Führungsakademie Deutscher Olympischer Sportbund- 01/2011

Ehrenamt im Sport

Interview mit Prof. Dr. Sebastian Braun

Im Jahr 2011 soll nach den Plänen der Europäischen Kommission die Freiwilligentätigkeit in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union besonders gefördert werden. Im Mittelpunkt des Europäischen Jahres der Freiwilligentätigkeit soll die Schaffung günstiger Rahmenbedingungen, die Stärkung von Freiwilligenorganisationen und die Anerkennung ehrenamtlichen Engagements stehen.

An der Humboldt-Universität zu Berlin existiert seit längerem das Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement, das von Prof. Dr. Sebastian Braun aufgebaut wurde und geleitet wird. Er wird im kommenden Jahr den Fachkongress „Engagementpolitik des organisierten Sports“ veranstalten, der in den Rahmen der „Nationalen Engagementstrategie“ der Bundesregierung eingebettet ist. Prof. Braun ist zugleich Stellvertretender Vorsitzender der Sachverständigenkommission der Bundesregierung für den ersten nationalen „Engagementbericht“, der im kommenden Jahr der Bundesregierung übergeben werden soll.

Frage: Herr Professor Braun, bürgerschaftliches, oft auch ehrenamtliches Engagement genannt, hat in Deutschland eine lange Tradition. Man schätzt, dass sich mehr als 23 Millionen Menschen in unserem Lande in ihrer Freizeit ehrenamtlich engagieren. Sind diese Zahlen realistisch?

Braun: Seit 1999 werden im Auftrag des Bundesfamilienministeriums Erhebungen zum bürgerschaftlichen, freiwilligen und ehrenamtlichen Engagement in Deutschland durchgeführt. Inzwischen liegen auch die umfangreichen Vergleichsdaten aus den Jahren 2004 und 2009 vor. In unserer laufenden Sonderauswertung zum Sport kamen wir zu dem Ergebnis, dass sich rund 36 Prozent der über 14-Jährigen in Deutschland und speziell im Feld Sport und Bewegung ein Zehntel der Bevölkerung freiwillig engagieren. Dabei muss im vereinsorgansierten Sport der Begriff des Freiwilligen-Engagements wesentlich breiter definiert werden als der traditionelle Begriff der Ehrenamtlichkeit, der sich in der Regel auf das Ausüben formaler Ämter und Positionen bezieht. Im Sport müssen auch die vielfältigsten Formen des Mithelfens und Mitgestaltens berücksichtigt werden.

Frage: Die Bundesregierung hat sich entschlossen, einen umfassenden Bericht zur Lage des Bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland erstellen zu lassen. Zu diesem Zweck hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) eine Sachverständigenkommission eingesetzt. Was sind die vorrangigen Ziele des Berichts?

Braun: Der Deutsche Bundestag hat die Bundesregierung mit Beschluss vom 19.3.2009 aufgefordert, in jeder Legislaturperiode einen Bericht zu Lage, Situation und Entwicklungen des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland vorzulegen. Mit dem „Engagementbericht“ der Bundesregierung soll das Ziel verfolgt werden, Wissen zu bündeln und Empfehlungen insbesondere für die zukünftige Gestaltung von Rahmenbedingungen zu unterbreiten.

Der Bericht der Sachverständigenkommission hat zum Ziel, eine bündelnde Bestandsaufnahme zu Lage, Situation und Entwicklungen des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland mit Bezug auf die engagementpolitischen Rahmenbedingungen vorzulegen.

Den maßgeblichen inhaltlichen Fokus bildet dabei das bürgerschaftliche Engagement von Unternehmen bzw. das unternehmerische Bürgerengagement vor dem Hintergrund der internationalen Debatten über „Corporate Citizenship“. Dabei sollen Handlungsfelder und Kernbereiche des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) einschließlich komplementärer bzw. verbindender Querschnittsthemen wie Integration, Bildung und Sport einbezogen werden.

Diese thematische Bestandsaufnahme soll die Grundlage für gesellschaftspolitisches Handeln der Unternehmen und der Gebietskörperschaften bilden, indem mit Blick auf einen mittelfristigen Zeithorizont von 10 bis 15 Jahren nachhaltige engagementpolitische Perspektiven herausgearbeitet, Handlungsempfehlungen erarbeitet und Grundlagen für politische Entscheidungen differenziert erörtert und dargestellt werden.

Zum Bericht der Sachverständigenkommission wird die Bundesregierung eine Stellungnahme erarbeiten und beide Teile als Ersten Engagementbericht im Frühjahr 2012 dem Bundestag vorlegen.

In Kooperation mit dem Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) ist im Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement der Humboldt-Universität unter meiner Leitung die hauptamtliche Geschäftsstelle der Sachverständigenkommission angesiedelt worden. Ihre Aufgaben umfassen ein weites Spektrum. Sie erstrecken sich von der inhaltlich-konzeptionellen und fachwissenschaftlichen Begleitung der Kommissionsarbeit, der Durchführung von empirischen Erhebungen über die Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit für die Kommission bis hin zur Berichtslegung und Veröffentlichung. Auf der administrativen Ebene soll die Geschäftsstelle die Kommissionsarbeit durch organisatorische und koordinierende Tätigkeiten unterstützen.

Frage: Wenn sich mehr als 36 Prozent der über 14jährigen mehr oder weniger stark ehrenamtlich und freiwillig engagieren - welche volkswirtschaftliche Bedeutung hat dieses ehrenamtliche Engagement?

Braun: Man geht von einem hohen Milliarden-Betrag aus, wenn man z.B. einen fiktiven Stundenlohn von sieben bis acht Euro ansetzt. Ich selber halte diese Rechnung allerdings für problematisch, auch wenn sie politisch gut darstellbar und verwertbar ist. Allerdings lässt sich der „Eigensinn“ bürgerschaftlichen Engagements und dessen Bedeutung für die Demokratie nicht in Stundenlöhnen oder monetären Kategorien hinreichend ausdrücken.

Frage: Ist vom ehrenamtlichen Engagement die Rede, denkt man zunächst an die millionenfache Privat-Initiative. Aber auch Wirtschaftsunternehmen praktizieren bürgerschaftliches Engagement. Wie weit kann der Sport davon profitieren? Positive Schlagworte seien genannt: Mäzenatentum, Spiel, Spaß, Geselligkeit, aber auch Volksgesundheit und Kostendämpfung. Denen stehen die Problemfälle gegenüber: Doping, Ergebnismanipulation, Missbrauch.  
Bietet der Sport mehr Chancen oder findet bürgerschaftliches Engagement im Sport auf einem eher riskanten Terrain statt?

Braun: Also, ich glaube, dass das Feld des Sports und der Bewegung nach wie vor ausgesprochen positiv belegt ist. Dass es Exzesse und abweichendes Verhalten gibt, ist bekannt. Der Spitzen- und Hochleistungssport ist davon in besonderer Weise betroffen. Aber auch der Freizeit- und Breitensport ist nicht von Sündenfällen frei, wenn ich nur an Missbräuche beim Bodybuilding erinnere. Aber insgesamt dominieren die positiven Wahrnehmungen von Sport, Bewegung und speziell auch Sportvereinen. Sie beziehen sich auf die Gesundheitsfunktionen des Sports ebenso wie auf die vielfältigen Debatten über Sozialisationsleistungen speziell im Kindes- und Jugendalter und reichen aktuell wieder in besonderer Weise bis zu den Integrationsleistungen der Sportvereine. Da gibt es schon vielfältige Potentiale, an die speziell der organisierte Sport anknüpfen kann, um sich attraktiv zu machen für die gesellschaftliche Beteiligung von Wirtschaftsunternehmen.

Frage: Was kann bzw. was sollte der Sport Ihrer Meinung nach tun, um diese Chancen zukünftig noch besser auszuschöpfen?

Braun: Er muss sich zunächst einmal noch deutlicher darüber klar werden, welche Aufgaben er heutzutage bereits mehr oder minder selbstverständlich wahrnimmt. Ein Sportverein wird in der Regel zunächst nur deshalb gegründet, weil eine bestimmte Anzahl an Menschen Lust und Spaß daran hat, miteinander Handball, Fußball, Tischtennis oder andere Sportarten und -formen zu betreiben. Das gemeinsame Interesse an einem bestimmten Sport bringt sie zunächst zusammen. Handball spielt man halt eben nicht alleine. Der Zusammenschluss zur Gruppe bzw. zum Verein ist aber auch notwendig, um an geeignete Sportstätten zu kommen. Das alles gehört zum primären Organisationszweck. Mitunter bleibt der Primärzweck aber zu wenig beachtet, weil es in den gesellschaftspolitischen Debatten quasi selbstverständlich geworden ist, dass die Vereine und Verbände noch eine Fülle von weiteren, extrafunktionalen Funktionen und Aufgaben „jenseits“ des Sportbetriebs wahrnehmen. Dazu gehört schon seit Jahren, und nicht erst in der aktuellen Situation, die Integrationsarbeit. Diese oder vergleichbare Leistungen des Vereins stehen in der Regel nicht in der Satzung und sind auch selten primärer Vereinszweck. Es wird aber mit einer großen Selbstverständlichkeit davon ausgegangen, dass der organisierte Sport mit seinen Vereinen und Verbänden eine Art „Sozialstation“ zur Linderung einer Fülle von gesellschaftlichen Problemen ist. Die Gemeinwohl relevanten Funktionen des organisierten Sports sollten viel klarer als extrafunktionale Leistungen der zivilgesellschaftlichen Infrastruktur herausgearbeitet und -gestellt werden. Das wäre der erste Schritt. Und in einem zweiten Schritt müsste man dann eine Strategie schärfer konturieren, an welchen Schnittstellen der organisierte Sport interessant ist, um im Kontext bürgerschaftlichen Engagements Partner von Wirtschaftsunternehmen zu werden.

Frage: Entgegen einer weit verbreiteter Meinung, bürgerschaftliches Engagement sei in den letzten zehn Jahren zurückgegangen, wurde von Sozialwissenschaftler ermittelt, dass ehrenamtliches Engagement sogar leicht zugenommen hat. Im Sport aber wird immer häufiger beklagt, dass es zunehmend schwieriger geworden sei, Ehrenamtliche für die Vereins- oder Verbandsarbeit zu gewinnen. Trügt das Gefühl oder stimmt es doch, dass der Sport insgesamt an Attraktivität gegenüber anderen Formen bürgerschaftlichen Engagements verloren hat?

Braun: Wir führen z.Z. mit Unterstützung des Bundesinstituts für Sportwissenschaft und des DOSB eine sportbezogene Sonderauswertung der schon angesprochenen drei Freiwilligensurveys durch. Damit haben wir erstmals die Möglichkeit, drei Messzeitpunkte zu vergleichen von 1999 bis 2009. Inzwischen haben wir festgestellt, dass das bürgerschaftliche oder freiwillige Engagement im Sport tatsächlich rückläufig ist. Der Sport bietet zwar immer noch das größte Handlungsfeld im Hinblick auf das Bürgerengagement. Waren es im Jahre 1999 jedoch noch 11,2 Prozent der über 14jährigen, die sich ehrenamtlich im Sport engagiert hatten, so registrierten wir zehn Jahre später nur noch ein Engagement von rund 10 Prozent. Der Verlust von gut einem Prozentpunkt wirkt relativ geringfügig. In absoluten Zahlen aber ist das schon eine große Personenzahl, die sich nicht mehr im Sport ehrenamtlich engagiert.

Und dann kommt noch erschwerend hinzu, dass die Engagierten mit immer mehr Aufgaben belastet werden. Die Sorge, Ehrenamtliche zu rekrutieren, ist sehr groß.

Frage: Und wie kann der Sport diese gefährliche Problemsituation lösen?

Braun:  Er sollte sich bezogen auf bürgerschaftliches Engagement insgesamt noch attraktiver darstellen und die politischen Handlungsoptionen in dem sich neu konstituierenden Politikfeld der „Engagementpolitik“ nutzen. Was wir zudem beobachtet haben, ist ein Trend, den wir umschrieben haben mit dem Begriff „Strukturwandel des Ehrenamts“, einen Wandel vom alten zum neuen Ehrenamt. Verbunden damit ist die Beobachtung, dass sich Menschen immer stärker zeitlich befristet und dann oft nur Projekt orientiert engagieren, in unterschiedlichsten Themen- und Handlungsfeldern, von der Ökologie angefangen bis zum Sport. Man kann nicht mehr darauf setzen, dass jemand die Ochsentour im Verein durchläuft, in dem er als Jugendspieler anfängt und als Alt-Herrenspieler aufhört und sich dann nach seiner Aktivenzeit ehrenamtlich einsetzt und dann sukzessive bis in höhere Funktionen hineinwächst. Dieser Automatismus, auf den man sich in der Vergangenheit in Vereinen mit guten Gründen verlassen hat und auch weitgehend verlassen konnte, funktioniert nicht mehr so durchgängig. Die Vereine und Verbände müssen zukünftig noch aktiver werben um Freiwillige. Und sie müssen ein spezifisches „Personalmanagement“ als „Freiwilligenmanagement“ betreiben. Ehrenamtsbeauftrage könnten Prozesse in Gang setzen. Personen, die für die Übernahme von Aufgaben in Frage kommen, sollte man klar und deutlich signalisieren: So sieht deine Funktion, die du zeitlich begrenzt übernehmen solltest. In dieser Funktion kannst du dann deine Kompetenzen einbringen, die du im Studium oder in der Berufspraxis erworben hast. Aber du kannst nach einer bestimmten Zeit auch wieder aussteigen, wenn das Projekt abgeschlossen ist. Noch ist es ja so, dass viele glauben, sie müssten sich bei einer Zusage langfristig engagieren. Und das schreckt viele ab, sich ehrenamtlich einzubringen.

Frage: Deklariert als Europäisches Jahr der Freiwilligentätigkeit bietet das kommende Jahr sicher auch dem Sport gute Chancen, sich als gewichtiges Terrain freiwilligen Engagements zu präsentieren, auf dem Weichen für die gesellschaftliche Zukunft gestellt werden. Was würden Sie dem Sport raten? Wie sollten der Sport, seine Vereine und Verbände, dieses Ehrenamtsjahr nutzen, um sich letztlich für die Zukunft fit zu machen?

Braun: Es kann durchaus gezeigt werden, welchen bedeutsamen sozialen, kulturellen, politischen und auch ökonomischen Stellenwert bürgerschaftliches Engagement für unsere Gesellschaft hat. Damit kann den Engagierten zugleich die für ihr Engagement so wichtige Anerkennung entgegen gebracht werden. Die Führungs-Akademie des DOSB kann den Vereinen und Verbänden im deutschen Sport helfen, sich dem Modernisierungsprozess zu stellen, um dann die gewandelten Potentiale auszuschöpfen. Man muss den zeitgemäßen richtigen Umgang mit denen, die bereit sind, ehrenamtliche Aufgaben zu übernehmen, erkennen und umsetzen.

(Hanspeter Detmer, Köln)

zur Kongresshomepage

zum Originaltext

 

zurück zum Medienspiegel

 

 
Logo Humboldt Universität Berlin
 

Bürgerschaftliches
Engagement:

  • Forschung
  • Beratung
  • Impulse
 
         
© Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement | Impressum | Sitemap | Design: Medienbüro Birkel
Sie sind hier: Medienspiegel >> Aktuell
Forschungszentrum