| |
Ziele
Themen
Struktur
Projekte
Promotionen
Publikationen
Personal
|
Bauern-Zeitung - 07/2009
Freiwilligenarbeit verdient höchsten Respekt – Prof. Dr. Sebastian Braun im Interview
Prof. Dr. Sebastian Braun, Leiter des Forschungszentrums für Bürgerschaftliches Engagement an der Humboldt-Universität zu Berlin, über eine neue Teilung von Staats- und Bürgerkompetenzen, über Politikberatung und Sonntagsreden.
Wer sich wissenschaftlich mit dem bürgerschaftlichen Engagement befasst, sollte ein Ehrenamt haben, finden Sie nicht?
Prof. Dr. Sebastian Braun: Ich habe etliche, aber die hängen mehr oder weniger mit meinem Job zusammen.
Zum Beispiel?
Ich bin unter anderem Beiratsmitglied beim Deutschen Olympischen Sportbund für das Thema und habe verschiedene Funktionen in anderen Gremien und Einrichtungen.
Sport und Freiwilligenarbeit gehören a priori eng zusammen. In Ihrem Fall hat die Sache eine ganz persönliche Färbung. Sie sind ein leidenschaftlicher und erfolgreicher Fußballer gewesen, haben es mit 16 Jahren gemeinsam mit Spielern wie Christian Ziege und den Kovac-Brüdern zum Deutschen Fußballmeister in der B-Jugend und später zum Vizemeister in der A-Jugend geschafft. Und Sie haben sogar Geld mit dem Sport verdient, waren für eine Saison Profifußballer in einem französischen Verein. Die Unerfahrenheit des Teenagers und Verletzungen verhinderten eine weitere Karriere in diese Richtung, haben Sie mal gesagt. Kommt also Ihr wissenschaftliches Interesse für die Problematik aus dieser Ecke?
Nicht vordergründig. Aber Sport ist nach wie vor meine Leidenschaft, ich laufe und fahre Rad. Zum reinen Hobby-Fußball fehlt die Zeit. Wer sich als Soziologe mit dem bürgerschaftlichen Engagement befasst, vor dem liegt ein reizvolles Querschnittsthema, mit dem man ein breites Spektrum von Fragestellungen verbinden kann, zum Beispiel den großen Komplex soziale Integration oder den Wandel des Wohlfahrtsstaates im Sinne einer neuen Aufgabenteilung zwischen staatlichen Institutionen und Gesellschaft.
Wenn ich mich auf dem richtigen Pfad durch den Dschungel der Sprache der Soziologie geschlagen habe, so ist die neue Teilung der Verantwortung zwischen Staat und Bürgergesellschaft, inklusive Wirtschaftsunternehmen, der Kern unseres Themas. Was könnte man umverteilen?
Ein aktuelles Beispiel sind die freiwilligen gesetzlichen Leistungen der Kommunen. Schwimmbäder, Sportanlagen oder ähnliche Infrastrukturelemente wurden bislang in Deutschland von den Kommunen als Freizeitsport-Bewegungs-Angebote getragen. Finanzierung und Unterhalt werden mittlerweile auf Vereine verlagert, die diese Einrichtungen vielerorts ehrenamtlich-basiert weiter betreiben. Der Staat zieht sich auf eine Gewährleistungsfunktion zurück.
Er wälzt zu viele seiner originären Aufgaben auf die Bürger und deren Bereitschaft zu Freiwilligenarbeit ab. Damit offenbart er Schwäche, heißt die öffentliche Meinung.
Dazu gibt es zwei Lesarten, die kaum voneinander zu trennen sind. Die eine These wäre: Der Bürger fungiert als Ausfallbürge für nicht mehr finanzierte öffentliche Leistungen. Auf der anderen Seite muss man eine Frage stellen, die weitaus komplizierter zu beantworten ist: Welchen Beitrag leistet dieser Prozess der Umverteilung zur Demokratisierung der Gesellschaft, indem der Bürger aktiv aufgefordert ist, sich selbst zu organisieren und bestimmte Leistungen im öffentlichen Raum weiterhin oder neu aufrecht zu erhalten?
In einem Punkt gebe ich Ihnen aber ohne Einschränkung recht. Diese Diskussion ist selbst bei politischen Entscheidungsträgern in Deutschland noch nicht so weit gediehen, dass in der Umverteilung von Aufgaben tatsächlich eine neue Qualität des demokratischen Gemeinwesens gesehen wird. Sie wird vielmehr von dem sehr pragmatischen Tenor bestimmt: Wo können wir noch Geld sparen? Die Qualitätsdiskussion benutzt man häufig in Sonntagsreden, um das Ganze positiv zu wenden. In der Praxis erleben wir dagegen sehr häufig einen Rückzug der öffentlichen Hand.
Wo liegen die Grenzen der Übernahme bislang staatlich regulierter öffentlicher Leistungen durch die Bürger?
Die Ressorts Innere Sicherheit und Bildung zum Beispiel bleiben Kernaufgaben des Staates. Insofern sind beispielsweise Versuche, eine Art Blockwartmentalität zu schaffen, indem Bürger sich selbst organisieren, um in ihrem Wohnumfeld für soziale Sicherheit und Ordnung zu sorgen, sehr problematische und höchst grenzwertige Ansätze. Auch der Zugang zu Bildung und die Erziehung müssen staatlich garantiert und praktisch professionell gestaltet werden. So etwas lässt sich nicht auf ehrenamtliches Engagement delegieren. Das heißt nicht, dass ich ergänzende Angebote, wie Lesepatenschaften und Ähnliches, nicht für löblich hielte.
Ihr Forschungszentrum betreibt nicht nur Grundlagen- und anwendungsorientierte Forschung, sondern berät auch die Politik in Sachen bürgerschaftliches Engagement. Mit welchen Fragen klopfen der Innenminister oder die Familienministerin bei Ihnen an?
Ein Beispiel: Derzeit fließen beispielsweise etliche Millionen Euro aus den Töpfen des Wehrdienstes in den Zivildienst. Dieser wird als ein Lerndienst in Sachen freiwilliges Engagement neu angelegt. Das heißt, es werden völlig neue Mittel genutzt, um ein ziviles Einbringen in die Gesellschaft zu fördern. Hier gibt es eine Menge Informationsbedarf, in welchen Formen man überhaupt bürgerschaftliches Engagement erlernen kann, wie es gelingt, an Jugendliche mit sozialen Benachteiligungen heranzukommen, an die sich der Dienst auch richtet. All diese Fragen kann man aus der Fülle der wissenschaftlichen Forschungen der letzten Jahre beantworten.
Wie wirkt sich eine Wirtschaftskrise, wie wir sie derzeit erleben, mental auf die Zivilgesellschaft aus? Rücken die Menschen enger zusammen, oder ziehen sie sich noch stärker auf sich selbst zurück?
Wir wissen, dass bürgerschaftliches Engagement ganz entscheidend mit der sozialen Absicherung und mit einem stabilen Bildungsniveau zu tun hat, das an Erwerbsarbeit gekoppelt ist. Gerade hoch engagierte Menschen haben infolge beruflicher und familiärer Belastungen in der Regel die geringsten Zeitressourcen für das Ehrenamt. Es handelt sich insbesondere um die klassische Mittelschicht. Je mehr soziale Unsicherheiten an ihrem unteren Rand entstehen, desto stärker sinkt das Maß bürgerschaftlichen Engagements. Meine These lautet: Die Menschen haben Angst um ihren Arbeitsplatz, um ihre soziale Absicherung. Das führt nicht zu verstärktem Engagement.
Freiwilligenarbeit ist, wenngleich unter verschiedener Begrifflichkeit, seit Jahrtausenden ein Fundament für den Bestand der Kommunität. Hierzulande hat man den Eindruck, dass ihre Akzeptanz als moralische Kategorie verlorengegangen ist.
Es kann niemand den Wunsch haben, dass sich in einer repräsentativen Demokratie 100 Prozent der Menschen engagieren und sich mit ihren spezifischen Interessen in Vereinen, Initiativen zusammenschließen, um dann dafür zu werben, sich möglicherweise sogar an Wahlkämpfen beteiligen.
Dies würde eine nicht zu bewältigende komplexe Steuerungsleistung für das politisch-administrative System bedeuten, wenn Sie beispielsweise nur an nichtsystemkonforme Gruppierungen denken. Man braucht ein Stück weit auch den interventionsfähigen Bürger, also einen, der durchaus in der Lage wäre, sich einzubringen, sich aber als Zuschauer in der Demokratie besser gefällt und sich daher eher zurückhält.
In Kürze erscheint der Freiwilligen-Survey 2009, also eine Bestandsaufnahme, eine Einschätzung der Sachlage, die alle fünf Jahre durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend erhoben wird. Sie als Insider kennen ihn wahrscheinlich bereits. Begehen Sie Geheimnisverrat, wenn Sie uns vorab einige Daten nennen?
Die Ergebnisse kann ich nicht vorwegnehmen; diese Rolle gebührt dem finanzierenden Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Aber betrachten wir die älteren Surveys: Im Rahmen des bundesweit repräsentativen „Freiwilligensurveys“ von 1999 übernahmen 34 % der über Vierzehnjährigen in Deutschland unentgeltliche Tätigkeiten jenseits der Erwerbsarbeit und außerhalb des sozialen Nahraums der Familie insbesondere in Nonprofit-Organisationen wie z.B. Vereinen oder Verbänden oder aber in weniger formalisierten Projekten und Initiativen.
In Absolutzahlen waren das rund 22 Mio. Personen. Seitdem nimmt das bürgerschaftliche Engagement in Deutschland tendenziell sogar zu:
36 % der über Vierzehnjährigen sind derzeit bürgerschaftlich engagiert. Darüber hinaus erklärt ein nicht zu unterschätzender und seit 1999 deutlich steigender Anteil der bürgerschaftlich Engagierten, das individuelle Engagement ausdehnen zu wollen. Und unter den 64 % bislang nicht engagierten Bürgern schlummert offenbar eine erhebliche Ressource engagementbereiter Personen, die ebenfalls zusehends wächst: Immerhin die Hälfte dieser Personen bekundet eine solche Bereitschaft – vorausgesetzt, es lassen sich interessante Aufgaben finden.
Gleichwohl: Dass dieser Anteil bereits auf 29,5% fällt, wenn man nur die „schwache“ zusätzliche Bedingung einführt, sich monatlich wenigstens ein Mal und mindestens vier Stunden zu engagieren, muss man dazu sagen. Es hängt auch immer von der Befragungsform ab, wie hoch die Engagementquote liegt. Ein wertvoller Dienst der Freiwilligensurveys besteht darin, , dass sie den Begriff „ehrenamtliches Engagement“ auf „gesellschaftliche Beteiligung“ ausgedehnt und damit Dinge gewürdigt haben, die die Menschen selbst gar nicht als Freiwilligenarbeit wahrnehmen. Dass man seine Kinder zum Training oder zur Chorprobe fährt, auch die Nachbarskinder mitnimmt, sich an Gemeindefesten beteiligt, in der Schule aushilft, sind Selbstverständlichkeiten, an die die meisten nicht denken, wenn sie zu ihrem ehrenamtlichen Engagement befragt werden.
Gibt es in diesem Sinne im ländlichen Raum traditionell eine stärkere gesellschaftliche Beteiligung als in der Stadt?
Ja. Der unlängst vorgelegte Engagement-Atlas, der im Auftrag von Generali Deutschland erhoben und zusammengestellt wurde, betont den Boom bürgerschaftlichen Engagements in ländlichen Regionen. In ländlichen Räumen ist die Engagementquote überdurchschnittlich hoch und deutlich höher als in den Großstädten. Das gilt für das gesamte Bundesgebiet. Dasselbe gilt auch für Mitgliedschaften in den Vereinen, die nach wie vor den wichtigsten sozialen Rahmen für bürgerschaftliches Engagement darstellen. Traditionen, Brauchtum, frühzeitiges Hineinwachsen in die regionale Vereinskultur spielen in ländlichen Regionen eine größere Rolle als in Großstädten.
Hin und wieder wird beklagt, es gebe zu wenig öffentliche Anerkennung fürs Ehrenamt, oder diese erfolge mit den falschen Instrumentarien. Das sachsen-anhaltinische Zuchau hat sich im Gegenzug den Titel „Dorfpate“ ausgedacht.
Es ist immer sehr sinnvoll, wenn der Ansatz von unten, aus dem sozialen Umfeld kommt, in dem Freiwilligenarbeit zumeist stattfindet. Diese Gesellschaft hat ein relativ ausuferndes Prämien- und Preissystem im Hinblick auf die Anerkennung von Freiwilligenarbeit entwickelt, das ich schon für problematisch halte. Auch da blicken wir wieder zum Staat, der Anerkennung zollen soll für diejenigen, die sich einbringen. Ich denke anders herum. Die Zivilgesellschaft, wir selbst sind dafür zuständig und gefordert, uns Orte, Institutionen, Instrumentarien zu schaffen, in denen dies geschieht. Es verdient in jedem Fall höchsten Respekt, dass jemand eine andere Form des Arbeitens gewählt hat als nur Erwerbsarbeit.
Jutta Heise
|
|
|