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HU WISSEN - Humboldts Forschungsmagazin 07/2010
(K)eine Ameise sein?
Bürgerschafliches Engagement schult soziale Kompetenz, Toleranz und Organisationsgeschick
„Arbeit ist das halbe Leben“, heißt es in einem ironischen Liedertext von Peter Maffay. „Das liegt halt bei uns so drin... Gehorsam dienen, Pflicht und Macht, alles muss geregelt sein...“, geht es weiter. Und was ist mit dem anderen Stück des Lebens? Der Liedermacher meint: „Ordnung ist die andere Hälfte“. Sebastian Braun, Professor für Sportsoziologie und Leiter des Forschungszentrums für Bürgerschaftliches Engagement der Humboldt-Universität, ist da anderer Ansicht: „Wir haben vergessen, dass es neben der Erwerbstätigkeit noch andere Bereiche des Tätigkeitseins, des gesellschaftlichen Arbeitens gibt.“
Das ist zum Beispiel das freiwillige, bürgerschaftliche Engagement, das Ehrenamt. Bis heute kommen die „ehrenamtlich“ Engagierten vor allem aus der gebildeten Mittelschicht. Sie stehen voll im Erwerbsleben und arbeiten nebenbei zum Beispiel in Krankenhäusern, Hospizen, in Sportgruppen oder Umweltorganisationen.
„Das bürgerschaftliche Engagement wird vielfach in seiner gesellschaft- lichen Bedeutung unterschätzt“, sagt Sebastian Braun, „denn es kann ebenfalls zur Integration beitragen sowie neben oder auch jenseits der Erwerbstätigkeit sinnstiftend sein.“ Mehr noch: Es kann sogar spezielle Kompetenzen fördern. Das untersucht Sebastian Braun mit seinem Wissenschaftsteam in verschiedenen Projekten der Deutschen Forschungsgemeinschaft genauer. „Wir wollen unter anderem wissen, welche besonderen Lernerfahrungen das bürgerschaftliche Engagement in Vereinen bietet.“
Das Ergebnis aus Interviews mit Vereinsmitgliedern:
Freiwillige Arbeit in Vereinen schult soziale Fähigkeiten, Organisations-talent, rhetorisches Geschick, Durchsetzungsvermögen sowie die Fertigkeit des Einzelnen, Probleme zu lösen. „Eine solche Entwicklung ist oftmals in engen beruflichen Kontexten gar nicht möglich“, kommentiert Sebastian Braun die Resultate, die gerade in einer Gesellschaft, in der die Berufsarbeit nicht für alle selbstverständlich ist, interessant sind. „Natürlich darf das kein Verschiebebahnhof für fehlende Arbeitsplätze sein“, betont er, „aber in Zeiten der Erwerbslosigkeit, im Ruhestand oder nach der Kinderpause kann bürgerschaftliches Engagement als Lern- und Erfahrungsfeld sehr sinnvoll sein.“
Eine andere Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums und des Europäischen Sozialfonds hat ergeben, dass Freiwilligendienste in Sportvereinen, Kinder- und Jugendeinrichtungen oder anderen sozialen Institutionen bei Jugendlichen in Deutschland insbesondere die so genannten „soft skills“, die sozialen Fertigkeiten, entwickelt. Gefördert wurden junge Menschen mit niedrigem oder ohne Schulabschluss, denen der Zugang zur Bildung erschwert ist Sie sollen später bessere Chancen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt haben. Die Resultate zeigen unter anderem, dass sie sich in dem Sozialen Jahr beruflich orientieren, entwickeln und dafür berufsqualifizierende Abschlüsse nachholen möchten.
Nicht nur junge, benachteiligte Menschen erwerben bestimmte Kompetenzen beim freiwilligen Einsatz, sondern auch Erwachsene, die im Berufsleben stehen. So interviewte Brauns Forschungsteam rund 1.500 Mitarbeiter des Energie-Unternehmens „E.ON Westfaler Weser AG“ in Paderborn zu diesem Thema. Dabei wurde deutlich: Die Befragten lernen im bürgerschaftlichen Engagement mehr Soziale Kompetenz, Toleranz und Organisationsgeschick. Darüber gaben diejenigen, die in Vereinen und Initiativen mitwirken, an, dass sie sich dadurch vor allem persönlich weiter entwickeln. Sie gewinnen mehr Selbstbewusstsein, sind offener und geduldiger gegenüber ihren Mitmenschen.
Das beweist: Bürgerschaftliches Engagement fördert „Soft Skills“. Sind diese Fähigkeiten erst einmal erworben, können in die berufliche Arbeit eingebracht werden. Davon haben beide etwas: „Das Unternehmen hat leistungsfähige, motivierte und qualifizierte Angestellte. Diese wiederum arbeiten selbstständiger und verantwortungsvoller, statt gegeneinander geht es um ein gutes Miteinander“, verdeutlicht Sebastian Braun.
Sogar Manager aus der Wirtschaft gehen in soziale Einrichtungen
Ja, sogar Manager aus der Wirtschaft verabschieden sich für eine Weile von ihrem Stuhl in der Chefetage und gehen stattdessen in soziale Einrichtungen, pflegen Menschen mit Behinderungen, sitzen am Krankenbett von Sterbenden oder begleiten Wohnungslose zum Sozialamt.
„Seitenwechsel-Lernen in anderen Lebenswelten“, heißt ein bundesweites Fortbildungsprogramm, das Managern eine entsprechende Institution vermittelt. „Die Führungskräfte werden mit Menschen und Problemen konfrontiert, mit denen sie sonst nichts zu tun haben“, sagt Sebastian Braun. „Sie lernen, Herausforderungen im Dialog mit den Engagierten zu lösen, da sie nicht im ,top-down-Prozess’ Ziele erreichen können.“ Der Gewinn für die Unternehmen liest sich jenseits der Aktienkurven: Ihre Führungskräfte lernen, auf Mitarbeiter einzugehen, mit ihnen zu kommunizieren und anders zu entscheiden.
Man muss dazu ergänzen: Der Seitenwechsel erfolgt nicht wirklich freiwillig, sondern wird von einigen Unternehmen den Managern „nahegelegt“. Dennoch liegen Sie damit im Trend der Zeit, sich neben dem Lohnerwerb zu engagieren: „Wir erleben ein Aufschwung bei der freiwilligen Arbeit,“ sagt Sebastian Braun, „denn die Menschen erleben sie als sinnstiftende Tätigkeit.“
Peter Maffay schließt sein Lied über die Arbeit mit dem Refrain: „Ameisen müssen so sein.“ Das hat der HU-Professor klar widerlegt.
Text: Ute Frederike Wegner
HU WISSEN
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