalb zugewandt, weil in unterklassigen Teams oft zwar er den zwingenden Spielzug vor sich sehe, die Mitspieler aber die Laufwege gar nicht erkennen. Pässe ins Leere sind die Sache von Sebastian Braun nicht.

Michael Reinsch

 
Logo Humboldt Universität Berlin
 

Bürgerschaftliches
Engagement:

  • Forschung
  • Beratung
  • Impulse
 
         
© Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement | Impressum | Sitemap | Design: Medienbüro Birkel
Sie sind hier: Medienspiegel >> Archiv
Forschungszentrum