Lübecker Nachrichten - 06/2009

Elf Freunde – woher auch immer

Neue deutsche Fußball-Welle: Bei der U21-Europameisterschaft hat fast die halbe Mannschaft ausländische Wurzeln. Der DFB bemüht sich um Integration – und hat gar keine andere Wahl. 

Beim Anpfiff waren sie zu dritt: Wilhelm Huberts aus Österreich, Jakobus Prins aus den Niederlanden und vor allem Petar Radenkovic, bekennende jugoslawische Torwart-Diva von 1860 München. Mehr Ausländer gab es nicht, als die Bundesliga 1963 an den Start ging.

Das hat sich geändert, und zwar sehr gründlich. In der vergangenen Saison betrug der Anteil ausländischer Lizenzspieler in der höchsten deutschen Spielklasse 49 Prozent. Vor sechs Jahren war es noch einProzentpunkt mehr, der bisherige Höchststand. Und nachdem Bosman-Urteil von 1995, als die Beschränkung für ausländische Spieler entfiel, hat im April 2006 Energie Cottbus für ein Novum gesorgt: Erstmals stand für einen deutschen Verein eine komplett ausländische Mannschaft auf dem Platz. Insofern liegt die derzeitige deutsche U21-Nationalauswahl nur im Trend.

Elf der 23 Spieler haben ausländische Wurzeln. Sie sind wie Ashkan Dejagah in Teheran geboren oder wie Andreas Beck im sibirischen Kemerowo, sie haben Eltern aus neun verschiedenen Ländern und von drei Kontinenten, und nun spielen sie bei der Europameisterschaft in Schweden in einer Mannschaft.

Am Montag haben sie das Halbfinale erreicht, noch zwei Siege, und dann wäre der Triumph des heimischen Jugendstils komplett und Europas U17-, U19- und U21-Titel sämtlich in deutscher Hand. „Der Fußball ist wie geschaffen für Integration“, sagt Nationalelf- Manager Oliver Bierhoff. Das mag sein, aber wenn das so ist, hat er noch viel zu tun.

Fußball scheint nämlich auch wie geschaffen für Rassismus. Uefa-Chef Michel Platini hat erst jüngst erklärt, notfalls würden Spiele bei rassistischen Rufen abgebrochen. In Belgien hat mit dem aus Nigeria stammenden Oguchi Onyewu von Standard Lüttich jetzt erstmals im europäischen Fußball ein Profi einen Gegenspieler wegen rassistischer Beleidigungen vor einem Zivilgericht verklagt. Und dass der deutsche Ex-Nationalspieler Patrick Owomoyela gegen die NPD vor Gericht zog, weil die zur Weltmeisterschaft 2006 einen Terminplaner mit seinem Foto und dem Text „Weiß. Nicht nur eine Trikot-Farbe! Für eine echte Nationalmannschaft!“ unters rechte Volk bringen wollte, ist auch kein Einzelfall. Vor allem farbige Spieler sind in deutschen Stadien nicht nur zu Gast bei Freunden, sondern immer wieder auch bei Fremdenfeinden.

Umso wichtiger scheint jetzt die bunte Riege, die der Trainer der U21 – wer in der Qualifikation spielen durfte, darf jetzt auch spielen, auch wenn er älter ist –, Horst Hrubesch, um sich versammelt hat. Er gehe jedenfalls fest davon aus, dass diese jungen Fußballer Vorbildcharakter haben, sagt Professor Sebastian Braun, Sportsoziologe von der Humboldt- Universität in Berlin. „Sie können helfen, dass die Akzeptanz für das Leistungsvermögen von ethnischen Gruppen steigt.“ Das sieht Ulf Gebken, promovierter Sportwissenschaftler von der Uni Osnabrück, genauso: „Fußball ist ein Integrationshebel.“

Als Frankreich bei der WM1998 mit einem Multikulti-Team gesiegt habe, sei Deutschland aufgewacht. Seither haben etwa zwei Dutzend Akteure mit ausländischen Wurzeln in der A-Nationalelf gespielt, seit 2007 gibt es beim DFB mit Gül Keskinler eine Integrationsbeauftragte, und beim Erwerb der Trainer-C-Lizenz steht auch Integration auf dem Plan.

Der Verband und allen voran Präsident Theo Zwanziger hätten sich „vorbildlich verhalten“, sagt Gebken. Die Landesverbände täten sich zwar noch etwas schwer, und gerade beim weiblichen Migrationsnachwuchs gebe es viel zu tun, trotzdem würde er die Prognose wagen: „Was wir jetzt bei der U21 haben, haben wir in zehn Jahren auch bei den Mädchen.“

Im Übrigen: Bei der demografischen Entwicklung bleibe dem deutschen Fußball gar keine andere Wahl als die Integration von Migranten, wenn auch künftig noch Elf gegen Elf spielen sollten.

von Peter Intelmann


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