Berliner Morgenpost 04/2010

Berlins Herz schlägt in den mehr als 21000 Vereinen

Interessengruppen bieten soziale Identifikation und sind die Basis der Demokratie

Der jüngste Verein Berlins kämpft mit dem Juteseil. Osada Kinbaku Dojo heißt er und dahinter verbergen sich 15 Berliner, die sich einer jahrhundertealten japanischen Fesselkunst verschrieben haben: dem Kinbaku, einer der sieben Samurai-Künste.

So wie die Kanbakushis haben sich in Berlin in den ersten drei Monaten dieses Jahres 226 weitere neue Vereine in das Vereinsregister beim Amtsgericht Charlottenburg eintragen lassen. Notwendig dafür sind mindestens sieben Gründungsmitglieder, eine Satzung, ein Vertretungs-berechtigter und ein gemeinsames Ziel. Für Notar, Eintragung beim Amtsgericht und Bekanntmachung fallen Kosten von etwa 75 bis 120 Euro an.

Hertha ist der größte Verein
Insgesamt gibt es in Berlin zurzeit 21.597 eingetragene Vereine aus den Bereichen Umwelt und Naturschutz, Kunst und Kultur, Soziales, Bürger- initiativen, Freizeit, Wirtschaft und Politik und natürlich Sport. Die meisten davon sind sogenannte Idealvereine, also Vereine, die keine wirtschaft- lichen Zwecke verfolgen. Der größte Berliner Verein ist mit etwa 18.000 Mitgliedern Hertha BSC.

Berlin liegt mit insgesamt 5900 Vereinen pro eine Millionen Einwohner im Vergleich zu den anderen Bundesländern auf Platz zwölf, die meisten Vereine (9000 pro eine Million Einwohner) haben ihren Sitz im Saarland. Absolut gesehen sind die meisten Vereine (mehr als 115.000) in Nordrhein-Westfalen registriert.

Von manchen belächelt, von vielen genutzt - Vereine haben in Deutschland nicht nur eine lange Tradition, die bis ins 18. Jahrhundert zurückgeht. Sie sind auch wichtiger Teil der demokratischen Gesellschaft.

Die Herkunft des Wortes Verein (von vereinen, eins werden, etwas zusammenbringen) weist schon daraufhin: Hier organisieren sich Menschen, die gemeinsame In­teressen haben und ein bestimmtes Ziel verfolgen - und das auf freiwilliger Basis. "Interessenorganisationen wie Vereine basieren auf dem wichtigen Element unserer demokratischen Grundordnung: der Meinungs- und Versammlungsfreiheit", sagt Professor Sebastian Braun, Leiter des Forschungszentrums für Bürgerschaftliches Engagement an der Humboldt-Universität zu Berlin. „Vereine sind deshalb so etwas wie die Basis der Demokratie, sie verbinden den Einzelnen mit dem großen gesellschaftlichen System."


Ob Angeln oder Anti-Globalisierung - in Vereinen werden Interessen gebündelt und gemeinsam im öffentlichen Raum artikuliert. "Ein wesentlicher Unterschied zu anderen Organisationsformen ist die ,bottom-up'- Struktur: die Ziele werden von den Mitgliedern definiert, sie entscheiden", so Braun. Im Landessportbund Berlin, der größten gemeinnützigen Organisation der Stadt, sind etwa 556 500 Mitglieder in 2000 Sportvereinen organisiert.

Präsidiumsmitglied ist Gudrun Doll-Tepper, Professorin im Arbeitsbereich Integrationspädagogik, Bewegung und Sport der Freien Universität Berlin und Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes: "Vereine haben eine wichtige soziale Funktion, freiwillig finden sich dort Menschen jeden Alters, aus allen sozialen Schichten, mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen zusammen." Im Sportverein werde nicht bloß eine Sportart gelernt, sondern Integration in einem sehr strukturierten System gelebt. Die Vereinslandschaft in der Hauptstadt ist ebenso vielfältig wie es die Interessen der Berliner sind. Ob japanische Fesselkunst oder Angeln in Spree und Land­ehrkanal - es gibt nichts, was es nicht gibt. Auch Kuriositäten wie das Buchstabenmuseum, in dem Buchstaben alter Neonreklamen gesammelt werden, werden gepflegt.

Sportler in der ganzen Stadt aktiv
Vor allem aber die Mitglieder der vielen Sportvereine sind in der gesamten Stadt aktiv. Und auch die besonders alteingesessenen pflegen ihr Vereinsleben. Die Turngemeinde in Berlin 1848 zum Beispiel. Der älteste Sportverein der Stadt hat mehr als 4000 Mitglieder und hat auf der Sportanlage am Columbiadamm sieben Freiluftplätze, vier Faustball-felder, ein Stadion, eine Bogenschießanlage, eine Tennis­ und Badmintonhalle sowie Beachvolleyballfelder. Außerdem unterhält der Verein vier Bootshäuser. Jetzt wird an der Oberspree für 1,75 Millionen Euro ein neues Wassersportzentrum gebaut.

Olympiade aller Vereine der Region – Jetzt bewerben
Aufruf Der Radiosender 105'5 Spree­radio ruft alle Vereine in Berlin und Brandenburg auf, an der Vereins­Olympiade teilzunehmen, dem größten Vereinstreffen der Region. Jeder Verein kann sich bewerben. Gefragt sind Wissen, Geschicklichkeit und Teamwork. Die Berliner Morgenpost ist Partner der Aktion.

Ablauf Die Vereins-Olympiade findet von Freitag, 23. April, bis Sonntag, 25. April, im Ahorn-See­hotel Templin statt. 105'5 Spreeradio lädt pro Verein zehn Mitglieder für das gesamte Wochenende ein. Olympiadetag (mit Grillfest und Party) ist der Sonnabend. Der Preis für den Sieger: 5000 Euro für die Vereinskasse.

Bewerbung Bewerben Sie sich bis 18. April mit Ihrem Verein. Vom 6. April an werden täglich vier Vereine ausgelost: drei bei Spreeradio, einer in der Morgenpost. Bewerbungen an: Berliner Morgenpost, Brieffach 3110 in 10888 Berlin oder per E-Mail an aktionen@morgenpost.de oder unter www.spreeradio.de LR

 

VON ANNE KLESSE UND MARIA EXNER

 

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