| BUNDzeit
-Umweltzeitung für Berlin uns Brandenburg- 05/2009
Politik von unten Als im Januar Barack Obama zum neuen US-Präsidenten gekürt wurde, brach in vielen Gemeinden der USA ein Tumult aus: Mit dem Obama-Slogan „Yes, we can“ auf den Lippen zogen Tausende durch ihre Wohnorte und begannen, wilde Müllkippen zu beseitigen, Grünflächen zu säubern und Spielplätze instand zu setzen. Nun ist diese freiwillige Arbeit für das eigene Umfeld nichts Neues in den USA, wohl aber die Heftigkeit, mit der sie nach dem Präsidentenwechsel wieder zum Vorschein kam. Die „Obamania“ wirft ein Schlaglicht auf die zugrunde liegende Überzeugung, dass das Bestehen einer Gesellschaft ganz wesentlich davon abhängt, dass sich alle in ihr und für sie engagieren. Nun ist in Deutschland zwar weit und breit kein Barack Obama in Sicht, trotz einiger lustiger Versuche verschiedener Parteien, ältere, etwas korpulente Herren wie Horst Seehofer oder Frank Walter Steinmeier in diese Richtung zu stilisieren. In puncto Freiwilligenengagement aber müssen wir uns nicht verstecken: 36 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren engagieren sich freiwillig und nahezu unentgeltlich im sozialen, sportlichen, kulturellen oder politischen Bereich. Das sind mehr als 23,4 Millionen Menschen. Rund acht Prozent davon setzen sich für den Natur- und Umweltschutz ein. Die Auswirkungen dieses Engagements sind enorm. Ohne es gäbe es in Prenzlauer Berg kaum noch Straßenbäume, in Berlin-Lichterfelde gäbe es keinen Volkspark, die brandenburgischen Alleen wären inzwischen baumlos und es gäbe zig Felder mehr, auf denen gentechnisch veränderter Mais angebaut würde – um nur einige Beispiele aus der näheren Umgebung zu nennen. Bundesweit gesehen gäbe es wohl einige Atomkraftwerke und Autobahnen mehr und es wäre undenkbar, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel über erneuerbare Energien spricht und die EU-Kommission über eine CO2-basierte Kraftfahrzeugsteuer. All diese Themen haben ihren Anfang genommen in Bürgerinitiativen und Aktivitäten Einzelner, die sich mit der Art und Weise, wie mit Umwelt, Natur und Klima verfahren wird, nicht zufrieden geben wollten. Auch der BUND hat seine Wurzeln in diesen Bewegungen. Wer sich freiwillig engagiert macht klar, wo Mängel sind Über die politischen Auswirkungen des privaten Engagements wird oftmals gar nicht debattiert. Es bedeutet für viele – auch die, die selbst engagiert sind – einen bestimmten, bürgerlichen Lebensstil zu pflegen und aus diesem heraus etwas für die Gemeinschaft zu tun. Der traditionellen Überzeugung zufolge ist Freiwilligenarbeit zunächst einmal unpolitisch und prinzipiell gut. Genau dafür werden auch jedes Jahr bundesweit Menschen ausgezeichnet, weil sie sich in Sportvereinen, in Kindergärten oder für alte oder behinderte Menschen eingesetzt haben. Dass sie damit auch einen Mangel aufzeigen, bleibt häufig unerwähnt. „Dass freiwilliges Engagement immer auch eine gesellschaftspolitische Dimension hat, wird nicht gern gesehen“, sagt Sebastian Braun vom Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement an der Berliner Humboldt-Universität. Denn wer mithelfen will, der greift in bestehende Strukturen ein und gibt Hinweise darauf, was verbesserungswürdig ist – ob es sich nun um bessere Sportangebote oder den Zustand der Grünanlagen handelt. Wer sich eingesteht, dass das eigene Engagement auch etwas mit gesellschaftlichen Veränderungen und letztendlich Politik zu tun hat, muss nicht befürchten, damit gleich das ganze politische System in Frage zu stellen – im Gegenteil: „Im freiwilligen Engagement drückt sich eine hohe Loyalität mit dem System aus“, beschreibt das Braun. Denn nur derjenige nimmt Einfluss, der erkannt hat, dass demokratische Prozesse genau davon leben. Klar ist: Ohne bürgerschaftliches Engagement gäbe es nicht den Standard in Umwelt- und Naturschutz, den wir heute für selbstverständlich halten. Angesichts des Klimawandels und der Globalisierung muss dieser immer wieder erkämpft werden. Ohne den persönlichen Einsatz möglichst vieler Menschen ist das nicht zu schaffen. Ro
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