| |
Ziele
Themen
Struktur
Projekte
Promotionen
Publikationen
Personal
|
Süddeutsche Zeitung 01/2011
Freiwilliges Engagement - Sonderseite der Süddeutschen Zeitung
Gemeinwohl - Professionelle Laien
Sie sitzen im Gemeinderat, trainieren die E-Jugend des Ortes und verwalten die Kasse im Gesangsverein. Sie helfen Schülern bei den Hausaufgaben, lesen im Kindergarten vor, besuchen Sterbende im Hospiz und erledigen Einkäufe für alte Leute. Mehr als ein Drittel aller Deutschen über 14 Jahren arbeitet unentgeltlich für das Gemeinwohl, nach dem jüngsten sogenannten Freiwilligensurvey von 2009 im Durchschnitt zehn Jahre lang.
Ohne das Heer der Freiwilligen wäre das Leben in Deutschland wesentlich ungemütlicher. In vielen europäischen Ländern ist das ebenso. Die EU-Kommission hat 2011 deshalb zum „Jahr der Freiwilligentätigkeit“ (EJF) ausgerufen.
Unter dem Motto „Freiwillig. Etwas bewegen!“ will die EU mehrere Ziele erreichen: Die Rahmenbedingungen für Freiwillige sollen besser werden. Außerdem sollen diese mehr Anerkennung bekommen und die Öffentlichkeit über den Wert ihrer Arbeit aufgeklärt werden.
Und natürlich sollen staatliche Stellen und Verbände verschiedener Länder voneinander lernen.
Diesen Aspekt hält das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) für besonders wichtig. In dem Dachverband, der jährlich die bundesweite „Woche des bürgerschaftlichen Engagements“ koordiniert, sind etwa 250 Verbände und Organisationen zusammengeschlossen. „Wir wünschen uns, dass ein längerfristiger Austausch innerhalb der EU zustande kommt“, sagt Mirko Schwärzel, Europareferent beim BBE. „In einigen Nachbarländern gibt es sehr gute Modelle, die man auf Deutschland übertragen könnte, zum Beispiel bei der Finanzierung von Freiwilligenagenturen in den Kommunen.“
Das Bundesnetzwerk erhofft sich vom EJF auch, dass das Thema Engagement ein eigenes Politikfeld der EU wird. In Deutschland ist dies längst geschehen. Es gab eine Enquetekommission des Bundestages zur „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“, ein „Nationales Forum für Engagement und Partizipation“, derzeit arbeitet das Familienministerium an einer nationalen Engagementstrategie. Auch an öffentlicher Anerkennung für Ehrenamtliche herrscht in Deutschland eigentlich kein Mangel. „Die vielen Preise und die Fernsehreportagen über die guten Helfer verstellen manchmal eher den Blick auf die Probleme“, meint Schwärzel. Seiner Meinung nach müsste weniger gelobt und mehr über Finanzierungsprobleme auf lokaler Ebene, die mangelnde Nachhaltigkeit vieler Projekte und über Konfliktlinien zur regulären Beschäftigung gesprochen werden.
Am 21. Februar findet in Berlin zum Auftakt des Jahres eine Tagung des Bundesfamilienministeriums und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege statt, um über die Ziele des EJF zu diskutieren. Danach sind über das Jahr verteilt acht „Leuchtturmprojekte“ geplant, zum größten Teil ebenfalls Fachkonferenzen. So wird sich das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik mit Übergängen zwischen Engagement und Erwerbsarbeit – auch im europäischen Vergleich – befassen.
Die meisten anderen Konferenzen haben mit Europa nicht viel zu tun, sie spiegeln vor allem die aktuelle deutsche Engagementpolitik. Die Bundesregierung will Migranten, Ältere, Jugendliche und Frauen stärker zur Freiwilligenarbeit zu motivieren. Denn nach dem Freiwilligensurvey engagieren sich junge Migranten deutlich seltener als Deutsche, und Frauen sind zwar besonders im sozialen Bereich sehr aktiv, besetzen aber zu wenige Führungspositionen. Das Engagement älterer Menschen ist in den vergangenen Jahren schon stark gestiegen, die Regierung will diese Entwicklung weiter fördern. Das Survey ergab übrigens auch, dass ein Bürger desto eher bereit ist, sich zu engagieren, je besser er ausgebildet ist – dies hat im Politikjargon schon den Begriff „Engagementferne“ analog zur „Bildungsferne“ hervorgebracht.
Den Zielsetzungen der Bundesregierung entsprechend befasst sich eine Tagung mit der Frage, wie das Engagement von Migrantinnen im Sport gefördert werden kann, eine andere mit Freiwilligenarbeit von Senioren. Im Mittelpunkt einer weiteren Konferenz stehen die „Freiwilligendienste aller Generationen“. Dieses Angebot für Menschen aller Altersgruppen, das die Bundesregierung 2009 eingeführt hat, führt bislang ein Schattendasein neben den allgemein bekannten Jugendfreiwilligendiensten.
Die mit Abstand größte Außenwirkung der acht „Leuchtturmprojekte“ dürfte das „HeldenCamp“ entfalten, das im Sommer in Immenhausen bei Kassel aufgeschlagen wird. 700 Jugendliche aus ganz Deutschland sollen dort Feuerwehrleitern erklettern, um die Wette schwimmen und Nachtwanderungen machen. Eingeladen haben die Jugendverbände von sieben Hilfsorganisationen. Schon der witzige Internetauftritt des Helden- Camps könnte tatsächlich einige Jugendliche zum Arbeiter-Samariter-Bund, der DLRG oder dem Technischen Hilfswerk locken.
Für ein breites Publikum ist die „European Year of Volunteering Tour“ gedacht. Die Tournee durch sämtliche EU-Länder startete im Dezember in Brüssel und macht vom 7. bis 20. Oktober in Berlin Station. Neben Info-Ständen und Diskussionsrunden soll es auch ein großes Unterhaltungsangebot geben. Um das EJF in der Öffentlichkeit bekannt zu machen, gibt es 2011 außerdem einen bundesweiten Schülerwettbewerb und natürlich zahlreiche Veranstaltungen von Verbänden und Freiwilligenorganisationen.
Unabhängig vom EJF wird die Bedeutung der Freiwilligenarbeit in Deutschland weiter steigen, meint der Leiter der Forschungsstelle für Bürgerschaftliches Engagement an der Berliner Humboldt- Universität, Sebastian Braun. Grund sei die gesamtgesellschaftliche Entwicklung: „Die Bürger nehmen wahr, dass der Staat auf einigen Gebieten seine Aufgaben nicht mehr in gewohnter oder erwarteter Form erfüllt.“ Deshalb seien immer mehr Menschen bereit, sich in den Bereichen Bildung, Gesundheit oder soziale Integration zu engagieren. Allerdings gebe es gleichzeitig den Trend, die freiwillige Tätigkeit nicht mehr so lange wie früher auszuüben, sondern eher projektbezogen. „Außerdem fragen sich heute die Freiwilligen: Was kriege ich zurück? Das ist völlig legitim.“
Um Freiwillige anzuwerben und bei der Stange zu halten, müssten die Organisationen stärker auf ihre Wünsche eingehen und interessante Angebote besser herausstellen, meint Professor Braun. Auch die Qualifizierung von Freiwilligen werde immer wichtiger. Oft könnten sie die dadurch erworbenen Kompetenzen auch im Beruf, in der Ausbildung oder für die Familienarbeit nutzen, zudem sei Weiterbildung eine wichtige Form der Anerkennung: „Modernes Engagement ist vielfach eine semiprofessionelle Aufgabe und keine Laienarbeit.“
Autorin: Miriam Hoffmeyer
erschienen am 27.01.2011
Download Sonderseite der Süddeutschen Zeitung
zurück zum Medienspiegel
|
|
|