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Leipziger Volkszeitung - 12/2008
"Deutschland ist ein Land der Mitgliedschaften"
LVZ-Interview mit Sebastian Braun, Direktor des einzigen Forschungszentrums für bürgerschaftliches Engagement der Bundesrepublik
An der Universität Paderborn ist Deutschlands einziges Forschungszentrum für bürgerschaftliches Engagement angesiedelt. Der Direktor, Professor Sebastian Braun, zeigt in einer aktuellen Studie auf, dass Engagement im Verein im Trend liegt. Darüber, über Umzugspläne nach Berlin und über den Strukturwandel im Ehrenamt sprach der Lehrstuhlinhaber im LVZ-Interview.
Frage: Was sind die aktuellen Forschungsschwerpunkte Ihres Zentrums?
Sebastian Braun: Wir forschen zu den Themen Wandlung von Staatlichkeit, Lernen durch bürgerschaftliches Engagement, Migration und Integration durch Bürgerengagement sowie unternehmerisches Bürgerengagement.
Wer profitiert von Ihren Erkenntnissen, wer sind Ihre Kunden?
Für unsere Grundlagenforschung sind Stiftungen, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Europäische Union Geldgeber. Unsere anwendungskonkreten Projekte werden von Bundes- und Landesministerien, Unternehmen oder Verbänden finanziert.
Sie wechseln im März 2009 nach Berlin. Wieso?
Berlin ist unter Forschungs- und politischen Gesichtspunkten attraktiver als Paderborn. Die Humboldt-Universität hat ein anderes Renommee. Und für unsere gesellschaftspolitische Arbeit sind wir näher an den Ministerien.Ihr Forschungszentrum ist das einzige dieser Art in Deutschland.
Was hat Sie 2003 bewegt, es zu etablieren?
Ich hatte das Glück, Forschungsstipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft und im Ausland zu sein. Dort spielte das Thema bürgerschaftliches Engagement schon damals eine viel größere Rolle als hier. Und es existierten vergleichbare, übergreifende Einrichtungen. Die dortigen Kollegen sagten: Wenn Du zurück gehst und dort einen Lehrstuhl bekommst, dann sieh doch zu, dass wir einen Ansprechpartner bekommen. So entstand die Idee, den Aufbau bereits in den Berufungsverhandlungen zu thematisieren.
Welche Rolle spielt bürgerschaftliches Engagement für die Gesellschaft?
Darüber werden im Moment mehrere Debatten geführt. Eine ist die, dass zunehmend öffentliche Leistungen vom Staat nicht mehr aufrechterhalten oder finanziert werden. In dem Zusammenhang wird bürgerschaftliches Engagement als eine Ressource betrachtet, die öffentliche Leistungen nicht kompensieren soll, aber sie kann zu deren Aufrechterhaltung für die Allgemeinheit ein Stück weit beitragen. Typische Beispiele dafür sind die Übernahme von Freibädern durch Sportvereine oder die Tafelinitiativen. Eine andere Debatte ist die Integrationsthematik. Auch da spielen freie Initiativen und Projektträger eine entscheidende Rolle, um Menschen mit Migrationshintergrund zu integrieren.
Also appellieren Ländern und Kommunen zur freiwilligen, unentgeltlichen Tätigkeit, um sich weiter ihrer Pflichtaufgaben entledigen zu können?
Das ist eine ganz schwierige politische Diskussion. Es ist wahr: Wir beobachten eine Veränderung des Selbstverständnisses von Staatlichkeit. Das spielt auch in der Diskussion über die Bürgergesellschaft eine Rolle, also zum Beispiel bei der Kommunalisierung von Aufgaben. Bürger können in dieser Argumentationsrichtung aktiv an der Gesellschaft teilhaben; nicht alles müsse staatlich geregelt sein. Es gibt ausufernde Bereiche, die in Deutschland selbstverständlich von der öffentlichen Hand unterstützt werden. Das ist die positive Argumentation in dieser Debatte. Die andere Argumentation sieht bürgerschaftliches Engagement eher als Ausfallbürgen in Zeiten klammer öffentlicher Hände, nach dem Motto: Das Ehrenamt ist toll, aber liebe Bürger, geht in die sozial-karitativen Bereiche, weil die so teuer aufrecht zu erhalten sind, etwa die Altenpflege. Doch mischt Euch bitte nicht politisch ein. Das ist eine ebenso schmerzvolle Debatte wie die über Mini- und Ein-Euro-Jobs. Die Grenzen zwischen bürgerschaftlichem Engagement und einer Honorierung sind fließend.
Wieso engagieren sich 23 Millionen Deutsche in Vereinen?
Was ist so attraktiv an meist unbezahlter Tätigkeit?Wir haben einen interessanten Wandel des Ehrenamtes festgestellt. Ältere Generationen wollen der Gesellschaft etwas zurückgeben, sich einer Sache widmen, sie die wichtig finden. Heute übernehmen Leute ein Ehrenamt, weil sie sich davon etwas versprechen. Oft erhoffen sie sich davon, Kompetenzen und Fähigkeiten zu erwerben, sich auch für berufliche Fähigkeiten zu qualifizieren. Oder es geht um Selbstfindung, um eine möglichst sinnstiftende Tätigkeit auszuüben, von der man überzeugt ist. Diese Motive sind in den letzten 15, 20 Jahren aufgekommen. Das hat Konsequenzen für die Organisationen: Viele klassische Verbände und Vereine, nehmen Sie Sport, Caritas und die Kirche, bauen noch stark auf das traditionelle Ehrenamt. Dagegen suchen jüngere Generationen eher projektbezogene Aufgaben, die für eine Phase gut zu ihrem Leben passen.
Wenn 36 Prozent der Deutschen engagiert sind, trifft das für zwei Drittel nicht zu. Wie kann man diese stille Reserve wecken?
Da schlummert erhebliches Engagement-Potenzial. Moderne Organisationsformen wie etwa die Freiwilligenagenturen sprechen durchaus Motive dieser Leute an und locken sie hinter dem Ofen vor. Stärker entwickeln müsste man aber eine Anerkennungskultur, also Anreiz nicht nur mit Bezahlung, sondern Leuten sichtbar machen, was sie von einem Engagement haben, etwa konkret ausgestellte Kompetenznachweise, wie eine Bilanz dessen, was der Einzelne gelernt hat. Das alles gibt es nicht zum Nulltarif: Der Staat ist verpflichtet, Infrastruktur zum Engagement zu schaffen.
Wie stehen die Deutschen im Vergleich zu anderen Nationen da?
Die besagten 23 Millionen basieren auf einem sehr weit gefassten Ehrenamts-Begriff. So spielt etwa der Zeitaufwand keine Rolle. Auch die Mutti, die im Sportverein mithilft, fällt darunter. Insofern sind die Zahlen schwer vergleichbar. Es zeigt sich aber, dass die Deutschen relativ vorne mitspielen. Was Vereine angeht, ist Deutschland ein Land der Mitgliedschaften. Interview: Ingolf Rosendahl
Interview: Ingolf Rosendahl
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