Frankfurter Rundschau - 07/2001

Kooperation und Korruption

Sebastian Braun
Produktive Beziehungen: Das „soziale Kapital“ als individuelle und als kollektive Ressource

In den Debatten über den „Zerfall“ des Gemeinwesens und eine zunehmende „Desintegration“ der Gesellschaft spielt der Begriff des „sozialen Kapitals“ eine zentrale Rolle. Einer der wichtigsten Stichwortgeber ist dabei der amerikanische Philosoph Hilary Putnam, der mit Hilfe des „sozialen Kapitals“ die solidarische Bürgergesellschaft zu beleben sucht. Ganz anders akzentuiert der französische Soziologe Pierre Bourdieu den Begriff: Für ihn ist „soziales Kapital“ eine individuelle Ressource, die soziale Ungleichheit verstärkt.

„Soziales Kapital“ lautet das Zauberwort im Diskurs über Zustand und Zukunft der deutschen Gesellschaft. Es ist zum Bestandteil der Rhetorik all derer geworden, die sich um den „sozialen Kitt“ sorgen, die Hoffnung auf die Revitalisierung von Solidarität und Vertrauen in einer lebendigen Bürgergesellschaft hegen, welche mit ihren unausgeschöpften Ressourcen die Leistung von Staat und Wirtschaft zu steigern vermöge. Denn zumindest in einem Punkt scheint Einigkeit über die Bedeutung sozialen Kapitals zu bestehen: dass es sich um eine wohlfahrtssteigernde soziale und moralische Kompetenz der Gesellschaft handle, die einen Beitrag zur kollektiven Wohlfahrt leiste und zu einem wichtigen Wettbewerbsparameter werde.

Erstaunlich an der aktuellen Debatte ist allerdings, dass ein grundsätzlich anderer Diskurs über soziales Kapital weitgehend ausgeblendet wird, obwohl auch hier von Solidaritätsverpflichtungen und Vertrauen die Rede ist. Dieser – in Frankreich seit Jahrzehnten geführte – Diskurs hinterfragt in erster Linie das Leitbild moderner Gesellschaften, die Leistung zum legitimen Maßstab der Statuszuweisung erhoben haben. Soziales Kapital gilt dabei als Bestandteil von Mechanismen, die zur (Re-)Produktion sozialer Ungleichheit beitragen, da Karrierechancen und Machtressourcen nicht nur auf individuellen Leistungen basierten, sondern auch auf herkunftsbedingten Gruppenzugehörigkeiten und vorteilhaften sozialen Netzwerken. Beide Diskurse sind unmittelbar mit dem Namen zweier Wissenschaftler verbunden: der erste mit dem US-amerikanischen Politologen Robert D. Putnam, der für die aktuelle „Sozialkapital-Euphorie“ in Deutschland sorgt, und der zweite mit dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu, der die Debatte jenseits den 80er Jahren strukturiert.

Putnams Begriff des social capital wurde zunächst von seiner Studie Making Democracy Work (1993) bekannt. In ihr geht er der Frage nach, weshalb 20 Jahre nach der italienischen Verfassungsreform die neu geschaffenen norditalienischen Provinzregierungen effizienter und bürgernäher arbeiten als die süditalienischen. Seine Antwort lautet: vor allem auf Grund des höheren sozialen Kapitals des Nordens. Soziales Kapital beinhaltet dabei drei Elemente: soziales Vertrauen, das die zur gesellschaftlichen Koordination erforderliche Kooperation zwischen den Individuen erleichtert; die Norm generalisierter Reziprozität, die zur Lösung sozialer Dilemmata beiträgt; und Netzwerke zivilgesellschaftlichen Engagements, die generalisierte Reziprozitätsnormen pflegen und soziales Vertrauen aufbauen.

Vor diesem Hintergrund hat Putnam anschließend seine einflussreichen Analysen über die US-amerikanische Gesellschaft durchgeführt. Mit Hilfe von Zeitreihen-Vergleichen, die vom bürgerschaftlichen Engagement über Mitgliedschaften bis hin zu informellen Beziehungen reichen, versucht er nachzuweisen, dass das soziale Kapital der USA seit den 60er Jahren erodiert sei – hauptsächliche Ursache: die uncivic generation der Baby-Boomer. „Jedes Jahr nimmt der Tod der amerikanischen Gesellschaft wieder eine Zahl engagierter Bürger weg, und die werden ersetzt durch wesentlich weniger engagierte Menschen. … Wenn wir also nicht bald etwas tun, dann wird das Problem immer schlimmer werden“ – so Putnams moralisierende Kritik am Individualismus, der „bürgerschaftlichen Verantwortungslosigkeit fördert, den sozialen Zusammenhalt reduziert, Berechenbarkeit abbaut, das Gefühl der gemeinsamen Identität schwächt und so die Fähigkeit der Gemeinschaft, sich den gemeinsamen Problemen zu stellen, verringert“.
Dreht man die beiden Worte in Putnams Erfolgsbegriff um und spricht sie französisch aus, dann befindet man sich inmitten der Gesellschaftstheorie von Pierre Bourdieu. Sein Thema sind die (Re-)Produktionsmechanismen gesellschaftlicher Strukturen im Handeln der Individuen. Um diese Mechanismen zu analysieren, verwendet er unter anderem den Kapitalbegriff „in all seinen Erscheinungsformen“. Vom ökonomischen und kulturellen Kapital unterscheidet er das soziale Kapital (capital social), worunter er all jene Ressourcen versteht, die aus einem „Netz“ dauerhafter Beziehungen gegenseitigen Kennens und Anerkennens resultieren.

Bourdieu entwirft „soziales Kapital“ also nicht wie Putnam als kollektives Gut von Gesellschaften, sondern als individuelle Ressource, die er theoretisch als eigenständige Kapitalsorte konzipiert, die empirisch aber nur gemeinsam mit den beiden anderen Kapitalsorten vorkomme. Soziales Kapital übe primär einen „Multiplikatoreffekt“ auf das verfügbare ökonomische und kulturelle Kapital aus, wirke also in Verbindung mit deren Ungleichverteilung und verstärke somit die (Re-)Produktion sozialer Ungleichheiten. In doppelter Hinsicht seien die Kapitalsorten aber prinzipiell gleichwertig: Zum einen dienten sie alle dazu, die soziale Position des Individuums zu erhalten oder zu verbessern; zum anderen könnten sie ineinander umgewandelt werden. So sei zum Beispiel kulturelles Kapital in Berufspositionen und damit in ökonomisches Kapital konvertierbar, letzteres stets in Geld umtauschbar, in Eigentumsrechten institutionalisierbar und darüber hinaus „Verstärker“ der übrigen Kapitalsorten – etwa des sozialen Kapitals, da derjenige, der das notwendige Geld besitzt, auch über ein umfangreiches Beziehungsnetz verfügt. Kurzum: Bourdieu versucht, die Gesetze zu bestimmen, nach denen die verschiedenen Kapitalsorten beziehungsweise die unterschiedlichen Formen von Macht ineinander umgewandelt werden.

Bourdieu hat in seiner Gesellschaftstheorie einen Begriff von sozialem Kapital entwickelt, der im Vergleich zu den zahlreichen anderen Ansätzen, in denen soziales Kapital als sozialwissenschaftliche Kategorie auftaucht, am detailliertesten ausgearbeitet ist. Erstaunlicher Weise hat Putnam diesen Ansatz bislang ebenso wenig systematisch rezipiert wie die theoretische Diskussion über soziales Kapital generell. So heißt es in seinem jüngsten Resümee zum Forschungsstand, dass im 20. Jahrhundert der Begriff „soziales Kapital“ mindestens sechs Mal unabhängig voneinander entwickelt wurde, jedesmal um zu zeigen, wie unser Leben durch soziale Beziehungen produktiv gemacht werde. Dass er Bourdieu unter den Autoren mit diesem Begriffsverständnis aufzählt, ist ebenso schwer nachvollziehbar wie die wenig später folgende Selbstkritik, er habe in seinen früheren Studien ignoriert, dass soziales Kapital antisocial effects haben könne, da er hier wiederum Arbeiten mit genau dieser Stoßrichtung zu zitieren weiß.

Diese selbstkritische Einsicht nutzt Putnam zu einer Begriffsdifferenzierung, die neuerdings seinen Forschungsschwerpunkt bildet: die Unterscheidung von bridging und bonding social capital. Mit dem Begriff bonding social capital knüpft Putnam implizit an eine Theorietradition an, die auch unter dem Begriff bonding solidarity fimiert und ihre Ursprünge in Marx´ „Klassenbewusstsein“ hat. Soziales Kapital manifestiert sich dabei nicht nur im abgestimmten Ausschluss Gruppenfremder und in wechselseitigen Förderungsverpflichtungen, sondern reduziert auch Transaktionskosten, da es im Sinne von „Kreditwürdigkeit“ (Bourdieu) Vertrauen erzeugt, das innerhalb des begünstigten Netzwerks als Loyalitätsgarantie fungiert.

Außerhalb desselben kann es aber auch Misstrauen erzeugen, da die Bewertung sozialen Kapitals von normativen Maßstäben und dem öffentlichen Diskurs abhängt, der in „Vitamin B“, „Gefälligkeitsbanknoten“, „Seilschaften“ und „Vetternwirtschaft“ eine Verletzung universaler Normen sieht, welche in der Korruption einen Höhepunkt erreicht.
Für Putnam stellt sich deshalb die Frage, wie die positiven Wirkungen sozialen Kapitals – Hilfsbereitschaft, Kooperation, Vertrauen, institutionelle Effektivität – maximiert und die negativen Wirkungen wie beispielsweise Ethnozentrismus oder Korruption minimiert werden könnten. Bridging social capital lautet seine Antwort, da es die sozialen Spaltungen zwischen Ethnien oder solzialen Klassen überwinde. Putnams Versuch, Formen und Wirkung des bridging social capital herauszuarbeiten, bleibt allerdings fragwürdig. Stellvertretend dafür steht die Betonung des Pendants zum bowling alone, seinem Leitspruch für America´s declining social capital: der Mannschaftssport, der sehr günstige Voraussetzungen für die Bildung sozialen Kapitals biete. Dass die contact theory of integration vom Mannschaftssport empirisch vielfach widerlegt wurde, und die „körperliche Fremdheit im Sport“ (Bernd Bröskamp) die sozialen Distinktionsprinzipien par excellence vorführt, übersieht Putnam vollkommen.

Dieses Beispiel deutet an, dass Putnams Differenzierung in zwei Formen sozialen Kapitals bislang nicht nur theoretisch, sondern auch – wie er selbst betont – empirisch auf schwachen Füßen steht, da adäquates Datenmaterial fehlt. Insofern kommt er über Allgemeinplätze kaum hinaus, wie zum Beispiel: „Kurzum, für unsere größten kollektiven Probleme benötigen wir genau die Sorte von bridging social capital, die am schwierigsten herzustellen ist.

Putnams Analysen trafen in den 90er Jahren in Deutschland auf einen kulturpessimistischen Diskurs, der sich an den „Schattenseiten“ des viel diskutierten „Individualisierungsschubs von bislang unerkannter Reichweite“ (Ulrich Beck) abarbeitete. In diesem Zeitgeist passten sich seine Arbeiten bestens ein. Zunächst lieferte er den empirischen Nachweis, dass Solidarität und Sozialität in den westlichen Demokratien längst verschwunden seien. Diese eindimensionale Sichtweise gewann nicht zuletzt durch die Einfachheit an Evidenz, mit der Putnam seine Daten auf einen Punkt konzentrierte: den Erosionsprozess sozialen Kapitals, den er im Stile eines leading communitarian thinker auf einen abstrakten liberalen Individualismus in den USA zurückführte.
Ganz in der amerikanischen Denktradition, nach der auf den Gemeinschaftsverlust neue und sogar „bessere“ Gemeinschaften folgen könnten, die nicht willkürlich entstehen, sondern mit sozialwissenschaftlicher Hilfe erzeugt werden, zeigte Putnam aber auch einen Ausweg auf: die Revitalisierung der Zivilgesellschaft, der community und des Assoziationswesens sowie die Stärkung republikanischer Traditionen. So lautete seine Formel zur Schaffung sozialen Kapitals, die er in einer „Agenda for Social Capitalists“ niedergelegt hat und die hierzulande medienfreundlich popularisiert wurde: „Nicht nur das ökonomische Kapital, sondern ebenso das ‚soziale Kapital’ entscheidet über die Zukunftsfähigkeit Deutschlands“, heißt es etwa in Heiner Keupps Gesellschaft der Ichlinge.
In dieser Euphorie wurden selbst die elementarsten Schwächen in Putnams Arbeiten kaum beachtet, die im Vergleich zu Bourdieus elaboriertem Begriff von sozialem Kapital geradezu ins Auge springen: Putnam benennt zunächst Effekte – zum Beispiel mehr oder weniger erfolgreich regierte oder prosperierende Regionen –, um dann retrospektiv anhand einer Reihe von Indikatoren (Mitgliedschaften, Wahlteilnahme, soziales Vertrauen, etc.) Unterschiede zu analysieren, die er alle auf eine Ursache zurückführt: das höhere oder niedrigere soziale Kapital, das laut Definition aber nur ein übergreifendes Label für seine Indikatoren ist. Damit entfällt nicht nur jede andere Erklärungsalternative, sondern wird letztlich auch zweimal das Gleiche gesagt.

Diese Tautologie weist nicht nur darauf hin, dass der rasche Übergang von Ansätzen, die soziales Kapital als individuelle Ressource konzipieren, zu solchen, die es als kollektives Gut begreifen, mit erheblichen Schwächen erkauft wurde. Aus ihr muss zwangsläufig der „Nachweis“ folgen, soziales Kapital habe als private und public good weitreichende positive Folgen für Individuum und Gesellschaft. Mit dieser Indealisierung sozialen Kapitals läuft Putnam aber immer Gefahr, die moralische Grenze des Gegenstands zu verfehlen; denn wie bei jedem anderen normativen Begriff können die Ansprüche, die er mit sozialem Kapital assoziiert – und das sind zumindest Demokratie und „Gemeinwohl“ –, immer auch verfehlt und bestritten werden. Das „unsoziale Kapital“ rechtsradikaler Assoziationen ist uns nicht weniger präsent als jenes der Regierung Kohl.

 
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